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Eckart von Hirschhausen – erst Zauberkünstler, dann Zauberer mit Worten

Talk im Historischen Museum der Pfalz im Begleitprogramm der Medicus Ausstellung

Speyer. Ausverkauftes Haus im Historischen Museum in Speyer beim Auftritt von Dr. Eckart von Hirschhausen. Die Veranstaltung wurdevon der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland und der Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz unterstützt. So war neben Vorstandssprecher Rudolf Müller und Vorstandsmitglied Till Meßmer von der VR Bank auch Thomas Kerbeck, der Stellvertretende Bezirksgeschäftsführer der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland erschienen. Ebenso die Oberbürgermeisterin von Speyer, Stefanie Seiler und Werner Schineller als Vorsitzender des Historischen Vereins der Pfalz. Der Landtagsabgeordnete Michael Wagner ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, bei "Talk im Museum" dabei zu sein.  

Museumdirektor Dr. Alexander Schubert begrüßte die Gäste und berichtete, daß die Medicus Ausstellung ein großer Erfolg sei. Weil das Thema die Menschen bewege, nehmen sie auch längere Wartezeiten vor den Museumsstufen  in Kauf. Für viele sei durch die Verbindung mit dem Roman von Noah Gordon Interesse geweckt worden. In der Ausstellung sind über 500 Exponate zu sehen, so unter anderem als zentrales Objekt ein Nachbau des Baderwagens, mit dem der Hauptdarsteller  im Film reist. Auch viele der medizinischen Instrumente, die im Film zum Einsatz kamen sind als Repliken zu sehen. Er bedankte sich bei den Sponsoren Vereinigte VR Bank Kur- und Rheinpfalz und AOK Rheinland-Pfalz/Saarland für die tolle Zusammenarbeit. Am Samstag von 10 bis 18 Uhr findet im glasüberdachten Museumsinnenhof ein AOK-Familiennachmittag statt. Hier der Link zu unserem Artikel: https://www.speyer-kurier.de/kultur/historisches-museum/artikel/aok-familien-samstag-im-historischen-museum-der-pfalz/

Nach dem obligatorischen Begrüßungs- und Dankensritual war es soweit: Moderatorin Bernadette Schoog begrüßte Dr. Eckart vonHirschhausen, der sofort die Lacher auf seiner Seite hatte, als er fragte, ob die Couch auf der Bühne eine Psychiater Couch sei und ob er sich gleich hinlegen sollte, um über seine Kindheit zu erzählen.Weiter ging es damit, daß ja jeder zwei Ärzte habe – einen, zu dem man geht, wenn man etwas hat und einen, zudem man geht, wenn einem etwas fehlt. Er begann seine Karriere als Zauberer und hat auch heute noch einige Zaubertricks auf Lager, die er in seine Shows einbaut, denn staunen ist ein wichtiger Moment für Menschen und sorgt auch dafür, daß man sein Publikum gewinnt. 

Eckart von Hirschhausen studierte Medizin in Heidelberg und hat von daher eine besondere Beziehung zur Pfalz und ihren Bewohnern. Menschen sind emotional und wenn ihnen mit Globuli, Handauflegen und Heilungsgottesdiensten geholfen werden kann – warum nicht? Gefragt nach seiner Doktorarbeit mit einem sehr langen und unverständlichen Titel meinte er, das der eigentliche Skandal bei Doktorarbeiten darin besteht, das diese von kaum einem gelesen werden, wenn man nicht gerade Verteidigungsminister wird. Auf einen kurzen Nenner gebracht handelte seine Doktorarbeit von Blutvergiftung. 

Ein weiteres Talk-Thema waren der Einsatz von Antibiotika. Durch den exzessiven Gebrauch wird diese ehemalige Wunderwaffe langsam stumpf und viele Menschen werden sterben, weil die Antibiotika nicht mehr helfen. 

Seine Kindheitserfahrungen mit Ärzten betrafen einen schwer übergewichtigen Orthopäden, der ihm immer seine Schuh-Einlagen verschrieben hatte. Dieser hatte es perfektioniert, sich mit zwei Bewegungen von der Untersuchungsliege auf seinem Stuhl wieder an den Schreibtisch zu rollen und dabei nicht mehr Kalorien zu verbrauchen als ein Tic Tac hat. Und dieser Arzt sollte ein Experte für den Bewegungsapparat sein? 

