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Zeitarbeit – als Chance begreifen!? - Teil II

Gespräch mit dem Geschäftsführer der GABIS GmbH Thomas Cantzler - Teil II

GABIS Geschäftsführer Thomas Cantzler

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Hier der Link zum 1. Teil des Interviews vom 07.08.2021 >>>

Speyer Kurier: Sie haben im letzten Gespräch gesagt, dass Sie ein gewisses Unverständnis haben, das sich viele Arbeitnehmer, hauptsächlich im gewerblichen Bereich derzeit noch in der bezahlten Kurzarbeit durch den Vater Staat befinden. Sie dagegen bräuchten diese Mitarbeiter dringend und suchen sie händeringend, um sie in Brot und Arbeit zu bringen. Dann würde die volle Bezahlung erfolgen, ohne die Kurzarbeitergeldkasse zu belasten.

Thomas Cantzler: Diese Frage ist jetzt sehr zugespitzt. Ich würde sie etwas anders beantworten. Wir haben momentan eine Situation auf dem Arbeitsmarkt, die wie folgt zu beschreiben ist: Die aktuellen Zahlen im Juli zeigen, dass erstmals seit 2006 die Arbeitslosenzahlen wieder gesunken sind. Das heißt wir sprechen hier von einem robusten Arbeitsmarkt, fast schon Vollbeschäftigung. Auf der anderen Seite werden Fachkräfte gesucht auf allen Ebenen. Wenn Sie heute durch Deutschland fahren, überall gibt es offene Stellen: wir suchen, wir stellen ein und so weiter. Also jeder betreibt einen Riesenaufwand, um an die Fachkräfte heranzukommen. Auf der anderen Seite - ich muss sagen, das Instrument der Kurzarbeit ist ein sehr gutes Instrument, das hat uns in Corona wirklich gerettet - also nicht nur uns, die GABIS, sondern generell der deutschen Wirtschaft über die Krise hinweggeholfen. Ich denke, das war ein Riesenvorteil im Vergleich zu anderen Ländern, die um uns herum sind.  Da muss ich sagen, das Instrument der Kurzarbeit ist top. Der Staat hat hier auch sehr gut reagiert. Für mich stellt sich jetzt die Frage: Wir haben aktuell Stand Mai 2,23 Millionen Menschen in Kurzarbeit, das war den letzten Zahlen. die ich gehört habe. Die Kurzarbeiterregelung wird möglicherweise verlängert, dazu muss sich der Gesetzgeber noch konkreter äußern. Man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, ob in allen Bereichen, in denen Kurzarbeit ist, auch tatsächlich nach der Kurzarbeit die Mitarbeiter alle gebraucht werden. Gibt es hier nicht Branchen, die unterschiedlich betroffen sind von Kurzarbeit und vielleicht ließe sich da, wenn man mal genau drauf schaut die eine oder andere win-win-Situation schon im Vorfeld schaffen, indem man konkret Menschen anspricht und sagt: Pass auf, hier gibt es ein Angebot für dich, nicht schlechter als das, was du jetzt hast und vielleicht ist kann man da die Leute sensibilisieren, die Unternehmen sensibilisieren dann vielleicht doch einen Schritt früher zu wechseln und zu sagen okay, da habe ich auch eine Zukunft. Denn nicht alle Branchen sind gleichermaßen in der Zukunft so aufgestellt wie vor Corona. Ich kann die Menschen alle verstehen, die in der Kurzarbeit sind, das ist eine Sicherheit. Allerdings nur eine temporäre Sicherheit, denn es muss nicht in jedem Fall am Ende so ausgehen, wie es jeder erwartet.

Speyer Kurier: Haben Sie, was den Arbeitsmarkt oder überhaupt die Möglichkeit des Zeitarbeitsunternehmens angeht, irgendwelche Forderungen oder Wünsche an die Politik? Sie müssen sich ja an Regeln halten, die die Politik vorgibt.

