„In Trauer und Scham und entsetzt über das Schweigen der Mitwissenden"

Landtagsabgeordneter Michael Wagner (CDU) verneigt sich an der Gedenkstätte Neuntes Fort vor den Opfern des Nationalsozialismus

Michael Wagner, CDU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Kulturausschusses Rheinland-Pfalz, verneigt sich vor den Opfern des Nationalsozialismus im Neunten Fort in Kaunas, dem Denkmal für die Opfer des Faschismus

Mainz/Speyer. Landtagspräsident Hendrick Hering und Michael Wagner, Vorsitzender des Kulturausschusses Rheinland-Pfalz, führten die Delegation an, die nach Litauen gereist war, um auch der europäischen Kulturhauptstadt Kaunas einen Besuch abstatteten. Neben Gesprächen mit Mitgliedern des Ausschusses für Kultur im Seimas (Parlament der Republik Litauen) oder auch mit Kulturminister, Simonas Kairys, stand die Erinnerungskultur Litauens im Fokus der Abordnung.

Die Delegation wurde in der Hauptstadt Vilnius zunächst vom deutschen Botschafter Matthias Sonn empfangen. In seiner Einführung wies der Botschafter u.a. darauf hin, dass die litauischen Juden seit dem 14. Jahrhundert zu einem integralen Teil der litauischen Gesellschaft gehörten und einen wesentlichen Beitrag zur Bereicherung der litauischen Kultur leisteten. Herr Sonn stellte die Vernichtung der jüdischen Gemeinde während der deutschen Besatzung als einen immensen Verlust für Litauen dar und bedauerte, dass auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren. Er wies auf die lebhaften Diskussionen zum Thema Mittäterschaft von einheimischen Helfershelfern in der litauischen Gesellschaft hin und betonte, dass es von großer Bedeutung sei, offen und unermüdlich über die dunklen Kapitel eigener Vergangenheit zu sprechen, denn nur so könne etwas Vergleichbares in Zukunft verhindert werden.

Emotional tief berührt berichtet nun der Landtagsabgeordnete Michael Wagner (CDU) von dieser Delegationsreise, von seiner Begegnung mit Faina Kukliansky, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Vilnius. Faina Kukliansky entstammt einer jüdischen Familie aus Litauen, die den Holocaust überlebt hat. Sie arbeitet heute als Rechtsanwältin in Vilnius. Frau Kukliansky erläuterte der Delegation, dass wenige Aspekte der litauischen Geschichte von einer solchen Dramatik geprägt seien wie die Geschichte des Judentums. Begünstigt durch relative Toleranz im Mittelalter, wurde es durch eine fruchtbare Verbindung von Religiosität und Intellektualität zunächst zur Blüte geführt, bevor schließlich die Verbrechen des Nationalsozialismus dem brutal ein Ende setzten.

Sehr bewegend sei auch die Begegnung mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gewesen, die zur gleichen Zeit nur ein Stockwerk höher ein Gemeindefest feierten, an dem auch Überlebende des Holocaust teilgenommen haben, schildert Wagner. "Da stehst du vor den Überlebenden der Schoah und es fällt dir schwer, Worte zu finden," teilt Wagner immer noch sichtlich ergriffen mit. Seine Anteilnahme habe er dann versucht, mit Gesang auszudrücken. Der lang anhaltende Applaus der Mitglieder der jüdischen Gemeinde habe sich tief in sein Herz eingegraben, so Wagner.

Nicht weniger bedrückend habe er den Besuch der verschiedenen Gedenkstätten, darunter die Gedenkstätte "Das Neunte Fort Kaunas", erfahren. Das Konzentrationslager Kauen wurde aus dem Ghetto Kauen gebildet. Kauen ist die historische deutsche Bezeichnung für die litauische Stadt Kaunas. Nachdem die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 das zuvor sowjetisch kontrollierte Litauen besetzt hatte, errichteten die Nationalsozialisten im Sommer 1941 das Ghetto Kauen zur Zwangsumsiedlung der noch überlebenden 30.000 Juden. Die SS wandelte es im August 1943 in das Konzentrationslager Kauen um.

Gedenktafeln auf dem Gelände sind den deutschen und französischen Opfern und den ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen gewidmet. Eine Tafel am früheren Erschießungsort trägt die Inschrift in Litauisch, Russisch, Jiddisch und Englisch: „Dies ist der Ort, an dem die Nazis und ihre Gehilfen über 30.000 Juden aus Litauen und anderen europäischen Ländern töteten“. Und auf einer weiteren Gedenktafel ist die Inschrift angebracht: "„In Trauer und Scham und entsetzt über das Schweigen der Mitwissenden."

"Judenhass richtet sich immer gegen Menschen und gegen unsere Werte, gegen unsere Demokratie und gegen unser Leben in Freiheit. Gemeinsam müssen wir gerade auch in Erinnerung an den 9. November 1938 Haltung zeigen, gemeinsam müssen wir unsere Stimme erheben und deutlich machen: Antisemitismus wird immer auf unseren entschiedenen und entschlossenen Widerstand treffen," bekräftigt Wagner abschließend.

Text und Foto: Abgeordnetenbüro Michael Wagner MdL