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Nachrichten aus der Region

Positionspapier zur rheinland-pfälzischen KiTa-Politik

Legislaturperiode 2021-2026

Die Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP formulieren in ihren Wahlprogrammen hohe qualitative Ziele für die frühkindliche Bildung in RLP. Folgende Zitate von Parteien der zukünftigen Regierungskoalition betonen die enorme Bedeutung der KiTas für Kinder und die Zukunft unserer Gesellschaft:

  • „Alle Kinder sollen die gleichen Chancen haben, das Beste aus ihrem Leben zu machen.“
  • „Es geht um einen umfassenden, nachhaltigen Bildungsanspruch.“
  • „RLP braucht ein hervorragendes Bildungssystem, das allen Kindern Chancen auf beste Bildung und eine gute Zukunft bietet.“
  • „Das Bildungssystem und seine Strukturen müssen weitergedacht werden.“
  • „Individuelle Förderung und Inklusion sollen verwirklicht werden.“
  • „Barrierefreiheit und Unterstützung durch Personal aus dem sonderpädagogischen Bereich sollen die Inklusion voranbringen.“
  • „Die vergütete praxisintegrierte Ausbildung soll ausgebaut und selbstverständlich werden.“
  • „Gesundes Mittagessen für alle Kinder wird gefordert.“
  •  „Die rheinland-pfälzischen KiTas sollen weltbeste Bildung durch qualifizierte Bildungsangebote bieten.“

UM KINDGERECHTE RAHMENBEDINGUNGEN IN RHEINLANDPFÄLZISCHEN KITAS ZU ETABLIEREN, IST ES NOTWENDIG, DEN ISTZUSTAND EHRLICH ZU BETRACHTEN UND MIT DEN REGIERUNGSZIELEN ABZUGLEICHEN.

Die personellen und räumlichen Mindestanforderungen der Fachleute an eine gute pädagogische Qualität sind seit vielen Jahren bekannt. In Fachwelt und Fachpraxis herrscht über die notwendigen Ressourcen weitestgehend Konsens.

Auch in Rheinland-Pfalz betreuen wir unsere Jüngsten weitab von Mindeststandards für eine gute pädagogische Qualität. Wir sprechen daher nicht von Optimierung bereits guter Standards, sondern von der Etablierung einer kindgerechten frühpädagogischen Bildung und Betreuung.

Seit 15 Jahren macht der Bertelsmann Ländermonitor der frühkindlichen Bildungssysteme sichtbar, wie weit die Bundesländer von den Mindestanforderungen an eine qualitativ gute Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung entfernt sind. Er weist jedes Jahr aufs Neue auf die Qualitätsdefizite in unseren Einrichtungen hin. Der im August 2020 veröffentlichte Ländermonitor kommt für Rheinland-Pfalz zu dem erschreckenden Ergebnis, dass 81 Prozent aller KiTa-Kinder keine kindgerechten Personalschlüssel in ihren Einrichtungen haben und 64 Prozent aller Gruppen zu groß sind.

Unsere Verbandsmitglieder stehen in der alltäglichen KiTa-Praxis und erleben seit Jahren, dass die Aufgaben der KiTas ständig wachsen, die erforderlichen personellen und räumlichen Ressourcen aber nicht adäquat angepasst werden. Seit Jahren nimmt der Druck zu, wir können den Bedürfnissen der Kinder in den verschiedenen Altersgruppen immer weniger gerecht werden. Der Fachkräftemangel verschärft die Probleme zusätzlich.

DER QUANTITATIVE AUSBAU MUSS MIT DER ENTSPRECHENDEN QUALITATIVEN AUSSTATTUNG EINHERGEHEN.

Unsere Kinder brauchen kindgerechte Bedingungen in den KiTas! Oder anders formuliert: Unsere Gesellschaft braucht Menschen, deren Entwicklung in den ersten prägenden Lebensjahren gefördert und die dabei begleitet werden, ihre Potentiale zu entdecken und zu entfalten. Solche Kinder werden zu Erwachsenen, die innovative Ideen entwickeln und zu kreativen Problemlösern werden.

