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Auf den Spuren einer glücklichen Kindheit:

Der in Speyer geborene Rudolf Steger erinnert zum 100. Geburtstag von Ilsa Schiff an eine Speyerer jüdische Familie

von Gerhard Cantzler

Mit dieser Anzeige, die den SPEYER-KURIER jetzt aus dem bayerischen Wolfratshausen im Isartal südlich von München erreichte, möchte unser Leser Rudolf Steger jetzt an die Speyerer jüdische Familie Wilhelm und Mathilde Schiff erinnern, in deren Haus in der Speyerer Mühlturmstraße 26 - damals noch Hausnummer 5 - dem heutigen “Kurpfalz-Hotel” - Rudolf Steger die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte.

“Es ist mir ein sehr persönliches Anliegen”, so schreibt Steger dem SPEYER-KURIER, “das Schicksal der Familie Schiff aufzuklären, in deren Haus ich während der ersten 5 Jahre meines Lebens eine glückliche Kindheit verbringen durfte, während die Besitzer - durch die Nationalsozialisten vertrieben - an den Folgen ihrer Deportation nach Gurs in Frankreich starben oder im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden”.

Wilhelm Schiff wurde am 14.12.1875 in Gladenbach bei Biedenkopf in Oberhessen geboren und war mit Mathilde geb. Freudenstein, geb. 16.05.1885 in Großheubach bei Miltenberg am Main verheiratet. An 11.08.1905 übersiedelten die Eheleute nach Speyer, wo am 12.07.1912 auch ihr einziges Kind, ihre Tochter Ilsa geboren wurde. Am 08.08.1939 wurde das Ehepaar gezwungen, in die Herdstraße 3 umzuziehen und wurde am 22.10.1940 nach Gurs, im August 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Laut Angaben des Amtsgerichts Speyer verstarb Mathilde Schiff dort am 31.08.1942, ihr Mann wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in Auschwitz umgebracht.

Tochter Ilsa war noch am 10.12.1938 nach Mannheim gezogen, kam aber bereits am 14.06.1939 zurück nach Speyer, um dann endgültig am 10.08.1940 in die USA zu emigrieren.

Mit seiner Wortmeldung möchte Steger jetzt nicht nur an das von ihm bis heute verehrte Ehepaar Schiff erinnern, die damals in der Unteren Langgasse 5a - heute Heimtextilien Menné - die"Kleiderfabrik Brüder Schiff” betrieben, sondern vor allem auch an deren Tochter Ilsa Schiff, der es im Geburtsjahr Stegers, im Jahr 1940, noch gelungen war, ihre Emigration in die USA zu erwirken. Nach ihr hat Steger auch in den USA immer wieder Nachforschungen angestellt, jedoch trotz intensiver Bemühungen keinerlei Spuren von Ilsa Schiff oder einem ihren möglichen Nachfahren gefunden.

Deshalb will er heute über den SPEYERKURIER an Ilsa Schiff erinnern, deren Geburtstag sich am heutigen Donnerstag, dem 12. Juli 2012, zum 100.male jährt.

Mit seiner Initiative verbindet Rudolf Steger auch die Hoffnung, dass sich ältere Speyerer Bürger vielleicht an die Familie Schiff erinnern und ihm Informationen über die Familie zukommen lassen könnten.

Solche Informationen können an den SPEYER-KURIER unter redaktion@speyer-kurier.de oder direkt an rudolf@steger.org eingesandt werden. Rudolf Steger will sich auch weiterhin der Erforschung der Geschichte der Familie Schiff widmen - der SPEYER-KURIER sie dann auch veröffentlichen. Foto: gc; Stadtarchiv Speyer

11.07.2012


17. CARL LANDENBERGER

Carl Landenberger (1) kam am 11.04.1884 in Scheßlitz (2), einem unterhalb der Giechburg und der Felsenkapelle Gügel gelegenen Städtchen im Kreis Bamberg zur Welt. Sein Vater Emanuel verdiente als Viehhändler den Lebensunterhalt für die Familie; seine Mutter war Fanny, geb. Heimann, Hausfrau.

Ungeklärt ist, ob Carl mit festen Absichten aufgrund einer Zeitungsanzeige oder durch Zufall nach Speyer kam. Fest steht jedenfalls, dass der Schuhfabrikant Bernhard Roos (3) 1909/1910 eine fünfstöckige und achtzig Meter lange Schuh- und Gamaschen-Fabrik in der Burg-Straße 7-8 erbaut hatte, und Carl Anfang Februar 1910 (4) dessen frühere Fabrik in der Gutenberg-Straße 18, Telefon-Nr. 2350, übernahm. Dazu brachte er die erforderliche Fachausbildung mit. Er führte das Geschäft in unveränderter Weise weiter, auch an Sonn- und Feiertagen (5).

Wie der Beruf des Schneiders (6), so gehört auch der des Schuhmachers zu den ältesten Gewerben der Menschheit. Ein jeder braucht nicht nur Kleidung, sondern auch Schuhwerk – beides „die zweite Haut des Menschen“ - und es herrscht meistens Nachfrage darin. Auch nimmt es nicht wunder, dass dem Schuh symbolischer Charakter von Macht, Recht und Besitz zugeschrieben wird. Probleme ergaben sich aus Überlegungen über Zeitdauer der Arbeit, Lohn für die Arbeitskräfte und Forderung der Gewerkschaft.

Carl Landenberger, nun ein etablierter Geschäftsmann, heiratete am 27.06.1912 im Speyerer Standesamt die um sieben Jahre jüngere Sara, genannt Säre. Ihr Vater war Leopold Lehmann, Viehhändler von Beruf wie der Vater des Bräutigams und Rechner des Israelitischen Wohltätigkeitsvereins (7); ihre Mutter war Karolina, genannt Clara, geb. Wertheimer, seit 1911 Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins. Als Trauzeugen fungierten der Vater der Braut Leopold und der Hauptlehrer Leo Waldbott (8). Die Braut hatte noch einen jüngeren Bruder namens Josef, Jahrgang 1893, genannt Joe, weil er sich eine Zeitlang bei zwei Onkeln in den USA aufgehalten hatte. Er war ein besonders charaktervoller junger Mann und Vertreter der Schuhfabrik Bernhard Roos. In seiner Freizeit spielte er gerne im Klub der Kegelfreunde. Für ihn war Kegel schieben mehr als nur ein Sport.

Carl hatte bei der Wahl seiner Braut großes Geschick gezeigt. Die Lehmanns stammten aus Gommersheim und waren zu Beginn der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts nach Speyer übersiedelt. Leopold wohnte in der nahen Wormser-Straße 13, in einem Anwesen, das er 1895 zum Preis von 24 600 Mark gekauft hatte. Er besaß die sprichwörtliche Schläue seines Berufstandes, gepaart mit Wohltätigkeit, die er aber nach echt altjüdischer Sitte und Art stets im Verborgenen ausübte. Am 15.08.1888 hatte er mit seiner Frau Clara der Synagoge einen Toramantel aus lila Seidensamt, mit breiter Goldborte geschenkt (9). Aus welchem bestimmten Anlass diese Schenkung geschah, ist unbekannt. Die Familienmitglieder lebten in sehr gutem Einvernehmen miteinander. Carls Frau Säre war mit 23 Jahren Vertreterin des Israelitischen Frauenvereins im Arbeitsausschuss (10).

Damals waren Gamaschen, diese Schuhbekleidung des Oberfußes aus weichem Leder, noch in Gebrauch. So verkündigte Carl in einer Zeitungsanzeige (11), dass er nach beendeter Inventur

 

 „einen Posten Reit-, Jagd- und Automobil-Gamaschen

in schwarz und braun, mit und ohne Wickelriemen

 zum Einheitspreis von Mark 8,50 per Paar verkaufe,

 früherer Preis bis zu Mark. 20,- per Paar.

Auf alle übrigen Gamaschen 10% Rabatt.

Gamaschen en gros und en detail.

NB: Die Reitgamaschen sind teilweise

im Schaufenster ausgestellt“.

 

Wie viel Geld sein Unternehmen jährlich umsetzte, ist nicht bekannt. Weder er noch Bernhard Roos oder Josef Müller (12) beabsichtigten, mit ihren Fabrikationsbetrieben der „Deutschen Schuhmetropole“ Pirmasens im südlichen Pfälzer-Wald Konkurrenz zu machen. Dort hatte sich seit 1857 eine Schuhindustrie angesiedelt, die ihre Waren mit Erfolg produzierte und noch im Wachsen begriffen war. Carl Landenberger und Kollegen beschränkten sich darauf, den Bedarf am Standort, im näheren Umland und in Baden zu decken.

Als am 01. 08. 1914 der Erste Welt ausbrach, rückte auch Säres Bruder Joe aus Vaterlandsliebe und ohne zu fragen und zu zögern ins Feld. Sieben Wochen nach Beginn des Gemetzels an den verschiedenen Fronten brachte Säre am 21.09.1914 die Tochter Grete Emilie zur Welt. Sie hatte auch einen Sohn namens Hans, über den aber kaum etwas bekannt ist. Beide Kinder wurden nach deutschen und jüdischen Grundsätzen erzogen, wobei das Zusammenleben in der „Mischpoche“ und „Kehilla“ im Mittelpunkt stand.

Verschiedene Frauenvereine hatten vom 01. bis 15.03.1916 zur „Kriegsspende Deutscher Frauendank“ aufgerufen, um begabten Kindern, alten Müttern, Großmüttern und Tanten, die keinen Anspruch auf Reichshilfen hatten, eine Unterstützung zu gewähren. Zu den Vereinen gehörte der von Carls Schwiegermutter Clara geleitete Israelitische Frauenbund (13). Die Vereine veranstalteten die Sammlung bei ihren Mitgliedern mit Büchsen und Listen. Die Nichtmitglieder wurden herzlich gebeten, ihre Spende bei einer von sechs Sammelstellen abzugeben, darunter befanden sich die Geschäftsstelle der Speierer Zeitung und das Schuhhaus Leopold Klein (14).

Die Sammlung ergab den hohen Betrag von 5005,23 Mark (15). An der Westfront tobte vom 21.02. bis zum 09.09. 1916 die Schlacht um die Festung Verdun – Englands „Festlandsdegen“ – mit der der Generalstabschef Erich von Falkenhayn die französische Armee zerbrechen wollte. Beiden Seiten gelang es jedoch nicht, die erstarrten Fronten in Bewegung zu bringen. Die Todesanzeigen gefallener Soldaten häuften sich dramatisch, und immer mehr Eltern, Ehefrauen und Bräute trauerten um ihre Lieben, die nicht mehr da waren. - Um die gleiche Zeit führte Carl für Speyer den Alleinverkauf von Sparol-Sohlen, die sich zur Erneuerung abgetragener Sohlen besonders gut eigneten (16).

Als Gefreiter und Funker verdiente sich Joe in harten Kämpfen das Eiserne Kreuz sowie das Bayerische Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Schwertern (17). Schließlich überstand er heil das sinnlose Töten und Zerstören, das nicht einmal der Hunnen-König Attila mit seinen Reiterhorden hätte anrichten können. Es führte nur zur nationalen Katastrophe des Wilhelminischen Reichs. Joe konnte aber in der schwierigen Nachkriegszeit nicht vorausahnen, dass ihn die Macht des Schicksals bald mitten im Frieden in die Tiefe reißen würde.

Im italienischen Winterkurort San Remo stellten die Ministerpräsidenten der Entente-Mächte auf ihrer Konferenz vom 19.04.-26.04.1920 die Unverletzlichkeit des Versailler Friedensvertrages fest. Bei seiner Nichterfüllung wurde dem Deutschen Reich die Möglichkeit der Besetzung weiterer deutscher Gebiete angekündigt. Gegen Ende dieser Beratung fand am 25.04. in der Villa Devachan die „Zweite San Remo-Konferenz“ statt. Aufbauend auf die „Balfour-Deklaration“ vom 02.11.1917 der britischen Regierung an den Präsidenten der „English Zionist Federation“, Baron Lionel Walter Rothschild – er hatte eine Schwäche für Herzls Traum - bestätigte sie…

 

„…die nationale jüdische Souveränität

 über das Land Israel unter internationalem Recht

und die historische Verbindung des jüdischen Volkes

 zu dem Territorium, das vormals Palästina hieß“.

 

Diese Erklärung begrüßten hauptsächlich die Zionisten aus vollem Herzen, assimilierte westdeutsche Juden hingegen maßen ihr keine besondere Bedeutung bei. Seit Generationen betrachteten sie Deutschland, dieses mitteleuropäische Land, als ihre Heimat und hatten keine Absicht, als „Jeckes“ (18) nach dem damaligen Palästina auszuwandern. Dort gab es viele Steine und wenig Bäume, wurde eine Fremdsprache gesprochen, herrschte ein ungewohntes Klima und wurden dringend Landwirte und Handwerker gebraucht. Es ist zugleich das Jahr, in dem ein völlig gegensätzliches Dokument erschienen war. Adolf Hitler stellte am 24.02. im Hofbräuhaus in München das 25-Punkte-Parteiprogramm mit antisemitischem Schwerpunkt auf, das „unabänderlich“ gelten sollte. Gleichsam als praktische Anwendung daraus schändeten randalierende Antisemiten auf dem neuen jüdischen Friedhof der Speyerer Gemeinde (19) mehrere Grabsteine. Eine ähnliche Missetat war bereits im Juli 1869 auf dem „Judengärtel“ begangen worden, als „mehrere Grabsteine von roher Hand mit schwarzer Farbe verunreinigt“ wurden (20). Kein gutes Omen!

Landenberger wurde am 18.07.1920 als Ersatzmann in den Synagogenrat gewählt, dessen Vorsteher Benedikt Cahn (21) war. Damals zählte die Gemeinde ca. 380 Mitglieder. Der neue Ersatzmann fühlte sich wohl in der Gemeinde, die traditionell jedem Mitglied Gleichberechtigung und freie Entfaltung bot, in der Überzeugung, wie alle seine Glaubensgenossen trotzdem ein guter Deutscher zu sein.

Am 02.07.1926 erschütterte eine Nachricht die Familien Landenberger-Lehmann. Joe, einziger Sohn der Familie, Frontheimkehrer und noch ledig, auf den sie zu Recht große Stücke hielten, verunglückte schwer. Er fuhr mit dem Dienstauto von einer Geschäftsreise heimwärts, als es kurz vor Frankfurt am Main passierte. Der genaue Hergang des Unfalls ist nicht bekannt. Die „Speierer Zeitung“ (22) berichtete lediglich, dass Joe nach dem Unfall noch im Stande war, selbst Anordnungen zu treffen, denen zufolge er mit einem Krankenwagen sofort in die Universitätsklinik überführt wurde. Aber es gelang der Heilkunst der Ärzte nicht, das Leben des Dreiunddreißigjährigen zu retten. Was für ein grausamer Schlag war dieser plötzliche Verlust für die Familie und seine Freunde! Die Firma „Bernhard Roos AG“ verlor einen langjährigen, treuen und zuverlässigen Mitarbeiter, ja Freund, dem das Interesse seiner Firma Herzensangelegenheit war. Joe wurde auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs in Speyer bestattet. Die Trauernden saßen sieben, hebr. Schiwe, Tage ohne Schuhe auf einem niedrigen Schemel und nahmen die Kondolenzbesuche entgegen.

Bekanntermaßen kommt ein Unglück selten allein. Im gleichen Jahr 1926 erlitt Carl geschäftlich einen heftigen Rückschlag. Ein 17-jähriger Angestellter missbrauchte das Vertrauen und Wohlwollen seines Chefs und bestahl die Firma um schätzungsweise 600 Paar Schuhe. Er schmuggelte sie nach und nach aus dem Lager heraus, und Hehler setzten sie im benachbarten Baden ab. Der Schaden belief sich auf ca. 12 000 Mark. Schließlich wurde der Täter auf frischer Tat ertappt, legte beim Verhör ein reuiges Geständnis ab und wurde fristlos entlassen. Die Hehler, die es für eine „Heldentat“ hielten, einen „Saujud‘“ zu bestehlen, verbüßten eine Haftstrafe (23).

Zwei Jahre später, am 10.03.1928, starb Carls Schwiegervater Leopold nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren. Seine Familienangehörigen, Freunde, die Mitglieder des Wohltätigkeitsvereins und Bekannte gaben ihm das letzte Geleit, und er wurde bei seinem unvergessenen Sohn Joe beigesetzt. Im April des folgenden Jahres bogen unbekannte Einbrecher einen Teil des Synagogen-Geländes gewaltsam um und brachen ihn ab (24). Leopolds Witwe Clara verkaufte ihr Anwesen 1929 und zog am 01.09.1932 zu ihrer Tochter in die Gutenberg-Straße 18, nichts Gutes ahnend für die kommende Zeit.

Mit dem Beginn der NS-Gewaltherrschaft kreiste das beherrschende Gesprächsthema in der jüdischen Gemeinde Speyer und in den Privatwohnungen ihrer Mitglieder um zwei Punkte, die zusammenhingen: den altbekannten, aber jetzt virulent auftretenden Antisemitismus, der selbst Kinderseelen mit Hetzparolen wie „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid, trau keinem Jud‘ bei einem Kind“ vergiftete, und um den fast täglich ansteigenden Verfolgungsdruck. Wie jeder andere Zeitgenosse wusste Herr Landenberger keinen Rat. Die Lage war schlicht und ergreifend ausweglos.

Dessen ungeachtet heiratete Carls Tochter Grete Emilie, am 11.04.1935, in Mannheim den aus Heidelberg gebürtigen Kaufmann Helmut Wolff. Wegen der veränderten politischen Lage planten beide, sicher nicht frei von gemischten Gefühlen, ihre gemeinsame, ungewisse Zukunft. Da Carl die Zeichen der Zeit richtig erkannte, begann er die erforderlichen Dokumente zur Emigration zu beantragen, um sich für alle Fälle hinreichend gerüstet zu fühlen.

Am Sonntag, dem 28.11.1937, wohnte er mit Familie der Gedenkfeier anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Speyerer Synagoge bei. Ein äußerst seltenes Ereignis, das kein Gemeindemitglied verpassen wollte und konnte. Das Programm umfasste wieder achtzehn Punkte wie im Jahre 1837, so sollte schon äußerlich eine Verbindung zwischen beiden Feiern hergestellt werden. Die Chorleitung hatte Werner Seligmann (25), Alfred Cahn (26), ein fünfzehnjähriger Junge, saß an der Orgel. Manche Gebete und Gesänge erklangen der Festgemeinde zwar sehr vertraut, nur die Stimmung war halt anders, völlig anders. Sie glich eher einer vorgezogenen Trauerfeier. Darauf ging der Bezirksrabbiner, Dr. Ernst Steckelmacher, der bereits fünf Jahre NS-Diktatur an exponierter Stelle erdulden musste, in seiner wie üblich geschliffenen Gedenkrede behutsam, aber deutlich ein:

 

„Die Juden haben längst Selbständigkeit und Vaterland

verloren, aber bei dem Untergang aller Institutionen

 blieb die Synagoge als einziger Träger ihrer Nationalität,

dorthin floh ihr Glaube und von dort her empfingen sie

Belehrung für ihren irdischen Wandel,

Kraft und Ausdauer in unerhörten Leiden“ (27)

 

Alle Anwesenden war es nämlich mehr als bewusst, dass ihre Tage in der Domstadt schon gezählt waren. Als stummes Zeichen des Protests gab die Kultusgemeinde an alle Gemeindemitglieder im Inn- und Ausland eine von Reinhold Herz verfasste, bebilderte Festschrift heraus, die im Stadtarchiv einzusehen ist.

Trotz alledem zahlte Carl weiter bis Oktober 1938 den monatlichen Beitrag von 2,-- RM an die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland für Hilfe und Aufbau“, eine Organisation, die von der Gestapo überwacht wurde. Die Beitragskarte Nr. 50281 mit sieben Klebemarken ist erhalten geblieben. Der beispiellose Pogrom am 09.11.1938, gegen den die nichtjüdischen Bürger hauptsächlich aus Angst keinen Protest erhoben, legte ihm, einem deutschen Patriot, die Dringlichkeit nahe, die Risiken einer Auswanderung unverzüglich zu wagen.

Doch zunächst wurde er am 12.11.1938, wie alle männlichen Juden Speyers, in Schutzhaft genommen, Frauen und Kinder mussten bis Mitternacht den Gau Saarpfalz verlassen. Er erteilte dem Kreiswirtschaftsberater der NSDAP, Ludwig Müllberger, erzwungenermaßen eine unwiderrufliche notarielle Vollmacht über sein gesamtes Vermögen, die er unterschrieb (28) und die ganz oder teilweise auf Dritte übertragbar war. Danach wurde er mit den übrigen Leidensgenossen ins Konzentrationslager Dachau, nordwestlich von München, gebracht. An diesem Ort der Brutalität erkannte er das wahre Gesicht des Nationalsozialismus und seiner Helfershelfer – Wehrmacht, Justiz und Diplomatie – und das vorrangige Ziel des „Führers und Reichskanzlers“, die Juden zu vernichten. Die Auswanderung war für ihn nun beschlossene Sache.

Da der Geist der Rache der jüdischen Religion fremd ist und ein gewaltloser Widerstand nicht zur Debatte stand, stellten sich die Gemeindemitglieder erneut die bange Frage: Auswandern wie Friedrich Metzger (29), Ausharren wie bisher oder in die Illegalität Untertauchen (30)? Keine der drei Möglichkeiten schien eine plausible Alternative zu bieten, und doch drängte eine Entscheidung. Der Großteil der Betroffenen tröstete sich jedoch damit, dass das Schlimmste möglicherweise bald überstanden sei, aber sie unterschätzten die Nationalsozialisten. Das Grausame und Unvorstellbare und deshalb Unglaubliche, nämlich die physische Vernichtung, stand vielen von ihnen kurz bevor (31).

Noch unter dem Schock der Lagerhaft verkaufte Carl am 15.12. 1938 Geschäft und Wohnung weit unter Wert an einen Interessenten. Dann reiste das Ehepaar Landenberger am 19.01.1939 in die Normandie, nach Cherbourg, um sich in diesem wichtigen Kriegshafen mit der Hamburg-Amerika-Linie nach Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, einzuschiffen.

Die dortige liberale Regierung war gerade dabei, sich einer kommunistischen Arbeiterbewegung zu erwehren. In dieser Stadt lebte bereits unter den ca. 1500 meist aus Osteuropa stammenden Juden ihre Tochter Grete mit ihrem Mann Helmut. Sie selbst hatten jedoch geringe Chancen, sich dort anzusiedeln. Bald darauf verloren sie alle durch Kommunisten- Umtriebe ihr spärliches Hab und Gut, aber retteten das Wichtigste: das Leben. Ihr Sohn Hans war nach Miami im US-Bundestaat Florida emigriert und hieß seither Henry Landen.

Seine Großmutter Clara zog nach dem Novemberpogrom 1938 von Speyer in die badische Großstadt Mannheim, um in der dortigen jüdischen Gemeinde besser geschützt zu sein. Vergeblich. Die Schlinge der Henker zog sich zusammen…Von wo aus die 78-jährige Frau später nach Südfrankreich deportiert wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln (32). Sie kam schließlich in Bandol bei Toulon 1942 ums Leben. Ein kleiner Grabstein auf dem Speyerer jüdischen Friedhof in französischer Sprache erinnert noch an sie:

 

„Ici repose notre chère Claire LEHMANN, née Wertheimer, décédée 1942“

.

(1) Einige wichtige Informationen über Carl Landenberger verdankt der Autor Alfred Steinmetz aus Speyer.

(2) Die wenigen jüdischen Familien dieses Ortes bildeten keine Gemeinde und besuchten den Gottesdienst in der Synagoge der Nachbarorte Demmelsdorf und Zeckendorf.

(3) Vgl. Kurzporträt Nr. 8.

(4) Vgl. Speyerer Gewerbeanmelderegister vom 03.02.1910.

(5) Als religiöser Jude hielt Herr Landenberger den jüdischen Sabbat ein, der am Freitagabend nach Einbruch der Dämmerung beginnt und am Samstagabend bei Dunkelheit endet. Das tat er auch an den hohen jüdischen Feiertagen im September / Oktober. Um gegenüber der Konkurrenz jedoch nicht ins Hintertreffen zu geraten, war sein Geschäft an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Vgl. die Speierer Zeitung vom 07.01.1910.

(6) Vgl. Kurzporträt Nr. 1.

(7) Vgl. das Speierer Adressbuch vom 1894.Wohltätigkeit (hebr. Zedaka) wird im Judentum als eine Nachahmung Gottes verstanden, der sich aller Menschen, besonders aber der Schwachen, erbarmt. Vgl. Psalm 33,5 und Sprüche 10,2. Deshalb nimmt sie einen hohen Stellenwert ein. Wie in allen jüdischen Gemeinden gab es auch in Speyer einen Wohltätigkeitsverein. Er hatte die Aufgabe, Hilfsbedürftige zu unterstützen, einsame Kranke zu betreuen und Toten einen ehrenvollen Abschied zu erteilen. Die Gemeindemitglieder spendeten für den Wohltätigkeitsverein, und die Vereinsmitglieder übten ihre Tätigkeit genau in der Art und Weise aus, wie sie in der Vereinssatzung festgelegt wurde. Das nächste jüdische Krankenhaus lag in Mannheim.

(8) Vgl. Kurzporträt Nr. 10.

(9) Vgl. „Die Juden von Speyer“, Bezirksgruppe Speyer, Historischer Verein der Pfalz, 2004, S. 180.

(10) Vgl. die Speierer Zeitung vom 04.04.1914.

(11) Ebenda vom 31.10.1912.

(12) Isaak Josef Müller wurde im Januar 1841 in Neuleiningen geboren. Im Jahre 1868 gründete er eine mechanische Schuhfabrik in der Speyerer Mühlturm-Straße 4, in der mindestens 85 Arbeiter beschäftigt waren. Er heiratete 1870 in Speyer Amalia, geb. Jacobi, aus Grünstadt. Sie wurden Eltern von fünf Söhnen und drei Töchtern, die alle in Speyer geboren wurden. Der sozial eingestellte Fabrikgründer und Mitglied des Synagogen-Vorstands verstarb 65-jährig im September 1906 bei Freiburg i.Br., wo er Heilung vom schweren Leiden gesucht hatte. Die Speierer Zeitung vom 06.09.1906 ehrte ihn mit einem Nachruf. Seine Söhne führten den Betrieb weiter, bis er in der Nazi-Zeit „arisiert“ wurde. Während des Krieges arbeiteten in der Schuhfabrik Ostarbeiter und Kriegsgefangene. Müllers Sohn Friedrich kam im Oktober 1942 in KZ. Auschwitz um, der Bruder Richard, dekorierter Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg und Oberstaatsanwalt in Frankenthal, überlebte das Lager Dachau und den Holocaust. Er verstarb im April 1954 in Ludwigshafen am Rhein.

(13) Vgl. die Speierer Zeitung vom 29.02.1916.

(14) Vgl. Kurzporträt Nr 8, Anmerkung 10.

(15) Vgl. die Speierer Zeitung vom 22.03.1916.

(16) Ebenda vom 24.03.1916.

(17) Ebenda vom 31.03.1917.

(18) Nach Palästina eingewanderte deutsche Juden wurden von den dort lebenden Juden „Jeckes“ genannt, weil sie in einer völlig anderen Umwelt stur an ihre deutschen Gewohnheiten festhielten. So trugen sie trotz glühender Hitze Jackett-Anzug mit Krawatte.

(19) Diese Untat erschreckte und beunruhigte die Gemeinde, die wie stets in Zeiten der Not noch enger zusammenrückte. Der Synagogenrat unternahm das Notwendige, um den Schaden so schnell wie möglich beheben zu lassen. Der oder die Täter wurden von der Polizei nicht ermittelt.

(20) Vgl. „Jüdisches Leben in der Pfalz“ von Bernhard Kukatzki, S. 56.

(21) Benedikt Cahn, im Januar 1854 in Rülzheim geboren, wurde Zigarrenfabrikant mit Tabakfabriken in Hördt und Lingenfeld und Büro in Speyer. Seine Frau hieß Julia, geb. Mayer, aus Hochstadt. Sie wohnten in der Herd-Straße 3 und hatten drei Töchter und einen einzigen Sohn, Ludwig. Dieser fiel als Infanterist nach dreijährigem Einsatz 1917 in Frankreich. Benedikt stand der Gemeinde vom 1918 bis 1929 vor. Er starb im Mai 1936 im vornehmen Berlin-Charlottenburg bei seiner verheirateten Tochter Nelly. Seine Beisetzung fand auf dem jüdischen Friedhof in Speyer statt. Seine Frau wurde im März 1943 im KZ Theresienstadt ermordet.

(22) Vgl. die Speierer Zeitung vom 05.07.1926

(23) Ebenda vom 04.09.1926.

(24) Ebenda vom 02.05.1929.

(25) Werner Seligmann, geboren im Dezember 1909 in Speyer, war das einzige Kind von Sigmund und Klara, geb. Weinstein. Er wurde Kaufmann von Beruf und betätigte sich als Musiker in seiner Freizeit. Im Oktober 1939 heiratete er Eleonore, geb. Kling, aus Mannheim. Von dort aus wurden beide im folgenden Oktober nach Gurs verschleppt und in KZ Auschwitz ermordet. Datum unbekannt.

(26) Alfred Cahn erblickte das Licht der Welt am 27.03.1922 in Speyer als Sohn des Rauchwarenhändlers Maximilian und dessen früh verstorbenen Ehefrau Thekla, geb. Eisemann. Er überlebte mehrere Lager, darunter Gurs, wo er einen Kinderchor gründete, dank der Liebe zur Musik. Seit 1948 lebt er als Pianist in Milwaukee, US-Bundesstaat Wisconsin.

(27) Vgl. das „Jüdische Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz“ Nr. 4, 1938.

(28) Carls Unterschrift erscheint auf der Abschrift der Allgemeinen Vollmacht, die das Stadtarchiv Speyer unter I A 8 e fol. 4 ff verwahrt.

(29) Friedrich Metzger war mit seiner Familie bereits im Herbst 1933 ausgewandert, da ein „Turnbruder“ ihn rechtzeitig vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten gewarnt hatte. Erst auf mehreren Umwegen erreichten sie die USA.

(30) Illegalität ist die Hölle. Als gebürtiger Speyerer weigerte sich Berthold Böttigheimer auszuwandern, wie viele seiner Glaubensgenossen. Er tauchte im Vertrauen auf seine „arische“ Frau und einen großen Freundeskreis am 07.11.1943 unter. Aus „Herr Böttigheimer“ war „Herr Frank“ geworden. Acht befreundete Familien versorgten ihn im Versteck mit allem Notwendigen zum Leben, abwechselnd, um das Risiko zu verteilen. Die Gestapo zwang seine Frau, sich von ihm am 27.06.1944 scheiden zu lassen. Der Tag der Befreiung brach an, als amerikanische Truppen am 24.03.1945 in die Stadt einrückten. Am 10.01.1980, fünfunddreißig Jahre nach seiner Rettung, ging er den Weg alles Irdischen.

(31) Mehrere Speyerer Juden wählten vor der Oktober-Deportation 1940 angesichts der völlig hoffnungslosen Lage den Freitod durch Gift, Strang oder auch auf andere Art und Weise. Dazu wurden sie durch nackte Gewalt getrieben.

(32) Freundliche Auskunft des Stadtarchivs Mannheim.

30.10.2011


16. DR. MED. WILLY TAENDLER

Willy Taendler stammte ursprünglich aus Rogasen, polnisch Rogozno, wo er am 21.01.1872 geboren wurde. Der Ort liegt in der Provinz Posen, heute Poznan, einer der früheren „Hauptstädte“ Polens. Seit den siegreichen Freiheitskriegen von 1814/15 und bis 1920 gehörte diese Provinz zu Preußen und hieß „Südpreußen“. Seine Eltern waren der am 02.02.1837 in Rogasen (1) geborene Kaufmann Abraham, gen. Adolf, und dessen ebendort am 28.12.1848 geborene Frau Sara, gen. Dora, geb. Schocken. Sie war sehr wahrscheinlich mit der Familie des Verlegers und Warenhausbesitzers Salman Schocken (2) verwandt, der aus Margonin bei Posen stammte. Damit gehörten sie zu der gehobenen Schicht der Kleinstadt. Willy bekam am 05.07.1873 einen Bruder namens Richard. Willy hatte sich für den Arztberuf entschieden.

Die Posener Juden waren, verglichen mit der meist ländlich geprägten polnischen Bevölkerung, Kaufleute und Handwerker mit einem hohen Lebensstandard. Wie so oft blieb der Neid der Nichtjuden nicht aus. Aufgrund dieser gespannten Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen übersiedelte Dr. Taendler Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Südwesten des Kaiserreichs, in die Domstadt Speyer.

In der Bischofsstadt wohnte er zunächst in der Rützhaubstraße 7, Tel. 85. Als Ludwig Ganghofer im Jahr 1899 seinen Roman: „Das Schweigen im Walde“ veröffentlichte, heiratete er am 24.05. Clara, gen. Jenny, geb. Mager, wohnhaft in der Speyerer Ludwigstraße 13. Die Braut war keine geborene Pfälzerin, sie war auch nicht in Deutschland zur Welt gekommen. Sie hatte am 01.01.1878 in New York das Licht der Welt erblickt als ihre Eltern, der Hemdenfabrikant David Mager aus Krautheim / Baden und dessen Ehefrau Emma, geb. Rosenfeld, aus Oeynhausen an der Werre, beide wohnhaft in Speyer, sich gerade in der amerikanischen Metropole aufhielten. Der Zeremonie im Standesamt wohnten als Trauzeugen bei: Jakob Mager, Onkel der Braut, und der Lackfabrikant Georg Wilhelm Strasser (3).

Im folgenden Jahr, am 01.04.1900, verstarb Willys Vater Adolf nach langem Lungenleiden und wurde auf dem südlichen Hauptweg des jüdischen Friedhofs in Speyer bestattet. Auf seinem Grabstein stehen die Worte: „Friede seiner Asche“ (4). Nur viereinhalb Monate später, am 15.08., gebar Willys Frau in Speyer einen Sohn, dem sie den Namen des Großvaters Adolf gaben.

Dr. Taendler hatte die Praxis bei seiner Wohnung und praktizierte morgens von 8 bis 9 Uhr und nachmittags von 12 bis 14,30. Nach Aussage des Zeitzeugen Emil Fertig (5) duzte er alle Menschen, die ihn dort aufsuchten und die ihn mochten. Sie beschrieben ihn als volksnah und lebensfroh, Eigenschaften, die manchmal auch zu Missverständnissen und Verdächtigungen führten. Außerhalb der Praxisstunden machte Dr. Taendler Hausbesuche und schaute nach seinen Patienten, die im St.- Vincentius-Krankenhaus lagen. Er war damit Arbeitskollege von Dr. Siegmund Reis (6). Es gab aber auch Krankenhäuser, die jüdische Ärzte aussperrten. Das Gleiche galt für Zahnärzte und Apotheker, die damals von dieser antisemitisch beeinflussten Einstellung ihrer Mitmenschen nicht verschont blieben (7).

Im St. Vincentius-Krankenhaus entfaltete Dr. Taendler, im weißen Kittel mit dem Stethoskop um den Hals und Notizbrett in der Hand, einen beachtlichen Teil seiner Tätigkeit. Da die Anstalt noch über keinen leitenden Hausarzt verfügte, war es jedem Patienten gestattet, den Arzt seiner Wahl mitzubringen. So behandelte er im Jahre 1906 59 Patienten, davon 45 Kassenpatienten zum Tagessatz von 2,20 Mark, und 14 Privatpatienten. Es war nach der vorliegenden Aufstellung die höchste Patientenzahl pro Arzt. Im Jahre 1922 schlug die Ortskrankenkasse Dr. Taendler als Hausarzt für alle Kassenkranken im Krankenhaus vor. Im gleichen Jahr erhielt er für seine Leistungen ein Honorar von 639 Mark. 1926 betreute er 35 Patienten, 1927 130 und im folgenden Jahr 103. Er rangierte in der Liste der ärztlichen Leistungen an dritter Stelle (8).

Wie in den meisten jüdischen Familien üblich, beschäftigte Dr. Taendler ein Dienstmädchen vom Lande, dem die Haushaltsführung oblag (9). Am 01.04.1908 hatte er dieses Mädchen aufgrund seiner mangelhaften Arbeitsleistung entlassen. Nach einem Pressebericht (10) benutzte diese Frau ihre Kenntnisse des Hauses und der Gewohnheiten seiner Bewohner, um sie mit Hilfe eines Nachschlüssels um 500 bis 600 Mark zu erleichtern. Aus Rache, Habgier oder aus purer Not? Dr. Taendler entdeckte den Fehlbetrag bei der Revision seiner Kasse und erstattete Anzeige. Der Polizei gelang es schnell, die Täterin zu ermitteln und sie zur Rückerstattung des Geldes zu bewegen. Mit der neuen Haushaltshilfe hatte Dr. Taendler wieder Glück.

Im Jahre 1909 traten er und seine Frau Clara dem Israelitischen Verein für das Altersheim für die Pfalz bei (11). Da die Praxis gut lief, erwarb er im gleichen Jahr von den Erben Schwesinger für 6000 Mark den Bauplatz, der an der Ecke Ludwigstrasse / Zeppelinstraße lag. Dort ließ er sein neues Domizil mit Praxis im Jugendstil erbauen: Ludwigstraße 12a, heute Nr. 25 (12). Er fühlte sich mittlerweile als Speyerer Bürger fest verwurzelt wie ein Alteingesessener.

Er nahm am Ersten Weltkrieg 1914-1918 nicht aktiv teil, aber er pflegte die Verwundeten an der Heimatfront, in den verschiedenen Lazaretten der Stadt. Die militärische Niederlage des Deutschen Reichs und folglich die Rückgabe Posens an Polen stellten zwei politische Ereignisse dar, die sein Leben direkt betrafen. Aufgrund des verlorenen Krieges hatte sich das wirtschaftliche und politische Klima in Deutschland, zumal für Bürger jüdischen Glaubens, zum Schlechteren verändert.

Seit der Aufstellung des „unabänderlichen“ Parteiprogramms der NSDAP 1920 mit seinem antisemitischen Schwerpunkt (13) gehörten gelegentliche Übergriffe gegen jüdische Bürger auf offener Straße und am helllichten Tag beinahe zur Normalität der Weimarer Republik. Unter Punkt 4 des Programms hieß es ja:

 

„Kein Jude kann Volksgenosse sein.“

 

So zog Willys Bruder Richard, der mittlerweile als Mitarbeiter der Dresdner Bank in Mannheim gewirkt hatte, daraus als einer der ersten Juden seine Schlussfolgerung. Er emigrierte am 19.10.1924 in die am Stillen Ozean gelegene Hafenstadt Valparaiso / Chile - den Geburtsort des späteren Staatspräsidenten Salvador Allende - wo ca. 3000 Juden in Sicherheit lebten. Willys Sohn Adolf folgte seinem Onkel Richard im gleichen Jahr nach, nicht ahnend, dass sie damit dem „Holocaust“ entkämen. Am 26.11.des gleichen Jahres starb Willys Mutter Dora friedlich nach kurzem Unwohlsein und wurde in aller Stille auf dem jüdischen Friedhof bei ihrem Mann beigesetzt.

Da die politischen Verhältnisse, statt sich zu bessern, ständig eskalierten, - der Pfälzer Wilhelm Frick war im Januar 1930 als Nationalsozialist Innenminister in Thüringen geworden - und Dr. Taendler das Gefühl hatte, in Speyer auf dem Präsentierteller zu sitzen, zog er mit seiner Frau Jenny am 01.04.1930 in den Kurort Wiesbaden nach 30-jährigem Aufenthalt in der Domstadt. Mit seinem Wegzug gab es dann in Speyer keinen jüdischen Arzt mehr.

In der Anonymität der hessischen Großstadt hofften die Eheleute zumindest vor unmittelbaren Gefahren besser geschützt zu sein. In Wirklichkeit gingen sie dort, wie Dr. Reis und seine Frau, den schwierigsten Jahren ihres Lebens entgegen. Zuerst wohnten sie in der Adolf-Allee 30, wo Dr. Taendler auch praktiziert haben soll, und danach in der Sonnenberger Straße 22. Beide Domizile entsprachen dem gehobenen Charakter einer internationalen Kurstadt.

Die jüdische Gemeinde Wiesbaden schwankte – wie alle Schwestergemeinden im Dritten Reich - zwischen Resignation, Verzweiflung und Prinzip Hoffnung (14). Sie gedachte mit Wehmut vergangener Zeiten, als sie, die Bekenner mosaischen Glaubens, von ihren Bürgern meistens anerkannt und respektiert waren. So war es beispielsweise zurzeit Abraham Geigers (1810-1874), als dieser Gelehrte vom 1832 bis 1838 dort als Rabbiner und Dozent wirkte (15).