Thomas Cantzler:  Die Zeitarbeit ist mit Sicherheit die am meisten reglementierte Branche, die es in Deutschland gibt. Da würde ich mir sicherlich an der einen oder anderen Stelle ein paar Veränderungen wünschen. Diese sind ganz unterschiedlicher Art. Wir als GABIS GmbH, wenn wir ein Problem haben, haben wir unsere Ansprechpartner, wir wenden uns direkt an die Politik, wir wenden uns direkt an die zuständigen Stellen und versuchen eine Lösung zu finden. Wir sind nicht verbandsmäßig organisiert, aber vielleicht kriegt man es irgendwann hin. Es ist eine Vision von mir, das wir einen Verband der gemeinwohlorientierten, gemeinnützig orientierten Verleiher gründen kann, um vielleicht auf dieser Ebene Lobbyarbeit zu betreiben. Ich bin ein Verfechter von Zeitarbeit und in Deutschland müsste es eigentlich equal treatment heißen, also gleiche Behandlung in allen Punkten. Nicht nur in Bezug auf den Stundenlohn, bei dem auch die Zuschläge gezahlt werden. Warum sollte ein Mensch weniger verdienen und schlechter gestellt sein als jemand, der in der Firma arbeitet und exakt den gleichen Job macht? Also da denke ich, müssen sich in der Zukunft noch einige Koordinaten verändern. Da muss die Politik mit der Zeitarbeit ins Gespräch gehen; es gibt andere Länder in Europa, die sind da viel weiter als wir. Dort ist die Quote der Zeitarbeit nicht weniger oder mehr als in Deutschland.

Speyer Kurier: Was die Gleichstellung zwischen Festangestellten und Leiharbeitern betrifft, da haben Sie eine Vorreiterrolle.

Thomas Cantzler:  Bei uns - der GABIS GmbH - gibt es von Anfang an die Gleichstellung zwischen Festangestellten und Leiharbeitnehmern. Damit sind wir Vorreiter, aber natürlich kann immer noch besser werden.

Wir sind ja auch nur bezogen auf den Stundenlohn, auf die Zuschläge und auf den Urlaubsanspruch gleich unterwegs. Trotzdem gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die unsere Mitarbeiter nicht haben und da muss die Zeitarbeit sich weiterentwickeln. Der Gesetzgeber ist hier in der Pflicht, das mit der Zeitarbeit weiter zu verbessern.

Das machen die großen Verbände, wir können nur im Nachgang versuchen, darauf einzuwirken und innovative Lösungen zu finden. Ich bin ein politischer Mensch und ich versuche auch im Sinne unserer Mitarbeiter Lobbyarbeit zu leisten. Für mich nicht nachvollziehbar, das das ein Mensch, der in der Zeitarbeit arbeitet, weniger verdienen sollte als jemand, der in der Firma arbeitet. Schließlich soll er auch den gleichen Job machen und die gleiche Leistung bringen;  warum soll er dann weniger verdienen? Wir versuchen das zu kompensieren, indem wir einen anderen Weg gehen - erfolgreich gehen, wie ich wie ich finde! Aber das Ganze funktioniert nur, wenn Politik und Branche an einem Strang ziehen.

Speyer Kurier: Ihre Aussagen sind ja fast identisch mit der christlichen Soziallehre…

Thomas Cantzler:  Herr Müller,  christliche Soziallehre ist natürlich richtig, aber ich kann das Ganze auch volkswirtschaftlich betrachten, betriebswirtschaftlich  betrachten und komme zum gleichen Ergebnis. Das eine schließt das andere nicht aus. Es gilt für mich also beides, ich kann als GABIS auch nur Projekte und Sozialprojekte durchführen, wenn wir Geld verdienen. Das heißt sozial und wirtschaftlich agieren schließt sich nicht aus und es gehört für mich unbedingt zusammen. Ich glaube nicht, dass der Anteil der Zeitarbeit in Deutschland sich dramatisch verändern würde, hätten wir equal treatment. Das sieht man in Österreich, in Frankreich,  in Großbritannien und Benelux – dort hat sich nichts verändert.

Speyer Kurier: Herr Cantzler, nun zu Ihrer Person.