Als sein Bruder damals ins Krankenhaus musste, durften die Angehörigen ihre Kinder nur durch eine Glasscheibe sehen. Da sie weinten, wenn die Mütter wieder gingen, folgerte man daraus, daß die Besuche schlecht für die Kinder seien, anstatt auf die richtig Lösung zu kommen und den Kindern die Nähe zu geben, die sie in einer solchen Situation noch dringender als gewöhnlich brauchten. Das sei gewesen, wie der Mann der die Straße entlanglief und dabei in die Hände klatschte. Als er gefragt wurde, was er tue antwortete er, daß sein klatschen die Elefanten fern halte. „Aber da sind keine Elefanten“ sagte man ihm. „Sehen Sie!“ antwortete er. Viele der Besucher waren wohl bei diesen Aussagen an die eigene Kindheit erinnert.

Hirschhausen stellte auch die kühne These auf, das die zweite Lebenshälfte die bessere sei. Eine wissenschaftlich fundierte Erkenntnis zeigt, das das Zufriedenheitsniveau eine U-Kurve beschreibt. Er zum Beispiel könne noch alles, was er mit 20 konnte – eben nur nicht mehr am gleichen Tag. Und wenn er morgens aufsteht, tröstet er sich mit dem Gedanken, das das, was weh tut immerhin noch nicht abgestorben ist. Er zitierte einen Spruch von Hölderlin: “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch". Früher musste man in der Schule Gedichte auswendig lernen und auch selber denken – das empfiehlt er heute den jungen Leuten unter dem Motto: „Denken ist wie Google, nur krasser!“ 

Durch die Erfolge der Medizin leben die Menschen heute länger und ein Rezept für ein besseres Älterwerden besteht darin, froh ins Alter zu gehen. Wir sind kein Nutellaglas, das allen gefällt, sondern können entscheiden, entspannter und gelassener mit den Dingen umzugehen. Die Seele emanzipiert sich beim Älterwerden vom Körper und lassen nervige Dinge nicht mehr so an uns heran. 

Ärzte kommen ihm manchmal vor wie Schauspieler, die den Text nicht gelernt haben und er würde sich wünschen, das angehende Mediziner mal einen Tag mit dem Bett im Krankenhaus hin und her gefahren werden, um die Gefühle ihrer Patienten dabei besser einschätzen zu können. Im Krankenbett liegend in Nasenlöcher zu schauen und das Licht der schlechtesten Leuchtstoffröhren zu sehen, sei kein beruhigender Anblick auf der Fahrt in einen OP. Seiner Meinung nach fehlen Ärzten manchmal grundlegende emotionale Fähigkeiten und das erklärt auch die Erfolge der Alternativmedizin. Dort nimmt man sich Zeit für das Individuum und zeigt Empathie und hat damit Erfolge; deshalb ist für ihn alles, was wirkt, Medizin. 

In der heutigen Zeit wird die Medizin von den menschlichen Bedürfnissen entkoppelt. Seit der Einführung der Fallpauschalen 2004 sind Verwaltungsdirektoren wichtiger als die Ärzte und die Kosten stehen über allem. Die besten Abiturienten haben früher Medizin und die anderen BWL studiert und die sind jetzt Verwaltungsdirektoren. Wer möchte da noch in der Pflege lernen? Und dabei werden diese Berufe dringend gebraucht und in der Zukunft noch viel mehr, da die Menschen immer älter werden. Glücklicherweise regt sich langsam Widerstand und dieser sollte sich immer mehr verstärken.

Wenn Ihnen das nächste Mal eine Operation vorgeschlagen wird, stellen Sie Ihrem Arzt diese fünf Fragen:

  1. Wo liegt der Nutzen?
  2. Was ist das Risiko?
  3. Wo ist der Beweis, dass es hilft?
  4. Kann man auch abwarten?
  5. Würden Sie es selber auch machen lassen oder Ihrer Mutter, Frau etc. empfehlen?

Und wenn der Arzt Sie fragt: „Haben Sie das von diesem Hirschhausen?“ können Sie gerne mit Ja antworten. 

Lassen Sie sich nicht einreden, so Hirschhausen, daß Sie selber schuld an Ihrer Krankheit sind. Noch nie konnte ein Zusammenhang zwischen Gedanken und Krebs nachgewiesen werden. Eine befreundete Psychoonkologin sieht ebenfalls keinen Unterschied beim Krankheitsverlauf, ob man aktiv gegen den Krebs kämpft oder sich der Schulmedizin überlässt. Und wenn Sie von jemandem gefragt werden, ob Sie sich Ihre Erkrankung unterschwellig gewünscht haben, dann hauen Sie ihm einfach rechts und links eine runter und sagen, Sie wüssten auch nicht, wie das mit Ihrer Hand passieren konnte – ob sich Ihr Gegenüber das vielleicht unterschwellig gewünscht habe?

