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ZACHOR SPIRA - ERINNERE DICH, SPEYER

Nicht über Familien und ihr Schicksal zu sprechen, sondern die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen zu lassen

An die Familie Mühlhauser erinnern nun sechs Stolpersteine am ersten Verlegeort in der Schraudolphstraße 26

Yoram Millo, ein Kameramann aus Jerusalem war bei der Verlegung der Stolpersteine anwesend.

Yoram und Ofra Millo erhielten über den Verkehrsverein augefundene Glaspokale von Sigmund Dreyfuss durch OB Hans-Jörg Erger überreicht.

Nun können sie in ihrer israelischen Heimat gemeinsam mit ihren beiden Söhnen auf ihre deutschen Vorfahren anstoßen

Speyer. Das Gedenkprojekt »Zachor Spira! Erinnere Dich, Speyer« war ursprünglich als Beitrag während der Gedenkveranstaltung zum 9. November geplant. Es entstand in Zusammenarbeit und engem Austausch zwischen in der NS-Zeit verfolgten Mitbürgerinnen und Mitbürgern Speyers, ihren Familienangehörigen und der Initiatorin des Projekts Sabrina Albers. Ihre Idee dahinter ist, nicht über Familien und ihr Schicksal zu sprechen, sondern die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen zu lassen und uns an ihrem Blick auf Antisemitismus in der Vergangenheit und der Gegenwart teilhaben zu lassen. Sabrina Albers sprach dazu mit Nofi Katz, deren Großvater Lazarus Scharff 1940 aus Speyer deportiert wurde, und deren Enkel Stav Elias. Außerdem tauschte sich Albers mit Yoram Millo, dessen Vater Franz Mühlhauser (Efraim Millo) die Flucht aus Speyer gelang, und dessen Sohn Ori Millo aus. Von Stav Elias und Ori Millo liegen aus dem Englischen übersetzte Statements bei. Weitere Statements werden nach und nach folgen und online veröffentlicht werden.

Sabrina Albers ist im »Rosa Luxemburg-Club Speyer« und im »Bündnis für Demokratie und Zivilcourage Speyer« aktiv. Aufgrund ihres Einsatzes gegen Antisemitismus und Rassismus wurde sie im Januar 2020 zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten nach Berlin eingeladen.

Statements von Angehörigen von Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in der NS-Zeit verfolgt wurden:

STAV ELIAS KATZ

– Enkel von Nofi Katz und Urururenkel von Lazarus Scharff († 10. November 1940 im Internierungslager Camp de Gurs) –

Liebe Brüder und Schwestern, obwohl ich nicht für alle Juden oder für alle israelischen Bürger sprechen kann, möchte ich dennoch ein paar Gedanken mit Euch teilen, von denen ich weiß, dass einige von uns sie haben. Für das jüdische Volk – die Söhne Jakobs und die Schüler Moses – liegt die Vergangenheit nie in der Vergangenheit. Wir halten Ägypten nicht vor, dass es uns versklavte – aber wir erinnern uns daran und haben daraus gelernt. Dasselbe gilt für die Schrecken, die wir durch Nazi-Deutschland erlebt haben. Wir werden uns noch ewig daran erinnern, aber die Enkelsöhne und Enkeltöchter der Überlebenden, die Nachgeborenen, halten dem deutschen Volk diese Verbrechen nicht vor – darin werden mir die meisten von uns zustimmen.

Wir erkennen die Fähigkeit der Menschheit an, sich zu verbessern, zu lernen und die Welt zu einem bessern Ort zu machen. Wir geben unser Bestes darin, unsere Nachbarn zu lieben und darauf zu vertrauen, dass dies auch für das deutsche Volk gilt. Aber nochmal: Wir vergessen nicht. Wenn wir weltweit kleine oder große Wellen von Neonazis sehen, sind wir darauf vorbereitet, ihnen zu widersprechen und wenn nötig, sie zu bekämpfen (und wir neigen dazu, mit unserem Verstand und unserem Herzen zu kämpfen). Antisemiten – vor allem in und um Deutschland – sind eine lebendige Erinnerung einer nicht so fernen Vergangenheit.

