Je dunkler die Zeiten, desto farbenfroher seine Bilder

Große Rudolf Levy-Retrospektive im mpk in Kooperation mit den Uffizien

Voll besetzt: Ausstellungseröffnung in der Fruchthalle Kaiserslautern mit einem Septett der Pfalzphilharmonie

Lebhafte Diskussion (von links): mpk-Direktor Steffen Egle, Kurator Dr. Sören Fischer, Kuratorin Dr. Annette Reich, Dr. Christoph Dammann, Direktor des Kulturreferats der Stadt Kaiserslautern, und Moderator Markus Brock

Freuen sich über die große Retrospektive im mpk (von links): die Kuratoren Dr. Sören Fischer und Dr. Annette Reich, Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder, mpk-Direktor Steffen Egle und Oberbürgermeisterin Beate Kimmel

Ausstellung auf zwei Ebenen – anschaulich mit Pfalztheater-Requisiten ausstaffiert: interessierte Besucherschar

Kaiserslautern. Viele waren zur Ausstellungseröffnung in die Fruchthalle Kaiserslautern gekommen, um „Rudolf Levy – Magier der Farbe“ zu huldigen und ihm den Platz in der Kunstgeschichte zu geben, die seinem Werk gerecht wird. Sein Œuvre zeigt das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk) bis zum 11. Februar. Die große Retrospektive feiert damit die Wiederentdeckung eines zu Unrecht vergessenen Meisters der Klassischen Moderne. Dies sei ein „tolles Projekt für das mpk, die Stadt und die gesamte Region“, so begrüßte Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder im Namen des Bezirksverbands Pfalz. „Je dunkler die Zeiten, desto farbenfroher malte er seine Bilder“, diesen Eindruck habe er nach seinem Besuch der Ausstellung bekommen. Das mpk verstehe sich als ein besonderer Erinnerungsort. Deutsche, wie der Jude Rudolf Levy, hätten ihn verfolgt und ermordet. „Wenn aber damals das Eis, auf dem man sich kulturell und zivilisatorisch sicher wähnte, in Wahrheit so dünn war – wie sicher ist dann das Eis, auf dem wir heute leben?“ So fragte sich Wieder und ergänzte: „Ahnen wir bei manchen Vorkommnissen in unserem Land nicht schon die Risse im Eis, die ein erneutes Einbrechen ankündigen könnten?“ Und er wünschte, dass uns die Ausstellung die Augen öffnet für die Geschehnisse im Land und uns zu einem „Nie wieder!“ auffordert. Wir seien zwar nicht schuld für das, was geschehen sei, trügen aber die Verantwortung dafür, „wie man mit der Erinnerung umgeht und was wir heute tun, wenn Menschen Opfer von Menschen werden“. Wir dürften nie vergessen, dass der Sprung vom Denken zur Tat nur ein kleiner Weg sei. Dies verpflichte uns, entschieden der Diskriminierung entgegenzutreten. Das verbinde Vergangenheit und Gegenwart und entscheide darüber, wie unsere Zukunft aussehe.