Am 25.07.1938 strich die NS-Führung die Approbationen sämtlicher jüdischer Ärzte. Von nun an waren einige von ihnen lediglich „Krankenbehandler“ zur Versorgung von Juden zugelassen. Medikamente bekamen sie keine mehr. Und das, obwohl gerade jüdische Ärzte seit jeher einen ausgezeichneten Ruf genossen und eine erlesene Kundschaft bei ihnen verkehrte. Dieses Unrecht, das Dr. Hirsch nicht ahnen konnte und Dr. Reis noch erspart geblieben war, traf Dr. Taendler in voller Schärfe. Dachte er danach doch, zu seinem Sohn nach Chile auszuwandern oder gar unterzutauchen? Oder erlag er einer Selbsttäuschung?

Der Novemberpogrom des gleichen Jahres, der beispiellos im ganzen Land wütete und gegen den sich kein nennenswerter Protest erhob, weil sich in den Köpfen der Zuschauer noch der alte Obrigkeitsspruch steckte: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ oder vielmehr, weil die Menschen Angst vor dem herrschenden Terror hatten, raubte ihm und seiner Frau die letzten Illusionen. Und das erst recht, als die Nationalsozialisten im September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselten. Für sie war Deutschland keine Kulturnation mehr, zu deren Entwicklung Juden durch ihre Leistungen maßgeblich beigetragen hatten. Diese neue Lage verdeutlichte ihnen, dass der Anfang von einem Ende mit entsetzlichen Folgen nun eingeleitet sei.

Ab September 1940 lebten sie mehr schlecht als recht in der Blumenstrasse 7. Die Anfangssiege der Wehrmacht im Westen über die neutralen Staaten Belgien, die Niederlande und Luxemburg empörten ihr Rechtsempfinden. Mit Entsetzen erfuhren sie von der „Abschiebung“ jüdischer Bürger aus dem Südwesten des „Großdeutschen Reiches“, wozu auch die Speyerer Juden gehörten. So wurde dieser Teil Deutschlands nach den ehrgeizigen Plänen der Gauleiter Josef Bürckel (16) / Gau Westmark und Robert Wagner / Gau Baden als erster „judenrein“ (17), womit sie dem „Führer“ rein „arische“ Gaue präsentieren wollten.

Am 13.06.1942 wurden Dr. Taendler und seine Frau zur besseren Überwachung in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Bahnhofstrasse 25 umgesiedelt. Es war ein Haus, das Juden gehört und in dem auch „Arier“ gewohnt hatten, die aber ausgezogen waren, so dass Räume zur Verfügung standen, die mit weiteren Juden belegt wurden. Dort mussten sie mit mehreren Leidensgenossen in miserablen Verhältnissen hausen, faktisch wie Gefangene: die Vorstation des Lagers.

Von dort aus wurden sie am 01.09.1942 mit Zügen der Deutschen Reichsbahn, die vor aller Augen zusammengestellt wurden, in das neue Altersghetto Theresienstadt-Terezin, (18) deportiert. Es war die Stadt, die der Führer nach der Nazi-Propaganda den Juden geschenkt hatte. Dieses Lager erweckte nach außen hin tatsächlich den Anschein einer harmlosen Stadt, so sehr waren die braunen Machthaber darin zu Meistern der Täuschung geworden. Am 06.11. des gleichen Jahres traf in Theresienstadt ein Deportierten-Transport ein, dem unter anderen Unglücklichen eine beeindruckende Frau entstieg: die vierzig-jährige ledige Regina Jonas (19), die weltweit erste Rabbinerin. Als solche wird sie sich um die erbärmliche Lebensverhältnisse der Lagerinsassen gekümmert haben. Ob sie auch das Ehepaar Dr. Taendler ansprach, bleibt nur Spekulation.

An den Entbehrungen der Lagerhaft verstarb Willy Taendler am 23.09.1942, im Alter von 70 Jahren, wie sein Berufskollege Dr. Sussmanowitz in Gurs. Im Winter des gleichen Jahres begann in der Sowjetunion die Schlacht um Stalingrad, das sich zu erobern Adolf Hitler aus Prestigegründen geschworen hatte. Sie aber markierte den Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges und zugleich den Anfang vom Ende nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.

Jenny Taendler wurde von Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Sie musste schwerste Arbeit verrichten und hoffte noch immer, aus dieser Hölle auf Erde lebend noch einmal davon zu kommen. Hatte sich im Lager die Nachricht vom Untergang der 6. und Teile der 4. deutschen Panzerarmee in Stalingrad bereits herumgesprochen? Nach einem Lageraufenthalt (20) von insgesamt zwanzig Monaten wurde sie am 15. 05.1944 in die „Entlausungsanstalt“ geschickt, wo sie binnen Minuten umkam. Ihre Leiche wurde anschließend in den Öfen verbrannt und die Asche in die Sola geschüttet. Die Befreiung der Lagerinsassen durch Truppen der Roten Armee, am 27.01.1945, (21) kam für sie zu spät. Willy und Jenny Taendler starben als unschuldige, wehrlose, „rassische“ Rivalen der selbst ernannten „Herrenmenschen“.

Auf Initiative von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins „Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.“, dessen zentrales Anliegen der Erinnerungsarbeit das namentliche Gedenken ist, wurden am 03.07.2009 in der Sonnenbergerstrasse 22 im Gedenken an Dr. Willy Taendler und seine Frau Jenny Clara je ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig aus Köln verlegt (22). Wer sehen will und nachdenken kann, wird so dazu angeregt (23). Denn man kann nach der Barbarei des Holocaust nicht zur Tagesordnung übergehen, so als wäre nichts geschehen.

(1)   Von den ca. 1000 jüdischen Bewohnern, die im Jahre 1793 in Rogasen lebten, waren es kurz vor dem Ersten Weltkrieg nur noch etwa 500 übrig geblieben.

(2)   Der Schocken-Verlag leistete durch seine Veröffentlichungen einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Kultur. Sein Begründer Salman Schocken, geb.1877 gest. 1959, gab Bücher heraus von Martin Buber, S.J. Agnon, Franz Kafka, Karl Wolfskehl, und Manfred Mombert u. a. Der Verlag bestand von 1932 bis 1938.

(3) Jakob Mager, der jüngere Bruder Davids, 1858 in Weingarten / Baden geboren, war Möbelfabrikant von Beruf, königlicher Hoflieferant, Stadtrat von 1899 bis 1907 und erster Vorsitzender der Gemeinsamen Ortskrankenkasse. Georg Wilhelm Strasser wohnte in der Gilgen-Straße 5.

(4) Im Judentum wird das Sterben und der Verwesungsprozess im Grab, ähnlich wie im Christentum, als Buß- und Sühnegeschehen aufgefasst. Zwar gilt ein Toter als rituell unrein, aber Gott hat die Macht, Leib und Seele bei der Auferstehung zusammenzuführen. Aus diesem Grund wird die Erdbestattung empfohlen, die einer tausendjährigen Tradition entspricht. Eine Feuerbestattung wird jedoch geduldet.

(5) Emil Fertig gab dem Autor diese Auskunft in einem Gespräch am 09.02.1999.

(6) Vgl. Kurzporträt Nr.10.

(7) Vgl. „Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden“ von Dr. Rieger, Berlin 1918.

(8) Vgl. „St.- Vincentius-Krankenhaus Speyer 1905-2005“ von Karl Heinz Debus unter Mitarbeit von  Doris Debus, S. 69,84,88,131.

(9) Eine solche Haushaltshilfe benötigten vor allem religiöse Juden wegen ihrer Einhaltung der strengen Arbeitsruhe am Sabbat, dem jüdischen Feiertag. Zumindest gab es immer die „Schabbesmagd“, eine Nichtjüdin, die die Hausarbeit am Samstag erledigte.

(10) Vgl. die Speierer Zeitung vom 07.05.1908.

(11) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer a. Rhein 1909.

(12) Vgl. die Speierer Zeitung vom 31.03.1909.

(13) Die nationalsozialistische Ideologie gründete auf Voraussetzungen, die schon als solche falsch waren. Es gibt keine Übermenschen und keine Untermenschen, sondern nur Menschen. Diese können sich wohl aufgrund von verschiedenen Faktoren wie Klima, Umwelt, Geschichte und Kultur voneinander unterscheiden. Mehr nicht. Es gibt keine Rasse im wissenschaftlichen Sinne, sondern nur Rassisten.

(14) „Das Prinzip Hoffnung“ ist der Titel einer Schrift des marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Er wurde 1885 in Ludwigshafen am Rhein geboren und emigrierte 1933 in die USA. Dort verfasste er die genannte Schrift in den Jahren 1938-47. Darin wie in anderen Werken sind deutliche Spuren der hebräischen Bibel und der chassidischen Erzählungen zu finden, obwohl er sie im Sinne des Sozialismus umdeutet. So sind die theologischen Begriffe „Gott“, „Exodus“ und „Reich“ lediglich Vorwegnahmen einer glücklichen Zukunft der Menschheit. Bloch war tätig nach einer Zwischenzeit von 1949 bis 1957 als Professor in der DDR, seit 1961 in Tübingen, wo er 1977 verstarb.

(15) Abraham Geiger war der bedeutendste Vertreter der Reformbewegung im deutschen Judentum des 19. Jahrhunderts. Er wurde 1870 Rabbiner in Berlin. Er erforschte alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft und sparte nicht mit Talmudkritik. Er untersuchte u.a. das Verhältnis von Juden und Christen im Mittelalter sowie in der Neuzeit. Er machte neue Gebete in der Landessprache zum Mittelpunkt des Gottesdienstes. Nach ihm ist ein Kolleg in Potsdam benannt, das Rabbiner für den Gemeindedienst ausbildet.

(16) Der am 30.03.1895 in Lingenfeld / Pfalz geborene Josef Bürckel wurde Volksschullehrer von Beruf, im März 1926 zum Gauleiter gewählt und später Gauleiter in Wien. Er starb am 28.09.1944 in Neustadt an der Weinstraße durch Selbstmord.

(17) Der Südwesten Deutschlands war in Wirklichkeit nicht „judenrein“ geworden, da BürgerInnen jüdischen Glaubens, die in einer Mischehe mit ArierInnen lebten, von den Transporten zunächst ausgenommen wurden. Ebenso entgingen der Deportation Jüdinnen und Juden, die sich vorübergehend außerhalb Badens, der Pfalz und des Saarlandes befanden. Manche Schwerkranke, die deshalb nicht transportfähig waren, durften in ihren Wohnungen verbleiben -“unter Hausarrest“.

(18) Theresienstadt / Terezin liegt am Eger in der Tschechei, etwa 50 Kilometer nördlich von Prag, im damaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“, in einem Land, dessen Volk nie fanatische Antisemiten waren. Die Stadt war eine sternförmig angelegte Festung und hatte sechs Tore. In diesem Lager wurden nur Juden untergebracht, die sich besondere Verdienste für das Vaterland, etwa Offiziere und Soldaten des Ersten Weltkriegs, erworben hatten. Es sei ein „Paradiesghetto“, so behaupteten die Nationalsozialisten. Aber Bank, Theater, Kaffee, Ladengeschäfte waren Attrappen. In der Kleinen Festung befanden sich die Folterkammern der SS-Leute. 141 162 Personen, davon allein 4000 Einwohner von Frankfurt am Main, kamen im Lager zu Tode. Am 08.05.1945 befreiten Rotarmisten die etwa 17 000 Überlebenden. Vgl. „Die Geschichte der Juden“ von Robert Hess, Otto Maier Verlag, Ravensburg.

(19) Regina Jonas hatte pfälzische Wurzeln, ihre Mutter war eine geborene Hess aus Böchingen. Vgl. „Jüdisches Leben in der Pfalz“ von Bernhard Kukatzki, S. 93 sowie den Beitrag: „Gott hat nicht nach unserem Geschlecht gefragt“ von Stefanie Neumeister in „Jüdische Zeitung“, Januar 2011.

(20) Was diese Arztfrau, die als vornehme Dame der Oberschicht an die Bequemlichkeit eines gehobenen Lebensstils gewohnt war, im langen Lageralltag erdulden musste, lässt sich nur schwer vorstellen, geschweige denn mit Worten beschreiben.

(21) Der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ist seit Januar 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum offiziellen deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus proklamiert worden. Er soll als „nachdenkliche Stunde inmitten der Alltagsarbeit“ begangen werden. Ort der Speyerer Gedenkveranstaltung „Erinnern, Gedenken, Mahnen“ ist die ehemalige Heilig-Geist-Kirche in der Johannes-Straße 6. Die Feier wird von Schülerinnen und Schülern Speyerer Schulen gestaltet, und der Oberbürgermeister der Stadt zitiert in deren Verlauf die ersten Artikel des Grundgesetzes.

(22) Die Verlegung solcher Stolpersteine mag gut gemeint sein, ist jedoch nicht unumstritten. Es gibt dafür Befürworter, die für ihre steigende Tendenz sorgen, und Gegner, die sie ablehnen. Das gilt nicht nur unter Christen, sondern auch unter Bürgern jüdischen Glaubens. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, beispielsweise war dagegen. Sie und ihre Mitstreiter vertreten nämlich die Meinung, man habe Jahrhunderte lang auf die Juden getrampelt, sie wollen nicht, dass es jetzt wieder geschieht.

(23) Freundliche Mitteilung von Dr. Elisabeth Schaub aus Wiesbaden vom 25.05.2009.

30.10.2011


15. DR. MED. JULIUS ISAK SUSSMANOWITZ

Nachfolger von Dr. Reis in Speyer sowie neuer Kollege von Dr. Theodor Hirsch (1) und Dr. Willy Taendler (2) wurde Dr. Julius Isak Sussmanowitz (3). Er erblickte das Licht der Welt im November 1870 in Gorsden, das im fernen, seit 1795 unter russischer Verwaltung stehenden Litauen liegt. Die Namen seiner Eltern sind unbekannt, auch nicht wer sie waren oder woher sie stammten. In diesem baltischen Land lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa 150 000 Juden – mehr als ein Achtel der Gesamtbevölkerung - die weniger unter Verfolgung und Gewalt zu leiden hatten als ihre Glaubensgenossen in Russland und der Ukraine. Deshalb verfügten sie über berühmte Talmudschulen, die Rabbiner für ganz Russland und für jüdische Gemeinden im Ausland ausbildeten. Julius Isak wählte nicht den Rabbiner-, sondern den Arztberuf.

Da deutsche Ärzte jüdischen Glaubens in Russland Schikanen ausgesetzt waren (4), entschloss sich Dr. Sussmanowitz, das Zarenreich Nikolaus‘ II. zu verlassen und in das Kaiserreich Wilhelms II. zu übersiedeln. Dazu veranlassten ihn auch Spannungen zwischen der litauischen Nationalbewegung und Russland. Zunächst kam er nach München und am 27.07.1900 von dort nach Beerfelden im Odenwald (5), wo er kurze Zeit als Gemeindearzt tätig war. Seit Oktober 1902 war er Arzt in Zeiskam / Pfalz (6), einem landwirtschaftlich geprägten Kleindorf, das heute zur Verbandsgemeinde Bellheim gehört.

Dr. Sussmanowitz war nach Aussagen des Zeitzeugen Stephan Scherpf (7) von stattlicher Gestalt. Im Jahre 1906 schloss er in Schwetzingen (8) die Ehe mit der sechzehn  Jahre jüngeren Laura, geb. Metzger, die von dort stammte. In Zeiskam wurde ihm im Februar 1908 der Sohn Ernst Max geboren. Im März des folgenden Jahres wurde er Vater einer Tochter, die den Namen Edith Sophie erhielt.

Im September 1913 zog Dr. Sussmanowitz mit seiner Familie nach Speyer, da in der Domstadt die Arztstelle von Dr. Siegmund Reis frei geworden war. Laut einer Zeitungsanzeige (9) wohnte er in der großen Greifengasse 1, Ecke Wormser-Straße, und war dort als praktischer Arzt tätig. Er hatte Sprechstunden von 12.00 bis 15.00 Uhr und war telefonisch erreichbar unter der Nr. 572. Nach einem Leben auf dem Lande fühlte sich die Familie wohl im zweitausendjährigen Speyer mit seinem städtischen Charakter, wo das offene Land gleich angrenzt. Für sie galt jetzt die Redewendung: „Stadtluft macht frei!“

Der Zeitzeuge Stephan Scherpf (10) sagte weiter aus, dass der Mediziner mit Hausmitteln, also mit Heilpflanzen und Gewürzen arbeitete, deren Kenntnisse er aus der baltischen Heimat mitgebracht hatte. Er wusste genau, dass manche Leute Gewächse für „Unkräuter“ halten, die in Wirklichkeit Heilkräuter sind mit besten Wirkstoffen gegen Krankheiten aller Art. Darauf vertraute er mehr als auf manche chemische Präparate der Schulmedizin. Er soll auch sehr sozial eingestellt gewesen sein, was wiederum auf seine früheren Erfahrungen mit leidgeprüften Bauern zurückzuführen ist.

Bald hatte er sich einen Ruf als „Arbeiterarzt“ erworben, wie ihn seine Tochter und seine Patienten nannten. Auch er nahm als Arzt den Kampf gegen zwei Grundübel seiner Zeit auf: die Lungentuberkulose und die Säuglingssterblichkeit. Diese Krankheiten waren damals mangels besserer Medikamente als Aspirin wie Antibiotika und Sulfonamide noch nicht besiegt worden. Sie schonten niemanden, weder die besser gestellten Kreise noch die Arbeiterklasse. Die Säuglingssterblichkeit betrug 1912 in Deutschland 14,7 auf 100 Lebendgeborene und erreichte gerade in Speyer (11), mit 22,0 eine erschreckend hohe Sterblichkeitsrate. Im November 1920 wurde Dr. Sussmanowitz Vater eines zweiten Sohnes: Heinrich Siegmund. Selbst dieser Nachzügler fiel nur acht Monate später der erwähnten Kindersterblichkeit zum Opfer. Die Therapie durch den eigenen Vater konnte ihm nicht helfen. Der Neugeborene wurde in der Kinderabteilung des jüdischen Friedhofs an der Südmauer in Speyer beigesetzt.

Während des Ersten Weltkrieges von 1914-1918 pflegte Dr. Sussmanowitz als Assistenzarzt, wie Dr. Theodor Hirsch, Dr. Willy Taendler und andere Kollegen die Verwundeten in den Speyerer Lazaretten, deren Zahl eher zu- als abnahm. Dafür erhielt er vom Bayerischen Staat im Mai 1916 das König-Ludwig-Kreuz auf Kriegsdauer verliehen.

Als Wladimir Iljitsch Ulianow, der den politischen  Decknamen „Lenin“ benutzte, am 07./08.11.1917 in Russland die sogenannte Oktoberrevolution einleitete und den Ersten Weltkrieg im Westen beendete, mag Dr. Sussmanowitz diese Nachricht mit besonderem Interesse aufgenommen haben (12). Er wagte wahrscheinlich, gespannte Erwartungen daran zu knüpfen. Doch bald darauf berichteten russische Immigranten von den Gräueln und Gewalttaten der bolschewistischen Revolution, die viele Menschen in den westlichen Demokratien erschaudern ließen.

Die Stadt Speyer soll Dr. Sussmanowitz im Jahre 1927 mit dem Titel „Sanitätsrat“ geehrt haben. Unerwartet erlitt er zwei Jahre später, im Alter von 59 Jahren, einen Herzinfarkt, eine der häufigsten Todesursachen, und musste deshalb die Praxis an einen Nachfolger weitergeben. Er zog mit seiner Frau Laura zu seinem Sohn Ernst und seiner Tochter Edith nach Heidelberg, die dort beide nach bestandenem Abitur dabei waren, das Fach Medizin zu studieren, zur Freude ihrer Eltern.

Der Sohn Ernst war in Vaters Fußtapfen getreten und ein überzeugter Sozialist geworden. Er konnte noch in Heidelberg zum Doktor der Medizin promovieren. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933, gelang dies seiner Schwester, die Kinderärztin werden wollte, nicht mehr. Sie setzte das Medizinstudium in der Schweiz an der Universität Basel fort, wo sie sich zunächst einleben musste. Im gleichen Jahr gelang es ihr, in der zweitgrößten Stadt der Schweiz, den Doktorgrad zu erlangen, drei Monate früher als in der Neckarstadt vorgesehen (13).

Dr. Ernst Sussmanowitz emigrierte 1936 in die damalige Sowjetunion, den „sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern“. Zwar schätzte er die politische Lage nicht richtig ein, aber er war bestrebt, dem akuten Ärztemangel in dem riesigen Land abzuhelfen. So wirkte er als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in der Nähe von Simferopol in einer reizvollen Umgebung auf der Halbinsel Krim in der Ukraine (14). Anfangs war er mit Begeisterung bei der Arbeit, die ihn stark beanspruchte. Schon ein Jahr später fiel er der blutigen „Säuberung“ zum Opfer, mit der Lenins Nachfolger, der Diktator Jossif Dschugaschwili Stalin, alle tatsächlichen und vermeintlichen Gegner nach großen Schauprozessen beseitigte. Selbst höchste Offiziere der UdSSR wie Marschall Michail Tuchatschewskij (15) wurden zum Tode verurteilt. Die Frau von Dr. Ernst Sussmanowitz, die Krankenschwester Irene, hielt dessen Verhaftung für einen Justizirrtum und wartete ein Leben lang auf ihn (16). Solch eine unglückliche Penelope!

Obwohl Dr. Isak Sussmanowitz nicht mehr praktizierte, nahm er mit Entsetzen zur Kenntnis, dass die NS-Regierung die Approbationen sämtlicher jüdischer Ärzte zum 30.09.1938 für null und nichtig erklärt hatte. Das bedeutete für alle Mediziner das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz. Wie war es unter solchen Umständen noch möglich, ein menschenwürdiges Leben zu führen? Fünf Wochen später brannten in Heidelberg, Speyer und in den meisten deutschen Städten die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, Männer misshandelt und in die Konzentrationslager verschleppt. Frauen und Kinder mussten „endgültig“ den Gau Saarpfalz verlassen, eine Anordnung, die später doch zurückgenommen wurde. Aber die Wohnungen der Ausgewiesenen waren bereits im Besitz von fremden Menschen.

Bei der Deportation am 22.10.1940 wurden Dr. Sussmanowitz und seine Frau Laura, gemeinsam mit der Frau von Dr. Reis und den Heidelberger Juden ins Internierungslager Gurs, unweit des Wallfahrtsortes Lourdes, in Südwestfrankreich deportiert. Auf erhöhtem Punkt über dem Lagereingang wehte die Trikolore. Mit Ausnahme der zwei km langen Hauptstraße – „Straße der Tränen“ genannt - gab es in diesem mit Stacheldraht umzäunten Camp keine gepflasterten Wege, und die Häftlinge blieben häufig bei Regenwetter im Schlamm stecken, was bei mehreren älteren Menschen den Tod bedeutete. Die Holzbaracken hatten fingerbreiten Fugen, aber keine Deckleisten. Dort kam Dr. Sussmanowitz einen Monat später auf dem blanken Boden der Baracke liegend ums Leben. Er wurde 70 Jahre alt. Sein Grab auf dem Internierten-Friedhof trägt die Nummer 149 (17) und ist jetzt Ankläger und Warner, dass sich Ähnliches nie mehr ereigne. Seine Frau Laura überstand nur dadurch die Entbehrungen des Lagers, weil es ihr rechtzeitig glückte, mit Hilfe ihrer Tochter die Ausreisepapiere zu erhalten. So durfte sie das Lager legal verlassen und zu ihrer Edith nach Schweden emigrieren.

Diese Tochter hatte bereits beim Studium in Heidelberg den ungarischen Psychologen Dr. Lajos Székely kennen gelernt und ihn später geheiratet. Auf abenteuerlichen Umwegen über tausende von Kilometern durch die Niederlande, die frühere Sowjetunion, Finnland und Schweden kamen sie schließlich nach Nacka (18) bei Stockholm. Im Land der Wikinger konnten sie in Freiheit und politischer Sicherheit leben, wenn auch zunächst in beengten Verhältnissen. Mit den Jahren erreichten sie einen gehobenen Lebensstandard. Laura verbrachte noch zwanzig Jahre ihres Lebens und starb 1966 mit 80 Jahren. Ihre Tochter vollendete im März 2011 das 102. Lebensjahr (19). Foto:sk

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(1)   Vgl. Kurzporträt Nr. 14.

(2)   Vgl. Kurzporträt Nr. 16.

(3)   Manche Informationen über Dr. Sussmanowitz erhielt der Autor von der Leiterin des Seniorenbüros Speyer, Ria Krampitz, die den Kontakt mit dessen Tochter, Dr. Edith Székely, aufrecht erhält.

(4)   Vgl. Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden, Verlag des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin 1918.

(5)   Freundliche Mitteilung des Stadtarchivs Michelstadt.

(6)   Auskunft des Standesamtes der Verbandsgemeindeverwaltung Bellheim vom 27.01.2010.

(7)   Diese Information verdankt der Verfasser einem Telefongespräch, das er am 25.02.2002 mit Stephan Scherpf aus Speyer führte.

(8)   Der Ursprung der jüdischen Gemeinde Schwetzingen geht auf Ende des 17./ Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zogen verstärkt jüdische Familien nach Schwetzingen. Seit 1864 diente ein Betsaal in der Invaliden-Straße 6 als Synagogenraum, da sich die kleine Gemeinde eine Synagoge aus finanziellen Gründen nicht leisten konnte. Von 1898 an fanden Gottesdienste in einem Raum des Schlosses statt, ab 1933 wieder in Privathäusern. Mindestens 23 Juden sind beim Holocaust ums Leben gekommen. Vgl. „Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum“ von Klaus-Dieter Alicke, 2008 1-3, Gütersloher Verlagshaus.

(9)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 13.09.1913.

(10)                      Vgl. die Anmerkung 7.

(11)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 28.10.1912.

(12)                      Dr. Julius Sussmanowitz war selbst ein Altersgenosse Lenins, hatte seine Jugend und damit prägende Jahre seines Lebens im damaligen Russland verbracht und kannte deshalb die dortigen Verhältnisse sehr genau.

(13)                      Vgl. die „Rheinpfalz“, Speyerer Rundschau, vom 18.01.2003.

(14)                      Seit der Antike sind Juden auf der Halbinsel Krim bekannt, wie griechische Schriften dies beweisen. Sie genossen weitgehende Autonomie. Jüdische Gemeinden entwickelten sich vor allem in den Kolonien der Genueser zwischen 1260 und 1475. Später war die Krim Zentrum der Karäer, einer Gruppierung im Judentum, und Stützpunkt der Rabbaniten, d.h. der Anhänger der Rabbiner und des Talmuds. In den Jahren 1924 bis 1930 scheiterte ein Kolonisierungsprojekt für die Juden auf der Krim. Es hatte zum Ziel, eine jüdische autonome Sowjetrepublik zu errichten, die aber wegen des nicht ausreichenden Gebietes und des Widerstandes der einheimischen Bevölkerung nicht zustande kam. Damals lebten dort ca. 40 000 Juden, was einem Prozentsatz von 5,6% der Gesamtbevölkerung entspricht. Die Nationalsozialisten verübten während des Russlandfeldzuges Massenmorde, um die Krim für „judenrein“ zu erklären. Nicht wenige Ukrainer leisteten den NS-Einsatzkommandos Handlangerdienste. Vgl. „Neues Lexikon des Judentums“, herausgegeben von Julius H. Schoeps, Bertelsmann Lexikon Verlag, 1992.

(15)                      Marschall Tuchatschewskij wurde im Zuge der Entstalinisierung rehabilitiert.

(16)                      Vgl. die „Rheinpfalz“, Speyerer Rundschau, vom 18.01.2003.

(17)                      Vgl. die Totenliste des Lagers Gurs, Hauptamt der Stadt Karlsruhe, 17.04.1990.

(18)                      Nacka, eine Stadt von rund 25000 Einwohnern, gehört zum Verband Groß-Stockholm.

(19)                      Vgl. die „Rheinpfalz“, Speyerer Rundschau, vom 25.03.2009.

30.10.2011


14. DR. MED. THEODOR HIRSCH und seine Brüder

In Edenkoben, einem Weinstädtchen zu Füßen des Kalmit im Landkreis Südliche Weinstraße, wo oberhalb des Ortes nur Ruhe, Stille und Friede herrschen, erblickte Theodor Hirsch (1) das Licht der Welt am 06.04.1870. Es fehlten nur vier Monate bis zum Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, der viel Aufregung, Unruhe und Veränderungen mit sich brachte. Sein Vater hieß Hermann und stammte aus Altdorf / Pfalz, wo er am 04.01.1843 geboren wurde. Seine Mutter Barbara, geb. Fried, war am 07.01.1840 in Ingenheim bei Landau, im Volksmund das pfälzische „Klein-Jerusalem“ genannt mit der architektonisch interessantesten Synagoge, zur Welt gekommen. Beide wohnten in Edenkoben (2) in guten finanziellen Verhältnissen und ermöglichten ihren drei Jungen, Theodor, Salomon, geboren am 10.09.1875, und Sigmund, geb. am 05.04.1884, eine vorzügliche Ausbildung (3).

Theodor besuchte die Lateinschule in Edenkoben und das Gymnasium in Neustadt an der Haardt. Anschließend studierte er das Fach Medizin an den Universitäten München, Straßburg und Berlin. Die Approbation erhielt er an der Universität Straßburg am 20.07.1894 mit dem Prädikat „Gut“, die Promotion an der Universität Würzburg am 22.05.des folgenden Jahres. Sein Bruder Salomon folgte seinem Beispiel und studierte ebenfalls Medizin. Der Bruder Sigmund hingegen besuchte das Gymnasium in Edenkoben und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre in Hockenheim mit dem Berufsziel, Zigarrenkaufmann zu werden. Als Vertreter für verschiedene angesehene Firmen sicherte er den Lebensunterhalt für seine Familie und für sich. Alle drei Brüder übten ihren Beruf in der Pfalz aus und blieben so der engeren Heimat stets treu.

Nach dem deutschen Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich, der Gründung des Deutschen Reiches bei Aufgabe der Souveränität Bayerns und dem Gewinn Elsass-Lothringen stand das Militär in hohem Ansehen. So leistete Dr. Hirsch, 1,70 Meter groß, zunächst seine Dienstzeit als Einjährig- Freiwilliger in Würzburg. Er betätigte sich als Assistenz-Arzt II. Klasse von Oktober 1889 bis März 1890 und anschließend als Reservist bis März 1895. Mit Erfolg hatte er am Reitunterricht teilgenommen, wie aus den Akten hervorgeht. Der Strafbuch-Auszug beweist, dass er in seiner Dienstzeit stets straflos geblieben ist. Nach Ansicht seiner Vorgesetzten erwarb er sich vielmehr Verdienste durch schnelle Übersicht der Lage und strenge, aber gerechte Entscheidungen. Auch die Mannschaften erkannten mühelos seine geistigen Fähigkeiten an.

Nach der Militärzeit zog Dr. Theodor Hirsch am 01.03.1899 nach Speyer. Er richtete seine Praxis nahe dem Altpörtel in der Karmeliterstraße 1, Tel. Nr. 122, ein, wo er seine Patienten vormittags von 8.00 Uhr bis 9.00 Uhr und nachmittags von 12.00 Uhr bis 14.30 Uhr empfing. Außerhalb dieser Sprechstunden machte er Hausbesuche in der Stadt. Auf seinen Dienstfahrten über das Umland benutzte er gerne das Motorrad, das bereits anfing, das Pferd, einst so wertvoll wie ein Reich, zu verdrängen. Als Belegarzt betreute er seine Patienten im St. -Vincentius-Krankenhaus (4). Da waren seine Arbeitskollegen u.a. Dr. Karl Becker, Dr. Karl Thönes, Facharzt für Chirurgie, Dr. Daniel Orth, sowie Dr. Siegmund Reis (5) und Dr. Willy Taendler (6). Er versah auch das Amt als Leichenbeschauer für das weiße, rote und braune Stadtviertel (7).

In seiner Freizeit sang er im traditionsbewussten Gesangverein „Die Liedertafel-Cäcilienverein“ mit. Dort waren seine Sangesbrüder u.a. Isidor und Louis Roos (8). Am 21.03.1900 vermählte er sich in Köln mit der am 07.10.1875 in Iserlohn / Sauerland geborenen Paula, geb. Friede, der Tochter von Moses und Henriette, geb. Adler. Neun Monate später, am 19.12.1900, wurde dem Ehepaar in Speyer die Tochter Margaretha geboren, ihr einziges Kind. Wie viele andere Glaubensgenossen unterstützte auch Dr. Hirsch mit seiner Frau Paula durch seine Mitgliedschaft im „Israelitischen Verein für das Altersheim für die Pfalz“ im Jahre 1909 den Bau dieser Einrichtung in Neustadt an der Haardt, unweit von seinem Geburtsort (9).

Einen schweren Doppelschlag musste Dr. Hirsch mit seinen Brüdern im Oktober 1911 im Abstand von nur zehn Tagen verkraften. Sein Vater verstarb am 07.10. in seiner Wohnung und ihm folgte seine Mutter am 17.10. rasch hintereinander. Die Lücken, die sie hinterließen, gehörten zu denen, die sich nicht mehr schließen lassen. Viel Furcht und Leid ist ihnen damit auch erspart geblieben. Sie wurden auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Edenkoben beigesetzt, der ein Teil des Gemeindefriedhofs ist. Äußerst selten verläuft sich ein Besucher dorthin.

Am 19.12.1912 beging Dr. Theodor Hirschs Tochter Margaretha ihren zwölften Geburtstag, der sicher in einem entsprechenden Rahmen gefeiert wurde. Zugleich wurde sie „Bat Mitzwa“, das heißt Tochter der Pflicht, also religionsmündig. Ob deshalb eine religiöse Feier in der Synagoge stattfand, lässt sich nicht mehr ermitteln (10). Mittlerweile hatte Dr. Hirsch seine Praxis und Wohnung von der Karmeliterstraße in die Gilgenstraße 3 verlegt, noch immer im Schatten des Altpörtels, aber in günstigerer Lage.

Als der Erste Weltkrieg zwei Jahre später, am 01.08.1914, ausbrach, und viele begeisterte junge Männer zu den Fahnen eilten, in der Erwartung, der neue Feldzug sei nur die Fortsetzung des siegreichen 1870er Krieges, wurde Dr. Hirsch am 08.04.1915 als Assistenzarzt den Lazaretten in Speyer zugeteilt. Am 26.11.1915 wurde er zum königlich-bayerischen Stabsarzt der Landwehr befördert und am 01.08.1916 als Battl. Arzt zum Ersatz Pionier-Batt II versetzt. Kurzfristig wurde er vom 15. bis 20.01.1917 zur Heeresgasschule Berlin (11) kommandiert.

Mit besonderem Interesse verfolgte er den Verlauf der Kampfhandlungen an den jeweiligen Fronten. Allerdings entsprachen diese mit Fortdauer des Krieges und bedingt durch die weit fortgeschrittene Technik – man kann schon von einer Industrialisierung des Tötens sprechen - immer weniger den gehegten Erwartungen, den Frieden zu erzwingen.

Noch immer wütete die Furie des Krieges, als die Presse (12) die Nachricht vom Verschwinden Dr. Hirschs verbreitete. Der praktische Arzt wurde seit dem 28.02.1918 vermisst. Nur sein Motorrad wurde am Rhein unterhalb der Imprägnier-Anstalt aufgefunden. Seine Praxis blieb verwaist. Kein Wunder also, dass die Gerüchteküche brodelte. Und wie mögen seine Brüder, der Berufskollege Dr. Salomon und Sigmund, sowie seine Arbeitskollegen auf diese erschütternde Nachricht reagiert haben? Tage, ja Wochen vergingen, bis Dr. Hirschs Leiche bei Lampertheim in Hessen entdeckt wurde. Die in solchen Fällen zuständige Staatsanwaltschaft schritt sofort ein. Vorerst war die Ungewissheit über das Schicksal des Arztes behoben.

Was war wirklich geschehen? Aus der Personalakte Dr. Theodor Hirschs Nr. 33907 geht folgendes hervor: Nach einem an seine Frau Paula gerichteten Brief hatte er sich das Leben genommen. Da seine 17 Jahre junge Tochter Margaretha schwanger geworden und nach Ansicht ihres Vaters zugleich schwer zuckerkrank war, nahm er zur Durchführung einer künstlichen Frühgeburt einen Eingriff bei ihr vor. Dieser sei infolge eingetretener Blutungen nötig geworden, wie die Ärzte Dr. Karl Becker und Dr. Karl Thönes glaubhaft bekundeten. Der Eingriff gelang jedoch nicht, und die Überführung der Tochter ins Krankenhaus wurde dringend notwendig.

Der 48-jährige Arzt, der sich fast zwanzig Jahre in unermüdlicher Hilfsbereitschaft bei Tag und Nacht in den Dienst der Kranken gestellt und ihre und seiner Kollegen Hochschätzung erworben hatte, wobei er selbst an jodoformischer Synkrasie litt, fürchtete sich vor der öffentlichen Meinung. In einem Anfall tiefer, seelischer Depression suchte er, was noch nie in seiner Familie vorgekommen war, den Tod und fand ihn im Rhein. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, da offenbar von keiner Seite eine strafbare Handlung vorlag.

Die Witwe richtete am 01.04.1918 ein Schreiben an das Königliche Ersatzbataillon des II. Pionier Bataillons, in dem sie ihm mitteilte, dass nach Meinung des Stabsarztes Dr. Karl Becker ihr Mann im Affekt gehandelt habe. Sie bat daher die zuständigen Behörden, dem Verstorbenen bei der Überführung der Leiche die ihm zustehenden militärischen Ehren nicht zu verweigern.

Das Militär entsprach der Bitte der von schwerem Schicksal betroffenen Frau. Die Trauerfeier fand am 03.04.1918 unter großer Teilnahme des Militärs und der Bürger in der Halle des alten Friedhofs statt. Nach einem Gebet des Kantors der Israelitischen Kultusgemeinde, Benno Grünberg (13), legten Kränze mit ehrenden Worten letzten Gedenkens nieder: das zweite Pionier-Ersatzbataillon, der Ärzteverein, die Liedertafel, die Sanitätsoffiziere, das Sanitätspersonal. Anschließend wurde die Leiche mit der Bahn nach Köln überführt, wohin die Witwe mit ihrer Tochter wieder ziehen wollte. Die in der Presse  erschienene Danksagungsanzeige (14) lautet:

 

„Für die lieben, herzlichen Worte des Trostes

 und der Teilnahme anlässlich des Ablebens unseres teuren

H. Dr. med. Theodor Hirsch

sowie für die vielen und schönen Kranzspenden,

 sprechen wir hiermit unseren tiefgefühlten Dank aus.

Die tieftrauernden Hinterbliebenen.“

 

Sechs Monate später, am 05.10.1918, erbat die Oberste Heeresleitung zum Entsetzen der Deutschen, die durch Propaganda stets auf Sieg eingestellt waren, bei den Entente-Mächten die Kapitulation. Es begann mit der Weimarer Republik eine äußerst schwierige Nachkriegszeit, die sich seit der Übernahme der Regierung durch die Nationalsozialisten 1933 für die Bürger jüdischen Glaubens dramatisch gestaltete.

In Köln wohnte die Witwe Hirsch zuerst in der Rubenstraße 33, dann in Hansaring 21. Vom 01.01.1939 an musste sie den Zusatznamen „Sara“ tragen. Am 16.06.1942 wurde sie von Köln nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 01.04.1943 verstarb. Was aus ihrer Tochter Margaretha wurde, geht aus den Akten nicht mit Sicherheit hervor.

Wie im Falle Dr. Theodors ereilte ein ebenso tragischer Tod seinen Bruder Sigmund. Er war am 01.10.1919 von Hockenheim nach Haßloch, dem größten pfälzischen Dorf (15), gezogen. Im folgenden Jahr hatte er am 18.07.1920 die sechs Jahre jüngere Anna, geb. Loeb, geheiratet, die von dort stammte. Im Jahr darauf, am 05.05.1921, erblickte ihr Sohn Kurt Hermann, ebenfalls in Haßloch, das Licht der Welt. Sigmund betrieb zusammen mit Max Kuhn eine Zigarrenfabrik in der Langgasse 91, die 1932 geschlossen wurde, weil sie aufgrund der antisemitischen Stimmung nicht mehr gut ging. Danach wurde Sigmund Hirsch Vertreter einer Zigarrenkistenfirma.

Ein Zeitzeuge sagte nach dem Krieg:

 

 „Die Familie Hirsch lebte in Haßloch,

hatte in der Kirchgasse 1b eine gut eingerichtete,

bürgerliche fünf-Zimmerwohnung

 und einen sehr guten Ruf.