Israel als Land wird immer eng an die deutsche Geschichte gebunden sein und wir sind beides – ein lebendiges Denkmal für den moralischen Tiefpunkt des deutschen Volkes, als auch für Euer bestes Potenzial: die Überwindung Eurer Vergangenheit und dem Zahlen Eurer Schuld (auch buchstäblich, da ich weiß, dass viele Neonazis dies ständig anbringen)

Doch es gibt immer subtile Wege und Gründe für Hass. Da wir alle nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, müssen wir auch alle versuchen, diesem Standard der Vergebung und der Barmherzigkeit gerecht zu werden. Wir müssen erkennen, dass Hass uns als Individuen oder Nationen nicht auf einen guten Weg führen kann. Von daher kann und werde ich die Tatsache nicht beiseite lassen, dass viele das Land Israel – geboren aus dem Holocaust – als ein Land von Kriegsverbrecher betrachten. Viele wagen es sogar, uns mit Nazi-Deutschland zu vergleichen, aber dieser Vergleich und Denkprozess ist meist nur möglich, wenn man die Lehren des 3. Reiches verinnerlicht hat – und das führt für alle Beteiligten zu schrecklichen Taten...

Der Staat Israel ist jung, wenn Ihr uns mit irgendeinem anderen Land vergleichen möchtet, versucht uns mit denen zu vergleichen, die ihre Unabhängigkeit auch in den letzten 100 Jahren erlangt haben – insbesondere mit den Ländern des Mittleren Ostens. Im Vergleich zu gleichaltrigen Staaten und den kriegsermüdeten europäischen Nationen – die tausend Jahre Zeit hatten, den Hass zu überwinden – stehen wir nicht schlecht da. Wir sind ein Land, das versucht zu überleben und zu prosperieren und wir sind auf einem guten Weg. Israel und Deutschland sind eng in der gegenseitigen Geschichte miteinander verbunden und so wird es auch zukünftig sein – im Guten wie im Schlechten. Für jeden, der meine Worte liest oder hört: Seid Euch bewußt, dass Liebe immer siegt, Hass einem immer aufhält – und wenn Ihr die Geschichte betrachtet, wisst Ihr, dass das eine Tatsache ist. Die Menschheit macht Fortschritte in Richtung Frieden und Harmonie, doch beides kann sich erst einstellen, nachdem wir den Hass aus unseren eigenen Herzen und Ländern überwunden haben.

Als Enkel einer Holocaust-Überlebenden wünsche ich Euch allen, dass Ihr Liebe findet, Hass und Angst überwindet und glücklich sowie gesund seid.

 

ORI MILLO

– Enkel von Franz Mühlhauser (Efraim Millo) und Urenkel von Marie und Albert Mühlhauser († August 1942 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau) sowie von Sigmund Dreyfuss († 26. August 1942 in Wiesbaden) –

Speyer ist meine Heimatstadt. Obwohl ich hier weder geboren noch aufgewachsen bin oder hier gelebt habe. Mein Großvater hat es getan. Franz Mühlhauser, Efraim Millo.

In einer besseren Welt wäre mein Großvater in Speyer geblieben und hätte hier seine Familie gründen können, mich eigeschlossen. Das ist jedoch nicht geschehen. Mein Großvater musste, wie viele Juden in Speyer und im übrigen Deutschland, aus seiner Heimat fliehen und seine Freunden und das Leben, das er sich in Speyer aufgebaut hatte, zurücklassen. Efraim floh Anfang November 1938 und kam wenige Tage vor dem 9. November, der sogenannten Kristallnacht, dem Novemberpogrom, nach Israel.