„In Kaiserslautern versteht man es, eine Ausstellung zu eröffnen“, sagte Jürgen Hardeck, Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Kulturministerium, angesichts der großen Resonanz. Knapp 80 Jahre nach Levys Ermordung sei diese Ausstellung, die das mpk in Kooperation mit den Uffizien realisiert habe, „ein Glücksfall“. Erstmals in Deutschland werde Rudolf Levy umfassend mit einer Ausstellung gewürdigt: „Darauf können Sie stolz sein.“ Zur gegenwärtigen Situation nahm er entschieden Stellung: „Für Antisemitismus und Hetze ist kein Platz in unserer Gesellschaft. Wir setzen in Rheinland-Pfalz alles daran, dass Jüdinnen und Juden sicher sind.“ Und er empfahl, dass es sich wirklich lohne, die Werke dieses großen europäischen Künstlers zu entdecken. Die Ausstellung strahle weit über die Region hinaus. Die Kaiserslauterer Oberbürgermeisterin Beate Kimmel verwies darauf, dass in der NS-Zeit insgesamt 21.000 Werke als „entartet“ aus den Sammlungen entfernt worden seien. Die Ausstellung werde in Kooperation mit dem Kulturreferat der Stadt eröffnet, das die aktuelle Konzertsaison der verfemten Musik gewidmet habe. Und sie appellierte: „Lassen Sie uns für Frieden und Freiheit, Toleranz und Respekt eintreten.“ mpk-Direktor Steffen Egle dankte zunächst seinem Team, das „Außergewöhnliches geleistet“ habe. Ein solches Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stehe, brauche Unterstützer, unter anderem den Bezirksverband Pfalz als Träger, die Ernst von Siemens Kunststiftung, Media Broadcast, die Freunde des mpk und die privaten Leihgeber und Museen. Er erläuterte, dass das mpk sechs Gemälde, darunter das Hauptwerk von Levys Spätwerk, ein Selbstbildnis von 1943, sowie zwei Zeichnungen besitze. Er sei ein Künstler gewesen, „der sich die Farbe nicht hat nehmen lassen“ und der eine „feinfühlige, ausdrucksstarke Malerei geschaffen“ habe. Egle kündigte an, alle zwei Jahre mit einem Museumsprojekt mit Strahlkraft Zeichen zu setzen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von dem bekannten Fernseh-Moderator Markus Brock, der durch den Abend führte, beleuchteten Egle, die beiden Kuratoren Dr. Sören Fischer und Dr. Annette Reich sowie Dr. Christoph Dammann, Direktor des städtischen Kulturreferats, Leben und Werk des Künstlers, der 1875 in Stettin geboren wurde und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. „Levy hatte viele Begabungen“, sagte Fischer, so zum Beispiel, dass er Menschen verbinden konnte, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Das Exil habe sein Netzwerk zerstört. Reich wies darauf hin, dass Levy in Paris Schüler von Matisse gewesen sei; inspiriert von dessen revolutionärer Kunst, habe er eine eigene Bildsprache für seine Porträts, Landschaften und Stillleben gefunden. Die leuchtenden Farben sehe man erst auf den zweiten Blick. Er habe „eine experimentelle Verfahrensweise gehabt, mit Farbe umzugehen“; so habe er sie nach der eigenen Empfindung eingesetzt. Wohl aus Heimweh sei er aus den USA nach Europa zurückgekehrt, vermutete Egle. Wichtig sei es, Erinnerungskultur zu pflegen. Der bedeutende Keramikkünstler Edmund de Waal schlage mit seinem Werk – zertrümmerte Porzellangefäße – in der Ausstellung den Bogen zur Gegenwart. Dammann machte deutlich, dass die Farbigkeit von Levys Malerei auch für die Musik verfemter Komponisten gelte, die in den kommenden Monaten zu Gehör gebracht würden. Ein Septett der Pfalzphilharmonie Kaiserslautern gestaltete die Ausstellungseröffnung musikalisch mit dem Werk „Circus“ von Hanns Eisler.

Die Ausstellung im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Museumsplatz 1, ist donnerstags von 11 bis 20 Uhr und dienstags, mittwochs, freitags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der umfangreiche Katalog (320 Seiten, ISBN 978-3-422-80166-0) ist an der Museumskasse für 39 Euro erhältlich. Außerdem kann man einen Audioguide leihen, dessen Texte von Pfalztheater-Schauspieler Rainer Furch eingesprochen sind. Die Museumsvermittlung nimmt schwerpunktmäßig Schulen in den Blick, für die ein vielfältiges Angebot erstellt wurde. Insbesondere die Themen Erinnerungskultur, Exil und verfemte Künstler und Künstlerinnen stehen im Fokus. Daneben bietet das mpk ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung an. In Vorträgen, Podiumsgesprächen und Themenabenden geht es um den Kunstkosmos Rudolf Levys und das Thema Erinnerungskultur heute.

Das Museum lädt schon heute zum Neujahrsempfang am 18. Januar um 19 Uhr ein, der die 1920er Jahre mit ihrer Lebenslust zum Thema hat. Weitere Informationen unter www.mpk.de.

Text und Bild: Bezirksverband Pfalz

Archiv

Hier finden Sie unsere Berichte und Meldungen von April 2011 bis zum 31. August 2017