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"DAS muss sich ändern - Klartext mit Wolfgang Bosbach"

Wolfgang Bosbach, einer der profiliertesten CDU Politiker der letzten Jahre zu Gast beim Wirtschaftsforum

Wolfgang Bosbach

Speyer. Beim 20. Wirtschaftsforum der Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz war auch in diesem Jahr wieder ein hochrangiger Gastredner eingeladen – Wolfgang Bosbach, jahrzehntelanges Mitglied im Deutschen Bundestag und Vorsitzender des Innenausschusses. Wie Vorstandssprecher Rudolf Müller in seiner Rede betonte, wird die Tradition Wirtschaftsforum nicht dem Rotstift zum Opfer fallen, sondern in den nächsten Jahren fortgesetzt. Über fünfzig Mitarbeiter der Bank waren vor Ort, denn nur ein gegenseitiges kennen lernen sorgt in seinen Augen dafür, das ein Vertrauensverhältnis zwischen Bank und Kunden aufgebaut werden kann. Alles lässt sich digitalisieren, aber nicht der Kontakt und das Vertrauen zwischen den Menschen.

Wolfgang Bosbach begrüßte zu Beginn seiner Rede alle diejenigen, die bisher noch nicht namentlich begrüßt worden waren. Das Ergebnis einer Umfrage brachte ans Licht, dass 80 Prozent der Menschen Politiker doof finden, sich aber 90 Prozent freuen, wenn sie einem begegnen. So wurde er letztens in Kadewe von einer Dame angesprochen, die er nur unwesentlich jünger als sich selbst einschätzte und die ihn um ein Selfie bat – mit der Bemerkung: “Meine Mutter findet sie so toll…“ 

Er bedankte sich bei den Besuchern für ihr Erscheinen, denn schließlich hätten alle heute Abend auch etwas anderes unternehmen können. Er deutete das als Zeichen für Interesse an der Politik – in seinen Augen gibt es keine Politikverdrossenheit, sondern eine Politikerverdrossenheit. Seine etwa 400 Veranstaltungen im Jahr sind immer gut besucht. 

Deutschland ist ein wunderschönes Land, aber Fröhlichkeit ist nicht die Kernkompetenz der Deutschen. Wenn sie ein Licht am Ende des Tunnels sehen würden, dann würden sie einfach den Tunnel verlängern. So wird über kein Thema so viel geklagt wie über unser Gesundheitswesen; wenn jedoch ein Deutscher im Ausland erkrankt, ist sein größtes Bestreben, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. 

„Wir leben im besten Deutschland, das es je gab – lasst es uns verteidigen“, rief er dem Publikum zu. Demokratien scheitern nicht, weil sie zu viel Feinde, sondern weil sie zu wenig Freunde haben. So sind nur 1,8 der Deutschen Mitglied in einer Partei und arbeiteten aktiv an der Politikgestaltung mit.  

Auch die Liebe der Deutschen zu ihrem Land, die am Nationalfeiertag gefeiert wird, ist nicht wirklich überschäumend. Während in den USA und in Frankreich diese Feiertage groß gefeiert werden mit Paraden und Feuerwerk, tritt in Deutschland maximal jemand mit einer Querflöte auf oder ein Streichquartett spielt. Was die Deutsche Einheit betrifft – sie ist im einzig möglichen Zeitfenster erfolgt. Helmut Kohl telefonierte mit Gorbatschow und fragte nach, was passiert, wenn Bürger der DDR nicht mehr zurückgingen, sondern von Ungarn aus in die BRD ausreisen wollten. Er hatte Angst, das die Sowjetunion militärisch eingreift. Gorbatschows Antwort lautete: „Die Ungarn sind gute Leute“. Und die Mauer ging kurz darauf auf. Eine junge Frau, die zu diesem Zeitpunkt mit ihrer besten Freundin in einer Sauna saß, bekam davon erst einmal nichts mit – und ist heute Bundeskanzlerin. Um ehrlich zu sein – das allermeiste ist im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung gelungen und es ist eine tolle Gemeinschaftsleistung, was in den letzten 30 Jahren geschaffen wurde. Nun ist es an der Zeit, die Strukturförderung nicht mehr nach Himmelsrichtungen zu verteilen, sondern nach Bedarf. 

Und da der Bundestag auch manchmal helle Momente hat, ist das Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz auf den Weg gebracht worden. In Deutschland dauern Verfahren nämlich unfassbar lange. Das war früher anders. Als Ludwig Erhard im Jahr 1948 von General Lucius D. Clay, dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Europa, gefragt wurde, warum er Vorschriften ohne sein Wissen geändert habe, sagte Erhard: "Ich habe die Vorschriften nicht geändert, ich habe sie abgeschafft." Ändern war nämlich verboten – Abschaffen wurde nicht erwähnt. Und so begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

Obwohl die Deutschen nur 1,1 Prozent der Weltbevölkerung stellen, sind sie die viertgrößte Volkswirtschaft. In den letzten siebzig Jahren hatten wir 63 Jahre ein Wirtschaftswachstum – nur in sechs Jahre eine Rezession. Darunter im Jahr 2008/2009. Da waren die Bänker von der Beliebtheit her in die Nähe der Politiker gerückt. Aber nun verlieren wir langsam den Zusammenhalt zwischen dem wirtschaftlichen und dem sozialen Wachstum. Die heutige Zinspolitik ist ein süßes Gift – Geld bekommt man fast umsonst, die Geldmenge wächst und wächst. 