Es hieß allgemein, dass Herr Hirsch

gut verdiente;wie viel, ist mir nicht bekannt.“ (16)

 

Infolge des Judenboykotts 1933 und der späteren Schikanen von NS-Rohlingen verringerte sich sein Verdienst so stark, dass es ihm unmöglich war, über die Runden zu kommen. Nach der „Reichskristallnacht“ am 09.11.1938 wurde er und seine Familie mit einem requirierten Lastwagen nach Wiesbaden gebracht, damit Haßloch „Judenfrei“ wurde. Von dort aus versuchte er verzweifelt, die Emigration zu betreiben.

Doch es kam anders. Noch im Jahre 1938 wurde Sigmund in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar (17) deportiert, über dessen Eingangstor die zynische Aufschrift steht:

 

JEDEM DAS SEINE

 

Am 16.12. des gleichen Jahres wurde er entlassen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 01.09.1939 erstickte wie ein zartes Pflänzchen jede Hoffnung auf ein Einreisevisum in ein freies Land. Zusammen mit seiner Frau Anna wurde er am 10.06.1942 in die polnische Stadt Lublin verschleppt, wo beide wohl im gleichen Zeitraum im Vernichtungslager Sobibór (18), Distrikt Lublin, ermordet wurden. Sie waren nur zwei von zweitausend Menschen, die SS-Wachen dort täglich vergasten wie Kerzen, die am Ende einer Gottesdienstfeier ausgelöscht werden. Gesamtzahl jüdischer Opfer 1942 und 1943 aus Polen, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, der damaligen Tschechoslowakei und der Sowjetunion: rund 250.000 Menschen.

Ihr Sohn Kurt Hermann hatte nach dem Besuch der einklassigen israelitischen Schule ins Humanistische Gymnasium nach Neustadt gewechselt. 1934 musste er die Schule verlassen und lernte Schreiner. Im Jahre 1939 kam er mit einem der letzten Kindertransporten nach Großbritannien. Dort verbrachte er unter vielfachen Entbehrungen die Kriegszeit. Nach Kriegsende zog er weiter nach New York, wo er seine spätere Ehefrau kennen lernte, die aus Ober-Ramstadt bei Darmstadt stammte. Gemeinsam lebten sie in Randallstown, unweit Washington, wo der Überlebende des Holocaust am 16.08.1996 verstarb.

Dr. Theodor Hirschs Bruder, Berufskollege und Sanitätsrat, (19) Salomon Hirsch (20), ein großer, kräftiger Mann, erlebte ein besseres Schicksal. Er war 25-jährig, im November 1900, von Edenkoben nach Haßloch gezogen. Am 08.05.1902 schloss er in der Chemiestadt Ludwigshafen die Ehe mit der sechs Jahre jüngeren Paula, geb. Löw, aus Haßloch. Das Ehepaar bekam dort zwei Söhne und gab ihnen typisch deutsche Namen: Hans, geb am 02.03.1904, und Fritz, geb. am 20.03.1906. Dr. Salomon Hirsch, oder kürzer und vertrauter „Dr. Sally“, war der erste praktische Arzt in Haßloch. Er hatte seine Praxis mit Wohnung in der Rösselgasse 1, neben dem alten Rathaus, und besuchte seine Patienten in der Anfangszeit im Einspänner, wobei sein Pferd viele Wege von selbst erkannte.

Bald gewann Dr. Hirsch Ansehen durch seine Tüchtigkeit. Er wurde volkstümlich, weil er, wie Dr. Adolf David (21), die Patienten auch dann behandelte, wenn ihre Zahlungsfähigkeit nicht garantiert war. Er wirkte auch als Frauenarzt. Es kam beispielsweise vor, dass Dr. Sally sich nicht nur um die Entbindung kümmerte, wenn eine arme Frau im Wochenbett lag, sondern auch um die Versorgung ihrer Familie. Viele solche Familien haben das „Wochenbettessen“ von ihm bekommen, das seine Frau Paula persönlich zubereitete. Allein für diese Wohltätigkeit und dieses soziale Engagement hätte Dr. Hirsch nach Meinung der Zeitzeugin Hildegard L. den Verdienstorden mit oder ohne Band verdient (22).

Im Jahre 1909 zog Dr. Hirsch für die Mittelstandspartei als erster jüdischer Gemeinderat ins Rathaus von Haßloch ein. 1913 war er Mitbegründer der „Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ und trug zu besonderen Anlässen ihre Dienstuniform, wie ein Foto beweist. Kurzum, er war am Ort eine feste Institution. Auch Frauen von SA-Leuten waren bei ihm in Behandlung. Aber immer deutlicher spürte er die ansteigende antisemitische Stimmung. Glücklicherweise starb er noch vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, am 27.05.1931, 56-jährig, in einem Ludwigshafener Krankenhaus, vermutlich an inneren Blutungen. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof von Haßloch bestattet, der noch besteht.

Die väterliche Praxis führte sein älterer Sohn Hans weiter, der das heutige Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße besucht und nach dem Abitur das Fach Medizin studiert hatte. Er wurde genauso tüchtig und volkstümlich wie sein Vater, denn es gab keinen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen „Dr. Hirsch“, wie Einheimische bezeugen.

Aber nach dem Novemberpogrom 1938 mussten er und sein Bruder Fritz, der ebenfalls Mediziner geworden war, im folgenden Jahre auswandern, um ihr Leben zu retten. Sie fragten sich: Aber wohin? Wird es uns gelingen? Da ihnen die Tore der USA verschlossen blieben, weil die gesetzliche Quote schon erfüllt war, fuhren sie schließlich über Genua nach Chile, dem einzigen Land, für das sie noch ein Visum ergattern konnten (23). Es war dasselbe Land, das auch für die geborene Speyerin Sara Lehmann (24) und ihre Schwester Helene fünf Minuten vor zwölf zum Rettungsanker wurde. Das Bürgerliche Gesetzbuch dieses südamerikanischen Staates von 1885 kannte keinen Unterschied zwischen In- und Ausländern (25).

Drei Brüder, drei verdienstvolle Menschen, drei unterschiedliche Schicksale. Ihre geliebte Pfalz war um bedeutende Bürger ärmer geworden. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches glichen deutsche Großstädte einer desolaten Trümmerwüste, und die Überlebenden fanden sich in einem in vier Zonen geteilten Land vor, konfrontiert mit dem eigenen Elend und dem der Vertriebenen aus den verlorenen Ostgebieten, der Ungewissheit über das Schicksal der Kriegsgefangenen und der Verantwortung für die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen an der Menschlichkeit.

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(1) Von Wolfgang Kolb aus Speyer hat der Autor den wertvollen Hinweis erhalten, bei der Recherche über Dr. med. Theodor Hirsch das Bayerische Hauptstaatsarchiv – Kriegsarchiv – zu kontaktieren. Diese Einrichtung in der Münchner Leonrod-Straße verwahrt bei den Offizierspersonalakten den Personalakt von Dr. Theodor Hirsch, der dem Verfasser bei der Recherche sehr hilfreich gewesen ist. Dafür spricht er dem Hauptstaatsarchiv seinen innigen Dank aus.

(2) Die jüdische Gemeinde Edenkoben weihte 1827 ihre neue Synagoge im klassizistischen Stil feierlich ein. Im Jahre 1846 erfolgte ein Umbau des Gebäudes. Am 09.11.1938 wurde die Synagoge verwüstet und abgerissen. Dabei schauten zahlreiche Menschen und Schulklassen zu. Die Namen der jüdischen Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg wurden aus dem Ehrenmal heraus gemeißelt. Vgl.“Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 63.

(3) Wie aus dem Lebenslauf von Dr. Theodor Hirsch hervorgeht, hatte er noch einen älteren Bruder und eine Schwester, deren Identitäten jedoch nicht ermittelt werden konnten. Vgl. Personalakt Nr. 33907.

(4) Dr. Hirsch betreute dort im Jahre 1906 36 Patienten, 1910 waren es 33 und im Jahr darauf 24 Patienten. Vgl. „St. Vincentius-Krankenhaus Speyer 1905-2005 von Dr. Karl Heinz Debus unter Mitarbeit von Doris Debus“, S. 69.

(5) Vgl. Kurzporträt Nr.10.

(6) Vgl. Kurzporträt Nr. 16.

(7) Vgl. das Adressbuch der Stadt Speyer 1911.

(8) Vgl. Kurzporträt Nr. 8 und Anmerkung 7.

(9) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer a. Rhein 1909.

(10) Sämtliche Akten der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer wurden beim Synagogen-Brand am 09.11.1938 mit verbrannt.

(11) Das Militär des Deutschen Reichs setzte erstmals im April 1915 Giftgas als Kampfstoff ein. Das während der zweiten Ypern-Schlacht verwendete Chlorgas tötete rund 5000 alliierte Soldaten. Die Artillerie schoss Gas im Februar 1916 in Verdun. Zur Abwehr dienten lediglich Schutzmasken. Solche Waffen wurden 1922 (Washingtoner Konferenz) und 1925 (Genfer Gaskrieg-Protokoll) geächtet und im Zweiten Weltkrieg nicht eingesetzt.

(12) Vgl. die Speierer Zeitung vom 04.03.1918.

(13) Benno Grünberg 1885 in Strykow bei Lodz geboren, wurde 1917 Kantor der Speyerer Gemeinde. Nach dem Novemberpogrom 1938 verbrachte er mehrere Wochen im KZ Dachau. Im Oktober 1940 wurde er mit Familie und Schwiegermutter nach Gurs deportiert und kam über das KZ Drancy nach Auschwitz, in seiner ursprünglichen Heimat zurück, wo er zugrunde ging. Seine beiden Kinder, Margit und Heini, retteten sich durch rechtzeitige Auswanderung nach USA.

(14) Vgl. die Speierer Zeitung vom 08.04.1918.

(15) Vgl. „Synagogen der Pfälzer Juden - Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden“ von Karl Füchs und „Jüdisches Leben in Haßloch“ von Michael Jäger und Johannes Theisohn. Im Jahre 1722 lebten in Haßloch drei jüdische Familien. Im Jahre 1875 zählte die jüdische Gemeinde rund 100 Mitglieder und hatte damit den höchsten Stand ihrer Entwicklung erreicht. Seither verringerte sich ihre Zahl kontinuierlich bis sie, 1933, 70 und 1939 zwei Juden zählte. 1935 wurde der Judenfriedhof geschändet und die Synagoge 1938 verwüstet. Heute leben in Haßloch keine Juden.

(16) Vgl. „Hier wohnte…“ Ein Kunstprojekt von Gunter Demnig - Stolpersteine in Wiesbaden 2005-2008, S.128.

(17) Neben Dachau gehörte Buchenwald zu den Stammlagern der SS-Leute. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurden fast 10 000 Juden in diesem Lager nahe Weimar inhaftiert, die von dünner Suppe und etwas Schwarzbrot lebten. Die hygienischen Verhältnisse waren entsetzlich. Am Schlimmsten ging es im Steinbruch, beim Straßenbau oder bei der sogenannten „Gartenarbeit“ zu, die darin bestand, Gräben auszuheben. Von 1937 bis 1945 waren insgesamt 239 000 Menschen dort eingesperrt. Einige Häftlinge starben 1944 bei einem alliierten Bombenangriff auf das Lager. Amerikanische Truppen befreiten die Überlebenden des Lagers Anfang April 1945.

(18) Sobibór war ein Vernichtungslager mit Stacheldrahtverhauen, Wachen, Hunden, Scheinwerfern und Schornsteinen. Ein Schild an der Rampe sollte den eintreffenden Juden vortäuschen, dort befinde sich ein echter Bahnhof. Rundum Wald, Sumpf und Gestrüpp. Erst Mitte Oktober 1943 wagten dort beschäftigte Häftlinge den Aufstand, töteten mehrere SS-Männer und flohen in den Wald. Aber nur wenigen gelang es, sich den Partisanen anzuschließen oder eine polnische Bauernfamilie zu finden, die sie versteckte. Lediglich 47 der 365 Entflohenen überlebten den Krieg. Zwei Tage nach dem Ausbruch wurde das Lager niedergerissen. Einer der Wachleute war der jetzt 91-jährige Ukrainer John Demjanjuk, den das Landgericht München am 12.05.2011 als „Iwan den Schrecklichen“ der Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden im Jahre 1943 schuldig sprach. Die „Endlösung“ ist zwar von den Nationalsozialisten beschlossen worden, aber konnte nur mit Hilfe von Tausenden Europäern durchgeführt werden. Vgl. Lea Rosch / Eberhard Jäckel: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, S. 219.

(19) Es war ein Ehrentitel, mit dem bis 1918 im deutschen Kaiserreich verdiente Ärzte ausgezeichnet wurden, im Freistaat Bayern galt der Titel weiterhin.

(20) Informationen über die Brüder von Dr. Theodor Hirsch verdankt der Autor dem Standesamt Haßloch, Dr. Elisabeth Schaub aus Wiesbaden und Herrn Albin Berthold aus Mutterstadt.

(21) Vgl. Kurzporträt Nr. 4.

(22) Vgl. „Jüdisches Leben in Haßloch“ S. 108-109.

(23) Dr. Taendlers Bruder Richard war bereits im Oktober 1924 nach Chile emigriert. Ihm folgte bald Dr. Taendlers Sohn Adolf nach. Vgl. Kurzporträt Nr. 16.

(24) Die 1891 geborene Sara Lehmann erwarb sich in schwierigen Zeiten, von 1919 bis 1933, als Leiterin des Speyerer Wohlfahrtsamtes hohe Verdienste um das Wohl der Stadt. Ihr Bruder Max fiel am 20.11.1914 bei Wimy / Frankreich. Von 1917 bis 1939 war sie als Sozialarbeiterin der jüdischen Gemeinde Speyer tätig. In letzter Minute, August 1939, wanderte sie mit ihrer Schwester Helene nach Santiago de Chile aus. Erst 1964 kehrten sie nach Europa zurück und lebten in Straßburg. Sara verstarb am 16.07.1976 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Straßburg-Cronenburg beigesetzt. Die Speyerer Landtagsabgeordnete Friederike Ebli aus Hanhofen hält Sara Lehmann für die Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts.

(25) Vgl. „Philo Atlas – Handbuch für die jüdische Auswanderung“, Berlin 1938.

30.10.2011


13. MAXIMILIAN CRAMER

Maximilian Cramer (1) entstammte einer alteingesessen Speyerer Familie, in die er am 19.12.1869 in der Maximilian-Straße 22 hineingeboren wurde. Sein Vater war der Textilkaufmann Salomon, und seine Mutter Carolina, geb. Lußheimer, stammte aus Hockenheim. Max hatte drei Schwestern, Rosalie, geb.1868, Johanna, 1871, und Susanna, 1873, sowie den Bruder August, 1875, der nach München zog. Bereits mit 16 Jahren verlor Max seine Mutter. Beruflich trat er in die Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters Vitus: Er wurde Kaufmann, was auch sein Nachname ursprünglich bedeutet.

Laut Speyerer Gewerbeanmelderegister von 1894-1899 übernahm Maximilian am 15.01.1896 das väterliche Geschäft in der Maximilian-Straße 22. Im Juni des gleichen Jahres heiratete er, nach Aussage der Zeitzeugin Marianne Uhrig (2) ein imposanter Mann, in Frankenthal die kleine, untersetzte und um sechs Jahre jüngere Johanna, geb. Hirsch, die von dort gebürtig war. Aus dieser Verbindung gingen die Söhne Fritz, Jahrgang 1901, und Hans, 1902, sowie die Tochter Gretel, 1914, hervor. Wie die Zeitzeugin weiter berichtete, spielten die Kinder nach der Schule auf dem Königsplatz, nur wenige Schritte von der Wohnung entfernt.

Maximilians Vater Salomon, der …

„…in weiten Kreisen in- und außerhalb Speyers

große Hochachtung genoss und wegen

seines Charakters sehr beliebt war“,

überlebte seine Frau um 23 Jahre und starb am 19.03. 1908 nahezu 68-jährig (3). Im gleichen Jahr ließ Max das väterliche Wohn- und Geschäftshaus in der Maximilianstrasse 22 nach Plänen des Architekten Reinhold Bräuer umbauen. Das Erdgeschoß wurde modern gestaltet. In die Fassade des Obergeschosses und in Treppenhaus wurden Glasfenster im Jugendstil eingesetzt. Die Jahreszahl 1908 steht heute noch in der Schlitzergasse 9 in einer Umrahmung über der Tür, die einst zum Lager, Büro und zur Wohnung führte.

Sein Laden verfügte über ein vielfältiges Angebot. Das Sortiment reichte von Herren-, Damen- und Kinderkleidung, über blaue Arbeiteranzüge bis zu Gardinen, Vorhängen, Betten und Kissen, sowie Handtüchern und Servietten. Kostenlos stand den Kunden ein separater Füllraum zur Verfügung zum Füllen und Reinigen neuer und alter Betten mit der allerneuesten Bettfedern-Dampfreinigungsmaschine. Bei Barzahlung gewährte er einen Rabatt von vier Prozent, auf Wunsch in bar oder in Kassenzetteln. Er gestattete den Umtausch aller Artikel, selbst abgeschnittener Waren (4). Nach Aussage der Zeitzeugin Greta Weinmann (5) blieb auch sein Geschäft an den hohen jüdischen Feiertagen im September / Oktober geschlossen.

Ohne Frage war Max die treibende Kraft des Unternehmens. Nach Aussagen von Frau Weinmann überließ er den Kunden die Ware auch dann, wenn diesen etwas Geld zum erforderlichen Preis fehlte. Oder wenn eine Person den Laden betrat, die einen Trauerfall zu beklagen hatte, spendete er ihr gerne den Stoff für Kleid und Schürze, mit der Bemerkung, das sei besser als ein Kranz. Vor der Weihnachtszeit bot er regelmäßig besonders verbilligte Waren an (6), da ihm zufolge in der Kleidung sich die Kultur eines Menschen äußert.

Sein Sohn Fritz, eine Frohnatur, arbeitete tüchtig im Laden mit und kam bei Personal und Kunden gleichermaßen gut an. Seine Mutter hatte den Watschelgang einer Ente, herrschte unumschränkt im Haushalt, ohne sich im Geschäft einzumischen. Im Jahre 1909 spendete Max dem Israelitischen Verein für das Altersheim für die Pfalz e.V. einen Betrag, um dessen Ziel, ein Altersheim zu bauen, zu unterstützen (7).

Im August 1913 fesselte die Passanten am geschmackvoll ausgelegten Schaufenster des Cramer-Geschäfts ein Ölgemälde in schmuckem Rahmen. Es stellte eine reizvolle Landschaft aus dem Pfälzerwald dar, das Dorf Hohenecken südwestlich von Kaiserslautern mit der Burgruine aus der Zeit der Hohenstaufen. Der in der Domstadt ansässige Malermeister Karl Hinkelbein hatte es geschaffen. Wollte Herr Cramer damit nach außen zeigen, dass er nicht nur ein gewiefter Geschäftsmann war, sondern dass er sich mit seiner Familie auch für Natur und Kultur interessierte? Die Presse (8) berichtete darüber. Im Jahre 1913 wurde Max als Ersatzmann in den Synagogen-Ausschuss gewählt, und am 19.07.1920 wiedergewählt, Zeichen, dass er auch innerhalb der jüdischen Gemeinde Ansehen genoss und maßgeblichen Einfluss ausübte.

Als im folgenden Jahr der Erste Weltkrieg ausbrach, eilte auch der 44-jährige Max zu der schwarz-weiß-roten Fahne des Kaiserreichs. Sechs Monate später erhielt er als Feldwebelleutnant beim Landsturm aufgrund seiner Verdienste das Bayerische Militärverdienstkreuz I. Klasse mit Schwertern (9). Nach Kriegsende kehrte er wieder heim, aber wie all seine Kameraden als ein Mensch, der den Fluch und die Schrecken des modernen Krieges zur Genüge kennengelernt hatte. Andere Heimkehrer kamen von schweren Traumata gezeichnet zurück, einzelne verübten Selbstmord.

Nach Aussage der Zeitzeugin Frau Weinmann lud Max eines Tages ungeachtet der Kriegsniederlage seine ehemaligen Kameraden in die Domstadt ein. Und sie kamen wohlgemut und gut gelaunt aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands. Speisen und Getränke, Zigarren und Gesprächsstoff über Erlebtes im Feld und in der neuen Demokratie waren im Überfluss bis in die späten Nachtstunden vorhanden. Am Ende fiel der Abschied allen Beteiligten nicht leicht.

In seiner knapp bemessenen Freizeit war Cramer als Vorsitzender der Ortsgruppe des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ und als Schriftführer im Industrie- und Handelsgremium tätig, eine Zeit lang als Schöffe am Gericht sowie als aktives Mitglied der im Juni 1848 gegründeten Speyerer Feuerwehr. Regelmäßig spendete er für die Kinder in der Walderholung, aber er wollte nicht, dass es publik wurde. Seinen Urlaub verlebte er mit der Familie in Frankreich, dem westlichen Nachbarland, dessen Kultur- und Landschaftsreichtum er während seines Feldzuges kennen und schätzen gelernt hatte. Es war zur führenden Festlandsmacht geworden und erlangte eine einflussreiche Stellung im Völkerbund.

Wie aus einer Anzeige in der Presse hervorgeht (10), bot er, gemeinsam mit seinen Kollegen Ferdinand Altschüler und Hermann Kaufmann, in der „Weißen Woche“ vom 05.02. bis 20.02.1925, einen Rabatt von zehn Prozent auf alle Weißen Waren an, um so der werten Kundschaft in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage besonders entgegen zu kommen.

Einen ersten Schicksalsschlag erlitten die Cramers im folgenden Jahre. Da hielt sich ihr Sohn Hans nach einer kurzen Krankheit in Südfrankreich zur Erholung im Kreise von Freunden auf, als er sich plötzlich, am 09.05.1926, das Leben nahm (11). Durch diese erschütternde Nachricht war die Familie zunächst wie gelähmt. Fünf Tage später wurde Hans in aller Stille auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs in Speyer beigesetzt (12). Wieder nach Aussage der Zeitzeugin Frau Weinmann trug seine Mutter seither nur noch bodenlange Trauerkleidung, wie damals vielfach Sitte war.

In der Nacht vom 30.06. auf den 01.07.1930 zog das französische Militär nach elfeinhalbjähriger Besatzungszeit aus Speyer ab, und die bayerische Schutzpolizei rückte unter dem Jubel der Bevölkerung und dem Glockenschlag der Kirchen ein. Auch das Gemüt eines sechzigjährigen Heimkehrers aus dem Ersten Weltkrieg wie Max wurde von den Wogen der Begeisterung erfasst. Und das erst recht, als der Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg – der „Ersatzkaiser - am 19.07. im Rahmen der Befreiungs-Feiern die beflagte Domstadt kurz besuchte. Allerdings ließ Max selbst keinerlei Rachegefühle gegenüber den Franzosen in sich aufkommen, die er als seine Nachbarn betrachtete und schätzte.

Als die Nationalsozialisten mit ihrem antisemitischen Parteiprogramm mehr und mehr Anhänger in der Bevölkerung fanden – viele Menschen trieb nackte wirtschaftliche Not zu der Hackenkreuzfahne - machte sich der dekorierte Frontoffizier Max keinerlei Illusionen, erst recht nicht, als diese im Januar 1933 die Macht ergriffen. Am Tage des „Judenboykotts“, den 01.04. des gleichen Jahres – die Aktion richtete sich u.a. gegen den Absatz jüdischer Waren - musste er machtlos zusehen, wie SA-Posten vor seinem Geschäft standen und potentielle Kunden einschüchterten. Das „Braune Haus“ lag auf der gegenüberliegenden Seite, Maximilian-Straße 99.

Jetzt folgte Schlag auf Schlag: am 06.05.1933, am „Tag der bayrischen Jugend“, die „Bücherverbrennung“ auf dem alten Marktplatz von Speyer, dessen Zeuge Cramer wurde. Die „Hitlerjugend“ und Jugendverbände warfen auf den Scheiterhaufen unter Ausrufung von „Feuersprüchen“ Schriften von Autoren, die den ideologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten nicht entsprachen. Es waren darunter Bücher von Kurt Tucholsky, Sigmund Freud, Erich Kästner, Carl Zuckmayer, dem Verfasser der Komödie „Der Hauptmann von Köpenick“, und von Erich Maria Remarque, dessen Kriegsroman: „Im Westen nichts Neues“ (13), ein Welterfolg wurde. Seine geschätzte Gesamtauflage: über 10 Millionen. Vermutlich dachte Max dabei an den Spruch Heinrich Heines: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen.“ Welche Bücher die Mitglieder der Familie Cramer lasen, ist unbekannt, da Aufzeichnungen darüber fehlen. Die Weimarer Republik, die erste parlamentarische Demokratie Deutschlands, lag nach 14 Jahren am Boden.

Am 22.02.1934 erhielt Max die traurige Nachricht, dass seine älteste Schwester Rosalie, 66-jährig in Bad Dürkheim, wo sie seit ihrer Heirat mit dem Weinhändler Markus Jonas lebte, verstorben war. Sein Sohn Fritz hatte am 29. Juni 1935 in Speyer Liselotte Löb aus Mannheim geheiratet. Sie war am 04.05.1914 in der Quadratestadt geboren als Tochter von Marcus und Anna, geb. Feibelmann. Sie wurde Hutmacherin von Beruf. Das neue Ehepaar wohnte in der Landauer-Straße 41.

Im Juli 1936 brach in Spanien ein blutiger Bürgerkrieg aus. Revoltierende Truppen des Generals Francisco Franco, die von den Anhängern des Thronanwärters Don Carlos unterstützt wurden, kämpften gegen die republikanische Madrider Regierung, die sich auf sozialistische Gruppen stützte. Da der Kampf einen unbefriedigenden Verlauf nahm, mischten sich Truppen der nationalsozialistischen Legion Condor und des faschistischen Italien auf Francos Seiten ein, auf Seiten der Republikaner zahlreiche Freiwillige aus vielen Nationen, darunter emigrierte Juden. Es war die Generalprobe für den kommenden Zweiten Weltkrieg. Wie die Juden in ganz Europa sympathisierte auch Maximilian für die Republikaner. Sie wussten genau, was ein Sieg Francos und Hitlers für die Juden und die freien Völker Europas bedeutete. Erst mit der kampflosen Besetzung Madrids durch Francos Truppen endete der Bürgerkrieg am 28.03.1939.

Zur Rettung seiner Familie entschloss sich Max, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, ehe es zu spät würde. Als erstem Familienmitglied ermöglichte er seiner Tochter Gretel, einer 22-jährigen schlagfertigen Frau, die die höhere Töchterschule besucht hatte, Ende 1936 nach USA zu emigrieren. USA: Drei Buchstaben, die für sie die Welt der Freiheit, des Fortschritts und des Glücks beinhalteten. Es wurde ein Abschied für immer. In New York heiratete sie im Jahre 1939 den israelitischen Lehrer Jakob Frank aus Frankfurt am Main.

Inzwischen hatte Max das Geschäft zwangsweise verkauft und wollte mit seiner Frau Johanna zu der Tochter in die Neue Welt emigrieren. Aber ein unvorhergesehenes Ereignis kam dazwischen: er erkrankte an der „Krankheit der alten Männer“ und musste sich im Schicksalsjahr 1938 in einem Mannheimer Krankenhaus einer Operation unterziehen, die leider misslang. Er verstarb am 23.05.1938. Seine sterbliche Hülle wurde nach Speyer überführt und auf dem jüdischen Friedhof im Grab seines Sohnes Hans beigesetzt.

Vier Tage vor dem Novemberpogrom des gleichen Jahres übersiedelte seine Frau Johanna zunächst nach Heidelberg, Goethe-Straße 8, wo sie die Deportation ihrer Leidensgenossen im Oktober 1940 überstand. Sie war wohl im Besitze der Auswanderungspapiere und emigrierte planmäßig 1941 zu ihrer Tochter nach New York. Dort starb sie 1965 im Alter von 90 Jahren.

Im Gefolge des Novemberpogroms blieben auch Fritz die Schrecken des Konzentrationslagers Dachau nicht erspart: Schikanen, Demütigungen, Misshandlungen, nicht selten der Tod. Vier Wochen nach seiner Entlassung emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau Liselotte schweren Herzens nach Buenos Aires / Argentinien, wo nach den USA mit 270 000 Juden die zweitstärkste jüdische Weltbevölkerung lebte (14). Nur unter großen Anstrengungen gelang es ihm und seiner Frau, sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Sie vermochten nicht, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen. Das Heimweh nach der fernen deutschen Heimat, die ihnen soviel bedeutet hatte, blieb, wie im Fall von Hermann Sinsheimer (15).

Am 22.06.1941 fielen deutsche Armeen in die Sowjetunion, mit der das Dritte Reich einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte, ein, ohne Kriegserklärung. Ein halbes Jahr später, am 11.12.1941, erklärte die Achse Berlin-Rom den Vereinigten Staaten von Nordamerika den Krieg. Damit trat die von der Zivilbevölkerung aller kriegführenden Länder längst erwartete Wende des mörderischen Ringens ein.

Nach Kriegsende kam Fritz mit seiner Frau Liselotte wieder in die alte Welt und nach dem vertrauten Speyer zurück. Er wollte finanzielle Ansprüche wegen der „Arisierung“ geltend machen und die aktuelle Situation ausloten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass ihn seine Schritte zu seinem früheren Geschäft führten und dass er einen Blick in den Innenraum warf, sich fragend: Soll ich mich auf ein Wagnis einlassen und ein Geschäft in vierter Generation eröffnen? Würden sich die alten Kunden wieder trauen, den Weg zu meinem neuen Laden zu gehen? Oder ist die Zeit dafür doch noch nicht reif genug? Er tat es nicht. Und da klafft eine riesige Lücke in der Vita dieses Ehepaars. Was es in den folgenden drei Jahrzehnten unternahm oder nicht, lässt sich nicht belegen, weil Dokumente darüber fehlen.

Höchstwahrscheinlich aus Gesundheitsgründen übersiedelten Fritz und seine Frau, etwa um 1978, nach Bad Kissingen (16) im bayerischen Unterfranken. Er wird im Kurgarten kurze Zeit geschlendert haben, bis ihn der Tod am 23.04.1982, im Alter von 81 Jahren, ereilte. Seine Frau verstarb siebzehn Jahre später, am 30.01.1999, ebendort. Beide liegen auf dem dortigen jüdischen Friedhof bestattet.

Wer ein Foto des Anwesens Maximilian-Straße 22 aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seinem jetzigen Aussehen vergleicht, dem fällt auf den ersten Blick auf, wie wenig es sich im Grunde verändert hat. Und wenn er das Gebäude von der Schlitzergasse aus betritt und das alte Holzgeländer im steilen Treppenhaus mit Jugendstil- Glasfenstern betrachtet, dann könnte er sich mühelos in die vergangene Zeit zurückversetzen, als wäre sie wie eine alte Uhr buchstäblich stehen geblieben. Als erklänge jeden Augenblick Frau Cramers Stimme, die von der Wohnungstür herunterruft: „Fritz, komm mal hoch!“.

(1) Dieses Kurzporträt veröffentlichte der Autor erstmals in gekürzter Fassung als Zeitungsartikel in der „Rheinpfalz“, Speyerer Rundschau, vom 22.02.2001. Der Name Maximilian ist lateinischen Ursprungs und bedeutet „der ganz große Nacheiferer“. Er wurde bekannt durch Kaiser Maximilian I, genannt „der letzte Ritter“. Er verkündete im Jahre 1495 den Ewigen Landfrieden und setzte in Speyer das Reichskammergericht ein. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die volle Namensform von der Kurzform Max zurückgedrängt.

(2) Diese Information erhielt der Verfasser von der Zeitzeugin Marianna Uhrig in einem Gespräch am 07.06.2001.

(3) Vgl. die Speierer Zeitung vom 20.03.1908.

(4) Ebenda vom 23.07.1910.

(5) Sie war eine ehemalige Verkäuferin im Cramers Geschäft und lieferte dem Verfasser in einem Gespräch am 04.12.2000 interessante Informationen über Familie Cramer.

(6) Vgl. den Speyerer Anzeiger vom 10.09.1874.

(7) Vgl. die Speierer Zeitung vom 06.12.1913.

(8) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer am Rhein, 1909.

(9) Vgl. die Speierer Zeitung vom 24.08.1913.

(10) Ebenda vom 03.02.1925.

(11) Gretel bestätigte dem Autor die Information über den Freitod ihres Bruders Hans in einem Brief vom 27.08.2001.

(12) Vgl. die Speierer Zeitung vom 12.05.1926.

(13) Der Buchtitel hatte als Zusatz: „Remarques Buch ist das Denkmal unseres unbekannten Soldaten. Von allen Toten geschrieben“. Dessen Oscar-prämierte Verfilmung wurde am 11.12.1930 in Deutschland verboten, weil man befürchtete, die Ausstrahlung würde das Ansehen des Deutschen Reichs in der Welt untergraben.

(14) Vgl. „Philo Atlas, Handbuch für die jüdische Auswanderung“ 1938, S. 12. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierten 30 000 bis 40 000 Juden in dieses südamerikanische Land, wo der jüdische Einfluss auf Literatur, Theater und Musikleben von großer Bedeutung ist. Sehr viele lebten konzentriert auf den Großraum Buenos Aires. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches flüchteten rund 2000 ehemalige Nazi-Größen über das Transitland Italien (Genua) ins Land des Diktators Juan Perón. Dazu gehörten u.a. der „Todesengel“ Dr. Josef Mengele, der SS-Offizier Erich Priebke und Adolf Eichmann. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer und Leiter des Referats IV D 4 im Reichssicherheitshauptamt für die Deportation und Ermordung der europäischen Juden lebte seit 1950 unauffällig unter dem Namen Ricardo Klement in San Fernando bei Buenos Aires. Er sah sich als Versager, weil er geholfen hatte, statt 10,3 Millionen Juden nur rund sechs Millionen zu vernichten. Am 11.05.1960 spürte ihn der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad auf und überführte ihn nach Jerusalem. Dort wurde er nach einem Prozess 1961 zum Tode verurteilt und 1962 erhängt. Bis zum Ende zeigte er keinerlei Reue. Die Bedeutung des Prozesses lag darin, dass er die Israelis mit dem Holocaust verband.

(15) Der Jurist, Schriftsteller und Theaterkritiker Hermann Sinsheimer wurde am 06.03.1883 in Freinsheim / Pfalz geboren. Er übernahm 1924 die Chefredaktion der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ und genoss Geltung und Ansehen im deutschen Kulturleben bis 1933. Im englischen Exil vermisste er seine deutsche Heimat sehr. Er starb am 29.08.1950 in London. Sein Bruder Ludwig, Jahrgang 1873, starb 1942 im Lager Noé an den Folgen der Gefangenschaft, seine Schwester Eugenie, 1879 geboren, wurde im gleichen Jahr in Theresienstadt ermordet. Freinsheim hat sie nicht vergessen.

(16) Mitte des 17. Jahrhunderts lebten 163 Juden in (Bad) Kissingen. Im Jahre 1705 baute die jüdische Gemeinde ein Bet- und Schulhaus. 1850/51 errichtete sie eine Synagoge, die bis 1927/28 der Gemeinde diente, als das Gebäude wegen Straßenbaumaßnahmen abgerissen wurde. Bereits im Sommer 1902 war die neue Synagoge im neoromanischen Stil entstanden. Sie spiegelte das gewachsene Selbstbewusstsein der damals über 300 Mitglieder zählenden Gemeinde wider. Dazu trugen die Heilbäder bei, die von Juden aus dem Inn- und Ausland aufgesucht wurden. Bad Kissingen war Sitz des Bezirksrabbinats und Mittelpunkt im nördlichen Unterfranken. Da aber der Kurbetrieb ab 1925 einen Abschwung verzeichnete, ging auch die Zahl der rund 500 Juden selbst zurück. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 besiegelte den Untergang der Gemeinde und ihrer Einrichtungen. Nach 1945 wurde das alte Bethaus wieder seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben. Vgl. Baruch Z. Ophir / Falk Wiesemann: „Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945 Geschichte und Zerstörung“, S. 262.

30.10.2011


12. HERMANN HIRSCH

Hermann Hirsch erblickte das Licht der Welt am 22.11.1865 in Obergimpern, jetzt Bad Rappenau, im hügeligen Kraichgau, wo um 1840 ca. 110 Bürger jüdischen Glaubens lebten. Sein Vater war Lemle, Kaufmann von Beruf, und seine Mutter hieß Mathilde, geb. Hirsch. Der Name Hirsch (1) kommt deshalb häufig bei deutschen Bürgern jüdischen Glaubens vor, weil er auf den „Jakobsegen“ in der hebräischen Bibel zurückgeht (2). Dieser Patriarch hatte ihn, als er im Sterben lag, seinen zwölf Söhnen als Vertretern der zwölf Stämme Israels erteilt. Dabei sparte er auch nicht mit Flüchen und Vergleichen. So verglich er Naftali mit einer Hirschkuh wegen dessen gefälliger Rede. Hirsch kommt auch als Vorname vor, zum Beispiel Hirsch Hildesheimer (3).

Nach Schulbesuch, Berufsausbildung zum Textilkaufmann und Militärdienst – sein Vorname heißt ja „Mann des Heeres“ - zog Hermann 1895 nach Speyer mit vielen Plänen und noch mehr Hoffnungen. In der Maximilian-Straße 14 gründete er ein Spezialgeschäft für Herren- und Knaben-Kleidung sowie Modeartikel. Am 24.02.1896 heiratete er in der Neckarstadt Heidelberg die um zehn Jahre jüngere Sofie, geb. Durlacher, aus der Fächerstadt Karlsruhe, und versprach ihr unter der „Chuppa“ (4) ewige Treue. Ihre Eltern waren der Textilkaufmann Julius und Luise, geb. Schweitzer. Vier Tage später eröffnete er das Geschäft. Er hatte die Vertretung der 1889 in Stuttgart von „Wilhelm Bleyle“ gegründeten Firma für Strickbekleidung wie Hosen und Matrosenjacken übernommen, die man später in der Fabrik anstricken lassen konnte. Er verfügte über eine eigene Schneiderei und war Mitglied des Speyerer Rabattsparvereins [Blaue Marken mit dem Speyerer Stadtwappen] (5). Telefon-Nummer 217.

Voller Stolz feierte das Ehepaar Hirsch am 17.05.1897 die Geburt des Stammhalters Josef Friedrich. Es war das Jahr, als in Basel der Erste Zionistenkongress gehalten wurde. Am 24.05. des folgenden Jahres erblickte sein Bruder Heinrich Wilhelm das Licht der Welt, zwei Monate bevor Bismark, der „Eiserne Kanzler“, in Friedrichsruh verstarb. Hinzu kam am 06.08.1899 ein Mädchen zur Welt, als Rainer Maria Rilke die Ballade „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ dichtete. Das Baby erhielt den Namen Mathilde nach Hermanns Mutter. Den Reigen schloss Hugo Ernst Otto am 23.05.1901, vier Monate nachdem die Königin Victoria von England die Bühne der Welt verlassen hatte.

Die Philosophie der Firma Hirsch lautete: „Nicht der Preis, sondern die Qualität ist Beweis für günstigen Kauf und bleibenden Wert“. Sie vermochte die Kunden zu überzeugen. Sie schätzten die zuvorkommende Bedienung, die reiche Auswahl und die günstigen Preise. Für Kinder hielt Hermann immer ein kleines Geschenk bereit: das „Bleyle-Kinderbuch“. Bei gelegentlich auftauchenden Problemen war der Geschäftsmann für seine Kulanz bekannt. Zwar hielt er sich vom öffentlichen Leben fern, aber Armen und Notleidenden gegenüber zeigte er sich stets hilfsbereit, ungeachtet der Religion, Konfession oder Einstellung, wie das hebräische Gebot der „Zedaka“ vorschreibt. Das soll nicht aus Mitleid geschehen, sondern um den Armen zu ihrem Recht zu verhelfen. Auf diese Einstellung Hermanns machte später die Presse (6) in ihrem ihm gewidmeten Nachruf aufmerksam.

Wie aus einer Anzeige in der Presse (7) hervorgeht, veranlasste die rasch wechselnde Mode in der Herrenbekleidung – maßgebend war immer der „dernier cri“, die neueste Mode! - Herrn Hirsch dazu, die Ware für eine festgelegte Zeitspanne zu reduzieren. So bot er ca. 150 Herrenanzüge in drei Serien zum Preis von 15,--, 20,-- und 25,-- Mark an. Die Anzüge waren alle aus guten Stoffen gearbeitet und hatten teilweise den doppelten Wert. Ein großer Posten Knabenanzüge wurde auch aussortiert; sie lagen auf extra Tischen zu 3,50 und 5,50 Mark.

