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Nachrichten aus der Region

Internationale Konferenz gegen Menschenhandel in Karlsruhe

Gefordert werden bessere Integrationsmöglichkeiten für Betroffene

Foto: (v.l.n.r): Kriminologin/Migrationswissenschaftlerin Anja Wells (SOLWODI Deutschland), Rex Osa (Netzwerk Refugees für Refugess), Rechtsanwältin Traute Ehlerding, Kriminaloberkommissar Oliver Linke, Sozialarbeiterin Renate Hoffmann (SOLWODI Bad Kissingen), © Jens Arbogast

Boppard. International tätige Menschenrechts- undFrauenhilfsorganisationen, Wissenschaftler*innen und Selbsthilfegruppen konnten in dieser Woche bei ihrer Konferenz gegen Menschenhandel 100 Teilnehmer*innen in der Festhalle in Durlach begrüßen.In dem von der EU geförderten Projekt INTAP hatten die beteiligten Organisationen die Integration von Betroffene von Menschenhandel aus Nigeria und China untersucht. In Karlsruhe wurden die Ergebnisse vorgestellt und in einem von SOLWODI-Mitarbeiterin Anja Wells moderierten Panel Forderungen an die Politik diskutiert.   

Die Berichte der Organisationen und die Vorträge in Karlsruhe zeigten, dass der Mechanismus hinter dem Menschenhandel immer nach dem gleichen Muster abläuft: Frauen aus armen sozialen Verhältnissen werden gezielt im Heimatland angeworben oder sie fliehen nach Europa, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In Italien, Österreich oder Deutschland werden sie im günstigsten Fall in einem Nagelstudio ausgebeutet, in den meisten Fällen jedoch in der Prostitution. Dort müssen sie Schulden abbezahlen für Visa, Reise und werden psychisch von Menschenhändler*innen oder Madams unter Druck gesetzt: Mit einem Voodoo-Schwur etwa oder durch die Androhung, dass ihrer Familie etwas zustößt, sollten sie sich der Ausbeutung widersetzen.

Nach der Datenerhebung über Menschenhandel in der EU (Europäische Kommission 2018) stellten nigerianische Betroffene von Menschenhandel die größte Gruppe von Drittstaatsangehörigen dar. Chinesische Frauen und Mädchen bildeten zwischen 2010 und 2016 bereits die drittgrößte Gruppe. Bisher gab es nur sehr wenige Untersuchungen über chinesische Opfer des Menschenhandels in Europa. Im INTAP-Projekt hat Herzwerk Wien diese Gruppe untersucht und kam zum Ergebnis, dass Chinesinnen zunächst oft über ein Touristen-oder Studentenvisa legal einreisen. Für Beratungsstellen sei es schwierig, mit den chinesischen Frauen und Mädchen Kontakt aufzunehmen. Die Betroffenen befürchten Repressalien, weil sie in der chinesischen Community Ausspäher*innen vermuten.

Kritisiert wurden auf der Konferenz - auf Deutschland bezogen - u.a. die fast aussichtslosen juristischen Kämpfe für ein Bleiberecht der Menschenhandelsopfer, chronisch unterfinanzierte Beratungsstellen, nicht ausreichende Hilfsangebote für Betroffene und stark zurückgegangene Menschenhandelsprozesse.

In Karlsruhe haben die teilnehmenden Organisationen ein Projekthandbuch für Deutschland zur INTAP-Studie vorgestellt, das auf den Ergebnissen aus dem vorangegangenen Forschungsbericht "Intersektioneller Ansatz zum Integrationsprozess in Europa für Überlebende von Menschenhandel aus Nigeria: Chancen stärken und Hindernisse überwinden" basiert. Das Projekthandbuch richtet sich an Praktiker*innen, die mit Opfern von Menschenhandel arbeiten und gibt Handlungsempfehlungen für individuell zugeschnittene Integrationsprogramme.

Lösungsansätze sind bspw.: Trauma-Schulungen für medizinisches Personal, interkulturelle Elternarbeit, Mutter-Kind-Sprachkurse, Lockerungen im Ausländerrecht, verbesserte staatliche Finanzierung. Das Handbuch geht auch auf spezifische Fähigkeiten ein, die für Praktiker*innen als Vertrauenspersonen unerlässlich sind: interkulturelle, interreligiöse, soziale und emotionale Kompetenzen. Zusammen mit den Maßnahmenvorschlägen bieten sie Ansätze, bestehende Programme zu optimieren und Betroffene in die Lage zu versetzen, sich in europäischen Mitgliedstaaten zu integrieren.

Das Handbuch ist nicht nur eine Orientierungshilfe für die Integration nigerianischer Menschenhandelsopfer, sondern auch eine Chance, Projektergebnisse auf die Integrationsarbeit mit Betroffenen aus anderen Ländern oder auf Migrantinnen anderer geschlechtsspezifischer Gewaltformen (z.B. Zwangsheirat) zu übertragen.

Beteiligt an dem Projekt INTAP und an der Konferenz waren SOLWODI Deutschland e.V., Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (Deutschland), the Justice Project e.V. (Deutschland), Herzwerk Wien (Österreich), Associazione Comunità Papa Giovanni XXIII (APG23) (Italien) und der Wissenschaftler Simon Kolbe von der Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Das Projekthandbuch und die Forschungsberichte können auf der Projektwebseite herunterladen werden: https://intap-europe.eu/materials/.  

SOLWODI ist auf Spenden angewiesen. Spendenkonto: SOLWODI Deutschland e.V., IBAN: DE63 5905 0000 0017 8980 08

Text und Bild: SOLWODI Deutschland e.V.