Thomas Cantzler: Ich bin von der Ausbildung her Diplom Psychologe Schwerpunkt Arbeits-, Betriebs und Organisationspsychologie und habe journalistische Erfahrung gesammelt. Lange Zeit war ich verantwortlich für Pressearbeit in einem Unternehmen. Bin ein neugieriger, politisch engagierter Mensch. Ich finde, dass die Firma GABIS in der Größenordnung ein mittelständisches Unternehmen ist, für das wir als Team agieren müssen. Ich bin einerseits Teamplayer, andererseits natürlich auch Einzelkämpfer, aber das gehört glaube ich dazu und ich sehe hier halt einfach eine sehr schnelle Möglichkeit, gemeinsam mit unseren Verbundpartner einfach auch Dinge auf dem Arbeitsmarkt zu initiieren und durchzuführen, die vielleicht mal abseits des Mainstream liegen. Das ist so für mich das Schöne an der Geschichte und als ich die Ausbildung zum Psychologen – ja, das ist wie bei Juristen – Psychologen, Juristen können alles machen; aber das ist nicht das Entscheidende, sondern entscheidend ist einfach die die Neugierde und die Kommunikationsfähigkeit. Ich glaube, Kommunikation ist das Wesentliche in unserem Leben heutzutage. Wichtig ist, das man miteinander spricht, offen und ehrlich und ich glaube, da haben wir momentan eher Defizite.

Social Media alles richtig, alles gut, aber ich bin ein Mensch, der die direkte Kommunikation bevorzugt. Persönliche Gespräche, nicht Email schreiben und nicht das Posten in irgendwelchen sozialen Medien, das kann ich dann machen, wenn es um klare Fakten geht, dann ist es kein Thema. Aber alles, was zwischenmenschlich passiert, da bevorzuge ich ganz analog das persönliche Gespräch.

Aber wir sind voll durchdigitalisiert, wir können natürlich auch sehr schnell reagieren. Unser größtes  momentanes Problem ist die Suche nach Mitarbeitern. Wir suchen händeringend Mitarbeiter und werben dafür, das  sich Menschen bei uns bewerben.  Das Ganze lebt vom persönlichen Gespräch und vom Vertrauen. Das versuchen wir darzustellen, das versuchen wir zu leben. Es klappt vielleicht nicht immer jedem Detail.  Wir bewegen uns in einer Branche, die natürlich mit vielen Vorbehalten und Vorurteilen behaftet ist, aber so ist es halt. Dagegen können wir auch argumentieren, wir versuchen einfach, einen Weg in der Zeitarbeit zu gehen, der vielleicht den Bestmöglichen darstellt. Das mögen aber andere beurteilen, das kann ich nicht. Ich kann nur sagen, ich bin hier sehr zufrieden.

Ich habe eine hohe Arbeitszufriedenheit mit dem was wir hier tun, bei aller Stressbelastung, die wir aktuell haben. Nämlich Mitarbeiter zu finden in einem Arbeitsmarkt, der sehr schwierig ist und das ist ja wie gesagt nicht nur hier bei uns der Fall. Auch alle anderen suchen ja momentan Mitarbeiter. Ich hätte es nicht erwartet nach dem letzten Jahr mit Corona, das in der jetzigen Phase, wo Corona immer noch da ist und wo wir nicht wissen, wie es weitergeht mit Corona, die Wirtschaft in diesem Maße boomt. Das ist momentan der Spagat, in dem wir einfach leben.  Das ist ein Dreieck, wir haben immer noch das Damoklesschwert Kurzarbeit, wir haben einen massiven Beschäftigungsaufbau und wir haben eine Pandemie, von der wir nicht wissen, wie sie sich entwickelt. Aber damit müssen wir klarkommen, damit muss man leben und damit muss man auch jeden Tag neue Entscheidungen treffen. Das, glaube ich, können Unternehmen unserer Größenordnung sehr gut. Wir sind kein Konzern, wir agieren nicht wie ein Konzern. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen, das sehr schnell auf Situationen, auf Problemstellungen reagieren kann und dann noch eine Lösung findet. Das ist das tolle und spannende hier. Ob mein Studium dazu beigetragen hat, kann ich jetzt nicht sagen, vielleicht hat meine Erziehung dazu beigetragen, meine Eltern und andere wichtige Personen.