Damals stand die Kopfbedeckung als sichtbarer Ausdruck von Individualität und Lebensgefühl hoch im Kurs. Schließlich, „Ein Hut tut einfach gut“. Daher pries er in einer am folgenden Tag erschienenen Anzeige Herrenhüte nicht nur aus englischer (Johnston, Perkins, Benson und Scotson), sondern auch aus deutscher (Mayser), und italienischer Produktion (Borsalino und Ronco Fratelli) zu äußerst billigen Preisen an (8).

Im Jahre 1909 spendete Hermann dem Israelitischen Verein für das Altersheim für die Pfalz e.V. einen Betrag, um dessen löbliches Vorhaben, eine Bleibe für ältere Menschen zu errichten, nach Kräften zu unterstützen (9).

Durch seine kaufmännische Tüchtigkeit und seine gewandten Umgangsformen gelang es Hermann Ende Januar 1913 (10) das Geschäft in die Maximilianstrasse 31, Tel.-Nr. 367, zu verlegen, dessen Lage er für noch vorteilhafter hielt. Die Kunden blieben ihm treu, weil sie wussten, gute Kleidung hebt die Stimmung, gibt Sicherheit und damit Selbstvertrauen und öffnet viele Türen. Und es fällt einem nicht schwer, sich den Geschäftsinhaber vorzustellen, wie er ihnen mit freundlichem Gesicht und bestens gekleidet entgegeneilte, ohne jedoch aufdringlich zu wirken.

Als am 01.08.1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, hielt es Friedrich Josef als ältester Sohn der Familie für seine selbstverständliche Pflicht, dem Deutschen Reich mit der Waffe zu dienen. Sein Vater hatte ja auch schon „gedient“. Er meldete sich freiwillig zum Fronteinsatz und wurde als Kanonier im 2. Bayerischen Feldartillerie-Regiment 5 eingesetzt, von Anfang an. Wenn seine christlichen Kameraden bereit waren Schulter an Schulter, auf christliche Franzosen oder Russen zu schießen, so tat er es auch auf jüdische „Feinde“ nach der eisernen Logik des Krieges. Das tat er über zwei Jahre bis „Schnitter Tod“ ihn am 18.04.1917 im treuesten Ausharren auf Beobachtungsposten mähte. Er war Inhaber des König-Ludwig-Kreuzes und hatte das 20. Lebensjahr noch nicht vollendet (11).

Von der Front aus hatte er, so gut es eben ging, Feldpost nach Hause geschickt, so dass seine Lieben über das dortige grauenvolle Geschehen unterrichtet waren. Seine Eltern und Geschwister bangten täglich um ihn, und sein Tod erschütterte sie alle zutiefst, ohne Zuspruch finden zu können. Er war ja nur einer von Hunderttausenden. Daher läuteten auch keine Totenglocken und die Fahnen an öffentlichen Gebäuden wurden nicht auf halbmast gesetzt.

Nach Aussage der Zeitzeugin Erika Habeck (12) hatte Hermann während des Krieges in der nahen Kleinen Sämergasse eine Ziege, deren Milch er bedürftigen Kindern und alten Menschen gerne und regelmäßig spendete. Mit dem Kriegsende hörten die Einschränkungen in allen Lebensbereichen nicht auf, sondern die politische und wirtschaftliche Lage verschärfte sich zunehmend aufgrund des Versailler Friedensvertrages (13). Diese heiß umstrittene Übereinkunft sah beispielsweise nicht nur den Verlust von Elsass-Lothringen und des Saargebietes bis 1935 sowie Posens und Westpreußens vor, sondern auch Reparationszahlungen in ungebührlicher Höhe, die das Deutsche Reich gegenüber den Siegermächten der Entente über Jahrzehnte hinaus leisten musste.

Am 19.01.1921 starb Hermanns Schwiegermutter Luise im Alter von 74 Jahren, die vermutlich nach dem Tode ihres Mannes Julius zu ihrer Tochter Sofie nach Speyer gezogen war. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Domstadt bestattet.

Sein Sohn Heinrich Wilhelm übersiedelte im März des gleichen Jahres nach dem turbulenten Berlin, in der Hoffnung, in der Hauptstadt der Weimarer Republik bessere Aufstiegschancen zu haben. Oder verstand er sich nicht mit seinen Eltern und Geschwistern? Hatte Hermann mit ihm Tacheles geredet? Oder er protestierte damit wie ein „Wandervogel“ gegen den Untertanengeist seiner Vatergeneration, um sein Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit gestalten zu können?

Im folgenden Monat, am 07.04.1921, gab es im Hause Hermann Hirsch ein freudiges Ereignis: Die Hochzeit der Tochter Mathilde, gen. Thilde, mit dem Kaufmann Otto Thanhauser aus Koblenz. Es sollte die einzige Eheschließung bleiben, die Hermann miterlebte, und sie bedeutete zugleich seine Trennung von der Tochter, denn sie zog anschließend vom Rhein, dem „deutschesten aller Flüsse“ in die Bodensee-Stadt Konstanz (14) am Schwäbischen Meer, die neue Heimat ihres Mannes.

Das Jahr 1923 darf als das schlimmste Jahr für die deutsche Wirtschaft nach der Kriegsniederlage bezeichnet werden. Durch die Inflation verloren Millionen Menschen ihre Ersparnisse und mussten von Punkt Null neu anfangen. Die Flucht in die Sachwerte hatte begonnen und trieb merkwürdige Blüten. Die Weimarer Republik war praktisch bankrott, nur niemand wagte, das einzugestehen. Es herrschte insgesamt ein großes Chaos, bis die Inflation durch die Einführung der Rentenmark als Zwischenwährung im November 1923 beendet wurde. 1924 trat die Reichsmarkwährung in Kraft.

Gerade war Hermann dabei, dieser neuen Herausforderung Herr zu werden, als er plötzlich schwer erkrankte. Es gab für ihn zum Leidwesen seiner Familie keinerlei Hoffnung. Er verstarb nach einem arbeitsreichen Leben unerwartet am 18.06.1926 im 61. Lebensjahr, zwei Monate und zehn Tage vor dem Sterbefall von Sigmund Mayer (15). Damals wurde die Maximilian-Straße als so genannte „Notstandsarbeit“ kanalisiert (16). Seinem Wunsch entsprechend wurde dieser

„angesehener Kaufmann, der bei der hiesigen

Einwohnerschaft in hohem Ansehen stand“ (17)

auf dem südlichen Feld in der dritten Reihe des jüdischen Friedhofs an der Wormser Landstraße bestattet. In aller Stille. Nur einen Monat davor, am 07.05., hatte der Reichstagsabgeordnete und Verleger, Eugen Jäger (18), in seinem Haus, Maximilian-Straße 81, seine Augen für immer geschlossen. Hermanns Sohn und Prokurist, Ernst Otto, führte das Geschäft in eine unsichere Zukunft weiter.

Bestrebt, das Lebenswerk seines Vaters in würdiger Weise fortzusetzen, verfuhr Ernst Otto nach folgendem Geschäftsgrundsatz: „Kein Kleidungsstück abzuliefern, das nach Fertigstellung aus irgend einem Grund nicht den Beifall des Abnehmers finden sollte“ (19). In einer Zeitungsanzeige (20) warb er mit folgenden Worten:

 

„Auf die Hosen kommt es an! Kauft den Schuljungen

BLEYLE-HOSEN .Sie sind gut, preiswürdig

und werden in der Fabrik stets unsichtbar

 repariert, in allen Farben und Größen vorrätig

bei HERMANN HIRSCH, SPEIER“.

 

Er war ein Mann mit schwarzem, krausem Haar und schloss am 30.01.1930 – auf den Tag genau drei Jahre vor Beginn der Nazi-Diktatur - in Speyer den Bund der Ehe mit der um neun Jahre jüngeren Lilli Karoline, geb. Kaufmann. Sie war die einzige Tochter von Hermann Kaufmann, der in der Maximilian-Straße 25, nur wenige Häuser entfernt, ein Damenkleidergeschäft betrieb. Als Trauzeugen traten auf: Hermann Kaufmann (21), Vater der Braut und Max Herz (22), Nachbarn des Bräutigams. Die Trauung fand in der Synagoge statt und die Hochzeitsfeier gestaltete sich nach Zeitzeugenaussagen zu einem Großereignis auf der damals noch mit Kopfsteinpflaster belegten Hauptstraße. Die Musikkapelle kam durch das Altpörtel, der Gesangverein brachte vor der Wohnung der Braut ein Ständchen und viele Menschen strömten zusammen. Alle wollten den frisch Vermählten persönlich gratulierten.

Fünf Monate später, am 01.07.1930, zog die französische Besatzung ab und die bayerische Polizei ein – die Befreiungs-Feier auf der Maximilian-Straße dauerte die ganze Nacht – und die wirtschaftliche Lage besserte sich allmählich. Aber die politischen Verhältnisse fingen gerade für die Bürger jüdischen Glaubens an, immer kritischer zu werden. Im letzten Freiheitsjahr, am 16.02.1932, brachte Lilli Hirsch im Stiftungskrankenhaus in Speyer ihr erstes Kind, Marliese, zur Welt.

Mit dem 30.01.1933, dem Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, änderte sich die Lage schlagartig. SA-, SS- und Wehrmachtsuniformen sowie Hitler-Jugend Kluften, Tellerkappen und Stiefel hatten jetzt Hochkonjunktur. Nach wie vor boten die Nationalsozialisten in ihrer Propaganda nur ein Zerrbild der Tätigkeiten jüdischer Geschäftsleute wie bei Karnevalsumzügen, und alles Jüdische war ab sofort verpönt. Wer die Möglichkeit hatte, über Verwandte und Bekannte im Ausland ein „Affidavit“, eine Bescheinigung an Eides Statt, zu erhalten, und noch ein Quäntchen Glück dazu, begann seine „Auswanderung“ zu betreiben. Sie kostete die „Reichsfluchtsteuer“ (23) und öffnete den Weg in eine unsichere Zukunft irgendwo in der Welt.

Lilli Hirsch durfte ihr zweites Kind nicht mehr in ihrer Vaterstadt Speyer zur Welt bringen, sondern mit Hilfe von Beziehungen, am 30.08.1935, in einem Krankenhaus in Karlsruhe. Es war wieder ein Mädchen und erhielt den biblischen Namen Mirjam Evelyn. Die Aufregung davor und die Erleichterung der zweifachen Mutter und ihrer Angehörigen danach waren riesig und begreiflich. Die Zeit drängte. Im folgenden Jahr, am 15.08.1936, meldete Hugo Ernst Otto Hirsch seine Mutter Sofie und seine Familie aus Speyer ab. Nach einer wochenlangen Dampferfahrt auf schwankendem Boden betraten sie in Los Angeles, im „Golden State“ Kalifornien am Stillen Ozean, das rettende Ufer Amerikas (24).

Hermanns Tochter Mathilde war es auch vergönnt, mit ihrem Mann Otto Thanhauser (25) und den beiden bereits verheirateten Töchtern Inge Bernheim und Ellen Greif dem Terror des Tausendjährigem Reiches zu entkommen und ebenfalls Los Angeles zu erreichen. Dort fingen sie, wie alle Immigranten unter völlig anderen Lebensbedingungen, mühsam an, eine neue Existenz aufzubauen. Keine neue Erfahrung im Leben eines Menschen jüdischen Glaubens in den zweitausend Jahren der Diaspora (26).

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(1) Vgl. Kurzporträt Nr. 14.

(2) Vgl. Genesis, Kapitel 49, Verse 3-27: Der Segen Jakobs. Es handelt sich aber eher um Weissagungen, wie der erste Vers zeigt. Vom Hirsch fühlten sich schon die Menschen der Altsteinzeit beeindruckt, den sie in ihren Höhlen darstellten. Mehrmals wird er in der Bibel erwähnt, z.B. im Psalm 42, Vers 2, wo der Durst des Hirschs nach Wasser verglichen wird mit der Sehnsucht des Menschen nach Gott. Mehrere Gaststätten sind nach diesem Tier benannt.

(3) Hirsch Hildesheimer erblickte das Licht der Welt am 02.02.1855 im Ghetto von Eisenstadt als Sohn des Rabbiners Esriel und dessen Frau Henriette, geb. Hirsch. Er promovierte 1879 in Leipzig zum Dr. der Philosophie mit einer Arbeit über „Sextus Aurelius Victor: De viris illustribus urbis Romae“. Im folgenden Jahr heiratete er seine Cousine Röschen, geb. Hirsch. Gleichzeitig begann er seine Tätigkeit als Dozent für jüdische Geschichte und Geographie Palästinas am Berliner Rabbiner-Seminar. Im Jahre 1883 übernahm er die Redaktion der „Jüdischen Presse“ und kämpfte 30 Jahre lang -28 Jahrgänge- für die jüdische Sache, vor allem um die Berechtigung des jüdischen Schächtens der Tiere. Daneben setzte er sich engagiert ein in vielen Vereinen, etwa im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, der die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum erstrebte. Ein früh einsetzender Verkalkungsprozess infolge eines erlittenen Unfalls raffte ihn, am 05.12.1910, in Berlin hinweg, nur elf Jahre nach dem Tode seines ebenfalls angesehenen Vaters.

(4) Unter einem von vier Stangen getragenen Baldachin, hebr. Chuppa, findet die Trauung religiöser Juden statt in Ausrichtung auf Jerusalem bzw. den Tempel. Es ist das Sinnbild für das Heim des neuen Ehepaares. Die Trauung ist ein Freudenfest für die ganze Gemeinde, der unter bestimmten Voraussetzungen auch die Scheidung erlaubt ist.

(5) Vgl. die Speierer Zeitung vom 29.07.1912. Dem Speierer Rabattsparverein e.V. waren 130 Geschäfte angeschlossen. Die mit diesen blauen Marken beklebten Sparbücher wurden bei der Speyerer Volksbank eingelöst.

(6) Ebenda vom 19.06.1926.

(7) Ebenda vom 08.04.1908.

(8) Ebenda vom 09.04.1908.

(9) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer am Rhein, 1909.

(10) Vgl. Gewerbeanmelderegister vom 28.01.1913.

(11) Vgl. die „Speierer Zeitung“ vom 23.04.1917. Wenn jährlich am Volkstrauertag, den 2. Sonntag vor dem 1. Advent, auf dem Speyerer Friedhof der Opfer des Nationalsozialismus und der Gefallenen beider Weltkriege mit Worten des Gedenkens und Kranzniederlegungen gedacht wird, legt man auch auf dem jüdischen Friedhof an der Südseite der Grabanlage, wo jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs ruhen, die in Speyerer Lazaretten starben, einen Kranz nieder.

(12) Sie war Besitzerin der Kaffee-Konditorei Ebert in der Maximilian-Straße 28 und schrieb um 1996 ihre „Erinnerungen an Speyerer Juden“ – 13 DIN A4 Seiten – nieder, die sie dem Autor zur weiteren Verwendung überließ.

(13) Der Versailler Vertrag rechtfertigte die Reparationen mit dem Artikel 231, der Deutschland die Schuld am Ausbruch des Krieges zuwies. Aber er war auch im Lager der Alliierten und Assoziierten Gegenstand der Kritik. In Deutschland erreichte der Reichsaußenminister Gustav Stresemann durch seine Verständigungspolitik Frankreich gegenüber eine gewisse Milderung seiner Bedingungen. Der Mann auf der Straße bezeichnete den Vertrag als ein Machwerk von Dummköpfen und Lumpen. Der Kampf gegen ihn bildete den wichtigsten Bestandteil nationalsozialistischer Propaganda.

(14) In der Reichsstadt Konstanz lebten Juden seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im Zuge der Pestverfolgung wurde die Gemeinde am 03.03.1349 nahezu ausgelöscht. Seit 1375 entstand eine neue Gemeinde, deren Mitglieder infolge einer Ritualmordbeschuldigung 1448 ausgewiesen wurden. Aber sie kehrten um die Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zurück.

(15) Vgl. Kurzportträt von Sigmund Mayer Nr. 5.

(16) Sein Geschäft ist in der Dokumentation „Speyer – anno dazumal, 100 Jahre Speyerer Stadtgeschichte zwischen 1854 und 1954“ abgebildet, S. 136.

(17) Vgl. Nachruf in der „Speierer Zeitung“ vom 19.06.1926.

(18) Der 1842 geborene Eugen Jäger zog mit sieben Jahren nach Speyer, studierte in Karlsruhe, Zürich und München und übernahm dann die väterliche Druckerei. Im Jahre 1874 heiratete er Rosa, geb. Neu, aus Obermoschel und sie hatten später 13 Kinder. Eugen gehörte 32 Jahre dem Stadtrat an und verfasste insgesamt über 20 Werke.

(19) Vgl. die „Speierer Zeitung“ vom 01.04.1927.

(20) Ebenda vom 14.05.1927.

(21) Hermann Kaufmann, 1876 geboren, erwarb im September 1905 das Damen-Konfektionsgeschäft, Maximilian-Straße 25, vormals Jakob Annathan. Sein Sohn Fritz ertrank beim Schwimmen im Rhein mit seiner Braut Lisbeth Kestler, einer Gymnastiklehrerin aus München, am 07.08. 1931. Er war im Alter von 24 Jahren, sie 22 Jahre alt. Wegen der „Arisierung“ verkaufte Hermann im Juli 1936 das Geschäft und emigrierte 1938 mit seiner Frau Paulina, geb. Moses, zu ihrer Tochter Lilli Hirsch in die USA.

(22) Max Herz wurde 1878 in Ganzpohl bei Langenfeld / Solingen geboren. Er heiratete im Dezember 1904 in Bingen Juliane, geb. Durlacher, und betrieb ein Geschäft für Wäsche- und Säuglingsausstattung in der Maximilian-Straße 33. Sein Sohn Reinhold, geboren 1913, Berichterstatter jüdischer Zeitschriften, wurde 1933 wegen Verbreitung von „Greuelnachrichten“ in Schutzhaft genommen. Er emigrierte im Jahre 1938 nach New York. Seine Eltern wurden 1940 nach Gurs deportiert. Max wanderte vom Lager Les Milles im Jahre 1941 zu seinem Sohn nach USA aus und starb dort 1960. Seine Frau Juliane kam im KZ Auschwitz um.

(23) Sie betrug 25% des Kapitalvermögens jüdischer Auswanderer und diente den Nationalsozialisten als Teilenteignung. Die Freigrenze lag bei 50 000 Reichsmark. Wertpapiere und Bankguthaben konnten nur nach hohen Abgaben ins Ausland überwiesen werden.

(24) Man schätzt die Anzahl der jüdischen Emigranten aus dem Dritten Reich auf insgesamt ca. 250 000 Menschen, davon emigrierten allein 132 000 in die USA. Weitere Recherchen sind noch im Gang, da manche Daten beispielsweise im Krieg zerstört wurden. Eine endgültige Liste liegt beim Bundesarchiv in Koblenz noch nicht vor. Vgl. Nicolai M. Zimmermann, die Liste der jüdischen Einwohner im deutschen Reich 1933-1945.

(25) Freundliche Mitteilung des Stadtarchivs Konstanz vom 31.07.2009.

(26) Unter Diaspora, grch. „Zerstreuung, hebr. „Galut“, lat. „Exil“ versteht man das Leben der Juden außerhalb Palästinas / Israels.

30.10.2011


11. SIGMUND DREYFUSS

Die weitverzweigte Familie Dreyfuss (1) gehörte von Anfang an zur Speyerer Israelitischen Gemeinde der Neuzeit und schrieb Stadtgeschichte mit. Sigmund wurde am 30.07.1859 in der Domstadt als ältester Sohn von Ferdinand (2) und dessen Ehefrau Sara, geb. Guggenheimer, geboren, die aus Fürth / Odenwald stammte. Er hatte vier Brüder Joseph, Jahrgang 1861, Karl, 1862, Maximilian, 1866, und Moritz, 1870. Hinzu kam noch eine Schwester namens Charlotte. Sigmund war Vetter dritten Grades Henriettes, der Ehefrau von Jesaias Kuhn (3). Bereits mit seiner Geburt fiel die Entscheidung über seine Berufswahl: wie sein Vater und Großvater Moritz sollte er Textilkaufmann werden.

Am 08.09.1884 heiratete er, ein Mann von zierlichem Körperbau, in Speyer die um zwei Jahre jüngere und ebenfalls in der Domstadt geborene Textilhändlerin Emma, geb. Dreyfuss. Als Trauzeugen fungierten sein Vater Ferdinand und sein Onkel Emanuel. Wohin die Hochzeitsreise ging, ist unbekannt. Die geräumige Wohnung der Familie Dreyfuss, eine Doppelhaushälfte mit Garten, steht in der Hilgard-Straße 12. Ihre erstgeborene Tochter Marie erblickte im folgenden Jahr, am 28.09.1885, in Speyer das Licht der Welt. Im November 1886 erhielt sie ein Brüderchen, namens Eduard, und im Juni 1888 das Schwesterchen Gertrud als spätere Spielgefährtin. Da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, blieb es bei den drei Geschwistern.

Bald zeigte es sich, dass Marie, ein Mädchen von hübscher Gestalt, einen scharfen Verstand hatte und nicht auf den Mund gefallen war. Klar, dass sie Zöpfe trug, an denen böse Buben in der Volksschule, wo sie Klassenbeste war, zogen. Später in der Töchterschule war sie weniger engagiert, aber für die Lehrerin, die die Schülerin hoch verehrte, schrieb sie die besten Aufsätze und trug am Schuljahresabschluss Texte vor. Immer neue Streiche dachte sie sich aus, und sie amüsierte sich dabei prächtig mit ihren Freundinnen.

Mit ihren Eltern machte sie Ausflüge mit dem Pfälzer Waldverein, sprach dem Pfälzer Wein zu und trank mit Freunden schon mal Sekt aus Biergläsern. Ihre zahlreichen Verwandten luden sie gerne auf einige Wochen oder auch auf längere Zeit nach Darmstadt, Aachen oder Dresden ein, wo ihre Vettern und Cousinen sie „Mohrrübchen“ nannten und Theater und Konzerte mit ihr gemeinsam besuchten, zumal Marie sehr gut Laute spielte, ausgezeichnet sang und tanzte. Nicht zuletzt rauchte sie gern. Da konnte das damals kleine Speyer einfach nicht mithalten (4).

Als Sigmund Dreyfuss 1894 im besten Mannesalter von 35 Jahren stand, schlug in Paris wie eine Bombe die Affäre um Alfred Dreyfus ein (5). Nicht nur die Gleichnamigkeit der beiden Personen spricht dafür, dass Sigmund von diesem antisemitisch motivierten Spionage-Prozess für Deutschland nicht unberührt blieb. Denn die Affäre beschäftigte zwölf Jahre lang Millionen Menschen in Frankreich und darüber hinaus und zog sie in ihren Bann. Man darf also annehmen, dass auch er um das Schicksal dieses zu Unrecht verurteilten französischen Hauptmanns des Generalstabs auf der Teufelsinsel Cayenne (6) bangte und sich 1906 über dessen Rehabilitierung freute. Am Ende siegten nicht die Antisemiten, sondern die wahrhaften Demokraten. Welche Lehre Sigmund daraus für sich, seine Familie und Firma zog, steht nicht fest. Am wahrscheinlichsten scheint die Mutmaßung, dass er einen solchen Vorfall im Deutschen Reich rundweg ausschloss.

Anfang April 1898 verstarb seine Mutter Sara im Alter von 63 Jahren und wurde auf dem südlichen Hauptweg des jüdischen Friedhofs an der Wormser-Landstraße bestattet. Im März des folgenden Jahres stand das Herz seines 72-jährigen Vaters Ferdinand plötzlich still, infolge eines Herzschlags, ohne Todeskampf, nachdem er als Mitglied des Aufsichtsrates einer Generalversammlung der Speyerer Volksbank beigewohnt hatte. Die Presse widmete ihm einen beachtenswerten Nachruf (7). Er wurde zu seiner Frau beerdigt. Nach dem Tode seines Vaters betrieb Sigmund mit seinem Bruder Joseph, einem schlanken und gemütvollen Menschen, die Kleiderfirma, Maximilian-Straße 38/39, Tel. 89. Joseph wohnte in der Prinz-Luitpold-Straße 8.

Die Spezialität der Firma Dreyfuss lag in „eisenstarken“ Hosen, weil sie am meisten beansprucht werden – vermutlich Blue Jeans aus San Francisco? - Loden-Mänteln, Waterproof-Mänteln und Umhängen. Sigmund ließ sich stets von folgenden Grundsätzen leiten: er forderte gleiche Preise von allen Kunden ohne Ausnahme, bot größte Auswahl, solide Stoffe aus englischer und deutscher Produktion und das außergewöhnlich billig (8). Wer bar bezahlte, erhielt blaue Rabattmarken.

Wie sein Vater, war Sigmund Dreyfuss seit Beginn des 20. Jahrhunderts Aufsichtsratsmitglied der Speyerer Volksbank. Um die gleiche Zeit kam seine Tochter Marie ins Pensionat „Bonne Brise“ nach Lausanne, der Hauptstadt des schweizerischen Kantons Waadt. Dort badete sie im Sommer fast täglich im Genfer See, wie ihre Mutter im Rhein in der Badesaison. Ihr Vater war im Wanderausschuss des Pfälzer-Waldvereins tätig (9) und machte gerne in seiner Freizeit Gebirgstouren bis in die Gletscherregionen. Marie spielte mit ihren Freundinnen Tennis, war in Konditoreien ein gern gesehener Gast und paukte weiterhin die französische Sprache, wozu noch englisch und italienisch kam. Viele Jungmänner machten dem „gnädigen Fräulein“ den Hof, was ihre Eitelkeit schmeichelte, doch der Erwählte, das heißt, der „Einsam- und der Ehelosigkeit Verlorene“, war ein anderer: Albert Mühlhauser aus Krumbach an der Kammlach (10) / Schwaben, ein stattlicher Mann mit Schnauzer und Fliege im weißen Oberhemd.

Dieser junge Herr war im September 1878 als Sohn des Bankiers Salomon und dessen Ehefrau Ricka, geb. Bühler, geboren worden. Er besuchte in München die Volksschule, feierte mit dreizehn Jahren die „Barmizwa“, das heißt, wurde religionsmündig und berechtigtes Mitglied zur Bildung des „Minjan“ (11), wozu er traditionell zahllose Geschenke erhielt. Zum Weiterstudium in München kam er in ein Pensionat, das Kahnsche Institut. Dort versorgte ihn seine Mutter zusätzlich mit koscheren Esspaketen, darin eine Woche milchige Speisen, die andere fleischige Speisen enthalten waren. Gerne turnte er, entwickelte großes Schauspielertalent wie sein Vater und sang sehr gut. Er war ein bestimmendes Wesen und legte Wert darauf, an seinem jüdischen Glauben festzuhalten. Mit Marie teilte er das Interesse für Musik und Gesang und das gesellschaftliche Leben. Albert hatte noch zwei ältere Brüder, Dr. Benno, der Lederfabrikant geworden war, Jakob, einen Unterhaltungskünstler, und die Schwester Luis. Alberts Eheschließung mit der Tochter des Textilfabrikanten fand am 02.03.1908 in Speyer statt. Ziel der Hochzeitsreise: Bella Italia.

Die Neuvermählten wohnten zunächst in Augsburg, wo am 21.11.1909 ihre erste Tochter, Stephanie, geboren und Sigmund zum ersten Mal Großvater wurde. Drei Jahre später, am 26.03.1912, erblickte ihr erster Sohn, Franz, das Licht der Welt. Im folgenden Jahr übersiedelte die Familie nach Speyer und bezog Wohnung in einem Einfamilienhaus mit Garten, Hartmannstraße 26, heute Schraudolph-Straße, nachdem Albert an allen Türpfosten in Kopfhöhe eine Mesusa (12) angebracht hatte. Zuerst wirkte er als Prokurist und bald danach als Teilhaber der Kleiderfirma seines Schwiegervaters.

Sigmunds einziger Sohn Eduard hatte nämlich nicht den väterlichen Beruf übernommen, womit dieser sicher gerechnet hatte, sondern studierte Medizin an der Universität München und wurde nach dem Vorbild seines Onkels Maximilian Arzt, und zwar in Ferrara / Italien. War daraus ein Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn entstanden, wie die Verhältnisse nahezulegen scheinen?

Dass in der Dreyfuss-Kleiderfabrik ein gutes Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herrschte, beweist allein die Tatsache, dass der Schneidermeister Georg Müller, wohnhaft in der Mörschgasse 28, im April 1910, das Goldene Dienstjubiläum feierte und weiterhin bei der Firma beschäftigt war. Sie bildete auch Lehrlinge aus (13).

Auf die Vorschlagsliste des nationalliberalen Vereins zur Stadtratswahl in Speyer für den Zeitraum 1910-14 ließ sich Sigmund Dreyfuss aufstellen und rangierte dort an zehnter Stelle von den insgesamt einundvierzig aufgestellten Persönlichkeiten, die alle Berufsstände und Erwerbsgruppen vertraten. Er erhielt 1121 Stimmen und wurde damit Ersatzmann.

Am 25.03.1912 wurde Dreyfuss als Aufsichtsratsmitglied der Speyerer Volksbank wiedergewählt. Am Tag darauf wurde er in der Generalversammlung des Verbandes süddeutscher Kleiderfabrikanten (14) zum 1. Vorsitzenden gewählt. Dies war ein Beweis großen Vertrauens in die Handels- und finanzpolitischen Fähigkeiten des Speyerer Fabrikanten, zumal es mit der deutschen Textilindustrie damals nicht zum Besten stand (15). Er nahm trotzdem die Wahl an.

Der uralte Traum des Menschen, sich dem Vogel gleich in die Lüfte zu erheben, nahm erste Gestalt mit den Fluggeräten von Leonardo da Vinci, aber begann erst zu Anfang des 20.  Jahrhunderts Wirklichkeit zu werden. 1907/08 hatte Ignaz Etrich die „E-Taube“, einen Tiefdecker, entwickelt, der seit 1910 in Berlin gebaut wurde. Und mit der Luftfahrt fühlte sich Dreyfuss in besonderer Weise verbunden. Von Juni 1912 an war Dreyfuss Mitglied im Ortsausschuss für die National-Flugspende. Im Oktober des gleichen Jahres konnten Passanten im Schaufenster seiner Kleiderfabrik einen Propeller bewundern, den ein taubstummer Bildhauer in zweijähriger Arbeit hergestellt hatte und dessen Flügellänge bis zur Achse 82 Zentimeter betrug.

Im April des Jahres 1913 wurden im Schaufenster der Firma „M. Dreyfuss Söhne“ wieder besondere Objekte ausgestellt. Es handelte sich diesmal um Werke der Modellier- und Bildhauerkunst aus dem hiesigen Atelier Höpfel und Ebel. Sie zeugten von großem künstlerischem Können und schienen vom christlichen Glauben inspiriert worden zu sein (16). Anscheinend bevorzugte Dreyfuss die Bildhauerkunst, die nach Meinung von Michelangelo Buonarroti, Heinrich Heine und anderen Kunstliebhabern als dreidimensional die Kunst in vollendeter Form darstellt. - Am 19.09. des gleichen Jahres erblickte Ernst, der zweite Sohn der Marie Mühlhauser, in Speyer das Licht der Welt, wieder Anlass zu einem Familienfest.

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (17) am 04.04.1914 unterstützte Dreyfuss in einem Aufruf an das deutsche Volk eine Rotes-Kreuz-Sammlung zugunsten der freiwilligen Krankenpflege im Kriege, die sich für alle Fälle gerüstet fühlen wollte. Der Erste Weltkrieg warf bereits seine Schatten voraus.

Im folgenden Monat gehörte Sigmund dem Festausschuss zur Vorbereitung des „Prinz Heinrich-Fluges“ 1914 an. Am Sonntagnachmittag dieses 17.05. strömten die Menschen aus der Pfalz, dem Elsass, Baden und Hessen, um bei den Vorführungen dabei zu sein. 40 Militär- und Zivilfahrzeuge passierten den Speyerer Flugplatz, und besonders Interessierte flogen auf Doppeldeckern der „Pfalz-Flugzeugwerke Speyer“ mit. Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass einer dieser Interessierten Sigmund Dreyfuss selbst war. Zum Festabschluss gab es ein Militärkonzert. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nur drei Monate später veränderte trotz aller Anfangseuphorie das Leben der Menschen in allen Bereichen, wie es sich bald herausstellen sollte.

Bei der Gemeinderatswahl in Speyer im Dezember 1914 für den Zeitraum bis 1919 gelang es Dreyfuss der große Durchbruch: Er wurde mit 1 626 Stimmen gewählt und wirkte im Ausschuss für Handel, Verkehr und Industrie mit. Aufgrund der angeordneten Arbeitseinschränkung machte er in einer Zeitungsanzeige (18) die Leserin und den Leser darauf aufmerksam, dass für Pfingsten bestimmte Maßbestellungen recht bald aufgegeben werden müssen, und dass die Preise wegen der Kriegslage sehr bescheiden ausfallen würden.

Den Antisemitismus hielt Sigmund für eine Hydra, die man nicht unterschätzen durfte, sondern gegen die man sich aufs äußerste verteidigen musste, nicht wie in früheren Zeiten als rechtlose Schutzjuden, sondern als gleichberechtigte Staatsbürger, auch wenn diese Gleichberechtigung mehr auf dem Papier stand. So ließ er sich zum Vorsitzenden der Speyerer Ortsgruppe des im März 1893 in Berlin gegründeten „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ wählen. Dieser Verein stand auf dem Boden der deutschen Nationalität, gehörte zu keiner politischen Partei – auch nicht zum Zionismus – und verwahrte sich gegen die Verallgemeinerung, mit der Vergehen einzelner Juden der jüdischen Gesamtheit zur Last gelegt wurden. Durch seine Tätigkeit leistete der Verein Kulturarbeit und trug zur Festigung der deutschen Juden bei. Sein Organ, die Monatszeitschrift „Im deutschen Reich“, trug absichtlich diesen Namen. In den Vereinsabenden in Speyer referierten Gastredner über aktuelle Fragen, an die sich oft anregende Diskussionen anschlossen (19).

Im Juni 1917 wurde der Stadtrat Dreyfuss aufgrund seiner großen Verdienste zum Hauptmann der Landwehr befördert (20). Sein Bruder Maximilian, der Arzt, erhielt im März 1918 den Rang eines Oberstabsarztes. Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalverfassung im ersten Friedensjahr, am 19.01.1919, Bezirk Speyer, wurde Sigmund Dreyfuss als Wahlvorsteher ernannt. Doch das schlechte Wahlergebnis der Deutschen Demokratischen Partei, abgk. DDP, der er angehörte (21) entsprach in keiner Weise seinen Erwartungen. Neue Hoffnungen legte er in die bevorstehenden Wahlen für den Bayerischen Landtag.

In einer Sitzung des Stadtrats im Juli 1919 (22) fragte Dreyfuss an, ob es nicht möglich sei, die Sperrstunden, die für Gaslieferung nötig geworden waren, so zu verlegen, dass Kleinindustrie und Handwerk infolge der gänzlich ungenügenden Kohlenzufuhr nicht so empfindlich geschädigt würden. Zwei Monate später, am 20.09.1919, brachte seine Tochter Marie die zweite Tochter, Klara, zur Welt, die mit einem Freudenfest aufgenommen wurde. Im Hause Mühlhauser wurde oft und gerne musiziert, auch mit Freunden, bis zu Beginn der NS-Zeit.

Zur Stadtratswahl 1920 stellte seine Partei Sigmund auf, und er übernahm die schwere Bürde eines Stadtrates – von Würde konnte bei den damaligen politischen Verhältnissen keine Rede mehr sein - die er bis 1929 trug. Er schonte seine Kräfte nicht. Im gleichen Jahr wurde er zum 1. Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Speyerer Volksbank gewählt. Am 18.07. des gleichen Jahres wurde sein Schwiegersohn Albert Mühlhauser als Mitglied des Speyerer Synagogen-Rates gewählt.

In einer Zeitungsanzeige (23) gab Dreyfuss die Hochzeit seines Sohnes Eduard mit Gertrud, geb. Müller, aus Leipzig bekannt. Sie fand im Juni 1922 in Mailand, der wichtigsten Industrie- und Handelsstadt Italiens, statt. Nur drei Monate danach, am 19.09., starb Dreyfuss‘ Frau Emma, 71-jährig, nach kurzem Leiden und wurde auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs in Speyer beigesetzt. Nach ihrem Verlust verspürte Sigmund eine unendliche Leere. Er vermochte nicht vorauszuahnen, dass er noch einen langen und dornenvollen Lebensweg zu bewältigen hatte, meist allein. Knapp zwei Jahre später gab Dreyfuss folgende Todesanzeige in der Presse (24) auf:

 

 „In tiefstem Schmerz geben wir von dem am 11.06.1924

in Ferrara erfolgten Hinscheiden unseres lieben Herrn

Dr. med. Eduard Dreyfuss Kenntnis und bitten um stilles Beileid.

Er starb nach schwerem Leiden als Opfer seines Berufes.

Im Namen der trauernd Hinterbliebenen: Sigmund Dreyfuss“.

 

Bei der Pflege seiner Patienten hatte sich Eduard im Alter von 37 Jahren eine Augen-Blutvergiftung zugezogen. Unter den Menschen, die ihm das letzte Geleit gaben, befand sich, außer seiner Frau, seinen Freunden und Kollegen, sein 65jähriger Vater, der mit anderen Verwandten aus Deutschland mit der Bahn angereist war. Nach erfolgter Einäscherung der Leiche brachte Sigmund die Urne mit der verbliebenen Asche auf den jüdischen Friedhof in Speyer, wo sie in einem eigenen Grab hinter dem seiner Mutter in aller Stille beigesetzt wurde. Eduard hatte keine Kinder hinterlassen.

Im Jahre 1925 durfte Dreyfuss auf eine 25-jährige Tätigkeit im Dienste der Speyerer Volksbank zurückblicken. 1927 wurde er zum Kommerzienrat ernannt (25). Im Mai 1928 feierte die Kleiderfabrik „M. Dreyfuss Söhne“ das 100-jährige Jubiläum seines Bestehens (26). Aus diesem Anlass wurden die Geschäftsräume unter Leitung eines Speyerer Architekten und durch Speyerer Handwerksmeister gründlich renoviert und so gestaltet, dass sie sich in jeder Großstadt hätten sehen lassen. Die Firmenleitung lud die Kunden zur Besichtigung ein und bat um die Fortdauer des ihr erwiesenen Wohlwollens. Am 30.07.1929 beging Dreyfuss seinen 70. Geburtstag in vollster körperlichen und geistigen Frische, wozu ihm auch die Presse gratulierte (27).

Jedoch die „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 traf ihn und auch seinen Bruder Josef wie der Aufprall eines Meteors. Aus dem Stadtrat Dreyfuss wurde gleich Sigmund, der „Saujud“. Es beginnt Sigmunds letztes Lebensjahrzehnt, das tragisch enden sollte. Zunächst musste er am 01.04. des gleichen Jahres den allgemeinen „Judenboykott“ über sich ergehen lassen, weil die internationale Presse ausführlich über die Hetze gegen Juden in den beiden ersten Monaten der NS-Regierung berichtet hatte. Als Reaktion darauf klebten mehrere SA-Leute an seinem Geschäft Aufrufe zum „Judenboykott“ und schreckten Kunden davor zurück, den Laden zu betreten. Fotos hielten diesen Vorfall fest.

Anfang September 1933 erfuhr Sigmund in seiner Familie einen harten Schlag. Josef, sein Bruder und Mitinhaber, der mit ihm jahrelang die Kleiderfabrik erfolgreich geleitet hatte, verstarb am 03.09., im Alter von 72 Jahren. Die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten, die sie bereits in der Zeit der Weimarer Republik getrieben hatten und jetzt erst recht trieben, hatte ihn schließlich zermürbt. Sigmund verzichtete erzwungenermaßen auf die Firma und bezog 1935 eine Wohnung in der Bahnhofstraße 14. Sein „Trautes Heim – Glück allein“ sah er nie wieder.

Seine Enkelin Stephanie, die nach Aussage der Zeitzeugin Gertrud Kellermann-Fenchel (28) öfters zusammen mit ihrem Vater mit dem Pfälzerwald-Verein wanderte, Büroangestellte geworden und 1932 Führerin der Mädchengruppe im jüdischen Jugendverein (29) war, traf 1936 eine gute alte Bekannte, die sie freundlich begrüßte. Aber Stephanie beschwörte sie, nicht bei ihr stehen zu bleiben, da dies ihr schaden könne und ging weg wegen der Verhaftungsgefahr! Sie emigrierte im gleichen Jahr nach USA. Das Gleiche gelang ihrem Bruder Ernst, der den Kaufmannberuf in Trier ausgeübt hatte, im Jahre 1938.

