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„Koffer gepackt und den Nationalsozialismus überlebt“

ESG-Schülerinnen diskutieren mit Tochter einer geflohenen Jüdin

 Speyer. Judith Rhodes war zu Besuch am Edith-Stein-Gymnasium Speyer. Vor 80 Jahren musste Rhodes´ Mutter, Ursula Michel, das nationalsozialistische Deutschland und ihre Heimatstadt Ludwigshafen verlassen. Der Rest ihrer Familie blieb zurück und wurde ermordet. Im Gespräch mit Schülerinnen der 11. Jahrgangsstufe gab sie Einblicke in die traurige Geschichte ihrer Familie. 

Zum Kontakt mit Judith Rhodes und Schülerinnen und Lehrkräften des Gymnasiums kam es im Zuge der „Stolperstein“-Verlegungen. Rhodes hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an das Schicksal ihrer Familie und an das der vielen anderen Juden wach zu halten.

Am Mittwoch schilderte Rhodes den Schülerinnen die Geschichte ihrer Mutter Ursula Michel. Gemeinsam mit einigen anderen Jugendlichen und Kindern wurde die 15-jährige Ursula 1939 mit einem Kindertransport von Mannheim nach Großbritannien gebracht und so vor dem Tod bewahrt. Sie war Tochter eines jüdisches Vaters und einer evangelischen Mutter mit jüdischen Wurzeln und verbrachte ihre Kindheit gemeinsam mit ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Lilly in Ludwigshafen, bis die Familie 1938 nach der Reichspogromnacht nach Mannheim umzog. Wenige Monate nach dem Umzug bekam Ursula die Chance auf ein „neues Leben“ in England, während ihre Schwester Lilly in Deutschland bleiben musste und später ermordet wurde.

Besonders betroffen machten die Schülerinnen die Rhodes Schilderungen über Ursula Michels Schuldgefühle: Bis zu ihrem Tod habe sie sich verantwortlich und schuldig gefühlt und habe immer nach Erklärungen gesucht, warum sie gerettet wurde und nicht ihre Schwester.

Außerdem habe Ursula ihre Heimat vermisst und die deutsche Sprache nie verlernt. Es sei für sie auch später noch sehr schwierig gewesen mit ihrer Tochter über die schwerste Phase ihres Lebens zu sprechen. So habe Rhodes manches Detail erst nach dem Tod ihrer Mutter erfahren.

Natürlich interessierte die Schülerinnen auch, was Ursula Michel in ihrem kleinen Koffer hatte: „Ein kleines Reisegepäck, ein Foto und zehn Reichsmark“, so Rhodes.

 www.esg-speyer.de

Text und Foto: Edith-Stein-Gymnasium