Die Großeltern von Dr. Eckart von Hirschhausen kommen ursprünglich aus Estland, von wo sie vertrieben wurden. Nach einem Zwischenstopp in Polen (auch dort wurden sie vertrieben)  kamen sie im Raum Stuttgart unter. Wegen ihres hochdeutschen Dialektes blieben sie allerdings Zeit ihres Lebens „Noigeschmeckte“ Sie konnten nichts als ihr Leben retten – und das war das wichtigste. Sie bauten sich eine Existenz auf und waren in der Lage, ihre Kinder in Schulen zu schicken. Deren Kinder hatten sogar die Möglichkeit zu studieren. Viele Vertriebene suchten nach dem Krieg eine neue Heimat – und nun soll Deutschland nicht in der Lage sein, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen? Das ist ein Desaster, denn diese Menschen werden gebraucht. Nach dem Krieg hieß es: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus und Deutschland war stolz auf alles, was nach 45‘ geleistet wurde – soll das alles in Vergessenheit geraten?

Auch zum Thema Nachhaltigkeit wusste Hirschhausen einiges zu erzählen. So zeigte ihm ein 15.jähriger ganz stolz seine Sportschuhe aus recyceltem Plastik – Hirschhausens Vater hat seit 1980 ein paar Sportschuhe, die immer noch gut sind. Was vielleicht aber auch damit zusammenhängt, das sein Vater nicht so viel Sport treibt…. Die Menschen waren mit weniger glücklich – Wachstum auf Dauer ist eine kranke Idee. Glück ist nicht die Summe der einzelnen Vermögen, sondern Fairness im Umgang miteinander. Diese Fairness fehlt heute leider sehr oft – vielleicht sollte man sich darauf besinnen, was wirklich wichtig ist: Gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten wären das Ziel. Und wer alt werden möchte sollte sich an diese fünf Dinge halten: atmen – trinken - essen – eine gesunde Außentemperatur und die Antwort auf die Frage: Wo wollen wir hin?

Bereits jetzt zeichnet sich ab, daß 400 Millionen Menschen im südlichen Afrika im Jahr 2050 nicht mehr dort leben können, wo sie jetzt sind. Bereits im Jahre 1978 hat Hoimar von Ditfurth in seiner ZDF-Wissenschaftssendung „Querschnitt“ den Klimawandel in seinen vernetzten Zusammenhängen erklärt. Und was ist damals passiert? Nichts! Jetzt wird es höchste Zeit, etwas zu ändern, denn sonst können unsere Kinder und Enkelkinder nur noch auf einem zerstörten Planeten leben. Früher wurden Veganer belächelt, dabei ist Fleischverzicht ein toller Hebel, um etwas zu bewirken. Das heißt nicht, dass nun alle Veganer werden sollen – aber weniger Fleisch und Wurst ist doch eine Überlegung wert. Hier ist ein Umdenken erforderlich – auch wenn Männer am Grill für wenig Arbeit viel Lob bekommen, denn grillen ist nach wie vor ein „Männerding“. Und vielleicht sollte man dem guten alten Sonntagsbraten eine Renaissance bereiten?

Die Menschen sind in diesen Dingen schon weiter als die Politik – sie buchen weniger Fernflüge für den Urlaub, denn sie haben festgestellt, daß man nicht weit fliegen muß, um zu sich selbst zu kommen. Veränderungen passieren am einfachsten dann, wenn man keine Vorschriften aufstellt, sondern mit Appellen und Vorleben den Menschen ein Beispiel gibt, so der Mediziner.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Moderatorin Bernadette Schoog, die durch ihre intensive Recherche über Hirschhausen die richtigen Fragen gestellt hat, was auch Hirschhausen lobend hervorhob.

Zum Ende seines Besuches kündigte Hirschhausen an, gerne seine Bücher zu signieren. Er habe kein Problem damit, bereits jetzt: „Frohes Fest Horst“  in das Buch zu schreiben, denn man können ja schließlich nicht früh genug anfangen, Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Falls man noch nicht weiß, für wem das Buch ist - „Für dich“ passt immer. Und weil er zugab, total unleserlich zuschreiben, gab er den Anwesenden die Erlaubnis, seine Unterschrift zu fälschen – allerdings nur für die Bücher, nicht für sonstige Schriftstücke wie einen Kreditvertrag etc. 

Sein Schlußappell lautete: Unterschätzen Sie nie die Heilkraft des Humors.

Interessant, informativ, unterhaltsam, kurzweilig, nachdenkenswert aber auch lustig - ein gelungener Nachmittag mit einer kräftigen Prise Humor – danke.

Text: bk; Foto: pem; miwa