Sein Bruder Franz, Absolvent des Gymnasiums am Kaiserdom und danach Student in Heidelberg, betrat am 07.11.1938 in der Hafenstadt Haifa den Boden des damaligen britischen Mandatsgebiets Palästinas, denn er wollte sich in jedem anderen Land nicht sagen lassen: „Du gehörst gar nicht hierher!“ In Erez Israel, und zwar in Jerusalem, wurde er als Ephraim Millo Ministerialbeamter im sozialen Bereich bis zur Pensionierung. Die jüngste Schwester Klara, stets „Klärle“ gerufen, hatte am 21.04.1934 ins Poesialbum der Mitschülerin Ilse Leibrock, spätere Benzing, eine altbekannte Weisheit niedergeschrieben, aber sie klang bei ihr so, als hätte sie eine klare Vorahnung dessen, was sie erwartete:

 

 „Im Glück nicht jubeln,

im Leid nicht klagen,

das Unvermeidliche

mit Würde tragen“.

Sie war Erzieherin in Berlin geworden und blieb bei ihren Eltern.

Ihr Vater, Albert Mühlhauser, der mittlerweile als Vorsitzender des Synagogen-Rats Speyer amtierte, war am Sonntag, dem 28.11.1937, einer der prominenten Festredner, als die Israelitische Kultusgemeinde Speyer das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge beging, in sehr feierlicher Weise, mit Gebeten, Gesängen und Festansprachen. Was für ein unüberbrückbarer Gegensatz zu der Umwelt, in der sie täglich lebte!

Obwohl kein Jude seinen Wohnort ohne schriftliche Erlaubnis der Gestapo verlassen durfte, brachte sich Sigmund auf Anraten von treuen Freunden vor dem Novemberpogrom 1938 in Sicherheit. Er flüchtete zunächst nach Baden-Baden (30), wo er bei seiner Tochter Gertrud, verheiratete Teutsch, in der Zeppelin-Straße Aufnahme fand, allerdings vorübergehend. Seine Speyerer Wohnung wurde im Verlauf der „Reichskristallnacht“ geplündert und verwüstet. Albert Mühlhauser war vom 12. bis 28.11.1938 im Konzentrationslager Dachau. Nach seiner Freilassung musste er sein Haus aufgeben und wohnte seit dem 03.11.1939 mit Frau und Tochter Klara in der St.-Guido-Straße 25 und schließlich in einem „Judenhaus“, Gilgen-Straße 25.

Wie alle Juden im Dritten Reich musste Sigmund seit dem 01.01.1939 seinem alten deutschen Vornamen den Zwangsnamen „Israel“ hinzufügen. Weil die Stadtverwaltung Baden-Baden, wo Dr. Adolf David (31) 38 Jahre davor zur Kur geweilt hatte, ihm keine Aufenthaltsgenehmigung erteilte, zog er weiter in die Kurstadt Wiesbaden, wohin einst Wilhelm II zur Kur reiste (32). Hier wohnte er ab 05.04. 1939 in einem stattlichen Gebäude in der Humboldt-Straße 9, aber ihm kam alles so vor, als lebte er im Exil. Am 29.11.1940 wurde er in eine Gemeinschaftsunterkunft in der Mainzer-Straße 60 eingewiesen.

Einen Monat davor waren seine Tochter Marie mit dem Schwiegersohn Albert Mühlhauser und der Enkelin Klara im Rahmen der „Wagner / Bürckel Aktion in das Internierungslager Gurs in die unbesetzte Zone Frankreichs verschleppt worden, wo es keinerlei Privatsphäre gab. Auf 900 Meter Höhe musste Albert in einer erbärmlichen Lagerbaracke, seine Frau und Tochter in einer anderen, auf einer Strohmatratze sitzend, dahinvegetieren und frieren. Dabei war das Schlimmste nicht der Hunger, der Schlamm oder die Ratten, sondern die Geschlechtertrennung, die Perspektivlosigkeit und die zermürbende Langeweile. Zwar hatten die Lagerbaracken eine gewisse Selbstverwaltung, aber die wenigen Arbeitsplätze reichten bei weitem nicht aus, um alle zu beschäftigen. Nicht zuletzt bekamen die Internierten von Zeit zu Zeit, meist aus nichtigen Anlässen, ihren Lagerkoller.

Über die Lagerverhältnisse konnte Familie Mühlhauser Sigmund in kurzen zensurierten Zeilen berichten. Daraufhin schrieb Sigmund „Israel“ Dreyfuss am 29.12.1940 von Wiesbaden aus einen Brief an den Oberbürgermeister Karl Leiling, den er persönlich gut kannte, mit der Bitte um Freigabe von Bekleidungsstücken, Leibwäsche und Schuhen aus dem Haushalt seiner Angehörigen in der Hartmannstraße 26. Weiterhin merkte er an, dass er die von der Handelskammer verlangte Löschung der Firma nicht vornehmen könne, da ihm die nötigen Unterlagen fehlten, die er seinem Teilhaber Albert Mühlhauser überlassen hatte. Er fragte aber an, ob er jemand dort damit beauftragen sollte. Zugleich erwähnte er abschließend, dass er psychisch und physisch so gebrochen sei, dass er deshalb nicht die Kraft aufbringe, zu verreisen oder sonst irgendetwas zu unternehmen.

Erst nach fast zwei Monaten erhielt er von der Stadtverwaltung die knappe Antwort, man solle zunächst das Ergebnis der Verhandlungen zwischen der NS-Gauleitung und der Reichsvereinigung der Juden abwarten (33). In Wirklichkeit war der Haushalt der Familie Mühlhauser längst aufgelöst worden, Kleider, Wäsche und Schuhwerk nach mehrfacher Schätzung versteigert, wie die übrige Einrichtung.

In der kalten und zügigen Baracke des Lagers mussten Albert, seine Frau Marie und Tochter Klara weiterhin frieren, jammern und hoffen. Nur noch mit Wehmut dachten sie an die Annehmlichkeiten ihres Speyerer Eigenheimes zurück und an die dort sowie in Darmstadt, Aachen, Dresden und Krumbach verbrachte Zeit, die ihnen jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam.

Seit dem 15.09.1941 musste Sigmund wie alle Juden im Deutschen Reich das gelbe Sechseck in Form des Davidsterns – eigentlich Davidschilds - mit dem schwarzen J für „Jude“ tragen, offen an der linken Brustseite. Ein halbes Jahr später musste er auch seine Wohnung durch den „Judenstern“ kennzeichnen. Aus Emanzipierten und Assimilierten waren die Juden jetzt alle Gezeichnete geworden. Zunehmend fühlte sich Sigmund wie Ahasver (34) und Hilfe winkte von keiner Seite. Vermutlich erfuhr er nicht einmal, dass sich von Anfang an Widerstand formiert hatte, dass sich beispielsweise Sozialdemokraten unter Decknamen trafen und Stützpunkte zur Beschaffung von Informationen zwischen ihrem Exilapparat und der deutschen Widerstandsbewegung u.a. in Mainz, Worms und Speyer gebildet hatten. In einer so lebensbedrohlichen Situation spendete ihm wenigstens eine Zigarre Trost?

Am 12.08.1942 kamen seine Familienangehörigen von Gurs aus über das Durchgangslager Drancy nordöstlich von Paris, angeblich zum „Arbeitseinsatz“, in das Lager Auschwitz, wo sie elend umkamen. Ihre Namen stehen – wie der von Sigmund Dreyfuss - auf der Bronzetafel am Mahnmal für die jüdischen Opfer der Naziverfolgung gegenüber dem Standort der 1938 zerstörten Synagoge. Sigmunds zweite Tochter, Hedwig Gertrud, die nach Frankreich emigriert war, in der Hoffnung, der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu entrinnen, wurde ebenfalls über das Lager Drancy nach Auschwitz deportiert, wo sie unglücklich zu Tode kam.

Hatte Sigmund davon bereits Kenntnis erhalten? Als der damals 83-Jährige von seiner bevorstehenden Überführung ins Altersghetto Theresienstadt erfuhr, wählte er, einsam und verlassen, am 26.08. des gleichen Jahres den Freitod durch Vergiftung. Es war zu viel für einen Menschen, der stets anständig durchs Leben gegangen war und sich für das Gemeinwohl eingesetzt hatte. Genau das Gleiche tat Dr. Edmund Kahn in Rülzheim mit seiner Familie (35). Sein Leichnam wurde auf dem jüdischen Friedhof Platter-Straße in Wiesbaden bestattet. Niemand sprach für ihn, diese Gestalt Hiobs oder wie aus einer griechischen Tragödie, den Kaddisch, um seiner Seele Ruhe zu geben. Dieses jüdische Totengebet enthält kein Wort über Sterben, ist ein einziger Lobpreis Gottes und hat eine gewisse Ähnlichkeit sowohl mit dem Vaterunser der Christen (36) als auch mit der ersten Sure des Korans, der Fatiha. Sigmund ist die älteste Person der hier Porträtierten.

Ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins „Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V.“ (37) haben ihre Bürger auf das Schicksal dieses hochverdienten Speyerer Bürgers (38) aufmerksam gemacht. Zunächst im März 2010 durch ein „Erinnerungsblatt“ und am 05.05. durch einen „Stolperstein“. Sein Name darf nach so viel Engagement für seine Stadt der unverdienten Vergessenheit nicht anheimfallen. Weder jetzt noch in Zukunft.

(1)   Vgl. das Adressbuch der Stadt Speyer 1868/69. Es ist das älteste Adressbuch, das das hiesige Stadtarchiv verwahrt. Der Familiennamen Dreyfus(s) wird nicht von einem dreifüßigen Geschirr, sondern vom französischen Namen der Stadt Trier – Trèves – abgeleitet. Es ist ein alter Herkunftsname. Mehrere Angehörige der Familien Dreyfuss liegen im Judengärtel und auf dem jüdischen Friedhof an der Wormser Landstraße bestattet.

(2)   Sein Vater übernahm die Herrenkleiderfabrik, die dessen Vater Moritz 1828 in der Korngasse 43 gegründet und 1859 in der Maximilian-Straße 38/39 ausgebaut hatte. Ferdinand war Aufsichtsratsmitglied der Speyerer Volksbank von 1893 bis 1899.

(3)   Vgl. Kurzporträt Nr. 1.

(4)   Vgl. die im schwarzen Einband gebundene Broschüre „Tagebuch zweier Verlorener“, 1908.

(5)   Im Dezember 1930 strahlte das Palast-Theater Speyer den Dokumentarfilm „Dreyfus“ aus. Die Dreyfus-Affäre platzte ausgerechnet in dem Land, das den Juden als erstes in Europa die Bürgerrechte verliehen hatte. Unter ihrem Eindruck schrieb der Schriftsteller und Journalist Theodor Herzl 1895 das Buch „Der Judenstaat“ und wurde so zu einem der Väter des Zionismus und zum Vordenker Israels. Er hatte nämlich erkannt, dass die Judenassimilation ein Irrweg war. Zwar wurde er als „der jüdische Jules Verne“ oder als ein zweiter Sabbatai Zwi gespöttelt, weil die westdeutschen Juden so assimiliert waren, dass sie geringe Neigung verspürten, Zionisten zu werden und nach dem damaligen Palästina, dem „Land der Väter“, auszuwandern. Aber dreiundfünfzig Jahre später wurde der Traum Herzls und seiner Anhänger nach dem Drama des Holocaust Wirklichkeit. Allerdings wird noch nach einer politischen Lösung der Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern gesucht, damit aus dem Traum kein Trauma wird.

(6)   Diese Insel liegt 10 km vor der Küste von Französisch-Guayana und war von 1852 bis 1945 französische Strafkolonie.

(7)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 20.03.1899.

(8)   Ebenda vom 30.04.1913.

(9)   Vgl. das Adressbuch der Stadt Speyer 1911.

(10)                      Erst seit 1372 gibt es sichere Hinweise auf jüdisches Leben in Krumbach, denn in diesem Jahr bestimmte der Nürnberger Burggraf Friedrich V. den Bayreuther „Judenmeister“, Meier zu Peyerrent, zum Landesrabbiner für die Juden in Bayreuth, Hof und Krumbach. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts scheint keine jüdische Gemeinde in Krumbach mehr existent zu sein. Seit dem 19. Jahrhundert durften sich Juden dort nur tagsüber aufhalten, um ihren Geschäften nachzugehen. Gottesdienste fanden in einem gemieteten Saal des „Cafe Beyerlein“ statt. Die Krumbacher Juden bildeten eine sehr kleine Minderheit und lebten eher unauffällig. Ihre Toten bestatteten sie auf dem Friedhof in Burgkundstadt. In der NS-Zeit gehörte Krumbach zu einer ihrer Hochburgen. Vgl. Klaus-Dieter Alicke, „Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum“, Gütersloher Verlagshaus, 2008.

(11)                      Vgl. Kurporträt Nr. 7, Anmerkung 13. Die Zahl Zehn geht auf die zehn Gerechte zurück, die auf Abrahams Fürbitte die beiden sündigen Städte Sodom und Gomorra vor der Vernichtung gerettet hätten, wenn es sie dort gegeben hätte. Vgl. Genesis, Kapitel 18, Vers 16-33.

(12)                      Die Mesusa ist ein in eine Hülse gelegter Pergamentstreifen, auf dem ein Gebet geschrieben ist, das mit den Worten beginnt: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig…“ Jeder religiöse Jude küsst beim Vorbeigehen die Mesusa, indem er die Finger der rechten Hand darauf legt und diese dann an die Lippen führt. Die Mesusa hat aber auch eine soziale Komponente. Sie verpflichtet die Juden, jedem Hilfsbedürftigen beizustehen, ganz gleich, welcher Nation oder Religion er angehört.

(13)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 28.03.1908.

(14)                      Ebenda vom 30.04.1913. Zu diesem Verband gehörten so bedeutende Städte wie München, Stuttgart, Heidelberg, Speyer, Worms, Mainz, Darmstadt, Würzburg und Frankfurt am Main.

(15)                      Ebenda vom 08.06.1912. Die schwierige Lage entstand durch eine ungünstige Konjunktur, den Preissturz auf dem Baumwollmarkt um fast 50%, die Einführung des 10-Stunden-Arbeitstages und die stetig wachsenden Steueransprüche des Staates und der Gemeinden.

(16)                      Ebenda vom 18.04.1913.

(17)                      Der schweizerische Philanthrop, Henri Dunant, war Zeuge des Elends der Kriegsverletzten während der Schlacht von Solferino / Mantua, bei der die Franzosen und Italiener unter Napoleon III. 1859 über die Österreicher unter Franz Joseph siegten. Im Jahre 1864 veranlasste Dunant die Genfer Konvention über humane Behandlung verwundeter und kranker Kriegsgefangener. Er gründete das Rote Kreuz und erhielt dafür 1901 den Friedensnobel-Preis.

(18)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 03.05.1916.

(19)                      Vgl. „Ein Vierteljahrhundert im Kampfe um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden“, Verlag des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin 1918. Die Nationalsozialisten verboten diesen Verein am 10.11.1938.

(20)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 13.06.1917.

(21)                      Der evangelische Theologe und Politiker Friedrich Naumann stellte während des Ersten Weltkriegs ein Programm der mitteleuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft auf. Im Juli 1919 wurde er Vorsitzender der Deutschen Demokratischen Partei. Diese sollte die Arbeiterschaft um sich sammeln und Staat und Wirtschaft liberal umgestalten. Durch seine starke und lautere Persönlichkeit übte Naumann einen starken Einfluss auf die junge Generation der Jahrhundertwende aus. Zwar gehörten seiner Partei auch namhafte Bürger an, aber sie hatte eine schmale Basis von Wählern. Bereits im folgenden Monat starb Naumann 59-jährig in Travemünde. Im Juli 1930 schloss sich die DDP mit dem Jungdeutschen Orden zusammen und nannte sich in Deutsche Staatspartei um. In Speyer bestand eine DDP-Ortsgruppe.

(22)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 23.07.1919.

(23)                      Ebenda vom 20.06.1922

(24)                      Ebenda vom 15.06.1924.

(25)                      Katrin Hopstock in „Die Juden von Speyer“, Bezirksgruppe Speyer, Historischer Verein der Pfalz, 2004.

(26)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 05.05.1928.

(27)                      Ebenda vom 30.07.1929

(28)                      Das berichtete sie beim Erzählcafé am 10.01.1995 im Veranstaltungsraum des Speyerer Seniorenbüros.

(29)                      Vgl. Adressbuch der Stadt Speyer 1931/32.

(30)                      In diesem internationalen Kurort lebten vor der NS-Zeit reiche jüdische Kaufleute, von denen viele aus Russland stammten. Als die Nazis am 10.11.1938 die dortige Synagoge durch Brandstiftung zerstörten, äußerte die Bevölkerung durch verschiedene Zeichen ihre Missachtung, die den Grad der Empörung deutlich erkennen ließ. Vgl. „Das Neue Badener Tageblatt vom 11.11.1938.

(31)                      Vgl. Kurzporträt Nr. 4.

(32)                      Bis zum Ersten Weltkrieg erlebte Wiesbaden mit seinen 27 Quellen eine Glanzzeit als sommerlichen Treffpunkt des Kaisers und des Hofes. Auch Künstler fühlten sich von der Kurstadt besonders inspiriert, wie Johannes Brahms, der hier 1883 seine Dritte Sinfonie komponierte. Die Stadt hatte das Glück, im Zweiten Weltkrieg nur wenig zerstört worden zu sein.

(33)                      Vgl. Karl Heinz Debus in „Die Juden von Speyer“, S. 264.

(34)                      In der Volkssage ist Ahasverus der Name des „Ewigen Juden“, der Jesus auf dem Wege nach Golgatha vor seinem Hause nicht ausruhen ließ und nun rastlos umherwandern muss bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, ohne die Ruhe des Todes zu finden. Der Zeichner Gustave Doré stellte ihn 1856 dar, wie er bekleidet mit einer Mönchskutte, mit einem langen weißen Bart, in der linken Hand einen großen Stab und in der rechten einen Geldbeutel, an dem gekreuzigten Jesus vorbeizieht.

(35)                      Vgl. Bernhard Kukatzki in „Jüdische Geschichten aus der Pfalz“, S. 117. Dr. med. Edmund Kahn, geb. 1897 in Rülzheim, gest. 1943 in Frankfurt am Main, war ein beliebter Arzt und geachteter Bürger in Rülzheim. Als die Überführung in das Lager Theresienstadt bevorstand, beging er mit Frau Flora und Tochter Lieselotte Selbstmord. Ostjuden, manchmal von den Westjuden abschätzig „Polacken“ genannt, verfügten in der Regel über mehr Widerstandskraft gegen den Freitoddrang als die stark assimilierten Juden im Westen.

(36)                      Der Kaddisch ist ein aramäisches Gebet, das die Heiligkeit Gottes bzw. seines Namens preist und wird bei der Beerdigung eines Juden / einer Jüdin auf feierlich-getragene Weise von dem ältesten Sohn oder dessen Stellvertreter gesprochen. Dieses Gebet wird auch im Gottesdienst und beim Lernen der Thora und des Talmuds gesprochen.

(37)                      Die Informationen über die letzten Jahre Sigmund Dreyfuss‘ in Wiesbaden verdankt der Autor Dr. med. Elisabeth Schaub, Wiesbaden.

(38)                      Der Name Sigmund Dreyfuss stand nicht auf der Liste der am 22.10.1940 deportierten Speyerer Juden, da er zu der Zeit nicht mehr in Speyer wohnte. Er verdient aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Verdienste, dass die Stadt eine Straße in einem Neubaugebiet nach ihm benennt, da sonst an das über 900-jährige jüdische Erbe der Stadt eine einzige Straße erinnert: die Judengasse.

06.10.2011


10. DR. MED. SIEGMUND REIS

Die kleine Landgemeinde Echzell im hessischen Landkreis Büdingen, nahe dem Kurbad Nauheim, gelegen, wurde am 17.05.1857 der Geburtsort des Schwiegersohnes von Dr. Adolf David (1): Siegmund Reis, ein Altersgenosse von Theodor Altschul (2). Siegmunds Eltern waren Emil und dessen Ehefrau Bertha, geb. Kahn. Auf der Suche nach besseren Aufstiegschancen war die Familie Reis von Echzell nach Darmstadt gezogen.   

Siegmund widmete sich dem Medizinstudium, das er erfolgreich abschloss. Der Grund weshalb viele Bürger jüdischen Glaubens den Arztberuf wählten, hing damit zusammen, dass sie seit 1872 das Studium an den Universitäten Berlin und Halle beispielsweise absolvieren durften, ohne durch die Taufe ihr Judentum verleugnen zu müssen (3). Seit dem Mittelalter blickten Juden auf eine jahrhundertealte medizinische Tradition zurück, und wenn schon Ärzte einen ausgezeichneten Ruf genossen, waren Bürger jüdischen Glaubens im Allgemeinen sehr hygienebewusst.

Welche Beweggründe Dr. Reis nach Speyer führten, lässt sich nicht mehr feststellen. In der Domstadt vermählte er sich am 03.11.1885 mit der um fünf Jahre jüngeren Speyerin und Arzttochter Franziska, geb. David. Als Trauzeugen bei der Zeremonie im Standesamt Speyer traten bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf: ihr ältester Onkel, Theodor David (4), sowie Louis Levinger, 1864 Mitbegründer der Speyerer Volksbank mit Sitz in der Wormser-Straße 15 und im Jahre 1889 der Baumwollspinnerei in der Friedrich-Ebert-Straße.

Neun Monate später brachte Franziska, am 20.08.1886, in Speyer ihr erstes Kind, den Sohn Karl, zur Welt, zwei Monate und sieben Tage, nachdem der geisteskranke König, Ludwig II. von Bayern – der „Märchenkönig“ -  im Starnberger See bei Schloss Berg unter ungeklärten Umständen mit einundvierzig Jahren ertrank. Sein betreuender Arzt, der Psychiater Dr. Bernhard Aloys von Gudden, kam beim Versuch, seine Majestät zu retten, ums Leben.

Dr. Reis eröffnete 1888 seine Praxis in der Ludwigstraße 5, am Königsplatz, und war erreichbar unter der Tel.-Nr. 116. Er behandelte seine Patienten täglich von 13.00 bis 15.00 Uhr, machte außerhalb der Sprechstunden Krankenbesuche und betreute von 1906 bis 1911 (5) seine Patienten als Belegarzt im 1905 erbauten St. Vincentius-Krankenhaus. Damit war er auch ein Arbeitskollege von Dr. Willy Taendler (6). Zudem wirkte er als Kassenarzt für die zahlreichen Beschäftigten der Baumwollspinnerei (7) und als Leichenbeschauer für das gelbe, grüne und blaue Stadtviertel (8).

Inzwischen genoss Dr. Reis so sehr die Hochachtung seiner Bürger, dass er den Umfang seiner Tätigkeit ausweiten konnte. Als Nachfolger seines Schwiegervaters, Dr. Adolf David, wurde er zum Vorsitzenden des Fröbelvereins gewählt. Dieser Verein machte es sich zur Aufgabe, die Erziehungsideen des Namensträgers, Friedrich Fröbel, in der Bürgerschaft zu verbreiten. Seine Ziele lauteten: Heranbildung von „freien, denkenden, selbsttätigen Menschen“ ohne Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle.

Der bereits am 23.06. 1874 konstituierte Verein unterhielt einen Kindergarten für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in einem Anwesen mit Garten und Spielplatz in der Karmeliterstraße 5b (9). Er bot Platz für 135 Kinder, die von zwei Kindergärtnerinnen, einer Gehilfin und einer Praktikantin betreut wurden (10). Die Preise waren für jeden Geldbeutel erschwinglich: Für ein Kind wurden pro Monat 2 Mark, für zwei Geschwister 3 Mark und für drei Geschwister nur 4 Mark erhoben (11).

Allmählich entwickelte sich der Kindergarten in pädagogischer und hygienischer Beziehung zuerst dank der Tätigkeit von Dr. David und dann von Dr. Reis zu einem wahren „Schmuckkästchen“. Die Erfolge der dort vermittelten Erziehung zeigten sich alljährlich bei den Schlussfesten im schönsten Licht (12). Deshalb wurde diese damals moderne Einrichtung von Zeit zu Zeit von der Stadtverwaltung, der Speyerer Volksbank und der Speyerer Filiale der Rheinischen Kreditbank Mannheim durch freundliche Zuwendungen unterstützt.

Dr. Reis‘ kleiner Sohn Karl erhielt am 28.09.1889 einen Bruder namens Friedrich. Dieser neue Erdenbürger aber sollte Dr. Reis und seiner Frau Franziska ein Sorgenkind werden wegen seiner schwächlichen Gesundheit und eine stete Quelle des Kummers und der Angst. Das hinderte Frau „Dr.“ Reis jedoch nicht daran, eine soziale Aufgabe zu übernehmen: sie war im Ausschuss des Roten Kreuzes tätig (13) neben hervorragenden Damen der Stadt.

Der Lauf der Zeit lässt sich nicht aufhalten. Am 17.05.1907 konnte Dr. Reis im Kreise seiner Familie und Freunde einen runden Geburtstag feiern, den Fünfzigsten. Es fehlten auch nicht Glückwünsche seitens vieler Förderer und Bekannten. Der Jubilar hatte bereits mehr als seine Lebenshälfte überschritten, aber er fühlte sich noch kerngesund und entschlossen, seine Tätigkeit fortzusetzen, ja sogar neue Herausforderungen anzunehmen.

Das traf fast ein Jahr später, am 26.04 1908, zu. Auf der konstituierenden Sitzung des Israelitischen Vereins für das Altersheim für die Pfalz e.V. in Neustadt an der Haardt - jetzt an der Weinstraße - wählten ihn die Anwesenden zum Ersten Vorsitzenden und Salomon Marx aus Landau zum Zweiten Vorsitzenden. Dieser Verein sah seine Aufgabe darin, ein Heim für die älteren pfälzischen Bürger zu errichten, die aufgrund der Auswanderung der jungen Generation in die weite Welt, bedingt durch den wachsenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20.Jahrhunderts, nicht selten allein zurück blieben. Dem Verein gelang es in kurzer Zeit, eine große Anzahl Geldspender zu gewinnen, nicht nur in der Pfalz und darüber hinaus, sondern auch im Ausland.

Seit dem Jahr 1900 hatte sich die Mitgliederzahl der jüdischen Kultusgemeinde Speyer von 520 auf 403 verringert. Tendenz fallend. Die ältere Generation fühlte sich ohnehin den Anforderungen einer Auswanderung kaum gewachsen, denn „alte Bäume soll man nicht verpflanzen“, wie es im Volksmund heißt. Selbstverständlich gehörten Dr. Reis und seine Frau Franziska als Mitglieder zu diesem Verein (14). Der Name Dr. Reis wurde sogar im Stifterbuch verewigt.

Auf der zweiten ordentlichen Generalversammlung am 05.04.1910 im Hotel Weil in der Talstraße 7 in Neustadt a. d. Haardt gedachte Dr. Reis zunächst ehrend der verstorbenen Mitglieder und Förderer, die sich um die Ziele des Vereins verdient gemacht hatten. Dann verlas Schriftführer Leopold Klein (15) den Verwaltungsbericht und anschließend legte der Schatzmeister, Lehrer Leo Waldbott (16), beide aus Speyer, den Rechnungsbericht vor. Demzufolge war das Vereinsvermögen in zwei Jahren durch die Spenden pfälzischer und auswärtiger Juden auf rund 88 000 Mark angewachsen, so dass man die Verwirklichung des Vereinszieles schon ins Auge fassen konnte. Der um den Verein besonders verdiente Bezirksrabbiner i.R. Dr. David Salvendi (17) wurde zum Ehrenmitglied ernannt.

Tief bewegt erfuhren Dr. Reis und seine Frau Franziska vom Tode Florence Nightingale, der Begründerin der modernen Krankenpflege, die am 13.08.1910 im Alter von 90 Jahren in London verstorben war. Die sogenannte „Lady with the lamp“ – die Dame mit der Lampe – weil sie in den dunklen Lazaretten auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim mit einer Lampe an den Betten der verwundeten Soldaten auftauchte, leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Krankenpflege, die damals sehr im Argen lag. Wie Franziskas Vater schonte sie sich auch dann nicht, wenn es darum ging, Cholera und Typhus zu bekämpfen.

Als Standort des zu bauenden Altersheimes kamen insgesamt drei Städte in Betracht, die geeignete Bauplätze unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatten: Das schon genannte Neustadt an der Haardt, die „Salierstadt“ Bad Dürkheim und die „Barbarossastadt“ Kaiserslautern. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten des Bauplatzes in Neustadt, obere Karolinen-Straße 119, heute Hauberallee 13, wegen seiner landschaftlich schönen und zugleich zentralen Lage. Ursprünglich war diese Stelle für die Errichtung des pfälzischen Lehrerinnenheims vorgesehen worden (18).

Die Grundsteinlegung fand am 01.10.1912 statt, wozu der Prinz-Regent Luitpold von Bayern allen Teilnehmenden an der Feier gratulierte. Zwei Jahre später erfolgte die Einweihung, am Sonntag, den 10.05.1914, drei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Mehr als tausend Personen aus der ganzen Pfalz nahmen daran teil, namentlich: Der Rabbiner Dr. Berthold Einstein aus Landau, der die Weiherede hielt, der Architekt Sternlieb aus Ludwigshafen, der Dr. Reis den Hausschlüssel übergab. Dieser warf einen Rückblick auf die Entstehung des Baues, dankte den Ehrengästen für ihr Erscheinen, vor allem aber den Spendern für die Gewährung der Mittel zum Bau. Anschließend überreichte er den Schlüssel dem Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer, Sigmund Herz aus Speyer, der nach einer Kurzansprache als erster die Schwelle überschritt. Nach dem Festessen im Saalbau für fünfhundert Ehrengäste mit anschließendem Festspiel von Kurt Sonnemann wurde abends zum Tanz aufgespielt. Bei einer Pause wurde bekannt gegeben, dass ein „Mister X“ zur Vervollständigung der inneren Einrichtung 1000 Mark gespendet hatte (19), was einen stürmischen Beifall auslöste. Karola Adler übernahm als Oberin die Leitung des Altersheims, das 130 Pflegeplätze bot.

Mittlerweile war Friedrich Reis nach Mannheim umgezogen. Er wollte in der „Quadratestadt“ den Kaufmannsberuf ausüben, aber sein labiler Gesundheitszustand hatte sich in den zurückliegenden Jahren alles andere als gebessert. Der Husten quälte ihn zunehmend. Schließlich ließ ihn sein Vater in eine Lungenheilanstalt in München einliefern, wo er trotz der Pflege durch Fachärzte am 06.12.1910 - wie Julie Mayer (20) - verstarb (21). Er wurde 21 Jahre. Die damals noch unheilbare Tuberkulose besiegelte sein Schicksal, und es hat keinen Sinn mit ihm zu hadern. Selten mag Dr. Reis die Begrenztheit der Heilkunst so sehr gespürt haben wie bei diesem Sterbefall, der seine Familie und ihn selbst unmittelbar traf. Sein Sohn Karl war Geschäftsmann geworden, lebte in Heidelberg und gab den Eltern keinen Grund zur Sorge.

Zweieinhalb Jahre später fand die Tätigkeit von Dr. Reis ein überraschendes Ende. Die Nachricht kam wie der Blitz aus heiterem Himmel, und viele Speyerer Bürger rätselten darüber, ohne eine Antwort zu finden. Was war eigentlich geschehen? Durch eine Anzeige in der „Speierer Zeitung“ gab der Arzt der Öffentlichkeit bekannt, dass er

 „…zum 01.07.1913 seine ärztliche Praxis

 niederlegen und sich von allen,

 denen er die langen Jahre

als Arzt und Mensch näher stand,

verabschieden wolle“.

 

Was ihn zu diesem unerwarteten Schritt bewog, geht aus den Akten nicht hervor, aber irgendeine menschliche Beziehung muss da zu Bruch gegangen sein. War es die Menschheitsgeißel Neid oder die Verleumdung durch Kollegen oder aber ein feindseliger Akt von Rechtsextremisten der bestimmte Anlass zu seinem Wegzug? Oder wollte er lediglich mit seiner Frau in der Nähe seines verbliebenen Sohnes leben, der in der Neckarstadt wohnte?

Sowohl die Verwaltung des Fröbelkindergartens als auch die der Baumwollspinnerei veranstalteten zu Ehren von Dr. Reis eine Abschiedsfeier. Sie gedachten seiner verdienstvollen Tätigkeit, bedauerten seinen Weggang und überreichten ihm ein Andenken mit dem Wunsch steten Wohlergehens an seinen neuen Wohnort. Sein Nachfolger wurde Dr. med. Karl Becker.

So gab Dr. Reis nach 25-jähriger Tätigkeit in Speyer seine vertraute Wohnung auf, an der viele Erinnerungen hingen, und zog mit seiner Frau Franziska und deren Mutter Sophie am 07.07.1913 in die Neckarstadt. Diese vielbesungene Stadt mit der ältesten deutschen Universität, an der auch der Kronprinz Karl-Heinrich studiert hatte und wo die Handlung des erfolgreichen Theaterstücks „Alt-Heidelberg“ von Wilhelm Meyer-Förster angesiedelt ist, (22) zog sofort die „Neubürger“ in ihren Bann. Kein Wunder! Sie konnten aber nicht ahnen, dass sie gerade dort den schwierigsten Lebensabschnitt noch vor sich hatten. Der Wunsch steten Wohlergehens, der Dr. Reis bei den Abschiedsfeiern mitgegeben wurde, ging nämlich nicht in Erfüllung. Das Gegenteil war der Fall.

Zunächst wohnten die Eheleute in der Bergstrasse 23 rechts vom Neckar am Beginn des Philosophenwegs, von dem der Tourist den schönsten Blick auf Alt-Heidelberg hat. Ob Dr. Reis sich auch an seinem neuen Wohnort als Arzt betätigte und im sozialen Bereich engagierte – er stand noch nicht im Pensionsalter - kann zum derzeitigen Stand der Recherche nicht gesagt werden (23).

In der Halbzeit des Ersten Weltkrieges, am 17.12.1916, verstarb Sophie David, Dr. Reis‘ Schwiegermutter, nach kurzer Krankheit im 79. Lebensjahr. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Speyer beigesetzt, wo auch ihr Mann ruht. Anfang Januar 1918 überreichte Dr. Reis seinem Namensvetter, dem Ehrenvorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer, Sigmund Herz (24), anlässlich dessen 90. Geburtstags, unter ehrenden Worten ein Album mit Ansichten des Altersheims für die Pfalz in Neustadt (25).

Im Mai 1918 erhielt er die für ihn sicherlich unerfreuliche Nachricht, dass der Speyerer Fröbel-Verein e. V. im 44. Jahr seines Bestehens die Liquidation beschlossen hatte. Das Anwesen hatte das Mutterhaus der Diakonissen übernommen, um dort Diakonissen im Kindergartenberufe auszubilden (26). Das Werk, in das Dr. Reis jahrelang soviel Idealismus und Energie investiert hatte, gab es nicht mehr. Heute ist dort der Sitz des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche der Pfalz. Nach dem Tode seiner Schwiegermutter bezog Dr. Reis mit seiner Frau, ab 15.02.1922, eine kleinere Wohnung in der nahen Werder-Straße 1.

Am 06.02.1919 wurde der Sozialdemokrat Friedrich Ebert – ein gebürtiger Heidelberger - in Weimar von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt. Ihm schwebte eine rechtsstaatliche, parlamentarische Demokratie vor, anknüpfend an das Jahr 1848, und er wurde deshalb zum Buhmann für Links- und Rechtsextremistische Kreise, die er bekämpfte. Er konnte immerhin die junge Weimarer Republik durch die Wirren ihrer frühen Jahre lenken. Den Lebensweg dieses Mannes, der vom Schneidersohn und Sattler zum Reichspräsidenten aufgestiegen war, begleiteten Heidelberger Bürger, so auch Dr. Reis, mit Interesse und Sympathie.

Weil Friedrich Ebert seine Gesundheit vernachlässigt hatte, um wieder einmal einem von seinen Gegnern angestrengten Verleumdungsprozess beizuwohnen – sie nannten ihn „Friedrich den Vorläufigen“ - musste er am 27.02.1925 dringend am Blinddarm operiert werden. Leider schon zu spät. Der Reichspräsident verstarb am folgenden Tag in Berlin im Alter von 54 Jahren. Man bestattete ihn auf dem Bergfriedhof seiner Heimatstadt unter vielen anderen großen Deutschen. Sein Geburtshaus in der Pfaffengasse 18 wurde zu einer Gedenkstätte umgestaltet.

Weiterhin hoffte Dr. Reis auf die Politik von Gustav Stresemann. Dieser größte Staatsmann der Weimarer Republik hatte im November 1923 die Rentenmark eingeführt und damit die Inflation gestoppt, suchte eine Verständigung mit Frankreich durch die Anerkennung seiner neuen Ostgrenze und erreichte Deutschlands Mitgliedschaft im Völkerbund. Doch auch diese Lichtblicke erloschen mit Stresemanns Tod am 03.10.1929 in Berlin.

Acht Monate vor dem Beginn des Tausendjährigen Reiches, am 17.05.1932, feierte Dr. Reis seinen 75. Geburtstag, Zeit, eine Lebensbilanz zu ziehen. Wie eine offene Tür Räume miteinander verbindet, so verbindet die Erinnerung Zeiten, die Gegenwart mit der Vergangenheit. Möglicherweise erschien ihm die Speyerer Zeit beim Rückblick doch als der noch bessere Abschnitt. Die Gegenwart bot ihm und seiner Familie keine Sicherheit mehr, und die Zukunft versprach noch unheilvoller zu werden.

Zwei Jahre später, am 18.03.1934, schlief Dr. Reis für immer ein. Er war verschüchtert und verbittert, ähnlich wie Friedrich Fröbel, dessen Kindergärten Preußen ein Jahr vor dessen Tod hatte schließen lassen. Der Mediziner wurde auf dem Bergfriedhof im engsten Familienkreis bestattet. So schloss sich sein letzter Lebensabschnitt von der Bergstraße bis zum Bergfriedhof (27). Glücklicherweise musste er nicht zur Kenntnis nehmen, dass sein zweites Werk, das Altersheim für die Pfälzer Juden in Neustadt, vier Jahre später beim Novemberpogrom 1938 der Brandstiftung zum Opfer fiel, weil sich auch dort im ersten Stock ein schlichter grau-grün getäfelter Gebetsraum befand. Die maskierten Täter verprügelten die Heiminsassen und jagten sie, erbarmungslos, aus dem Haus - in die kalte Winternacht hinaus (28). Panik breitete sich in Sekundenschnelle aus. Dabei kamen zwei betagte Bewohnerinnen ums Leben, deren Tod erst am 18.01.1940 bekannt gegeben wurde.

Siegmunds Witwe Franziska überlebte ihn um sechs weit schwierigere Jahre. Sie hatte am 09.11.1938 miterleben müssen, wie die Nationalsozialisten die Heidelberger Synagoge an der Ecke Große Mantelgasse / Lauer-Straße plünderten und in Brand steckten. Ähnliches geschah auch mit der Synagoge in Speyer und in Neustadt sowie mit dem Israelitischen Altersheim für die Pfalz, das als Denkmal jüdischer Wohlfahrtspflege bestehen bleiben sollte. Ahnungsvoll verfolgte sie wie die NS-Machthaber in ihrem Größenwahnsinn mit dem Überfall auf Polen am 01.09.1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselten. Es wurde wieder kein Blitzkrieg. Er dauerte sechs Jahre und einen Tag. In jeder Stunde verloren 1045 Menschen ihr Leben. Insgesamt kamen dabei 55 Millionen Opfer um.

Die Anfangssiege der Wehrmacht in Polen und beim Westfeldzug trugen nicht dazu bei, den Verfolgungsdruck der Nazis gegenüber den Bürgern jüdischen Glaubens zu mindern. Im Gegenteil. Im Oktober 1940 gehörte auch Franziska Reis zu den 280 Heidelberger Juden, die die braunen Machthaber im Rahmen der Bürckel / Wagner-Aktion ins Internierungslager Gurs, nördlich der Pyrenäen, in dem von 1940 bis 1942 von deutschen Truppen unbesetzten Teil Frankreichs, deportierten.

Traf sie dort auf frühere Bekannte aus ihrer Speyerer Zeit wieder? Wie sie dort das Lagerleben bewältigte, ob sie sofort resignierte oder sich den Lagerzuständen entgegenstellte, ist nicht überliefert. Sie ging am 03.01.1941 an der damals grassierenden Ruhrepidemie zugrunde. Die 79-jährige Frau wurde in eine Holzkiste gelegt und von Lagerinsassen auf dem dortigen langgestreckten Internierten-Friedhof beigesetzt, 1200 km von ihrer Heimaterde entfernt. Ein grauer, gleichförmiger Grabstein mit Vor- und Nachname, Geburts- und Sterbejahr sowie dem letzten Wohnort erinnert heute noch an ihr Schicksal (29).

(1) Vgl. Kurzporträt Nr. 4.

(2) Vgl. Kurzporträt Nr. 9.