Unsere gewählten politischen Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen müssen alte Strukturen überdenken und neue finanzielle Konzepte entwickeln, die eine kindgerechte Betreuung in unseren Kindertagesstätten ermöglichen.

DESHALB FORDERN WIR, DASS DIE KITAS NACH WISSENSCHAFTLICHEN MINDESTSTANDARDS FÜR EINE GUTE PÄDAGOGISCHE QUALITÄT AUSGESTATTET WERDEN. DAS HEIßT KONKRET:

► Anhebung des Personalschlüssels

Für eine individuelle, bedürfnisorientierte Betreuung der Kinder muss der Personalschlüssel wie folgt angehoben werden:

• Für Kinder von 0 bis 1 Jahr auf einen Schlüssel von 1:2

• Für Kinder von 1 bis 3 Jahren auf einen Schlüssel von 1:3

• Für Kinder von 3 bis 6 Jahren auf einen Schlüssel von 1:7,5

• Für Grundschulkinder von 6 bis 10 Jahren auf einen Schlüssel von 1:10

• Für Altersmischungen von 2 bis 6 Jahren auf einen Schlüssel von 1:4,9

• Für Altersmischungen von 0 bis 6 Jahren auf einen Schlüssel von 1: 3,75

Der optimale Personalschlüssel muss außerdem beinhalten:

• Eine unmittelbare pädagogische Arbeitszeit, d. h. eine direkte Kontaktzeit mit den anvertrauten Kindern.

• Eine mittelbare pädagogische Arbeitszeit für Teamgespräche, Dokumentationen, Elterngespräche, etc. von mindestens 25 Prozent der Arbeitszeit.

• Die Berücksichtigung von Ausfallzeiten bei Urlaub, Fortbildung oder Krankheit bei der Personalplanung.

• Zusätzliche Fachkräfte mit sonderpädagogischer Ausbildung für inklusives Arbeiten in der Einrichtung.

► Verkleinerung der Gruppengrößen

Um pädagogisch wertvolle Arbeit leisten zu können, müssen die Kinderzahlen in den Gruppen wie folgt reduziert werden:

• Für Kinder von 0 bis 3 Jahren sollte die Gruppenstärke bei maximal zehn Kindern liegen.

• Für Kinder von 2 bis 6 Jahren sollte die maximale Gruppengröße bei bis zu 15 Kindern liegen.

• In Gruppen für Kinder von 1 bis 6 Jahren sind ebenfalls bis zu 15 Kinder als Maximalgröße zu betrachten.

► Verbesserung der räumlichen Voraussetzungen

In unseren KiTas soll jedes Kind den Raum bekommen, den es für seine Entwicklung benötigt. Dafür brauchen wir:

• 6 qm pro Kind im Gruppenraum, inklusive Nebenraum

• 10 bis 15 qm pro Kind im Außengelände

• Funktionsräume, die nicht multifunktional genutzt werden müssen, z. B. zum Essen, Schlafen oder zur Hausaufgabenbetreuung

• Räume für differenzierte Bildungsangebote in Kleingruppen und Projekten

• Turn- und Bewegungsräume

• Geeignete Pausenräume, Besprechungs- und Teamzimmer

• Büros für Personal und Leitung

► Bessere Unterstützung von Leitungen und Trägern

Leitungen und Träger sind tragende Säulen jeder einzelnen KiTa und müssen wie folgt unterstützt werden:

• Für eine Leitungstätigkeit wird eine Grundausstattung von 20 Wochenstunden pro KiTa + 0,35 Wochenstunden pro Kind gefordert.

• Mittelbare Arbeitszeiten für Leitungstätigkeiten der stellvertretenden Leitung sind nötig.

• Regelmäßige Dienstgespräche zwischen Leitung und Träger sollten verpflichtend eingeführt werden.