Speyer Kurier:  Mit dem was Sie eben gesagt haben, das war schon fast ein Statement, was die Zukunft von GABIS angeht. Wie sehen Sie GABIS in den nächsten 10 Jahren.

Thomas Cantzler: Die GABIS GmbH ist für mich der Problemlöser, wenn es Probleme gibt, die mit dem Arbeitsmarkt ,mit Menschen zu tun, hat mit Qualifizierung, mit  Ausbildung. Da sind wir als GABIS in Verbindung unserem Verbundpartner VFBB eine starke Adresse. Die GABIS GmbH wird sich weiterentwickeln, ich stehe für organisches wachsen; ich möchte keine sprunghaftes Wachstum.

Ich bin auch schon mehrfach gefragt worden, warum gibt es die GABIS nicht in Hamburg oder in Berlin oder wo auch immer. Abgesehen davon, dass es schöne Städte sind, ist das kein Thema. Für mich macht es nur dann Sinn, wenn ich einen Kunden habe, der dahinter steht, der unsere Philosophie mitträgt. Deswegen machen wir auch keine große Werbung in dem Sinne, dass wir sagen wir suchen jetzt weltweit Kunden, deutschlandweit Kunden.

Ein Beispiel: Koblenz, der Kunde kam zu uns. Koblenz wäre nie in dem Bereich, in dem wir uns bewegen, aber der Kunde hat uns direkt angesprochen aufgrund der positiven Berichterstattung in den Medien - überregionale Berichterstattung - ob wir nicht Interesse hätten. Daraus hat sich jetzt mittlerweile seit über 10 Jahren eine stabile Beziehung ergeben. In diesem Sinne wachse ich gerne, wenn ein Kunde sagt, ich bin bereit diese Philosophie zu übernehmen. Ich bin bereit mit euch zusammenzuarbeiten zu euren Konditionen und Bedingungen und wir im Gegenzug auch Projekte machen können, dann ist es für uns die Win Win Situation und wenn es Kunden und Firmen gibt, die sagen ja, das möchte ich auf Dauer machen mit euch, dann habe ich nichts dagegen. Allerdings werden im Moment gleichzeitig zu viele Anfragen gestellt und dann können wir die Kunden auch nicht mehr vernünftig betreuen, das ist gerade jetzt, wo der Arbeitsmarkt so heterogen ist, sehr schwierig.

Speyer Kurier: Ich hatte Sie zu Ihrer Person gefragt und darauf sind Sie bisher nicht eingegangen.

Thomas Cantzler: Ich bin verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, ein Studium mit Ausbildung bin Speyrer, habe lange nicht in Speyer gewohnt, habe in Landau in der Pfalz und in Berlin studiert, bin wieder zurückgekommen. Speyer ist für mich der ideale Mikrokosmos, das ist eine Stadt, die ausreichend groß ist. Speyer hat aber auch den Vorteil, dass es hier Netzwerke gibt. Ich bin Netzwerker und insofern fühle ich mich hier sehr wohl. Meine Frau kommt gar von hier, sie kommt aus dem Ruhrgebiet, fühlt sich aber hier auch sehr wohl.

Insofern ist das für mich hier der ideale Platz. Speyer ist die ideale Stadt und von hier aus kann man dann auch seine Netzwerke nach draußen knüpfen.

Speyer Kurier: Was sind denn Ihre Hobbys?

Thomas Cantzler: Meine Hobbys? Ich reise gerne, ich lese gerne, ich koche, um zu entspannen. Gartenarbeit ist nicht meins, ist nicht mein Hobby, da habe ich zwei linke Hände. Ich bin einfach im Fußball engagiert, ich bin in verschiedenen Vereinen engagiert. Ebenfalls bin ich kommunalpolitisch unterwegs und dann habe ich keine Zeit mehr für den Rest, der mich interessiert.

Speyer Kurier: Danke für das sehr aufschlussreiche, interessante Gespräch und viel Erfolg bei der Suche nach Personal für einige hundert Arbeitsplätze in der Region.

Foto: pem; GABIS