(3) Jüdische Ärzte kannten die Werke der alten Griechen Hippokrates und Galen und wirkten oft als Leib- und Hofärzte sowie am Hof der Päpste, obwohl dies offiziell verboten war. Drei Namen reichen aus, um diese Tatsache zu erhärten: Rabbi Nathanael war Saladins Leibarzt, obwohl es auch ausgezeichnete muslimische Ärzte gab, Jakob Mantino stand im Dienste des Papstes Paul III. und Jakob Henle war der Lehrer Robert Kochs. Zu Beginn der NS-Gewaltherrschaft gab es in Deutschland ca. 8000 Ärzte, von denen die meisten emigrierten.

(4) Vgl. Kurzporträt Nr. 3.

(5) Vgl. „St.- Vincentius-Krankenhaus Speyer 1905-2005 von Karl Heinz Debus unter Mitarbeit von Doris Debus“, S.69.

(6) Vgl. die Speierer Zeitung vom 24.04.1889.

(7) Die Baumwollspinnerei ist ein stattlicher Bau mit hohen, hellen Räumen und verfügte damals über 46. 108 Spindeln, zwei Dampfmaschinen und eine Turbine. Im Jahre 1905 waren dort 300 Arbeitskräfte beschäftigt, überwiegend Frauen. Nach und nach entstanden soziale Einrichtungen: Arbeiterwohnungen, Bäder, Kantine, Kindergarten, Gesangverein mit dazugehöriger Fahne und Bibliothek. Die Spinnerei hatte die Telefon-Nr. 2. Trotz eines Brandes, der die Spinnerei am 15.06.1904 zum Teil heimgesucht hatte, konnten die Beschäftigten nach Reparaturarbeiten ihre Tätigkeit fortsetzen. Erst am 05.10.1967 schloss die Spinnerei endgültig ihre Tore. Heute dient das funktionsfähige Gebäude dem Historischen Museum der Pfalz als Werkstatt und Depot.

(8) Vgl. das Adressbuch der Stadt Speyer 1911.

(9) Vgl. Kurzporträt Nr. 16.

(10) Vgl. die Speierer Zeitung vom 02.10.1889.

(11) Ebenda vom 23.04.1912.

(12) Es war ein privater Kindergarten, aber er sollte sich bei günstiger Aufnahme seitens der Einwohnerschaft zu einem Städtischen Kindergarten entwickeln.

(13) Vgl. Elisabeth Schleicher-Landgraf im „Die Juden von Speyer“, 2004, S. 211.

(14) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer am Rhein, 1909.

(15) Vgl. Kurzporträt Nr. 8, Anmerkung 10.

(16) Der Lehrersohn Leo Waldbott, 1867 in Oberlustadt geboren, wurde selbst Lehrer, war Kantor der Speyerer Gemeinde, zeitweise Organist der Synagoge und Dirigent des Synagogen-Chors sowie Bibliothekar der Gemeindebibliothek. Er leitete als Vorsitzender den Verein jüdischer Lehrer der Pfalz. Gelegentlich vertrat er den Bezirksrabbiner, wenn dieser verhindert war. Er war es auch, der die Initiative zur Gründung eines jüdischen Altersheims ergriff. Wenige Wochen nach dem Novemberpogrom 1938 emigrierte er von Mannheim aus zu seinen Söhnen Emil und Georg in die USA, wo er im Kreise seiner Familie 1940, 73-jährig, verstarb.

(17) Vgl. die Speierer Zeitung vom 05.04.1910.

(18) Ebenda vom 29.11.1910.

(19) Ebenda vom 11.05.1914.

(20) Vgl. Kurzporträt Nr. 5.

(21) Vgl. den nachträglichen Sterbevermerk im Geburtsregister 1889/ Nr. 434 des Standesamtes Speyer.

(22) Diese Universität mit dem über dem Eingang thronenden Schriftzug „Dem lebendigen Geist“ hatte gerade in der Weimarer Republik den höchsten Anteil jüdischer Dozenten und Studenten. Die Nazis ersetzten den Schriftzug mit dem Spruch: „Dem deutschen Geist“. Die Hochschule erlebte ihr dunkelstes Kapitel bei der Bücherverbrennung auf dem Universitätsplatz im Mai 1933. In diesem Jahr 2011 wird die Hochschule 625 Jahre alt.

(23) Diese Information verdankt der Autor einer Mitteilung des Stadtarchivs Heidelberg vom 16.04.2009.

(24) Vgl. Kurzporträt Nr. 3, Anmerkung 14.

(25) Vgl. die Speierer Zeitung vom 07.01.1918.

(26) Die Zeit des Nationalsozialismus brachte jedoch ein vorübergehendes Ende der Diakonissenausbildung im Kindergartenberufe. Denn jede Form von Sozialarbeit war in ihrem Selbstverständnis mit dem Nationalsozialismus eigentlich unvereinbar. Vgl. „150 Jahre Diakonissen Speyer, Jubiläumsfestzeitung“ als Beilage der Zeitung „Die Rheinpfalz“ vom 06.09.2009.

(27) Der Bergfriedhof in der Rohrbacherstraße am Fuß des Königsstuhls stammt aus dem Jahr 1844 und ist der Hauptfriedhof der Stadt. Dort wurde 1876 der jüdische Friedhof eröffnet. Ein Denkmal erinnert an die in der NS-Zeit ermordeten Heidelberger Juden.

(28) Auf Veranlassung von Sara Lehmann, der Vorsitzenden des Jüdischen Frauenvereins, fuhr am 10.11.1938 ein Krankenwagen vom Roten Kreuz die traumatisierten Greise und Kranken in das geräumige Krankenhaus Mannheim, Collini-Straße 47-53. Vgl. Karl Fücks / Michael Jäger in „Synagogen der Pfälzer Juden“ Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, 1988.

(29) Grab Nr. 516.

17.10.2011


9. THEODOR ALTSCHUL

Er kam am 11.07.1857 in Speyer zur Welt, einen Monat, nachdem die Fertigstellung der neuen Westfassade des Domes unter dem „Donner der Böller“ festlich begangen wurde. Damit war der Dombau endlich und glücklich wieder vollendet. Noch immer war die Einweihungsfeier Stadtgespräch. Theodor (1) war der Enkel von Abraham und der einzige Sohn von Gabriel Altschul (2), die beide in Rülzheim (3) geboren worden waren. Theodors Mutter hieß Flora, geb. Levy, und stammte aus Marmoutier / Elsass (4). Er hatte noch drei Schwestern: Adelheide, geb. 1844, Fanny, 1847, und Sara Eugenia, 1852.

Seine Mutter verstarb im Alter von 63 Jahren am 18.07.1878 und wurde im „Judengärtel“ am St.-Klara-Kloster-Weg beigesetzt. Im Unterschied zu ihr erreichte sein Vater Gabriel ein fast biblisches Alter. Er tat seinen letzten Atemzug im 86. Lebensjahre, am 11.01.1895, aufgrund einer Lungenentzündung, die damals zumal bei älteren Leuten das Todesurteil bedeutete. Er hatte seine Frau immerhin um siebzehn Jahre überlebt. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Wormser-Landstraße in der dritten Reihe der Unteren Abteilung.

Am 09.05.1883 heiratete Theodor Altschul in der Romantikmetropole Heidelberg die um ein Jahr jüngere Auguste, geb. Baer, aus dem weinbekannten Ort Ihringen bei Breisach. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne, Ludwig, geb. 1884, Julius, 1886, und Gustav, 1895 und zwei Töchter, Flora, geb. 1887, und Martha, 1891, hervor. Er trat als Trauzeuge auf, als seine Schwester Sara, genannt Eugenia, am 05.07.1886 in Speyer den Witwer August Heymann aus Dortmund heiratete.

Altschul wurde Getreidehändler von Beruf, betrieb also einen Handel, der zum ältesten und bedeutendsten Zweig des Handels mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen gehört. Er wohnte in der Kleinen Pfaffengasse 3, nur wenige Schritte vom Königsplatz (6) mit dem Brezelbrunnen und vom Judenbad entfernt. Über seine Mutter unterhielt er enge Beziehungen zum Reichsland Elsass-Lothringen, denn er empfahl den Kunden in einer Anzeige der „Speierer Zeitung“ (7) „neues grobkörniges Elsässer Welschkorn in jeder Menge günstig bei ihm einzukaufen“. In einer weiteren Anzeige (8) bot er als „bestens zur Saat geeignete Getreide an“: Gerste, Hafer, Wicken, alle Sorten von Kleesamen, Pferdezahnmais und Esparsette (9) in jeder Menge und besonders preiswert unter voller Garantie für Keimfähigkeit. Für Wiederverkäufer empfahl er eine ganz günstige Bezugsquelle.

Nebenberuflich betätigte sich Theodor Altschul, um seine Einkünfte etwas aufzubessern und so seine immer größer werdende Familie besser zu versorgen, als Hauptagent des Norddeutschen Lloyd in Bremen (5) und der „Germania“, Lebensversicherungsgesellschaft mit Sitz in der alten Hansestadt Stettin in Pommern.

Die Ehe seiner jüngsten Schwester Eugenia, die dem Sohn Theodor, geb. 1887, und den Töchtern Flora Adele, geb. und gest. 1892, und Adele, geb.1894, das Leben geschenkt hatte, verlief doch nicht so, wie es sich Braut und Bräutigam am Hochzeitstag wünschen. Sie wurde am 14.02.1896 beim Gericht der Hanse Stadt Hamburg aufgelöst. Ihre beiden Schwestern scheinen unverheiratet geblieben zu sein.

Als Speyerer Hauptagent des Norddeutschen Lloyd und der „Germania“ kam Theodor häufig mit zahlreichen Menschen zusammen, die ihn um seinen Rat bezüglich einer Auswanderung baten. Sie wollten gerade solche Fragen mit einem Fachmann ausführlich besprechen. Er hörte ihre vielfältigen Beweggründe, die sie zu dieser nicht leichten Entscheidung drängten und machte sich selbst Gedanken darüber. Sicher erwähnte er dieses Thema auch im Familienkreis und besprach die Vor- und Nachteile einer Emigration, die stets eine große Herausforderung darstellt. Es gab auch Emigranten, die nach kurzer Zeit in die alte Heimat, frustriert und niedergeschlagen, zurückkehrten. Fest stand als Pluspunkt nur, dass der technische Fortschritt im Schiffbau die Überfahrt in die Neue Welt von Jahr zu Jahr erleichterte. Zudem engagierte sich Theodor in der Kommunalpolitik. Auf diesem Gebiet erhielt er bei den Urwahlen zum Bayerischen Landtag am 11.07.1905 im weißen Stadtviertel immerhin 84 Stimmen (10).

Der 10.05.1905 stellte einen herausragenden Tag dar im Leben des Ehepaars Altschul. Im Kreise seiner Angehörigen feierte es das frohe Fest der silbernen Hochzeit. Die zahlreichen Freunde und Bekannte brachten dem Jubelpaar anlässlich dieses Ereignisses herzliche Glückwünsche dar. Die Presse schloss sich an und wünschte dem Herrn Großkaufmann Theodor Altschul und seiner Gemahlin, dass ihr Lebensbund noch recht viele Jahre mit Glück und Zufriedenheit gesegnet sei (11).

Sein ältester Sohn Ludwig wurde nach dem Besuch der Volks- und Realschule, die er mit 16 Jahren 1900 abschloss, Prokurist in der Firma seines Vaters mit Telefon-Nr. 500. Als ein Mann ehrlichen offenen Wesens vermählte er sich am 18.11.1909 in Koblenz mit der 22-jährigen Karolina Cornelia, geb. Landau, aus Camberg bei Limburg. Im folgenden Jahr kam am 12.11.1910 ihr Sohn Hans Erich in Speyer zur Welt. Das unbeschwerte Eheglück sollte allerdings nur wenige Jahre dauern. Ludwig, wie der Vater politisch interessiert, wurde Mitglied des Nationalliberalen Vereins Speyer – die Mehrheit der deutschen Juden neigte dem bürgerlichen Liberalismus - und engagierte sich politisch auch in seiner Freizeit mit Leib und Seele.

Aus Presse und Rundfunk erfuhr Familie Theodor konsterniert von dem furchtbaren Unglück, das sich im eisigen Nordatlantik am 14.04.1912 mit der „RMS Titanic“ ereignete. Diese völlig unerwartete Katastrophe wurde zum Symbol für die Unzulänglichkeit der Technik, bedeutete einen schweren Rückschlag für die Schifffahrt und weckte neue Ängste in Bezug auf Auswanderung. Theodor und seinen Familienangehörigen taten die über 1 500 Opfer leid, die so tragisch umkamen. Einige von ihnen hatte Theodor möglicherweise persönlich beraten. Erst am 01.09.1985 fand ein Team von französischen und amerikanischen Forschern das Wrack des britischen Passagierdampfers in über 4000 Metern Tiefe vor der Küste Neufundlands.

Aller Gefahr zum Trotz emigrierte Theodors jüngere Tochter Martha am 16.11.des gleichen Jahres auf dem Schiff „Amerika“ über Cherbourg nach New York (12), Seekrankheit hin oder her. Ihr erster Eindruck von der Neuen Welt war die sechsundvierzig Meter hohe Freiheitsstatue, ein Geschenk Frankreichs an die junge Nation, und die Aufnahmestation Ellis Island. Dort wurde sie, wie alle Immigranten, ärztlich untersucht und intensiv befragt. Sie fiel nicht durch. Später heiratete sie in den Vereinigten Staaten den Kaufmann Alfred Stern.

Am 20.09.1913 verließ auch ihr Bruder Julius auf der „George Washington“ das Deutsche Reich über Bremerhaven, damals mit Hamburg der Hauptemigrantenhafen. Sie trugen als „German Jews“ mit dazu bei, dass die Zahl der Juden in Speyer von 1910 bis 1933 von 520 auf 269 und bis 1939 auf 81 sank. Die Vorstellung, im Rahmen der zweiten „Alija“ (13) 1904 bis 1919 nach dem damaligen Palästina zu emigrieren, war den beiden Altschul völlig fremd, was ihr Desinteresse für den Zionismus unterstreicht. Julius erreichte am 29.09.1913 New York mit dem Ziel St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Er nahm aber seinen Wohnsitz in der 212 Fifth Avenue, New York City, N.Y. und blieb unverheiratet. Geschäftlich reiste er oft über den großen Teich hin und her, wie aus zahlreichen Passagierlisten hervorgeht (14).

Schon im Vorfeld des Ersten Weltkriegs sprachen die Menschen von einem großen Konflikt, der nach Lage der Dinge bald unvermeidlich würde wie ein schweres Erdbeben oder eine Jahrhundert-Überschwemmung. Als er am 01.08.1914 ausbrach, verschlechterte sich der Alltag der Menschen schlagartig, und neue Pflichten und Aufgaben kamen hinzu. Die jungen Männer rückten zum Kriegsdienst ein, Frauen nahmen in den Fabrikhallen ihren Platz, Lebensmittel wurden rationiert und Karten eingeführt. Der Schulunterricht fand in einem drei-vierschichtigen Turnus statt. Man sammelte und opferte viel für die kämpfenden Truppen. Bei Sondermeldungen der Obersten Heeresleitung über militärische Erfolge in Belgien, Frankreich, Russland und Serbien wurden Fahnen gehisst, Kirchenglocken geläutet und Siegesfeiern abgehalten.

Als ältester Sohn der Familie hatte sich Ludwig dazu verpflichtet gefühlt, dem Vaterland zu dienen und so ein Beispiel der Pflichterfüllung zu geben. Er tat mehr als seine Pflicht. Der Westfeldzug erwies sich nämlich nicht als der erwartete „Ausflug nach Paris“, wie die Soldaten an ihre Eisenbahnwaggons mit weißer Kreide geschrieben hatten. Ludwig kämpfte als Feldwebelleutnant der Reserve in einem PR. Pionier-Regiment in Flandern, dem Schauplatz blutiger Schlachten, weshalb die Franzosen den Ersten Weltkrieg „La grande guerre“ und die Engländer „The great war“– den „Großen Krieg“ - nannten.

Schon im Januar 1915 (15) wurde er für hervorragend tapferes Verhalten in den Kämpfen in Flandern durch die Verleihung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse ausgezeichnet. Zusätzlich verdiente er sich das bayerische Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern. Der Krieg war mittlerweile zu einem dreckigen und feuchten Grabenkrieg mutiert. Die Kämpfe forderten ständig größere Opfer und richteten schwerste Zerstörungen an, ohne dass man Gelände damit gewinnen konnte (16).

Am 15.09.1915 beklagte Theodor Altschul den Tod seiner Schwester Eugenia, die 63-jährig nach kurzer Krankheit in St. Vincentius-Krankenhaus verstorben war. Sie wurde auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs in Speyer bestattet.

Mittlerweile tobte der Krieg mit unverminderter Härte weiter. Ludwig besiegelte als Feldwebel-Leutnant die Liebe zum Kaiserreich mit dem Tode, am 25.07.1917, nach fast drei Jahren vorbildlichen Einsatzes. Er war nur 33 Jahre (17) alt geworden. Er hinterließ eine junge Frau in Trauer und ein sechsjähriges Kind. Die Beisetzung fand in Koblenz statt, während der Krieg weiterhin seine Geißel über die Völker dies- und jenseits des Ozeans schwang. Ludwigs Name ist jedoch nicht vergessen. Er steht auf der Gedenkplatte zu Ehren der im Ersten Weltkrieg gefallenen Absolventen der Speyerer Realschule, die in der Antikenhalle nördlich des Domes aufgestellt wurde.

Ein gutes Jahr nach Kriegsniederlage und verschärfter wirtschaftlicher Lage, als Menschen buchstäblich verhungerten, verstarb Theodor Altschul am 03.12.1919 in Heidelberg, wo er auf Genesung von seinem schweren Herzleiden gehofft hatte. Der Tod ereilte ihn unerwartet schnell, wie seine Mutter, im 63. Lebensjahr (18). Er wurde auf dem nördlichen Hauptweg des jüdischen Friedhofs in Speyer bestattet. Seinen Grabstein ziert der letzte Satz aus dem Spruch von Immanuel Kant: „Tot nur ist, wer vergessen wird“. Dem geht voraus: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern:“

Ein Jahr nach Theodors Ableben, am 15.09.1920, erhielt Julius die US-Staatsangehörigkeit, die er vermutlich mit Rücksicht auf seinen Vater nicht davor beantragt hatte. Am 09.03.1921 bekam er die Reiseerlaubnis gültig für die Niederlanden, Frankreich und Großbritannien und handelte mit Partnern in diesen Ländern.

In Speyer übernahm sein jüngster Bruder Gustav die Futtermittel „en gros“, die Kolonialwarenhandlung und die Agenturen des Norddeutschen Lloyds, Bremen (19), der Magdeburger-Feuerversicherungsgesellschaft, Magdeburg, sowie der Lebensversicherungsgesellschaft Feuerversicherung „Atlas“, Ludwigshafen, damals die einzige pfälzische Großstadt. Alle Hoffnungen der Familie schienen nun auf seinen jungen Schultern zu ruhen.

Zum Gedenken an die zwölf Speyerer Mitbürger jüdischen Glaubens, die im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Reich gefallen waren, schuf der renommierte jüdische Bildhauer Benno Elkan (20) eine Namenstafel. Sie wurde im Jahre 1923 an der Synagoge angebracht.

Große Aufregung herrschte bei Familie Altschul, als der Wittelsbacher-Hof, nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt, am Abend des 09.01.1924 Tatort eines Verbrechens wurde. Im Speisesaal des Hotels war Franz Josef Heinz aus Orbis, der „Präsident der Regierung der Autonomen Pfalz“, von Rechtsextremisten erschossen worden. Bei dem Schusswechsel starben an diesem Abend die Angreifer Franz Xaver Hellinger und Ferdinand Wiesmann (21) sowie zwei weitere Separatisten. Heinz wollte das linke Rheinufer vom Rest des deutschen Reiches abtrennen und auf diesem Wege von der französischen Besatzungsmacht günstigere Lebensbedingungen für die Menschen erhalten. Aber die Separatisten hatten beim nationalgesinnten Volk kaum Rückhalt, blieben sich selbst überlassen, und so brachen die Ziele der Bewegung wie Seifenblasen in sich zusammen. Eine Gedenktafel am Wittelsbacher-Hof erinnert heute noch interessierte Passanten an diese tragische Bluttat.

Zwei Jahre später, im Februar 1926, erschütterte plötzlich eine Nachricht aus Übersee die schon mehrmals leidgeprüfte Witwe Altschul, während sie sich bei ihrer Tochter Flora in Nürnberg an der Pegnitz aufhielt. Ihr Sohn Gustav besuchte gerade liebe Freunde in St. Louis im US-Bundestaat Missouri (22), als er, wie sein Vater sechs Jahre davor, infolge eines Herzschlages aus dem Leben gerissen wurde (23). Gustav erreichte nicht einmal das dreißigste Lebensjahr und war somit noch drei Jahre jünger als sein im Ersten Weltkrieg gefallener Bruder.

So wurde es um Theodors Frau Auguste still und stiller. Ihr Herz hörte auf zu schlagen am 02.04.1932 in Nürnberg im Alter von 74 Jahren. Ihr Leichnam wurde nach Speyer überführt und auf dem jüdischen Friedhof neben dem Grab ihres Mannes beigesetzt. So blieben ihr die Schikanen und Gräuel der Nazibarbarei erspart. Mitten im Zweiten Weltkrieg starb ihr Sohn Julius am 16.04.1942 in New York.

Nach rund 90 Jahren gab es in der Domstadt Speyer keine Familie Altschul mehr, wohl noch rund zweihundertsiebzig Bürger jüdischen Glaubens, deren Tage allerdings schon gezählt waren, ohne dass sie es irgendwie vorausahnen konnten.

(1)   Der Name Theodor gewann im 19. Jahrhundert größere Verbreitung durch die Begeisterung für Theodor Körner. Dieser Dichter des Freiheitskampfes gegen Napoleon und Patriot verfasste Kriegslieder, Trauerspiele und Lustspiele. Im August 1813 fiel er, 22-jährig, bei Gadebusch /Mecklenburg.

(2)   Der Nachname Altschul geht zurück auf die älteste Synagoge – sie heißt auf Jiddisch Schul – in Prag und legt die Vermutung nahe, dass diese Familie ursprünglich von dort stammte oder sich dort durch Schenkungen besonders verdient gemacht hatte. Das Gleiche gilt für den in Speyer auch bekannten Namen Altschüler.

(3)   Vgl. Kurzporträt Nr. 7, Anmerkung 6.

(4)   Marmoutier liegt im Unterelsass, etwa 35 km nordwestlich von Straßburg und neun Kilometer südlich von Saverne / Zabern. Zu Deutsch heißt der Ort Mauersmünster nach dem Abt Maurus, einem Schüler des Ordensgründers Benedikt von Nursia. Die Kirche St. Peter und Paul stammt aus dem 11. Jahrhundert und besitzt einen mächtigen Westbau sowie einen Chor in historisierenden gotischen Formen von 1761-67. Die Orgel baute Andreas Silbermann aus Straßburg. In Marmoutier befand sich eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden des Unterelsass, da vermutlich hier bereits im 10. Jahrhundert Juden lebten, die als Kaufleute für die hiesige Abtei tätig waren. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ca. 500 Juden, immerhin 20% der Kleinstadtbevölkerung. Um 1820 wurde die Synagoge errichtet, die noch vorhanden ist, und Marmoutier wurde Sitz eines Rabbinats. Westlich des Ortes liegt der jüdische Friedhof mit noch etwa 500 Gräbern. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hielten sich nur noch ca. 50 Juden hier auf. Die meisten von ihnen wurden in die Vernichtungslager Osteuropas deportiert.

(5)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 10.10. 1906.

(6)   Der Königsplatz hat in seiner langen Geschichte verschiedene Namen getragen, von Moritz-Platz um 1806, über Königsplatz zehn Jahre später und Josef-Bürckel-Platz in der NS-Zeit ab 1938 nach dem damaligen Gauleiter, bis er 1945 wieder den Namen Königsplatz erhielt. Vgl. „Geschichte und Geschichten von Speyerer Straßen und Plätzen“ von Walter Goldschmidt.

(7)   Vgl. die Speierer Zeitung von 1885.

(8)   Ebenda vom 21.03.1886.

(9)   Bei der Esparsette [frz.] handelt es sich um eine mehrjährige Futterpflanze, die auf kalkhaltigem Boden gedeiht und rosa blüht. Sie gehört zu den besten Futterpflanzen und wirkt durch ihre tiefen Wurzeln bodenverbessernd. Die Blüten bieten den Bienen viel Honig.

(10)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 12.07.1905.

(11)                      Ebenda vom 09.05.1908.

(12)                      Ebenda vom 17.06.1899. Diese Linienreederei, gegründet im Geburtsjahr von Theodor Altschul, bediente in 6 bis 7 Tagen alle wichtigsten Häfen der amerikanischen Ostküste. Sie beförderte Passagiere auch nach Argentinien, Brasilien und nach Ostasien. Im Jahre 1884 erhielt sie erstmals das Blaue Band, die Auszeichnung für das schnellste Schiff der Transatlantikroute. 1938 besaß der Norddeutsche Lloyd 85 Seeschiffe mit insgesamt 618.000 BRT.

(13)                      Das hebräische Wort Alija bedeutet „Aufstieg“ in dem Sinne, dass wer in das damalige Palästina immigrierte, erlebte eine ethische Erhebung seiner Persönlichkeit und trug dazu bei, ein erstrebtes Ideal zu erreichen. Man zählt fünf Alijot vom Beginn der zionistisch motivierten Einwanderung bis zur Gründung des Staates Israel 1948, und die Alijot danach.

(14)                      Freundliche Mitteilung des „Deutschen Auswanderer Hauses“, Bremerhaven, vom 21.04.2010.

(15)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 23.01.1915.

(16)                      Zur Veranschaulichung dieser Tatsache genügen nur die Namen der Schlacht an der Somme und um die Festung Verdun in Frankreich sowie bei Ypern in Belgien, die symbolischen Charakter gewonnen haben. Dabei wurde die Artillerie zur Waffe Nr. 1 und deutsche Flugzeuge in geschlossenen Kampfgeschwadern wurden erstmalig eingesetzt. Leider dienten diese Schlachten nicht zur Warnung vor dem Zweiten Weltkrieg, der an allen Fronten noch grausamer und länger geführt wurde.

(17)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 28.07.1917. Der Name Ludwig Altschul ist auf der Gedenktafel verzeichnet, die sich in der Antikenhalle nördlich des Doms befindet.

(18)                      Vgl. die Todesanzeige in der Speierer Zeitung vom gleichen Tage.

(19)                      Vgl. das Gewerbe-Anmelderegister Speyer vom 31.12.1919.

(20)                      Benno Elkan (1877-1960) begann seine Künstlerausbildung als Maler. Nach einem Aufenthalt in Rom 1907-1910 wurde er Bildhauer. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Plaketten, Medaillen, Gefallenendenkmäler und Bildnisbüsten wie die von Walther Rathenau.

(21)                      Der Separatist Lilienthal erschoss die beiden Attentäter. Sie ruhen seit 1931 in einem gemeinsamen Grab auf dem Speyerer Friedhof.

(22)                      Die Stadt liegt auf dem rechten Mississippi-Ufer und zählte um 1938 eine Bevölkerung von ca. 830 000 Einwohnern, davon 50 000 Juden. Der Staat wies nicht nur mehrere Industrien auf, sondern auch Anbau von Getreide, Baumwolle und Viehwirtschaft. Die Umschrift des Staatswappens lautet: „United we stand, divided we fall“.

(23)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 13.02.1926.

Foto: sim

06.10.2011


8. ISIDOR ROOS

Familie Roos übersiedelte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert aus Straßburg / Elsass nach Speyer und gehörte wie Familie David, Dreyfuss und Süssel zu den alteingesessenen Juden der Domstadt. Isidor Roos kam am 13.05.1855 in Speyer zur Welt, als der Komponist Franz von Liszt, geb.1811, gest.1886, das Klavierkonzert in Es-Dur vollendet hatte. Deutete dieses Vorzeichen auf das spätere Hobby des neuen Erdenbürgers, nämlich die Musik? Isidor war der zweite Sohn des Simon – er war Gewürzwarenhändler - und dessen Ehefrau Wilhelmina, genannt Minka, geb. Weil, aus Külsheim im Kreis Tauberbischofsheim. Er hatte einen siebzehn Jahre älteren Bruder namens Louis aus der ersten Ehe seines Vaters mit Carolina, geb. Roos, aus Straßburg / Elsass (1). Da die beiden Brüder keine weiteren Geschwister hatten, hingen sie ein Leben lang wie Pech und Schwefel zusammen, so dass sie auf eine Ehe und eigene Familie verzichteten.

Nach dem Schulbesuch trat Isidor im Jahre 1869 - mit 14 Jahren – in die Schuhfabrik seines Cousins Bernhard Roos ein, in der damaligen Hundsgasse, heute Gutenberg-Straße, im Schatten des Altpörtels. Er wurde sorgfältig angelernt und machte gleich vielversprechende Fortschritte. In dieser Fabrik waren um die Wende zum vorigen Jahrhundert 180 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt. Es war alles andere als eine leichte Arbeit. Die Beschäftigten saßen ununterbrochen und vornüber geneigt an den lauten Maschinen und mussten höchste Konzentration beim Zuschneiden, Steppen und Schnüren des Leders aufbringen. Die Männer arbeiteten fast 57 Stunden, die Frauen 55 1/2 Normalstunden in der Woche (2).

Am 09.05.1875 beklagte Isidor den Tod seines Vaters, der im Alter von 69 Jahren gestorben war und auf dem „Judengärtel“, St.-Klara-Kloster-Weg, bestattet wurde. Von nun an blieb Isidor nur seine damals 56-jährige Mutter als Stütze und Begleiterin durch das Leben. Mittlerweile hatte er sich aber in der Firma aufgrund seiner menschlichen und fachlichen Qualitäten so emporgearbeitet und ausgezeichnet, dass ihm sein Cousin den Posten des Prokuristen anvertraute. Bernhard hatte mit ihm wahrlich einen guten Griff getan! Er wohnte in der Ludwigstraße 8, sein Bruder Louis betätigte sich als Kommissionär im Getreidehandel, ein Berufskollege von Theodor Altschul (3), und hatte die Wohnung in der Gutenberg-Straße 20.

Wie die Brüder Theodor und Adolf David (4) beschäftigte sich Isidor in seiner Freizeit zur Leibertüchtigung als Mitglied des „Turnvereins Speier 1861 e.V.“. Für ihn galt der klassische Spruch von Decimus Junius Juvenalis: „Mens sana in corpore sano“ d.h. ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Übungsstunden der aktiven Turner fanden Dienstag und Freitag von 20.00 bis 22.00 Uhr statt. Aber Isidor pflegte vor allem die schönen Künste, besonders die Musik, diese „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“ (5). Sie überwindet sogar streng bewachte Grenzen und verbindet Völker miteinander.

Einen unersetzlichen Verlust erlitt Isidor am 08.07.1892 als seine Mutter, der er seine vorzügliche Erziehung und humorvolle Veranlagung verdankte, im Alter von 73 Jahren verstarb. Sie wurde in der unteren Abteilung des neuen jüdischen Friedhofs (6) an der Wormser Landstraße beigesetzt. Jetzt musste er ohne ihre Stütze den vor ihm liegenden Weg weiter gehen, wie sie es ohne ihren Mann siebzehn Jahre lang bewältigt hatte.

Isidor war unter den Mitgliedern des Gesangvereins „Liedertafel“ (7), zu der sein Cousin Bernhard und dessen Söhne August und Eugen ebenfalls gehörten, seit 1882 als Erster Tenor aktiv und eine markante und beliebte Persönlichkeit geworden. Ein 1897 von ihm aufgenommenes Foto zeigt einen Herrn mittleren Alters mit Oberlippenbart, gewelltem Haar und verträumtem Blick, der ein Musikblatt in Händen hält und im Kreise seiner Tenorkollegen sitzt. Sie hatten alle eine Begabung zum Singen, und wenn „ein Lied in allen Dingen schläft“ (8), so verstanden sie es zu wecken.

Kein Wunder also, dass er Anfang 1900 zum Ersten Vorsitzenden des Synagogen-Chor-Vereins gewählt wurde. Der Verein hatte die Aufgabe, neben den gottesdienstlichen Funktionen die Geselligkeit in der „Kehilla“ (9), zu pflegen. Leopold Klein (10) wirkte als Kassierer, Julius Seligmann (11) als Schriftführer und der Nichtjude Marcus Stahl (12) als Dirigent und Organist.

In seltener brüderlicher Liebe war Isidor seinem Bruder Louis, der seit 1860 auch dem Synagogen-Chor als aktives Mitglied angehörte, zugetan, fast so, wie Leas Sohn Ruben seinem Bruder Josef oder Theo van Gogh seinem Bruder Vincent. Stets war Isidor um Louis‘ Wohlergehen herzlich besorgt, nicht der ältere Bruder um den jüngeren, auch nicht der Kommissionär um den Prokuristen, sondern umgekehrt. Aber auch den Armen und Verlassenen der Stadt stand Isidor in zahllosen Fällen zur Seite. Mit einem Wort, Isidor war seinen Mitmenschen tatsächlich ein „Isis-Geschenk“, was sein Vorname griechischen Ursprungs bedeutet. Mit anderen Worten, er wurde allen Menschen zum Segen (13). Der Name Louis, französische Form von Ludwig, zeugt vom starken Einfluss der französischen Sprache in der Pfalz des 19. Jahrhunderts. Der Nachname Roos wird von der Name „Rose“ abgeleitet (14).

Als Isidor am 13.05.1905 seinen 50. Geburtstag feierte, erhielt er von allen Seiten der Bevölkerung Geschenke in reicher Zahl. Von seiner Firma beispielsweise bekam er ein schweres, silbernes Essbesteck; von dem gesamten Arbeiterpersonal der „Firma Bernhard Roos“ sein lebensgroßes Porträt in einem prächtigen Rahmen; von seinen Freunden eine hochfeine altdeutsche Standuhr, ferner von der „Liedertafel“ einen prachtvollen Weinkrug. Als Abschluss des feierlichen Tages folgte am Abend ein gemütliches Zusammensein in der Wohnung des Jubilars, zu welchem er seine zahlreichen Freunde eingeladen hatte und sie auch erschienen waren. Die Presse wünschte Isidor Roos, dass er „seinem Wirkungskreis, seinen Angehörigen und Freunden noch recht viele Jahre erhalten bleiben möge.“ (15)

An Veranstaltungen des Synagogen-Chor-Vereins war Isidor maßgeblich beteiligt. So im März 1906 an einer Theater-Veranstaltung im „Café Waibel“, die „stürmische Heiterkeit“ erzielte. Aus Anlass des hundertsten Geburtstages von Gabriel Riesser am 02.04.des gleichen Jahres sorgte er dafür, dass das Porträt von Josef Feiner über diesen herausragenden jüdischen Juristen und Politiker unter den Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer Verbreitung fand (16). Isidor wirkte am 17.11. des gleichen Jahres, dem 39. Stiftungsfest der Gesellschaft „Lyra“, im „Wittelsbacher Hof“, Ludwigstraße 2, mit. Bei dem Vortrag einiger Lieder, die mit Beifall aufgenommen wurden, begleitete ihn am Klavier meisterhaft Felix Hildesheimer (17).

Am 08.01.1907 überreichte die Liedertafel Isidor Roos für 25-jährige treue, aktive Zugehörigkeit zu diesem Gesangverein den goldenen Ring. Fast alle Vereinsmitglieder hatten sich zur Feier im Lokal Zur „Sonne“ eingefunden, so dass der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Nachdem sämtliche Anwesende ein die Treue verherrlichendes Lied vorgetragen hatten, hob der Vereinsvorsitzende, Prof. Dr. Karl Hammerstein, in seiner Festrede die Verdienste des Gefeierten hervor. Er führte aus, dass Isidor seine prächtige Stimme unzählige Male nicht nur im Kreise der Liedertafel, sondern auch bei vielen Anlässen und selbst im weiten Umkreis hat ertönen lassen. Der Jubilar bedankte sich statt mit Worten mit Liedern, die großen Beifall fanden. Viele Glückwünsche liefen von auswärts ein. Diese Feier verlief auf das Schönste (18).

Im Spätjahr 1909 ging der Neubau der fünfstöckigen Schuhfabrik Bernhard Roos nordwestlich der Altstadt, in der Burgstraße, seiner Fertigstellung entgegen. Das brachte für alle Beschäftigten der Firma einen Umzug mit sich, vielfach eine Umstellung und auch mehr Arbeit, die Isidor, wie gewohnt, meisterte. In dem 80 Meter langen Gebäude fanden noch mehr Beschäftigte Lohn und Brot, nämlich 300, später bis zu 600. Damit stieg Bernhard Roos zu einem der größten Arbeitgeber der Domstadt auf. Das Bruder-Duo Isidor und Louis bezog ebenfalls seine neue Wohnung in der Burgstraße Nr. 8.

Anlässlich des Goldenen Jubiläums von Sigmund Herz (1828-1918) als Mitglied des Synagogenrates am 14.01.1911 fand in der Synagoge ein Festakt statt, der elf Punkte umfasste. Als Punkt 8 trat der sangeskundige Bürger Isidor als Solist mit dem Lied auf: „Herr, den ich tief im Herzen trage“ des Musikers Ferdinand Hiller (19). Am 09.04.des gleichen Jahres erhielt Isidor die goldene Medaille des Bayerischen Industriellenverbandes nebst Ehrendiplom für 41-jährige Tätigkeit. Dieses Schriftstück trug das Datum vom 12.03.1911, es war der Geburtstag des Prinzregenten Luitpold von Bayern (20).

Als sich im folgenden Monat die Nachricht verbreitete, dass der Dirigent und Komponist Gustav Mahler am 18.05.1911 in Wien im Alter von nur 50 Jahren verstarb – er war 14 Jahre davor zum katholischen Glauben übergetreten, um sich den Weg zu einer gehobenen Stellung zu bahnen - empfanden viele Musikliebhaber, dass das Ende der Musikepoche des 19. Jahrhunderts gekommen war. Auch Isidor und seine Sängerkollegen mögen diese Empfindung geteilt haben. Aber Mahlers Lieder und Sinfonien, die von den Freuden und Leiden in dieser Welt erzählen, bleiben. Sie vermitteln eine ähnliche Untergangsstimmung wie die Lektüre der Romane von Thomas Mann.

Lebhaftes Interesse erregte im Oktober 1911 im Wittelsbacher-Hof die Vorlesung aus dem Roman von Dr. Maximilian Pfeiffer: „Der Geißlerfürst“. Er schildert die Pestepidemie von 1349, als König Karl IV. herrschte und die Menschen besonders in den engen Gassen der Städte mangels Hygiene wie die Fliegen starben. Büßerscharen zogen umher Gott um Erbarmen bittend und sich selbst mit einer Peitsche schlagend. Verantwortlich dafür wurden die Juden gemacht, weil sie angeblich die Brunnen vergiftet hätten. Viele von ihnen verbrannten sich in ihren Häusern, andere wurden getötet, manche retteten ihr Leben mit der Taufe.

Als im folgenden Monate, dem 25.11.1911, der „Turnverein Speier 1861 e.V.“ sein goldenes Jubiläumsjahr feierte und Jubilare auszeichnete, dankte Isidor im Namen der übrigen Jubilare für die ihnen erwiesene Ehrung. Dabei versicherte er, auch weiterhin dem Vereine unerschütterlich die Treue zu bewahren, und ermahnte die jungen Mitglieder, stets vorbildlich unter der Fahne der 61er zu dienen zum „Nutzen und Frommen“ der guten Vereinssache. Die „Speierer Zeitung“ berichtete darüber (21).

Am Sonntag, den 19.05.1912, beteiligte sich der Synagogen-Chorverein an der Aufführung des „Requiem“ für Chor, Solo und Orchester von Hector Berlioz, geb.1803, gest.1869, in der evangelischen Gedächtniskirche, das dieser französische Musiker im Alter von 34 Jahren komponiert hatte. Die Aufführung gelang, und zum Dank dafür lud der Liedertafel-Cäcilien-Verein am darauffolgenden Donnerstag alle Mitwirkenden in den Saal des „Wittelsbacher Hofes“ zu einer geselligen Unterhaltung ein. Im gleichen Monat berief die Kultusgemeinde Isidor (22) als Ersatzmitglied in ihren Synagogen-Rat, ein weiteres Anzeichen dafür, dass er sich auch für das Leben der Kultusgemeinde nach Kräften engagierte.