Deutschland hat noch eine Stabilität, um die es von vielen Ländern beneidet wird. So gab es in den letzten 38 Jahren nur drei Regierungschefs! In anderen Ländern ist es die Regel, dass Regierungen scheitern. Wenn sich Wolfgang Bosbach an seinen ersten Wahlkampf im Jahr 1972 erinnert – damals lag die Wahlbeteiligung bei 92% und CDU und SPD bekamen davon 91%! Nun treten immer mehr Parteien an und wie jeder aus seinem Privatleben weiß – Dreiecksverhältnisse sind immer schwierig. Die Aufgabe der Politiker ist es, dass Vertrauen der Menschen wieder zurückzugewinnen. 

Und wenn man sich die unendliche Geschichte des Brexits anschaut – da haben Boris Johnson und Nigel Farage jetzt zwei Jahre intensiv geforscht und festgestellt, daß sie eine gemeinsame Grenze mit Irland haben – wer konnte das ahnen? Und da eine harte Grenze zwischen Großbritannien und Irland/Nordirland  vermieden werden soll, kommen jetzt wöchentlich Meldungen, was die Briten nicht wollen in die Öffentlichkeit und nach Brüssel. Sie möchten gerne aus der EU austreten, aber gleichzeitig weiterhin die Vorteile nutzen. Und das ist schlichtweg nicht möglich, denn es wäre ein fatales Signal an alle anderen. Der Gründungsgedanke der Europäischen Union stand unter dem Motto: Nie wieder Krieg und es wäre eine Tragödie, wenn dieser Friedensgedanke an Bedeutung verliert

Neulich war Wolfgang Bosbach auf einem Klassentreffen und sehr erstaunt, daß er lauter alte Menschen getroffen hat – in seiner Wahrnehmung ist er nämlich immer noch jung. Und seine Erinnerungen an die Kindheit unterschieden sich doch sehr von den Erfahrungen der heutigen Kinder: Sie spielten an einem gefährlichen Ort, den heute kaum noch ein Kind erlebt: Draußen. Es wurde Wasser aus Gartenschläuchen getrunken und die Eltern wussten nicht, wo die Kinder sich aufhielten. Man verletzte sich und kam nicht auf den Gedanken, zum Arzt zu gehen oder gar einen Therapeuten aufzusuchen. Es gab keinen Stuhlkreis und niemand tanzte seinen Namen, Das Einzige, was feststand, war: „Ihr seid zu Hause, wenn es dunkel wird.“ Die Schwester von Wolfgang war immer zuverlässig und wurde später Lehrerin. Er hatte bald raus, dass es massiven Ärger gab, wenn er eine halbe Stunde zu spät kam – wenn  er nach zwei Stunden kam, war seine Mutter nur erleichtert, das er gesund wieder auftauchte.  

Das größte Abenteuer der heutigen Jugend besteht darin, das Haus zu verlassen, wenn das Handy nur noch eine Akkuleistung von 7 Prozent hat. Es hat 120 Jahre gedauert, bis die erste Milliarde Menschen einen Telefon-Festnetzanschluss hatte. Bei den Mobiltelefonen dauerte es nur 22 Jahre. Die heutigen Menschen greifen durchschnittlich 88 mal am Tag zum Smartphone, um zu checken, ob eine neue Nachricht oder eine Whats App eingegangen ist. Wie oft ist man früher zum Festnetztelefon gegangen, um zu schauen, ob es vielleicht klingelt? 

Heute sind viele Firmen äußerst wertvoll, obwohl sie nichts Greifbares besitzen. So bekam der Alphabet Gründer Larry Page erst mal von keiner Bank Geld für die Gründung seines Unternehmens. Für den Scheck über 100.000 USD, den er von einem Firmenchef bekam, musste er erst ein Bankkonto eröffnen. Heute hat sein Unternehmen Google sechs Mal den Börsenwert von VW.  

China hat in den letzten Jahren 74 neue Flughäfen eröffnet – auch unter Beteiligung deutscher Firmen, während bei uns nichts weiter geht. Und im Hinblick auf die geringe Menge von Bodenschätzen in Deutschland sagte er: „Wer nichts im Boden hat, muß was in der Birne haben.“ Wichtig ist die Bildung – nur so können wir weiter an unserer  Erfolgsgeschichte schreiben.  

Deutschland hat neun Nachbarländer, die wir alle ohne Visum bereisen können – und es ist immer noch ein Glück, in Deutschland leben zu dürfen.

Nun die wohl wichtigsten Aussagen dieses sehr eloquenten Politikers haben wir niedergeschrieben. Es war für alle Anwesenden ein sehr kurzweiliger, lustiger und informativer Abend. Vorstandsprecher Rudolf Müller bedankte sich herzlich bei Wolfgang Bosbach und überreichte ihm neben Pfälzer Wein einen neuen FC-Köln Fan-Schal, da sein alter in die Jahre gekommen sei.  Als großer FC Köln Fan legte Bosbach diesen Schal sofort um seinen Hals. Alle guten Wünsche, auch für seine Gesundheit, begleiteten Wolfgang Bosbach mit langanhaltenden Applaus zum Schluss des wieder sehr gelungenen Wirtschaftsforums der Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz. 

Text: bk  Bild:pem