• Trägervertreter sollten in Personalführung, Kommunikation und KiTaQualität verpflichtend geschult werden und durch Auffrischungskurse die Trägerqualität dauerhaft sichern.

► Förderung der Teamstrukturen und Teamkultur

Auch auf der kollegialen Ebene wünschen wir uns Unterstützung und fordern:

• Zeitliche und finanzielle Ressourcen für qualitativ hochwertige Fort- und Weiterbildungen

• Zeitliche und finanzielle Ressourcen für Teambildung, Teamcoaching und Supervision

• Zeitliche Ressourcen für die Vor- und Nachbereitung pädagogischer Bildungsarbeit

► Anpassung der Ausbildungsmodalitäten

Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig und wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Um den Nachwuchs von Fachkräften in den Einrichtungen zu fördern, fordern wir:

• Die bezahlte Ausbildung von Erzieher*innen und pädagogischen Fachkräften muss zum Standard werden.

• Innerhalb der Ausbildung müssen Theorie und Praxis eng miteinander verzahnt werden: Die duale bzw. praxisintegrierte Form der Ausbildung und eine enge Zusammenarbeit von Fachschule und Ausbildungsbetrieb soll die schulische Ausbildung an der Fachschule ablösen.

• Die Auszubildenden dürfen nicht auf den Stellenschlüssel der Einrichtungen angerechnet werden.

• Es braucht zeitliche Ressourcen für die Anleitung der Auszubildenden (Reflexionsgespräche, Kommunikation mit der Fachschule, Vor- und Nachbereitung).

• Die Weiterbildung zur Praxisanleitung und die regelmäßige Auffrischung des Gelernten sichern die Qualität der KiTa als Ausbildungsstelle. 

Wir stützen unsere Forderungen auf folgende Quellen:

Bertelsmann Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2020

Bock-Famulla, K.; Münchow, A.; Frings, J.; Kempf, F.; Schütz, J. (2020): Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2019. Transparenz schaffen – Governance stärken. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Klusemann, S.; Rosenkranz, L.; Schütz, J. (2020): Professionelles Handeln im System: Perspektiven päd. Akteur*innen auf die Personalsituation in Kindertageseinrichtungen (HiSKiTa). Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2016): Qualitätsausbau in KiTas 2016. 7 Fragen zur Personalausstattung in deutschen KiTas. 7 Antworten der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2017): Qualitätsausbau in KiTas 2017. 7 Fragen zur Personalausstattung für Führung und Leitung in deutschen KiTas. 7 Antworten der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

OECD (2019), Providing Quality Early Childhood Education and Care: Results from the Starting Strong Survey 2018, TALIS, OECD Publishing, Paris, doi.org/10.1787/301005d1-en.

Nentwig-Gesemann, I.; Walther, B.; Thedinga, M. (2017): Qualität aus Kindersicht – Die Quaki-Studie. Abschlussbericht. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung & Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration (Hrsg.). Berlin.

Viernickel, S.; Fuchs-Rechlin, K.; Strehmel, P.; Preissing, C.; Bensel, J.; HaugSchnabel; G. (2016): Qualität für alle: Wissenschaftlich begründete Standards für eine gute Kindertagesbetreuuung. Freiburg im Breisgau: Herder.

Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung (2010): Orientierungshilfe für Raumkonzepte für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz.

Wolters Kluwer (2020): DKLK-Studie 2020. Kita-Leitung zwischen Digitalisierung und Personalmangel. Köln: Wolters Kluwer.

Ministerium für Bildung, Rheinland-Pfalz (2018): Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz plus Qualitätsempfehlungen. Berlin: Cornelsen.

Der Paritätische Gesamtverband; Diakonisches Werk der EKD e. V; Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.) (2009): Expertise: Schlüssel zu guter Bildung, Erziehung und Betreuung – Wissenschaftliche Parameter zur Bestimmung der pädagogischen Fachkraft-Kind-Relation.

Dieses Positionspapier wurde im März 2021 erarbeitet von den Vorstandsmitgliedern des Kitafachkräfteverbandes Rheinland-Pfalz