Nach guter jüdischer Tradition im Sinne der „Zedaka“, die in der hebräischen Bibel begründet ist und einen hohen Rang einnimmt, spendeten beide Brüder, Isidor und Louis, 1909, dem Verein für das Israelitische Altersheim für die Pfalz e.V. 500 Mark zum ehrenden Andenken an ihre lieben Eltern. Fast ähnlich wie Gerson Bleichröder (23) schenkten sie im Jahre 1911 oder 1912 je 500 Mark für wohltätige Zwecke. Weitere Spenden, die sie verteilten, blieben sicherlich im Sinne der Spender unbekannt. Als Isidors Bruder Louis am 14.06.1913 seinen 75. Geburtstag und zugleich das goldene Jubiläum als Mitglied des Synagogen-Chors feierte, brachten ihm am Abend die Mitglieder des Synagogen-Chors ein Ständchen in dankbarer Anerkennung seines treuen Mitwirkens.

In der schweren Zeit des Ersten Weltkriegs vom Anfang August 1914 bis Anfang November 1918 versäumte Isidor nicht, zusammen mit anderen Musikfreunden, den verwundeten Soldaten, die in den Speyerer Lazaretten, fern von ihren Angehörigen, lagen, etwas Zerstreuung, Ablenkung und Herzensfreude zu bringen. Sie taten dies, in dem sie von Saal zu Saal gingen und auftraten. Deshalb belohnte der Bayerische Staat Isidors Engagement für das Vaterland mit der Verleihung des König-Ludwig-Kreuzes.

Obwohl die Lebensverhältnisse nach der Kriegsniederlage nicht besser, sondern noch schwieriger geworden waren, konnte Isidor am 23.07.1920 in erfreulicher Frische an Körper und Geist sein goldenes Arbeitsjubiläum begehen: ein halbes Jahrhundert Verantwortung, Fleiß und Arbeit, ein seltener Gedenktag. Im Lauf dieser Zeit hatte er alle Phasen der Entwicklung seiner Firma von der Gutenbergstraße bis zur Burgstraße, von der Epoche der Vollbeschäftigung bis zu der Zeit der Arbeitsniederlegungen und der Arbeitslosigkeit miterlebt (24). Wiederum versäumte die Presse (25) nicht, dem Jubilar zu gratulieren.

Als Isidors Bruder Louis, am 09.06.1924, im 86. Lebensjahr als einer der geschätzten und ältesten Bürger Speyers von dieser Welt abgerufen wurde und ein ehrenvolles Begräbnis auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs erhielt, war auch Isidors Lebenskraft und Lebensfreude gebrochen. Sein im Freundeskreis bekannter Wunsch, „eine Stunde nach seinem Bruder zu sterben“ ging gewissermaßen in Erfüllung. Nur neun Tage später, am 18.06.1924, folgte ihm Isidor ins Grab. Die Trauer war tief und allgemein. Vier Todesanzeigen meldeten seinen Sterbefall und füllten eine ganze Zeitungsseite aus. Sie waren unterschrieben von den trauernden Hinterbliebenen Eugen, August und Karl Roos; der Bernard Roos AG; dem kaufmännischen Personal der Firma Bernhard Roos; dem technischen Personal der Firma Bernhard Roos.

Aus allen Kreisen der Bevölkerung gaben zahlreiche Menschen dem Verstorbenen das letzte Geleit auf dem jüdischen Friedhof. Der Männerchor der „Liedertafel“ sang seinem treuen Sangesbruder ein „Sanctus“, den Lobgesang der kath. Messe, das tiefen Eindruck bei der Trauergemeinde machte. Der Bezirksrabbiner, Dr. Ernst Steckelmacher (26), ein hochgewachsener Mann mit Spitzbart, schilderte Isidor als Mann der Arbeit und der Menschenliebe. Durch Kranzniederlegungen und Worte dankbaren Gedenkens ehrten ihn u.a. der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer, Benedikt Cahn, im Namen des Synagogen-Rates Julius Seligmann und im Namen des Synagogen-Chorvereins Leopold Müller (27). Mit dem Lied „Schlaf wohl“ nahm der Chor des „Liedertafel-Cäcilienvereins“ Abschied von seinem langjährigen Freund (28). Nach der Begräbnisfeier wurde der Leichnam ins noch frische Grab seines Bruders zur ewigen Ruhe gebettet. Beide ruhen sie weiterhin „im Garten Eden“ (29).

(1) Das Elsass gehörte mit einem Teil Lothringens von 1871-1919 als Reichsland Elsass-Lothringen zum Deutschen Reich. Es unterstand in den Jahren 1940-45 der deutschen Zivilverwaltung. Die dort lebenden Menschen unterhielten nicht selten enge Beziehungen zueinander. Schwestern aus Niederbronn beispielsweise übernahmen in Speyer die Pflege kranker Menschen im St. Vincentius-Krankenhaus.

(2) Vgl. „Frauen in Speyer, Leben und Wirken in zwei Jahrtausenden“, S. 220-221.

(3) Vgl. das nächste Kurzporträt.

(4) Vgl. Kurzporträt Nr. 3.

(5) Zitat aus Ludwig van Beethoven.

(6) Da das Judengärtel bereits überbelegt war, eröffnete die jüdische Gemeinde am 05.11.1888 ihre neue Anlage diesmal innerhalb des städtischen Friedhofs. Zwischen 1888 und 1940 fanden hier mindestens 321 Verstorbene ihre letzte Ruhestätte. In der NS-Zeit sollte diese Grabanlage, wie schon das Judengärtel, eingeebnet werden, aber administrative Hürden bewahrten sie glücklicherweise vor der Zerstörung.

(7) Die „Liedertafel“ wurde am 14.12.1847 als Männergesangverein gegründet. Schon drei Jahre später, am 02.02.1851, führte er den Namen „Liederkranz“. Im Jahre 1858 löste sich der „Liederkranz“ auf und entstand die neue „Liedertafel“, die mit dem seit 1818 bestehenden Cäcilien-Verein (Frauenstimmen) zusammenarbeitete. Beide Vereine verbanden sich 1903 unter einer Vorstandschaft mit dem Namen „Liedertafel-Cäcilien-Verein“. Seit 1946 trug der Verein den Namen „Mozartchor der Stadt Speyer“. Seit 1972 lautet der Name: „Mozartchor / Capella Spirensis“.

(8) Vgl. Joseph Freiherr von Eichendorff in „Wünschelrute“. Dieser Dichter besuchte im Juli 1807 als Heidelberger Student gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm die Stadt Speyer und erblickte zum ersten Mal den „Vater Rhein“. Besonders beeindruckt waren sie vom mächtigen Dom. Gegen Abend kamen beide wieder in Heidelberg an, wo sie sich halbtot von Staub und Hitze in den Neckar warfen. Die Stadt hat eine Straße in Speyer—West nach Eichendorff benannt.

(9) Die Kehilla ist die Bezeichnung für die jüdische Gemeinde in der Diaspora, d.h. außerhalb Israel, und hatte ihr Zentrum in der Synagoge. Die Leitung oblag einem Personenkreis, der mit dem der Synagoge identisch war. Hauptämter bekleideten der Gemeindevorsteher, der Kantor, meist ein examinierter Opernsänger, der Religionslehrer, Chorleiter, Schächter und Synagogen-Diener.

(10) Leopold Klein war Inhaber des Schuhhauses in der Maximilianstraße 30. Es bestand seit Beginn der 1890er Jahre und war das eleganteste und meist besuchte Schuhgeschäft in der Domstadt. Herr Klein und seine Frau Toni, geb. Herz, boten in der NS-Zeit auch Stiefel für die Hitler-Jugend an. Herr Klein starb bereits 1934, seine Frau kam 1944 im KZ Auschwitz ums Leben.

(11) Julius Seligmann, 1877 in Speyer geboren, betrieb Handel mit Friseurbedarf, wurde 1934 Gemeindevorsteher und wanderte 1939 mit Familie nach Argentinien aus.

(12) Marcus Stahl (1882-1954), ein gebürtiger Sachse, war 1910/11 feinsinniger Dirigent des Speyerer Liedertafel-Cäcilien-Vereins. Nachdem er am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, betätigte er sich als kunstbegeisterter Organist, Musiklehrer und Leiter verschiedener Chöre. 1925 zog er nach Kaiserslautern. Vgl. den Beitrag von Karin Hopstock in „Die Juden von Speyer“, 2004, S. 162.

(13) Vgl. Genesis 12,2 und 3. Segen bedeutet hier jemand etwas Gutes wünschen.

(14) Vgl. „Deutsches Namenslexikon“, 15 000 Familien- und Vornamen nach Ursprung und Sinn erklärt von Hans Bahlow, Gondrom Verlag.

(15) Vgl. die Speierer Zeitung vom 15.05.1905.

(16) Vgl. „Gabriel Riessers Leben und Wirken von Jos. Feiner“, Zur Erinnerung an den Hundersten Geburtstag, gewidmet vom Synagogen-Chor-Verein Speyer, Hamburg 1906, Verlag von M. Glogau jr. Nachdem Gabriel Riesser sich vergeblich um eine Dozenten-Stelle in Heidelberg und Jena sowie um die Zulassung als Rechtsanwalt in Hamburg beworben hatte, wurde er 1832 Herausgeber der Zeitschrift „Der Jude“. Unter dem Ausspruch „Wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos“ setzte er sich für die volle Gleichberechtigung der Juden in Deutschland ein. 1860 wurde er als erster jüdischer Richter Deutschlands in das Obergericht gewählt. Er verstarb im April 1863 in seiner Vaterstadt Hamburg. Der Speyerer Lehrer Leo Waldbott hielt im April 1906 im Saal des Wittelbacher Hofes einen Vortrag über diese überragende Persönlichkeit.

(17) Felix Hildesheimer betrieb das Kunst- und Musikaliengeschäft am Altpörtel, Gilgen-Straße 1, das er von seinem Vater Abraham geerbt hatte. Er wurde Organist der Speyerer Synagoge bis zu ihrer Zerstörung am 09.11.1938. Er selbst nahm ein unglückliches Ende, als er sich am 01.08.1939 in selbstmörderischer Absicht gegen einen heran sausenden Zug warf. Ein Findling auf dem jüdischen Friedhof kennzeichnet die Stelle, wo er seine letzte Ruhestätte fand.

(18) Vgl. die Speierer Zeitung vom 09.01.1907.

(19) Ebenda vom 14.01.1911. Ferdinand Hiller, geb. 1811, gest. 1885, hat die Entwicklung des Musiklebens in den rheinischen Städten Köln, Düsseldorf, Aachen und Elberfeld maßgeblich beeinflusst. Mit Brahms, Robert und Clara Schumann sowie mit dem Maler M.D. Oppenheim war er eng befreundet. Ebenso fand er die Zeit, Bücher zu schreiben, unter anderen „Felix Mendelssohn-Bartholdy“, „Briefe und Erinnerungen“ und „Künstlerleben“. Eine Berufung nach Leipzig 1860 schlug er aus.

(20) Vgl. die Speierer Zeitung vom 10.04.1911.

(21) Ebenda vom 28.11.1911.

(22) Der Name Isidor Roos kommt im Gedicht von Martin Cramer vor, das er zum 100-jährigen Bestehen der Speyerer Synagoge 1937 verfasst und der Kultusgemeinde gewidmet hatte. Vgl. „Geschichte der Juden in Speyer „ 1981, S. 118-119.

(23) Gerson Bleichröder (1822-1893), der renommierteste Bankier Berlins, Vermögensberater Bismarks und britischer Konsul wurde als erster Jude in Preußen mit seiner Familie 1872 in den erblichen Adelsstand erhoben. Er war verschwenderisch mit Spenden für wohltätige Zwecke, und seine Menschenliebe erstreckte sich auf alle Notleidenden ohne Unterschied der Religionen und Konfessionen.

(24) Die Schuhfabrik in der Gutenbergstraße übernahm Carl Landenberger, vgl. Kurzporträt Nr. 17. Die Schuhfabrik in der Burgstraße ging bereits 1935 in den Besitz der Nachfolgefirma Rovo GmbH. Während des Zweiten Weltkriegs waren dort Zwangsarbeiterinnen und –Arbeiter unter schwersten Bedingungen beschäftigt. Aus Rovo wurde dann Salamander. Die Gemeinnützige Baugenossenschaft Speyer eG kaufte das Gelände Ende der 70er Jahre auf und riss die Fabrik ab, um darauf neue Wohnungen und Garagen zu bauen.

(25) Vgl. die Speierer Zeitung vom 22.07.1920.

(26) Der im Juni 1881 in Mannheim geborene Ernst Steckelmacher wurde im Mai 1910 in Bad Dürkheim zum Rabbiner des Rabbinatsbezirks Frankenthal gewählt. Im Jahre 1916 heiratete er Vera, geb. Weil, aus Ellwangen a. d. Jagst. Sie hatten die Tochter Charlotte und den Sohn Walter, die beide in Mannheim geboren wurden. Dr. Steckelmacher war auch Vorsitzender der Ortsgruppe des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Er bezeichnete Wahrheit, Recht und Frieden als die Grundsäulen aller Sittlichkeit und allen Menschenglücks und folgte in seiner Amtsführung der liberalen Richtung. Er war der letzte Rabbiner der jüdischen Vorkriegsgemeinde. Nach Lageraufenthalten in Dachau, Gurs und Le Récébédou kam er 1943 im Lager Lublin-Majdanek ums Leben.

(27) Leopold Müller wurde im Februar 1871 in Speyer geboren, wurde Kaufmann und starb am 30.12.1925 in Köln. Seine Gattin setzte ihm das Grabmal auf dem jüdischen Friedhof in Speyer. Er war der älteste Sohn von Isaak Josef Müller. Vgl. Kurzporträt Nr. 17, Anmerkung Nr. 11.

(28) Vgl. die Speierer Zeitung vom 21.06.1924.

(29) Diese Wendung, die sich auf die Bibelstelle Genesis Kapitel 2,Vers 10 bezieht, ist oft auf Speyerer Grabsteinen des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs zu lesen.

06.10.2011


7. LEOPOLD SÜSSEL

Anfang des 19. Jahrhunderts waren Leopolds Vorfahren aus dem pfälzischen Altdorf (1) nach Speyer übersiedelt. Sie waren Metzger und man kann sogar von einer “Dynastie“ von Metzgern sprechen. Auch Leopold wurde Metzgermeister (2) und hielt damit diese in der Judenheit uralte, koschere, das heißt im Sinne der Tora reine Tradition hoch, die mit dem rituellen Schächten der Tiere zusammenhängt (3). Jüdische, aber auch nichtjüdische, Bürger Speyers, die Wert auf koscheres Fleisch legten, kauften es besonders gern bei Leopold Süssel.

Geboren wurde Leopold Ascher am 13.04.1854 in Speyer als ältester Sohn des Speyerer Samuel und dessen Ehefrau Esther, geb. Scharff, aus Essingen (4) bei Landau. Er hatte acht Geschwister, vier Brüder und vier Schwestern. Von seinem Vater erlernte er den Metzgerberuf, den er später im Schlachthof und Metzgerladen erfolgreich ausübte. Leider starb sein Vater Samuel bereits im Alter von 54 Jahren am 31.12.1874, wie aus Todesanzeige und Sterberegister hervorgeht. Sein früher Tod wird den zwanzigjährigen Leopold in seiner Absicht bestärkt haben, Vaters unvollendetes Werk fortzusetzen. Inzwischen führte seine Mutter die Metzgerei weiter.

Geschäft und Wohnung lagen in der Maximilian-Straße – so genannt erst 1816 zu Ehren König Maximilians I. Joseph von Bayern - die für ältere Speyerer Bürger „die Hauptstrooß“ ist und bleibt. Sie gilt als die mittelalterliche „Via Triumphalis“, Triumph-Straße, und ist „die gute Stube“ der Stadt. Die Metzgerei hatte die Nr. 78 und war telefonisch erreichbar unter der Nr. 230. Der Kaufmann, dem es gelang, sich in dieser breiten und langen Straße niederzulassen, hatte bessere Verkaufschancen, genoss Ansehen und prägte mit seinen Nachbarn ihre besondere Atmosphäre.

Leopold, ein Mann mit schütterem Haar, Oberlippenbart und kräftigen Händen (5) heiratete am 28.10.1886 in Speyer die um neun Jahre jüngere Flora, geb. Cahn, aus Rülzheim (6), die Tochter eines Viehhändlers. In der damals stark landwirtschaftlich geprägten Pfalz waren fast alle Juden in Rülzheim als Viehhändler tätig. Innerhalb eines Jahrzehnts erblickten in rascher Folge sechs Kinder das Licht der Welt, alle in der Speyerer Wohnung, wie es damals üblich war: Sally Otto, geb.1887, Elisabeth, 1888, – die Freude über ihre Geburt wurde allerdings durch den Sterbefall der Großmutter Esther am 22.06. überschattet – Johanna, 1890, die aber drei Jahre später an Masern verstarb, Julius, 1892, Amalia 1893 und als Nesthäkchen Lucy 1897.

Im Monat Oktober 1887 (7) schächtete Leopold im damaligen Schlachthof, Nikolausgasse 4, gegenüber der Gaststätte „Zum Halbmond“, 31 Rinder. Die Schlachttiere bezog er von seinen Glaubensgenossen, die auf dem Lande den traditionellen Beruf des Viehhändlers ausübten und derer Handschlag mehr wog als der Kaufvertrag heute. Es ist zwar nicht belegt, aber auch nicht auszuschließen, dass einer von ihnen der gleichnamige und gleichaltrige Leopold Lehmann (8) war. In seinem Laden gab es alle Sorten feinsten Aufschnitts (9), außer vom Schweinefleisch. Er vertrieb ebenfalls Konservenartikel und war Mitglied der „Freien Metzgerinnung“.

Ob auch Leopold sich des Fleischbesudelungsvorwurfs erwehren musste wie manche Berufskollegen, lässt sich nicht ermitteln. Diese wurden nämlich von antisemitischen Kreisen beschuldigt, dass sie das für ihre christlichen Kunden bestimmte Fleisch aus religiösen Gründen besudelt hätten, was auch zu Prozessen führte (10). An den hohen jüdischen Feiertagen (11), die in den Herbstmonaten September / Oktober festlich in der Synagoge und zuhause begangen werden, blieb sein Geschäft geschlossen. Im Jahre 1909 spendete er dem Verein für das Israelitische Altersheim für die Pfalz e.V. einen Betrag (12).

Neben dem Sabbat, nach dem Versöhnungstag der höchste Feiertag im jüdischen Jahr, der als Familientag begangen wird, der Beschneidungs- und Bar-Mizwa-Feier (13) sowie Festmahlzeiten zu Geburtstagen stellten zweifellos Hochzeiten Höhepunkte im alltäglichen Familienleben dar. Zuerst vermählte sich die älteste Tochter Elsa im September 1909 mit dem Zigarrenhändler Salomon Levy aus Haßloch. Im Oktober des folgenden Jahres erblickte ihre Tochter Trude Theres dort das Licht der Welt. Am 03.11.1911 feierte Leopold mit seiner Frau Flora das Fest der silbernen Hochzeit im Familienkreis, wozu auch die Presse (14) dem geachteten Jubelpaar die besten Glückwünsche übermittelte.

Das Leid ließ nicht lange auf sich warten. Obwohl Kaiser Wilhelm II. dem Volk gelobte, „es herrlichen Zeiten entgegenzuführen“, setzte er nicht alle Mittel ein, um den Frieden zu halten. Als der Erste Weltkrieg im August 1914 ausbrach, der allenfalls bis Weihnachten hätte dauern sollen, brachte dieser nicht nur entbehrungsreiche Jahre für die Untertanen des Reichs mit sich, er riss auch eine fühlbare Lücke in der Familie Süssel.

Julius, Absolvent der Realschule Speyer 1908 (15), war dem Aufruf des „Centralvereins deutscher Bürger jüdischen Glaubens“ gefolgt:

 

„Glaubensgenossen! Wir rufen Euch auf,

über das Maß der Pflicht hinaus,

Eure Kraft dem Vaterland zu widmen!

Eilt freiwillig zu den Fahnen!...

Ihr alle – Männer und Frauen –

stellt Euch durch persönliche Hilfeleistung

in den Dienst des Vaterlandes“.

Julius meldete sich und wurde Gefreiter in der bayerischen Pionier-Kompanie 7. Aber bald entging es ihm nicht, dass „die Juden“ gelegentlich seitens seiner Kameraden die Zielscheibe mancher spitzigen Bemerkung waren. Leider fiel er gleich zu Beginn der Kampfhandlungen am 23.09.1914, in der Blüte seines Lebens, noch ledig (16). So hatte er keine Gelegenheit, sich für Kaiser und Vaterland auszuzeichnen, wie andere Kameraden. Sie sangen ihm zur Ehre beim Absenken des Sarges in das kühle Grab das „Lied vom guten Kameraden“, das der schwäbische Dichter Ludwig Uhland geschrieben hatte. Darin heißt es u.a.:

 

Eine Kugel kam geflogen:

Gilt’s mir oder gilt es dir?

Ihn hat es weggerissen,

er liegt vor meinen Füßen:

als wär’s ein Stück von mir: (17)

Auf ihren Gesichtszügen lag Ergriffenheit. Der Schmerz seiner Eltern und Geschwister war tief, und sie konnten sich nicht losreißen von dem Gedanken: Warum? Warum so früh? Rund ein Jahrhundert davor hatten jüdische Soldaten im Vertrauen auf eine völlige Gleichberechtigung aktiv am Befreiungskrieg gegen Napoleon teilgenommen. Sie hatten es satt, Bürger zweiter Klasse zu sein. Zwanzig Jahre nach Julius‘ Tod, im Dritten Reich, waren sie mit dem Makel der Wehrunwürdigkeit versehen worden.

Auch sein älterer Bruder Sally Otto war zum Kriegsdienst eingerückt und kehrte gesundheitlich stark angeschlagen in die Heimat zurück. Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im Spätjahr 1918 brachte der Friedensvertrag von Versailles französische Besatzung, darunter Kolonialtruppen, politische Instabilität und Inflation. Deutschland bot seinen Einwohnern keine guten Zukunftsaussichten - trotz Demokratie.

Im Jahre 1921 schloss ein weiteres Brautpaar den Bund fürs Leben: In der Hoffnung auf eine Besserung seines Gesundheitszustandes heiratete Sally Otto die um fünf Jahre jüngere Mathilde, genannt Thilla, geb. Mayer, aus Iggelheim / Pfalz. Sie zogen nach St. Ingbert (18) ins Saargebiet, das damals infolge der deutschen Niederlage vom Völkerbund regiert wurde. Dort betrieben sie ein Schuhgeschäft und wurden die Eltern von zwei Mädchen: Hannelore, geb.1922, und Helga, 1925.

Im Jahre darauf vermählte sich Amalia, genannt Mally, mit dem Metzgermeister Hermann Bonem aus Thalfang (19), Kreis Bernkastel. Trauzeugen waren ihr Vater Leopold und Josef Kahn (20), der Ehemann von Leopold jüngster Schwester Mathilde. Amalia brachte in Speyer zwei Kinder zur Welt: Margaretha, geb.1924, und Franz Leopold, 1925. Den Schluss machte Leopolds jüngste Tochter Lucy, die 1926 den Metzger Sigl Wertheimer aus der Grenzstadt Kehl heiratete. In den Jahren dazwischen verlief der normale Alltag, gefüllt mit Arbeit, Mühsal, kleinen Freuden, mancherlei Enttäuschungen und immer neuen Hoffnungen.

Die Jahre gingen dahin. Am heiligen Samstag, den 31.01.1925, machte Leopold den letzten Atemzug nach schwerem Leiden im 71. Lebensjahre. Das letzte Geleit gaben ihm, außer seinen Familienangehörigen, Freunden und treuen Kunden, auch Mitglieder der freien Metzgerinnung, die dazu durch eine Anzeige in der Presse (21) eingeladen worden waren. Er wurde auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs an der Wormser Landstraße beigesetzt. Sein Schwiegersohn Hermann Bonem hatte bereits davor das Geschäft übernommen. Der Ehemann von Elsa, Salomon Levy, war 1932 in Haßloch gestorben, noch bevor die Nationalsozialisten auf legalem Weg die Macht ergriffen. Er erreichte nur das Alter von 46 Jahren und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof bestattet, der vorhanden ist.

Sally Ottos Gesundheitszustand hatte sich indes nicht gebessert. Im Gegenteil. Im Jahre 1935 erlag er im Alter von erst 48 Jahren einer Lungenentzündung. Sein früher Tod zwang die 43-jährige Witwe Mathilde St. Ingbert zu verlassen. Sie kehrte mit ihren beiden Töchtern zu ihrem hochbetagten und tiefgläubigen Vater Michael nach Iggelheim zurück (22). Nun lebte sie aber im Dritten Reich, das die Weimarer Republik als „Judenrepublik“ diffamiert hatte und von dem nichts Gutes zu erwarten war.

In der Tat nahm die langsame Erdrosselung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten zwischen 1935 und 1938 immer weiter ihren Lauf, so dass viele Bürger jüdischen Glaubens, zumal die jüngeren Jahrgänge, nur in der Auswanderung einen Ausweg aus der heiklen Lage fanden. Der Abschied von einem 1933 totalitär gewordenen Staat fiel ihnen nicht schwer, wohl aber die Trennung von Haus und Heimat, von ihren Angehörigen und den Vorfahren, die auf Friedhöfen ruhen und warten. Während fünf von Leopolds Geschwister in Speyer starben, ruht auf dem jüdischen Friedhof in Speyer nur seine dreijährige Tochter Johanna.

Am 16.02. 1937 starb Flora im Alter von 74 Jahren. Sie wird aber im Sterberegister des Standesamtsbezirkes Speyer nicht aufgeführt. Hermann Bonem verkaufte rechtzeitig das Geschäft und wanderte im gleichen Jahr mit seiner Familie über New York - Spitzname Big Apple - nach Chicago im US-Bundesstaat Illinois aus, wo 346 000 Juden lebten. Er hatte Glück, denn er fand in einem der vielen Schlachthöfe sofort eine Neuanstellung, auch ohne Kenntnis oder Beherrschung der Sprache.

Sigl und seine Frau Lucy trafen Anfang Februar 1938 in New York ein, wo man fast zwei Millionen Juden zählte. Elsas Tochter Trude Theres heiratete am 11.08.1938 in Mannheim Henry Hely und emigrierte 1940 mit ihm nach New York. Ob sie erfuhren, dass dort am 15.10. des gleichen Jahres die Uraufführung des Films, einer gelungenen Parodie, „Der große Diktator“ stattfand, in dem Charly Chaplin als Anton Hynkel den Diktator Adolf Hitler spielt?

Sallys Witwe Mathilde und ihre Töchter erlebten den Novemberpogrom 1938 in Schifferstadt auf der Flucht vor den braunen Horden. Noch im gleichen Jahr konnte die Tochter Hannelore mit einem „Kindertransport“ nach England emigrieren und erreichte später die USA. Ihre Schwester Helga wanderte 1939 nach Frankreich aus und traf 1941 über Spanien und Lissabon in New York ein, wo sie ihre Mutter, die wie durch ein Wunder 1940 auch New York erreicht hatte, im Hafen erwartete. Die Wiedersehensfreude war nach über zweijähriger Trennung besonders groß. Ihr Leben in der Emigration blieb aber auf Jahre hinaus mehr als entbehrungsreich.

Das Gespenst eines Zweiten Weltkrieges, das seit Beginn der Nazi-Gewaltherrschaft im deutschen Volk umging, wurde am 01.09.1939 Realität, und alle setzten wieder ihre ganze Hoffnung auf den angekündigten Blitzkrieg, der aber erneut ausblieb. Der Krieg zeigte sich weit schlimmer als alle zehn Plagen Ägyptens zusammen- und malgenommen!

Das Schicksal der Juden, die wegen Alter oder Krankheit nicht emigrieren wollten oder konnten, oder aber, weil sie kein Aufnahmeland fanden, war in jedem Fall besiegelt. So geschah es mit Elsa Levy. Sie wurde am 22.10.1940, dem Laubhüttenfest, hebr. Sukkot, das an die Unbehaustheit der Israeliten bei der Wüstenwanderung mit Moses erinnert, in das Internierungslager beim Dorf Gurs deportiert. Zwei Jahre später erfolgte ihr Abtransport im Viehwagen, wo die Menschen so dicht ineinander gedrängt waren, dass sich niemand von seinem Platz bewegen konnte, und ohne ausreichende Nahrung und Trinkwasser (23). Am Ende der Fahrt schlossen sich hinter ihnen die Türen der Gaskammer im Lager Auschwitz (24).

Es bedeutete aber nicht das endgültige Auslöschen der Familie Süssel. Eines Tages, im Jahr 1945, besuchte Franz Bonem, jetzt als Frank, in der Felduniform eines GI‘s der US-Army die frühere Wohn- und Wirkungsstätte seiner Eltern und Großeltern (25). Das Leben muss weiter gehen in Speyer, Chicago und anderswo.

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(1) Bereits 1635 lebten einige Juden in Altdorf. Im Jahre 1770 erreichten sie die erforderliche männliche Zehnzahl, um Gottesdienst halten zu können. 1815 zählte die Gemeinde 79 Mitglieder, danach ging diese Zahl stetig zurück. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 41-42.

(2) Außer seinem Geschäft gab es noch drei koschere Metzgereien in der Domstadt, die von Juden betrieben wurden: Es waren Löb Süssel, Nathan Wolff und Vitus Cramer.

(3) Das Schächten ist keine rohe Tierquälerei, wie Antisemiten behaupten, sondern die durch das biblische Blutgenussverbot aufgrund von Deuteronomium 12,21 geforderte Schlachtmethode. Dabei werden Halsschlagader und Luftröhre der Tiere ohne Betäubung mit einem Schnitt durchtrennt, was das schmerzfreie völlige Ausbluten gewährleistet. Vgl. Johann Maier, „Judentum von A bis Z“, S. 372.

(4) Die Synagoge in Essingen, Geramme-Straße 48, wurde um 1820 im spätklassizistischen Stil erbaut. Wahrscheinlich bestand davor ein Vorgängerbau. Die Synagoge wurde mit Beginn der NS-Zeit, da die Anzahl der Gemeindemitglieder zu klein geworden war, 1937, an einen Landwirt verkauft. Sie ist in ihrer Substanz erhalten geblieben. Am Ortsrand befindet sich der im 17. Jahrhundert angelegte, mit fast einem Hektar Fläche bedeutendste jüdische Friedhof der Pfalz.

(5) Das Foto von Leopold verdankt der Autor seiner Enkelin Helga Kramarsky, das sie ihm freundlicherweise in ihrem Brief vom Oktober 2009 aus New York zusandte.

(6) Bürger jüdischen Glaubens wurden in Rülzheim bereits im Jahr 1667 erwähnt. Viele von ihnen waren Viehhändler und in ganz Süddeutschland tätig. Die jüdische Gemeinde zählte im Jahre 1800 179 Mitglieder und erreichte ihren Höchststand 1848 mit 490 Seelen. Sie war damit die größte jüdische Landgemeinde der Pfalz. Von ihren Bürgern gingen zahlreiche Impulse für das gesellschaftliche Leben im Dorf aus. Danach ging diese Zahl kontinuierlich zurück. 1930 gab es noch 198 Mitglieder. Nach Aussage eines Einheimischen existierte das Wort „Antisemitismus“ bis 1933 nicht im Rülzheimer Lexikon. Die 1833 in einem Hinterhof vom Architekten August von Voit vollendete Synagoge wurde zwar 1938 verwüstet, aber nicht abgerissen. Sie dient seit 1991 als Geschichts- und Begegnungsstätte.

(7) Vgl. die Speierer Zeitung vom Oktober 1887.

(8) Vgl. Kurzporträt Nr.17.

(9) Vgl. die Speierer Zeitung vom 24.05.1913.

(10) Vgl. „Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden“ Berlin, 1918, S. 30.

(11) Solche Feste sind Rosch Haschana / Neujahrsfest mit dem Blasen des Schofar / Widderhorn, Jom Kippur / Versöhnungstag, dessen Anspruch sich fast kein Jude entziehen kann, Sukkot / Laubhüttenfest hält die Erinnerung an die Zeit der Wüstenwanderung mit Moses wach und schließlich Simchat Thora / Freude der Lehre beendet die Lesung der Tora, der fünf Bücher Moses, und beginnt sie von neuem.

(12) Vgl. den „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer a. Rh. 1909.

(13) Mit 13 Jahren wird der jüdische Knabe „Bar Mizwa“, das heißt Sohn der Pflicht. Er ist verpflichtet alle Gebote der Tora einzuhalten. In der Synagoge wird er im betreffenden Sabbatgottesdienst zum ersten Mal zur Toralesung aufgerufen, zählt bei der Mindestzahl, hebr. Minjan, von zehn Gottesdienstbesuchern mit und trägt am Wochentagen die Gebetsriemen beim Morgengebet. Im Reformjudentum ist eine entsprechende Feier für das Mädchen eingeführt worden, das schon mit 12 Jahren „Bat-Mizwa“, Tochter der Pflicht, wird.

(14) Vgl. die Speierer Zeitung vom 03.11.1911.

(15) Während des Ersten Weltkriegs sind zwei Lehrer und 53 Schüler der Realschule Speyer für das Vaterland gefallen. Vgl. die Speierer Zeitung vom 15.11.1926.

(16) Der Name Julius Süssel steht auf der Gedenktafel, die neben der Stadtsparkasse, dem früheren Standort der Realschule am Willy-Brandt-Platz angebracht war und sich seit 2009 in der Antikenhalle nördlich vom Dom befindet. Es ist die Gedächtnisstätte für die 1914/18 und 1939/45 gefallenen Pioniere. Vgl. „Die Juden von Speyer“, Bezirksgruppe Speyer 2004, S.179. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich 77.000 Staatsbürger jüdischen Glaubens zu den Fahnen, 35.000 wurden für ihre Tapferkeit geehrt, mehr als 12.000 von ihnen fielen. Zu den Letzteren gehören zwölf Speyerer Juden. Das erste Opfer war Julius Süssel. Die Hälfte der übrigen fiel allein im Jahre 1917. Im Dezember 1916 ließ das Kriegsministerium den Anteil der Juden im Militär prüfen, da ihre Anzahl proportional, angeblich wegen ihres Pazifismus, niedriger sei. Das Ergebnis der „Judenzählung“ ergab, dass der Prozentsatz der jüdischen Freiwilligen über dem Gesamtdurchschnitt der deutschen Bevölkerung lag. Dieses Ergebnis wurde jedoch nicht veröffentlicht. Dies empfanden die Juden als Kränkung. Schon bei der Revolution von 1848 war der jüdische Blutzoll höher gewesen, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach.

(17) Unter dem Titel „Als wär’s ein Stück von mir“ veröffentlichte Carl Zuckmayer 1966 im S. Fischer Verlag seine Erinnerungen, die bis heute lesenswert geblieben sind.

(18) Die jüdische Kultusgemeinde St. Ingbert errichtete ihre Synagoge 1875/76. Nach der Saarabstimmung 1935 verkauften die meisten Juden ihre Häuser, und die Kultusgemeinde veräußerte die Synagoge an die Stadt. Von 1936 bis 1944 wurde sie als Luftschutzschule benutzt. Im Juni 1945 wurde die Synagoge durch einen Militärrabbiner neu eingeweiht und diente von 1945 bis 1947 als Synagoge für amerikanische Soldaten. Seit 1988 ist das Amt für Religionsunterricht der Pfälzischen Landeskirche in dem Gebäude untergebracht. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 153.

(19) Thalfang war im Jahre 1815 Geburtsort des Rabbiners Samuel Hirsch, der 1889 in Chicago starb.

(20) Josef Kahn (1861-1942) war Kaufmann, wurde Vorsitzender des Handelsschutzvereins und Geschäftsführender Direktor der „Motorwagengesellschaft Speyer GmbH“. Nach Auflösung der Gesellschaft betrieb er ein Rauchwarengeschäft bis er im Dezember 1931 mit seiner Frau zu ihrem Sohn Willy nach München zog. Am 17.06.1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert und kam dort um.

(21) Vgl. die Speierer Zeitung vom 02.02.1925.

(22) Vgl. den Beitrag von Siegrun Wipfler-Pohl: Das jüdische Kaufhaus „Geschwister Mayer“ in Iggelheim S. 212 in „Jüdische Lebensgeschichen aus der Pfalz“ ,Evangelischer Presseverlag Pfalz GmbH Speyer 1995. In den USA änderte sich der Name Süssel in Sussel oder auch Seessel.

(23) Ein solcher Akt der Barbarei findet annähernd eine Parallele nur in den Transporten der Negersklaven von der westafrikanischen Küste in die neu entdeckten Länder Nord- und Südamerikas zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Viele Sklaven erreichten nicht das Reiseziel, weil sie in den engen Laderäumen verhungerten oder erstickten.- Von den insgesamt zehn Millionen Farbigen ging ungefähr die Hälfte zugrunde.

(24) Das Lager Auschwitz lag in Polen zwischen Kattowitz und Krakau an der Mündung der Sola in die Weichsel im sogenannten Generalgouvernement. Es umfasste eine Fläche von 40 Quadratkilometern und bestand aus einem Stammlager, dem Vernichtungslager Birkenau mit vier Gaskammern und Krematorien sowie 38 Außen- und Nebenlagern. Auf seinem Eingangstor war in großen Buchstaben der zynische Spruch zu lesen: ARBEIT MACHT FREI. Eine gute Eisenbahnverbindung führte dorthin. Die Menschen, die zur Sklavenarbeit nicht taugten, wurden durch das Blausäureprodukt Zyklon B sofort getötet. Der Tod stellte sich nach 3 bis 15 Minuten ein. Täglich wurden ca. 6000 Personen vergast, Ziel: 12 000. Insgesamt kamen etwa 2,5 Millionen Menschen zu Tode, 90 Prozent davon Juden. Der Gestank der Krematorien durchdrang die ganze Gegend. Menschliche Grausamkeit kannte keine Grenzen. Am 27.01.1945 befreiten Truppen der Roten Armee die restlichen Überlebenden des Lagers. Rudolf Höss, vom 01.05.1940 bis zum 01.12.1943 Lagerkommandant von Auschwitz, wurde nach einem Prozess in Krakau 1946 auf dem Lagergelände hingerichtet.

(25) Diese Information verdankt der Autor Frau Wagner, geb. Bressler, früherer Nachbarin der Familie Süssel, in einem Gespräch vom 22.08.2001. Foto: Stadtarchiv Speyer Inv. 2857; sim

22.09.2011


6. MARX MAYER

Dieser Bürger jüdischen Glaubens wurde am 17.02.1846 in Gommersheim geboren als einziges Kind von Marx und Sophia, geb. Westheimer, die von dort stammte (1). Mit 14 Jahren verlor er seinen Vater, der 1860 in Neidenstein, Elsenzgau verstarb. Seine Mutter heiratete sechs Jahre später den Witwer Tobias Dreyfuss aus Speyer. Wie traditionell bei Juden wurde Marx Kaufmann von Beruf in der Domstadt. Von 1873 an hielt er sich geschäftlich einige Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika auf.

Im Jahre 1878 heiratete er die um zehn Jahre jüngere Sarah Lussheimer aus Hockenheim (2) Rhein-Neckar-Kreis. In der Villa Mayer in der Speyerer Prinz-Luitpold-Straße 4 bezog das Ehepaar seinen Wohnsitz. Im gleichen Jahr errichtete Marx in der Bahnhofstraße 16g eine Firma für Kaffee-Importe, in der es immer gut roch und die aus kleinen Anfängen heraus nach wenigen Jahren in ganz Südwestdeutschland einen geachteten Ruf genoss. Das gelang, weil Mayer es besonders geschickt verstand, das Personal durch sein persönliches Entgegenkommen und ein angenehmes Arbeitsklima lange Jahre zu halten.

Aus seiner Ehe gingen in der Domstadt lauter Jungen hervor: Maximilian, geb. 1879, Wilhelm, 1880, August, 1883, und als Nachzügler Eugen, 1890. Spätestens 1903 eröffnete Marx eine Kaffeebrennerei in der Waldstraße 3. Als Vorstand des Verbandes Bayerischer Lebensmittel-Großhändler, Gruppe Rheinpfalz, bemühte er sich sehr in einer damals wirtschaftlich schwierigen Zeit, die Versorgung der Pfalz zu sichern. Für ein weiteres Gedeihen des Unternehmens stellte er richtig die Weichen und hatte zugleich das Glück, dass seine Söhne, vor allem Max und Wilhelm, ganz nach ihm geschlagen waren. Was in keiner Kaufmannsfamilie als selbstverständlich galt und gilt.

Marx Mayer starb zum großen Kummer der Familie am 03.12.1905 im Alter von erst 59 Jahren in der Domstadt als der jüngste Mann der hier porträtierten Personen. Es war das Geburtsjahr von Paulus Skopp, dem nachmaligen Oberbürgermeister von Speyer. Marx‘ Frau war 49 und der jüngste Sohn Eugen nicht einmal 15 Jahre jung. Marx wurde auf dem Hauptweg des jüdischen Friedhofs an der Wormser Landstraße bestattet. Bei der Trauerfeier hob der Bezirksrabbiner, Dr. Adolf Salvendi, in schlichtem schwarzen Talar mit Barett gekleidet, dessen Fürsorge gegenüber den Firmenbeschäftigten hervor sowie seine geschäftliche Tüchtigkeit, die leider ein zu frühes Ende gefunden hatten (3).