Die zeitliche Nähe zum Novemberpogrom macht das Datum der Flucht meines Großvaters in die Freiheit, etwas einzigartig – zwischen dem erleichterten Gefühl, dass er sicher war und der katastrophalen Tatsache, dass die Menschlichkeit innehielt und das organisierte Böse seinen Platz einnahm. Wann immer ich über diese Ereignisse nachdenke, werfen sie immer wieder die Frage auf: »Was wäre wenn?«

• »Was wäre, wenn mein Großvater noch ein paar Tage gewartet hätte?

• »Was wäre, wenn seine Familie mit ihm gegangen wäre?«

Die Familie meines Großvaters ist nicht mit ihm geflohen. Seine Eltern Marie und Albert sowie seine 22-jährige Schwester Klara blieben in Speyer, in der Hoffnung, später wieder vereint zu werden. Marie war Teil der Familie Dreyfuss, einer Familie, die sehr stark am Stadtleben beteiligt war. Albert, der im schwäbischen Krumbach geboren und aufgewachsen war, integrierte sich schnell. Er war sehr engagiert und wurde zum Vorsitzenden des Synagogenvorstandes gewählt. Der Synagoge, auf deren Ruinen wir jetzt stehen. Maries Vater Sigmund Dreyfuss gehörte einer großen und alteingesessenen Familie in Speyer an und führte in der Maximilianstraße 38 das erfolgreiche Textilgeschäft »M. Dreyfuss & Söhne«.

Am 22. Oktober 1940 wurden Marie, Albert und Klara aus Speyer deportiert. Maries Schwester Hedwig und ihr Mann Jacob wurden ebenfalls wie alle Juden aus Rheinland-Pfalz deportiert. Zuerst ins Lager Gurs; im August 1942 wurden sie in Auschwitz ermordet.

Sigmund gelang in der Nacht des Novemberpogroms die Flucht aus Speyer. Im Alter von 83 Jahren fand er sich alleine in Wiesbaden wieder. Sigmund nahm sich am Tag vor seiner geplanten Deportation in das Lager Theresienstadt das Leben. Wir leben in einer Zeit, in der die vergangenen Ereignisse weit weg scheinen, fast so, als ob sie sich nicht auf uns beziehen oder uns betreffen. Das Gegenteil ist der Fall!

Die gegenwärtige Ära der Sozialen Medien macht es einfacher denn je Hass, Rassismus und Antisemitismus zu verbreiten und wir sehen, dass dies leider auch zu Taten führt.

Es ist die Pflicht und Verantwortung jedes Einzelnen, Rassismus und Antisemitismus aktiv entgegenzutreten, sei es, indem man entsprechende Beiträge in Sozialen Medien meldet, Quellen und Fakten veröffentlicht und Menschen um einen herum aufgeklärt. Die Stadt Speyer unternimmt bemerkenswerte Anstrengungen, um an den Holocaust und an die Leben, die er genommen hat zu erinnern, einschließlich des Lebens meiner Familie. Aktive Ehrenamtliche arbeiten auf verschiedene Weise, sie schreiben Bücher und Artikel, sie führen durch das jüdische Speyer, recherchieren in Archiven, führen gestohlene Gegenstände an Familien zurück und verlegen in den letzten Jahren auch Gedenksteine – Stolpersteine – in der ganzen Stadt. Wir durften die erste Familie in Speyer sein, für die Stolpersteine am Eingang des Hauses von Marie, Albert und Klara in der Hartmannstraße 26, heute Schraudolphstraße, verlegt wurden.

Das gestattet Speyer eine gesunde Gesellschaft zu schaffen, in der meine Familie und ich uns als Teil fühlen können. Denkt daran, das Gute gewinnt immer. Dieses Mal müssen wir sicherstellen, dass die Menschheit auf ihrem Weg keinen Preis dafür zahlen muss! Lasst uns sicherstellen, dass zukünftige Generationen sich nicht mit »Was wäre wenn?« auseinandersetzen oder gar darüber nachdenken müssen.

Text: Sabrina Albers; Foto: spk-Archiv

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