Danach signierten Geschäftsunterlagen die „Kaufmannswitwe Marx Mayer und Kinder“ als Firmeninhaber (4). Später übernahm der älteste Sohn Max die Verantwortung für die Firma mit Unterstützung seines Bruders Wilhelm. Max war von kleinem Wuchs und sprach am liebsten pfälzischen Dialekt. Im Jahre 1908 bot er den „Iris-Kaffee“ und Kaffee-Würfel Perfetto aus besten Kaffee-Sorten hergestellt zum Preis von 20, 25 und 30 Pfennig pro Würfel an (5). Es war kein Malzkaffee, kein Surrogat und keine Essenz, wie er in der Zeitungsanzeige ausdrücklich versicherte, es war ein Getränk, das angenehm duftete. Im Jahre 1912 gründeten die Brüder eine Zuckerwarenfabrik, in der zeitweilig bis zu hundert Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt waren.

Nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand d’Este und seiner Gattin Sophie, geb. Chotek, am 28.06.1914 verdichtete sich die Vorahnung eines Weltkrieges immer mehr zur Gewissheit. Die Politiker ließen sich von den Militärs überspielen, die Kriegsbegeisterung der jungen Männer schlug hohe Wellen, und die Appelle der Bertha von Suttner (6), die leidenschaftlich die Idee des Friedens und der Völkerverständigung in ihren Romanen vertrat wie in „Die Waffen nieder!“, verhallten ungehört. Bald sollte „General Hunger“ die Macht übernehmen. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Wie nicht anders zu erwarten, hatte der Kriegsausbruch am 01.08.1914 negative Auswirkungen auch auf die Produktion der Handelsfirma „Marx Mayer und Co“, kurz „Coma“ genannt. Zwar waren Max und seine Brüder im Besitz von amerikanischen Reisepässen, leisteten aber trotzdem ihren schweren Dienst für das Vaterland. Nur Max wurde aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst zurückgestellt. Aber er stiftete im Kriegsjahr 1917 mit seiner 31-jährigen Frau Hedwig, geb. Gutmann, aus Schwäbisch Gmünd, in hochherziger Weise 500 Reichsmark für Anschaffungen von Kleidern und Wäsche zugunsten eines neu angegliederten Kinderhorts (7). Vier Monate später wurde dem Sanitätsmann Max das „König-Ludwig-Kreuz (8) verliehen. Aus dem „Großen“ Krieg kehrten seine Brüder glücklicherweise alle unversehrt wieder in die Heimat zurück.

Als Folge der Kriegsniederlage gingen wichtige Absatzgebiete, beispielsweise in Elsass, Lothringen und Luxemburg, der Firma verloren, und die Einfuhr von Kaffee wurde von der französischen Besatzungsmacht merklich erschwert. So bauten Max und Wilhelm die Lebensmittelabteilung bedeutend aus.

Zum 01.01.1922 wandelten sie die Firma zur GmbH um und bauten sie großartig mit Lagerhaus, Fabrikationsräumen, Bürogebäude und drei Schornsteinen aus. Das Gelände umfasste 300 Quadratmeter. Der Duft vom gerösteten Kaffee war in der ganzen Umgebung zu riechen und manche Anwohner fühlten sich dadurch belästigt. Beim sonntäglichen Kaffee und Kuchen und beim Kaffeekränzchen schlürften viele Speyerer Bürgerinnen und Bürger den Kaffee der „Coma-Fabrik“, auch ohne dessen Quelle zu kennen, und sie ließen es sich munden, einerlei, ob ihre Einstellung die eines Judenfreunds war oder die eines Antisemiten. August Mayer betrieb den Kaffee-Großhandel durch eine im Februar 1922 in Frankfurt am Main gegründete Firma, deren Sitz sich in einem stattlichen Haus befand. Die Firma „Marx Mayer und Co“ unterhielt noch etwa 50 Lebensmittelfilialen.

Das vom Volksschullehrer Julius Streicher im Inflationsjahr 1923 gegründete und vor Obszönität strotzende Hetzblatt „Der Stürmer“ - das „Deutsche Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“ – (9) beeinträchtigte mit seinen Leitartikeln, Zeichnungen und Sprüchen wie „Die Juden sind unser Unglück“, in jeder Nummer auf der ersten Seite in Balkenlettern gedruckt, wozu der angesehene Berliner Historiker Heinrich von Treitschke, 1879, das Stichwort gegeben hatte, oder „Juda verrecke!“ das bisher bestehende gute Klima unter den jüdischen und nichtjüdischen Bürgern. Das ständig verabreichte Gift blieb in der Bevölkerung nicht wirkungslos.

Die Brüder Max und Wilhelm hatten noch das Glück, am 01.01.1928 in Speyer, das 50-jährige Geschäftsjubiläum zu begehen (10), obwohl die schrille antisemitische Propaganda der NSDAP auf den Straßen nicht mehr zu übersehen und zu überhören war. Aber wie viele Zeitgenossen in der Weimarer Republik, einer „Demokratie ohne Demokraten“ – es gab solche Bürger, die sie heftig beschimpften -  klammerten sie sich noch an die Kraft der Hoffnung. Als nach der griechischen Sage das böse Weib Pandora ihre Büchse öffnete, flogen alle Übel heraus und verbreiteten sich überall, einzig die Hoffnung, griech. Elpis, blieb darin zurück. Ende Januar 1933 kamen die Nationalsozialisten mit Getöse an die Macht und ließen sich von keiner Opposition mehr verdrängen.

Der Rassenmythos wurde zur Ersatzreligion, der sich hauptsächlich gegen die Juden richtete. Die Pfalz erhielt nun den Zusatz „Gau Saarpfalz“, ab sofort galt der „deutsche“ Gruß: „Heil Hitler“, an den Fenstern hingen rote Hakenkreuzfahnen und die Straße Am Wasserturm wurde in „Adolf-Hitler-Straße“ umbenannt. Durch das Altpörtel marschierte die SA singend

Deutschland, Deutschland über alles…und gleich darauf

Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen…

und antisemitische Lieder wie das eine, das u.a. lautete:

 

„Wenn’s Judenblut am Messer spritzt,

geht es noch einmal so gut“.

Es klang in jüdischen Ohren mehr als bedrohlich. Aus Anlass der XI. Olympischen Sommerspiele (11), die 1936 in der Reichshauptstadt Berlin ausgetragen wurden, wetteiferten nicht nur die Nationen um Medaillen – die meisten gingen an Deutschland – sondern die Nationalsozialisten inszenierten eine protzige Propagandaschau ihrer Regierungsform. Das NS-Regime lockerte den Verfolgungsdruck auf die Bürger jüdischen Glaubens im ganzen Reich, aber nur mit Rücksicht auf die zahlreichen Besucher aus dem Ausland. Vorübergehend.

Die großen Verdienste der Familie Mayer um Stadt und Land wurden als Schwindel erklärt und waren schnell vergessen. Die Firmenleitung begriff sofort, dass es unter den geltenden politischen Verhältnissen nur eine Rettung gab: die Auswanderung in die Fremde und in das Ungewisse. Für die Aufgabe des Unternehmens erhielten die Mayers, am 28.04.1937, im Zuge der „Arisierung“ jüdischen Eigentums eine Ablösesumme von 100.000 Reichsmark (12), auch wenn der Betrag weit unter dem reellen Wert der Anlage lag. Das Unternehmen hieß nun Firma Münch, Arnold & Co.

Der Zeitzeuge Emil Fertig berichtete sehr anschaulich: „Als ich zum 01.05.1937 als kaufmännischer Lehrling bei der Firma Münch, Arnold & Co. eintrat, da lernte ich den alten Max Mayer und seinen Bruder Willy noch kennen. Max war noch mit der Liquidation seiner persönlichen Geschäftsunterlagen in seinem ehemaligen Chefzimmer befasst, obwohl die neuen Herren schon darin residierten. Der Max hatte eine etwas unangenehme Eigenschaft: Seine Aussprache war sehr laut und vor jeden seiner Sätze setzte er ein unüberhörbares „Äääh“. Es war am zweiten oder dritten Tag meiner Lehrlingstätigkeit, als von drinnen aus dem Chefzimmer der laute Ruf ertönte: „Ääh, Ämil kumm mol rei!“ Drinnen saß Max Mayer auf dem Boden zwischen aufgestapelten Aktenordnern und sagte zu mir: „Ääh, schnapp der was’d traache kannschst, mir vabrennen jetzt de Max Mayer!“ Als hätte er eine Vorausahnung des Unheils gehabt, das zwar langsam, aber umso sicherer herannahte.

Denn im Sinne der Durchführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 waren die Mitglieder der Familie Marx Mayer „Volljuden“, und ihre Frauen keine Arierinnen. Damit bewegten sie sich alle in einem Raum, der politisch rechtlos und gefährdet war (13). Nach Aussage der Zeitzeugin Renate Groves-Bohlender war bereits 1933 als erster Sohn Wilhelm mit seiner Frau Rosi und Sohn Erwin über das faschistische Italien (14) und die Republik Kuba, wo zehntausend Juden lebten (15), nach USA emigriert. Max zog im September 1937 von Speyer nach Heidelberg, machte nach dem Novemberpogrom 1938 Bekanntschaft mit dem Konzentrationslager Dachau und wanderte im März 1939 nach Großbritannien aus. Am weitesten emigrierte Eugen, nämlich nach Neuseeland, wo es zweitausend sechshundert Juden gab (16). Er fuhr mit seiner Frau Sophie dorthin und ging dort einer völlig neuen Beschäftigung nach: er gründete eine Farm.

August hatte Glück im Unglück. Er überlebte sowohl das Konzentrationslager Dachau als auch das Internierungslager Gurs, den unmenschlichen Bedingungen zum Trotz. Das gelang seiner Mutter Sarah nicht. Sie überstand tapfer die Widerwärtigkeiten des Camp de Gurs in einem schlammigen Gelände so lange bis sie völlig entkräftet am 07.12.1943 dort elend umkam. Sie wurde 87 Jahre alt und wurde auf dem Internierten-Friedhof beigesetzt. Ihr Name ist in die Bronzetafel eingraviert, die am Mahnmal für die Speyerer Opfer der NS-Verfolgung liegt, gegenüber dem Standort der im November 1938 von den Nazis zerstörten Synagoge.

Nach Kriegsende kehrten die ursprünglichen Firmeninhaber wieder nach Speyer zurück, um ihre berechtigten Ansprüche geltend zu machen. Nach langwierigen Verhandlungen erhielten sie im Restitutionsverfahren eine Nachzahlung von 100.000 Mark – diesmal in Deutscher Mark. Sie teilten die Summe unter sich und fuhren daraufhin in ihre neue Heimat zurück. Max starb 1947 in London, Wilhelm auf Kuba. August lebte 1960 noch in Annecy in den französischen Alpen. Die Gebäude der ehemaligen Handelsfirma „Marx Mayer und Co“ fielen 1982 gänzlich der Abrissbirne zum Opfer. Heute ist das große Gelände noch immer unbebaut, als trauere es ohne Unterlass um das Vergangene nach.

 

(1)   Dieses Kurzporträt basiert zum Teil auf einem Artikel, den Emil Fertig in der „Speyerer Tagespost“ vom 16. und 17.01.1993 veröffentlichte und dem Autor freundlicherweise zur Verfügung stellte. Die Lehrerin Renate Groves-Bohlender, Lingenfeld, steuerte dazu weitere, wertvolle Informationen.

(2)   Vgl. „Jüdisches Leben in Hockenheim – Ein Teil unserer Stadtgeschichte“, Hockenheim 1998. Die jüdische Gemeinde Hockenheim zählte im Jahre 1809 einundzwanzig Mitglieder. Seit 1827 gehörte die Gemeinde zum Rabbinats-Bezirk Heidelberg und erbaute 1833 eine Synagoge in der Ottostraße. Ihren Höchststand erreichte sie 1864 mit 146 Personen. Sie betrieben Handel mit Vieh, Tabak, Lebensmitteln und Stoffen. Sie liehen auch Geld gegen Zinsen aus. Im Jahre 1925 wurden nur noch 25 Mitglieder gezählt, da viele in die Städte zogen oder auswanderten. In der NS-Zeit wurde die Synagoge zerstört, aber der kleine Friedhof in der Heidelberger-Straße blieb erhalten. Einige Gemeindemitglieder kamen in den Lagern des Ostens um.

(3)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 06.12.1905.

(4)   Vgl. das Adressbuch der Stadt Speyer 1908.

(5)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 08.12.1908

(6)   Bertha von Suttner, eine in Prag geborene Gräfin Kinsky, war Verfasserin von mehreren Schriften. Als Vizepräsidentin des internationalen Friedens-Büros in Bern regte sie den schwedischen Chemiker Alfred Nobel bei einem Treffen in Zürich im Jahre 1892 an, einen Friedenspreis zu stiften, den sie selbst 1905 erhielt. Sie verstarb in Wien am 21.06.1914, nichts Gutes ahnend, zwei Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs und dem darauffolgenden Zusammenbruch Europas.

(7)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 01.06.1917.

(8)   Das „König-Ludwig-Kreuz“ wurde am 07.01.1916 in der königlichen Münze in München gestiftet. Das Grundmetall ist Bronze. Das Kreuz erhielt eine schwarze Tönung, dem Ernst der Kriegszeit entsprechend. Die Mitte des Kreuzes zeigt das Bild des Königs in Hochrelief. Die Rückseite trägt auf einem Rautenschilde den Stiftungstag. Das Militär trug die Auszeichnung im zweiten Knopfloch von oben, Zivilisten auf der linken Brustseite.

(9)   Im Jahre 1938 erreichte „Der Stürmer“ eine Auflage von einer halben Million Exemplaren. Vgl. „Jüdisches Leben in der Pfalz“ von Bernhard Kukatzki, S. 110. Das Blatt wurde auch als Wandzeitung ausgehängt, damit es eine noch größere Wirkung auf die Volksgemeinschaft ausübte.

(10)                      Vgl. die Speierer Zeitung vom 31.12.1927

(11)                      Die Olympischen Spiele kehrten die Nationalsozialisten in eine Partei-Großveranstaltung um ohne Rücksicht auf den Geist Olympias. Dieser plädiert für eine Welt freier und friedvoller Menschen, unabhängig von politischen, sozialen, rassischen und religiösen Einstellungen. Der Eindruck, den die Spiele im Ausland hinterließen, war infolgedessen gespalten, und die Bedenken gegenüber Hitler-Deutschland wurden nicht entkräftet. Vier Jahre später, 1940, fanden keine Spiele mehr statt, weil bereits der Zweite Weltkrieg tobte.

(12)                      Vgl. das Firmenregister des Ludwigshafener Amtsgerichtes unterm 28.04.1937.

(13)                      Das gilt ebenso für alle porträtierten Personen jüdischen Glaubens dieser Schrift.

(14)                      Der italienische Faschismus ist mit dem deutschen Nationalsozialismus nicht gänzlich gleichzustellen. Gleich war das autoritäre und nationalistische System, anders die Art der Durchführung. Die von Benito Mussolini 1919 in Mailand gegründete Partei herrschte über alle Lebensbereiche unter Ausschaltung der Parteien, Gewerkschaften und der freien Presse. Die Stellung des Königshauses, des Senats, der Armee und der Kirche blieben jedoch trotz Einschränkungen erhalten. Außenpolitisch erstrebte die faschistische Partei die Wiederherstellung des altrömischen Imperiums auf Kosten der Nachbarländer Frankreich, Griechenland und Albanien sowie Äthiopien. Die Rassenlehre war der Partei völlig fremd. Erst unter dem deutschen nationalsozialistischen Einfluss wurden die Juden seit 1938 aus maßgeblichen Stellungen entfernt. Konzentrationslager entstanden aber nicht. Erst nach den italienischen Niederlagen im Zweiten Weltkrieg und dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 setzte die Judenverfolgung ein.

(15)                      Vgl. „Philo Atlas, Handbuch für die jüdische Auswanderung“, Berlin 1938.

(16)                      Ebenda.

22.09.2011


5. SIGMUND MAYER

Sigmund Mayer erblickte am 13.10.1843 in Niederhochstadt, jetzt Hochstadt / Pfalz, das Licht der Welt. Es war das Jahr, als vielerorts in Deutschland Festlichkeiten zu „1000 Jahre Deutsches Reich“ stattfanden. Bei der Teilung des karolingischen Reiches hatte nämlich König Ludwig der Deutsche – 843 bis 876 - im Vertrag von Verdun die Herrschaft über das ostfränkische Reich zugeteilt erhalten. Dazu passend gab Sigmunds Vater Alexander dem neuen Erdenbürger den urdeutschen Vornamen, der „Siegschutz“ bedeutet. Seine Mutter Regina, geb. Seligmann, stammte aus Kleinfischlingen bei Landau. Sigmund blieb ihr einziges Kind. Über seine Jugendzeit ist, wie so oft bei diesen Porträtierten, kaum etwas bekannt. Nach abgeschlossener Berufsausbildung wurde er, dem Beispiel seines Vaters folgend, Kaufmann in der Spirituosen- Branche.

Aus dem Heiratsregister geht hervor, dass Sigmund sich um 1868 in Hochstadt mit der gleichaltrigen Frau Clara, geb. Hirsch, aus Deidesheim vermählte. Sie brachte ebenfalls dort am 20.02.1869 den Sohn Ludwig zur Welt. Es sollte ihr einziges Kind bleiben, denn sie verstarb, nur dreißigjährig, 1873. Um dem kleinen Ludwig mütterliche Fürsorge zu gewährleisten, heiratete Sigmund am 25.02.1874 wieder in Hochstadt Bertha, geb. Scharff, aus Kleinfischlingen. Diese zweite Frau schenkte ihm vier weitere Kinder: Hermine, geb. 1874, Ernst, 1875, Otto, 1877, und Julie, 1878, die alle in Hochstadt zur Welt kamen.

Im Oktober 1880 zog Sigmund, 37-jährig, mit seiner „Mischpoche“ (1) nach Speyer, da er sich in der Domstadt bessere Verdienstmöglichkeiten erhoffte. Sicher spielte bei der Überlegung, dorthin zu ziehen, auch der Umstand eine Rolle, dass seine Frau einen jüngeren Bruder, Lazarus (2), und eine ältere Schwester, Rosina, (3) verh. Josef, hatte, die in Speyer in gut situierten Verhältnissen lebten. Die Mayers wohnten in der Schützen-Straße 11, wo Sigmund zusammen mit seinem Sohn Ernst, genannt dem Zweiten, (4) sich sehr bald die Hochachtung der neuen Bürger durch die Tüchtigkeit und Ehrlichkeit ihres Berufs als Spirituosen-Fabrikanten erwarben. In seiner Spirituosen-Produktion entfiel der Hauptteil auf Liköre, es handelte sich dabei um Branntwein. ( Ein Foto aus dieser Zeit liegt dem Stadtarchiv leider nicht vor. Unser Foto zeigt das Gebäude im Jahre 2011, Foto: sim)

Sigmund und seine Frau erlebten erfüllte Zeiten, aber es fehlten dunkle Tage auch in ihrem Leben nicht. Plötzlich erkrankte ihre jüngste Tochter Julie an Lungentuberkulose. Die Symptome waren eindeutig: Fieber, Schwitzen bei Nacht, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Husten, Brustschmerzen und Atemnot. Setzte sich das bleiche Mädchen mit der tödlichen Krankheit auseinander, wenn es im Bett vom langwierigen Husten geschüttelt wurde? Die Eltern wussten sich keinen Rat, und die Ärzte, die damals noch über keine Antibiotika verfügten, standen dieser Krankheit fast völlig hilflos gegenüber, die jährlich über 200 000 Menschen allein in Deutschland das Leben kostete. So siechte Julie trotz bestmöglicher Pflege dahin, bis sie am 30.05.1897, mit 19 Jahren, von ihrem Leiden erlöst wurde. Die Bäume standen gerade in voller Blüte und die Vögel trällerten um die Wette. Nicht Sigmund hätte Julie, sondern Julie hätte ihn beerdigen müssen, denn den weitaus größten Teil ihres Lebens hätte sie noch vor sich gehabt. Das Schicksal hatte anders entschieden.

Licht und Schatten, Freud‘ und Leid liegen sehr nahe beieinander wie zwei Seiten einer Medaille. Nur fünf Monate nach dem Verlust seiner jüngsten Tochter feierte Sigmund die Hochzeit der ältesten Tochter Hermine mit einem lachenden und einem weinenden Augen. Sie vermählte sich am 26.10.1897 in Offenburg an der Kinzig mit dem Bankprokuristen Raphael Zivi aus Basel und übersiedelte zu ihm in die Schweiz. In diesem Land der Demokratie und Neutralität lebten damals 20 000 Juden, davon die meisten 6000 in Zürich und 2600 allein in Basel (5).

Wie viele andere Juden trieb ungestilltes Verlangen auch die Söhne Ludwig und Otto in die Ferne, in das Land mit dem Sternenbanner (6), wo damals ein Drittel aller Juden zuhause war. Sie emigrierten mit Entlassungsurkunden des „königlich bayerischen Unterthans-Verbandes“ nicht aus Abenteuerlust, sondern um aus der Enge des Obrigkeitsstaates auszubrechen. Ihre neue Heimat wurde Eunice, nordwestlich von Lafayette, im US-Bundesstaat Louisiana, dessen Motto lautet: „Union, justice and confidence“. Welche Tätigkeiten sie dort entfalteten, ist unbekannt, vermutlich als Geschäftsleute. Nur Ernst, der zweitälteste Sohn der Familie, blieb zurück und ledig. Er fühlte sich verpflichtet, in der Spirituosen-Fabrik seines Vaters weiter zu arbeiten, um einst das väterliche Erbe anzutreten. Dabei unterstützte ihn der Kontorist und Stenographie-Lehrer Philipp Back.

Seit dem 01.07.1900 wohnte Sigmund in dem Haus mit dem großen Tor, Schützenstraße 7, Telefon-Nr. 87, wo er die Likör- und Essigfabrik mit einer Weinhandlung weiter ausbaute, die er mit seinem Sohn auf einen ansehnlichen Stand brachte, nicht nur in der Pfalz, sondern auch darüber hinaus. Er war als Gründer und zuletzt als Vorsitzender des pfälzischen Spirituosen-Interessenten-Verbandes tätig. Er machte sich auch nach dem jüdischen Gebot der „Zedaka“, d.h. Wohltätigkeit, in der Fürsorgepflege durch Spenden an Hilfsbedürftige verdient, um so die Welt etwas gerechter zu gestalten. Darin waren Juden oft großzügiger als die Christen, wenn diese im Sinne der „Caritas“ spendeten. Im Jahre 1909 spendete er dem neuen Verein für das Israelitische Altersheim für die Pfalz e.V. (7) einen Betrag. Doch es lief geschäftlich nicht immer alles reibungslos. Was war geschehen?

Um die Mittagszeit des 20.11.1912 wurde der Betrieb von einem Großfeuer heimgesucht, das höchste Aufregung verursachte. Der Brand an einer so markanten Stelle zwischen St. Josef- und Gedächtniskirche lockte sofort eine Menschenmenge an, darunter Adolf Ritter von Neuffer (1845-1924), Regierungspräsident und Ehrenbürger der Stadt (8), mit Gattin, Dr. Ernst Hertrich, (9) erster Berufsbürgermeister von Speyer, und mehrere Offiziere, um nach den Brandursachen zu fragen: War das Großfeuer auf Explosion, Fahrlässigkeit oder Brandstiftung zurückzuführen? Voller Spannung verfolgten sie den Verlauf der Löscharbeiten. Die sofort ausgerückte Feuerwehr hatte in der Tat Schwerstarbeit zu leisten, der Schaden war beträchtlich, aber sie konnte ein größeres Unglück verhindern. Zwei Tage später sprach der Fabrikbesitzer in einer Danksagungsanzeige (10) der hiesigen Feuerwehr für ihr umsichtiges Eingreifen und allen Anwesenden für ihr bekundetes Interesse seine aufrichtige Anerkennung aus.

Am 15.06.1913 beging Kaiser Wilhelm II. sein 25jähriges Regierungsjubiläum und wurde als „Mehrer des Reiches“ gefeiert, wobei die Sonderstellung Preußens erhalten blieb. Am 13.10.des gleichen Jahres konnte Sigmund im Kreise seiner verkleinerten Familie den 70. Geburtstag begehen. Freunde und Bekannte gratulierten ihm mit einem herzlichen „Zum Geburtstag viel Glück“ sowie „Mazel Tov bis 120!“ (11). Es war auch der Tag, an dem die Stadt die Jahrhundertfeier der siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon I. in reichem Flaggenschmuck feierte. Der Turnverein beging das Fest mit einem Fackelzug zum Denkmal vom Turnvater Friedrich Ludwig Jahn in der Bahnhof-Straße. In den Gottesdiensten der verschiedenen Glaubensrichtungen – also auch in der Synagoge - wurde ebenfalls mit viel Pathos des historischen Ereignisses gedacht.

Weitere recht schwierige Jahre durch Ausbruch, Verlauf und Ende des Ersten Weltkriegs zogen ins Land, die zu verhindern gewesen wären, wenn sich die Politiker der klugen Einsicht von Albert Ballin (12), dem Großreeder Kaiser Wilhelms II., nicht verschlossen hätten. Die erste deutsche demokratische Republik, die am 11.08.1919 in Weimar entstand, weil Berlin damals kein ruhiges Pflaster war, aber auch weil sie vom Geiste dieser Stadt der Klassiker und weniger vom Geist von Potsdam, das heißt von preußischer Tradition, geprägt sein sollte, steckte wiederholt in schweren Krisen. Diese gefährdeten ihr Überleben und begünstigten links- wie rechtsgerichtete Kreise.

Im Jahre 1920 erreichte Sigmund die Mitteilung aus der Schweiz, dass seine älteste Tochter Hermine im Alter von erst 46 Jahren, wiederum viel zu früh, verstorben war. Ein neuer, schmerzlicher Verlust!

In dieser unruhigen Zeit schockierte ihn, wie alle Bürger jüdischen Glaubens in der Weimarer Republik die Nachricht, dass der Industrielle, Schriftsteller und Reichsaußenminister in der Regierung Joseph Wirths, Walther Rathenau, am Vormittag des 24.06.1922 einem Attentat zum Opfer gefallen war. Damit bezahlte er angeblich seine „Erfüllungspolitik“. Er hatte seine Wohnung in Berlin-Grunewald verlassen, um sich in das Auswärtige Amt zu begeben, als er von einem auf gleicher Höhe fahrenden Auto aus erschossen wurde. Der 54-jährige liberale DDP-Politiker war sofort tot. In Wirklichkeit war er auf dem besten Weg, die Republik zu retten, was die drei Attentäter der Organisation Consul, OC, nicht wollten. Völkische Studenten hatten ja schon oft davor gesungen:

 „Auch Rathenau, der Walther,

erreicht kein hohes Alter.

Knallt ab den Walther Rathenau,

die gottverdammte Judensau!“

Rathenaus Mutter, die 80-jährige Mathilde, schrieb einen Brief an die Mutter eines der Attentäter und verzieh ihm im Namen des Ermordeten.

Ein Jahr danach, als die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, denn Millionenbeträge waren damals nur Pfennige wert - besonders der Mittelstand verarmte, etliche nahmen sich sogar das Leben - feierte Sigmund schlicht seinen 80. Geburtstag. Im Juli 1924 musste er sich für immer von seiner Frau Bertha trennen, die fast 75-jährig, plötzlich und unerwartet, verstarb.

Nur zwei Jahre später, am heiligen Sabbat (13), dem 28.08.1926, beendete auch Sigmund seine irdische Laufbahn. Er wurde bei seiner Frau auf dem südlichen Feld des jüdischen Friedhofs bestattet. Die Presse ehrte ihn mit einem Nachruf (14). Er hatte Abschied von der Welt genommen, sicher im klaren Bewusstsein, nicht umsonst gelebt zu haben. Seine Frau und Töchter waren ihm vorausgegangen. Über seine Söhne in Louisiana brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn sie würden weiterhin ihren Weg gehen. Aber er wusste nicht, was seinem Sohn Ernst durch politische Entwicklungen noch bevorstehen könnte. Was würde aus der Fabrik, seinem Lebenswerk, werden? Oder hatte er doch böse Vorahnungen?

Nun übernahm der 51jährige Ernst, wohl oder übel, das nicht leichte väterliche Erbe: Eigentum bindet und sich davon zu lösen, ist nicht jedermanns Sache. Er führte die Fabrik in der Weimarer Republik weiter, die in ihrer Verfassung – der Entwurf dazu stammte vom Hugo Preuss – (15) den Juden Gewissensfreiheit und freie Ausübung ihrer Religion zugesichert hatte. So hoffte er in einer parteipolitisch immer schwieriger werdenden Zeit stets auf eine Besserung der Lage. In einer Anzeige Ende November (16) lud er die Kundschaft ein, für die bevorstehenden Feiertage die seit vielen Jahren bekannten Qualitätswaren der

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Die Anfangsjahre der NS-Diktatur ließen nichts Gutes für die Folgezeit erwarten. Die Mahnung der Nazis: „Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden“ bewirkte, dass sich kaum noch ein Kunde traute, Ernsts Laden zu betreten. Deshalb verkaufte er im Rahmen der sogenannten „Arisierung“, das heißt der erpressten Überführung jüdischen Besitzes in die Hände nichtjüdischer Firmen oder Privatleute, die Fabrik weit unter Wert, um zu retten, was noch zu retten war. Danach schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter in einer ihm gleichgültig bis feindselig gesinnten Stadt mehr schlecht als recht durchs Leben, das kein Leben mehr war.

Am 27. und 28.10.1938 verhafteten die Nationalsozialisten im Dritten Reich lebende polnische Juden – viele waren vor dem in Polen herrschenden Antisemitismus nach Deutschland geflohen - und schoben sie an die Grenze Polens ab. Zu diesen Ausgewiesenen gehörte ein achtzehn Jahre junger Mann, der spätere Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Nach anfänglicher Ablehnung musste der polnische Staat sie doch aufnehmen. Darunter befanden sich die Eltern des 17-jährigen Herszel Grynszpan, der den Botschaftsrat Ernst vom Rath am 07.11.1938 in Paris aus Rache für die erste Judendeportation niedergeschossen hatte. Wegen dieser Deportation erfasste auch Speyerer Juden (17) eine quälende Unruhe.

Als Vergeltungsmaßnahme des NS-Staates erlebte Ernst Mayer, wie die Speyerer Synagoge in der Nacht vom 09. auf den 10.11.1938 – euphemistisch „Reichskristallnacht“ genannt wegen der vielen Glassplitter auf den Straßen - von SA-Männern in Zivil geplündert und in Brand gesteckt wurde. Die Flammen schlugen hoch in den Himmel. Die Sirene heulte, aber die Feuerwehr beschränkte sich darauf, die umliegenden mit viel Holz gebauten Häuser vor Funkenflug zu bewahren und das Feuer unter Kontrolle zu halten. Eine Menge Leute schaute zu - mit gemischten Gefühlen. Auf dem jüdischen Friedhof wurden Grabsteine beschädigt und Inschriften zerschlagen. Alle Spuren der Verwüstung wurden jedoch schleunigst beseitigt, um über diesen Akt der Barbarei schnellstens Gras wachsen zu lassen. Nach Aussagen des Zeitzeugen Berthold Böttigheimer (18) verlief der Pogrom in der Domstadt glücklicherweise nicht so schlimm wie in anderen Städten des Dritten Reiches. Den deutschen Juden erlegte der NS-Staat in zynischer Weise zum erlittenen Schaden noch eine Kontribution von einer Milliarde Reichsmark auf.

Zwei Tage danach wurden die männlichen Juden in Schutzhaft genommen. Ihre Frauen und Kinder mussten die Pfalz verlassen. Wie dreiundzwanzig weitere Leidensgenossen hatte Ernst in Anwesenheit von SA-Leuten, des Oberbürgermeisters, Karl Leiling, und des Notars Dr. Siegel ein juristisch umstrittenes Dokument zu unterzeichnen. Darin erklärte er sich „einverstanden“, auf sein Vermögen zu verzichten und dessen Verwaltung – auch über seinen Tod hinaus – auf den Kreiswirtschaftsberater der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Ludwig Müllberger, zu übertragen. Anschließend wurden sie alle in das Konzentrationslager bei Dachau (19) deportiert.

Allein der Name dieses Lagers rief damals bei allen Speyerer Bürgern – sie sagten dazu Auchda! (20) - unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung, Angst und Schrecken hervor. Es war das erste und einzige Lager, das während der zwölf Jahre andauernden NS-Herrschaft bestand. Dort wurde den Männern der Kopf wie Schafen geschoren, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt und der reinen Willkür der SS-Bewacher ausgeliefert. Besonders gefürchtet war das stundelange Strafstehen auf dem Appellplatz, das aus dem geringsten Anlass und bei jedem Wetter angeordnet wurde. Es versteht sich von selbst, dass die schwersten Arbeiten, wie das Ziehen der Straßenwalze und des sogenannten Mooren-Expresses oder die Entleerung der Latrinen, den Juden vorbehalten waren.

Ernst Mayer blieb und litt in diesem Lager vom 12. bis 28.11.1938, als er entlassen wurde, aber erst, nachdem er eine acht Punkte umfassende Verpflichtungserklärung unterzeichnet hatte, dass er über die Vorkommnisse im Lager kein einziges Wort „verlieren“ … und dass er sich bei der Ortspolizeibehörde melden würde. Verängstigt, zutiefst gekränkt und gedemütigt kehrte er, abgemagert, nach Speyer zurück. An manchen Stellen musste er da die Worte lesen „Für Juden verboten“, so dass er sich wie ein Leprakranker, jedenfalls wie ein ungern gesehener Fremder, vorkam. Seine bisherigen Mitbürger waren jetzt nur noch – die Deutschen. Ob er noch in letzter Minute versuchte, Nazideutschland den Rücken zu kehren und zu seinen Brüdern nach Eunice auszuwandern, um in Freiheit zu leben, ist nicht bekannt.

Nach dem Sieg Hitler-Deutschlands über Frankreich, am 22.06.1940, stand der Name Ernst Mayer auf der Liste der 51 Speyerer Juden, die im Rahmen der Abschiebeaktion (21) des Gauleiters von Baden, Robert Wagner, und des Gauleiters der Saarpfalz, Josef  Bürckel, „im Einvernehmen mit den örtlichen Dienststellen der Wehrmacht“ (22) am 22.10.1940 von der Domstadt in das Lager Gurs (23), nördlich der Pyrenäen, deportiert wurden. Die Vichy- Regierung forderte zwar den Rücktransport der Deportierten, weil diese vereinbarungsgemäß keine Juden aus Elsass-Lothringen waren, aber das Dritte Reich blieb hart. Einige von den Unglücklichen betrieben gerade ihre Auswanderung und warteten nur noch darauf, dass ihre Nummer an die Reihe kam (24).

Nach einer Reise, die vier Tage und drei Nächte dauerte – der Personenzug hielt außerhalb von Ortschaften, damit die Bevölkerung nichts mitbekam - wurde Ernst auf 900 Meter Höhe mit 70 bis 80 männlichen Leidensgenossen in einer zunächst völlig leeren, kalten und fensterlosen Holzbaracke Mann an Mann untergebracht. Nur Holzklappen beleuchteten den Raum spärlich. Der Schlamm, das Ungeziefer und die Latrine wurden zu einem großen Problem, und der Hunger plagte ihn ständig. Kurzum, es herrschten insgesamt katastrophale Lebensverhältnisse. Täglich verzeichnete man etwa 15 Todesopfer.

Um dieses überbelegte Lager zu entlasten, wurde Ernst Mayer mit anderen Mithäftlingen im Frühjahr 1941 ins kleinere Nebenlager Le Récébédou, südlich von Toulouse, verlegt, wo die hygienischen Verhältnisse etwas besser waren als in Gurs. In diesem Nebenlager erlag er am 07.02.1942 im Alter von 67 Jahren den Folgen der Deportation, noch bevor es ab Sommer des gleichen Jahres zur Vorstation des Vernichtungslagers Auschwitz bestimmt wurde. Zunächst fand sein Leichnam eine provisorische Ruhestätte auf dem Friedhof Portet St. Simon. Nach Kriegsende sorgten seine Brüder dafür, dass seine sterblichen Überreste nach Speyer überführt und auf dem jüdischen Friedhof bestattet wurden.

Ernst Mayer war wieder in die Stadt zurückgekehrt, die zu seiner Heimat geworden war, zu den Eltern und zur Schwester Julie, um seine letzte Ruhe zu finden.

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(1) Mischpoche ist das hebräisch-jiddische Wort für Familie, Verwandtschaft oder Sippe. Es wird auch im abschätzigen Sinne benutzt.

(2) Lazarus Scharff, Jahrgang 1854, betrieb eine Kolonialwarengroßhandlung auf der Maximilian-Straße 68, wo es immer würzig duftete. Seine Frau Karolina und Tochter Frieda arbeiteten im Geschäft mit, gemeinsam mit dem Personal. Lazarus übte viel Mildtätigkeit im Verborgenen, was doch publik wurde. Der Vorbesitzer war Maximilian Joseph.

(3) Maximilian Joseph, 1829 in Blieskastel geboren, heiratete 1860 Rosina, geb. Scharff, wurde Kaufmann in der Speyerer Maximilian-Straße 68 und starb im Jahre 1909.

(4) Dies wurde erforderlich, um Ernst von dem gleichnamigen Sohn des Textilkaufmanns Simon Mayer in der Maximilianstraße 89 zu unterscheiden. Sein Vater wurde der „Schnappsmayer“ genannt.

(5) Vgl. „Philo Atlas, Handbuch für die jüdische Auswanderung“, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938. Im Jahre 1897 fand in Basel der Erste Zionistenkongress unter der Leitung des Journalisten Theodor Herzl statt. Weitere Kongresse tagten ebenfalls in Basel, aber auch in anderen europäischen Städten. Seit 1951 findet der Kongress regelmäßig in Jerusalem statt. Über die Hälfte der Schweizer Juden, 58 Prozent, leben in Kantonen mit deutscher Amtssprache.

(6) In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen die Vereinigten Staaten von Nordamerika als neues „Gelobtes Land“ ihre Anziehungskraft auf die Juden der Welt auszuüben. Viele fingen dort als Hausierer an, wurden dann Kleinkrämer und Großkaufleute. Nach dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 stiegen mehrere von ihnen zu angesehenen Industriellen und Finanziers sowie zu gefeierten Musikern und Komikern auf, auch wenn sich antisemitische Tendenzen bemerkbar machten. Sie waren zu echten „Yankees“ geworden. Stets zeigten sie sich bereit, ihren in Not geratenen Stammesgenossen unter die Arme zu greifen und sie zu fördern.

(7) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer.

(8) Er war Regierungspräsident von 1902 bis 1918 und erhielt das Ehrenbürgerrecht 1910 wegen seiner Verdienste um die Erbauung des Historischen Museums der Stadt Speyer. Die Neuffer-Straße erinnert an ihn. Vgl. „Speyer, kleine Stadtgeschichte“ von Fritz Klotz, S. 190.

(90) Der Rechtsrat Ernst Hertrich hatte auf der Liste der Liberalen für das Amt des Bürgermeisters kandidiert und wurde 1911 – vor hundert Jahren - gewählt. Er förderte Handel, Gewerbe und Industrie und verbesserte die Verkehrsverbindungen. Zudem erkannte er die Bedeutung des Fremdenverkehrs und veranlasste, dass Dienst- und Gehaltsverhältnisse der Beamten, Lehrer und Arbeiter den Zeiterfordernissen angepasst wurden. Bereits fünf Jahre nach Dienstantritt fiel er als Hauptmann bei den schweren Kämpfen an der Somme /. Nordfrankreich. Die Stadt hat am Friedhof einen Weg nach ihm benannt. Vgl. „Speyer von den Saliern bis heute“, von F. Schlickel S. 112.

(10) Vgl. die Speierer Zeitung vom 22.11.1912.

(11) Der Ausdruck Mazel Tov heißt Gut Glück, ist ursprünglich hebräisch, wurde aber ins jiddische übernommen. Es wird bei vielen Gelegenheiten verwendet, auch als Trinkspruch beim Zuprosten. 120 Jahre alt sollen Mose und der hohe Rabbi Jehuda Löw bar Bezalel aus Prag geworden sein.

(12) Der 1857 in Hamburg geborene Albert Ballin erlebte vier Kriege: 1864 den Deutsch-Dänischen Krieg, 1866 den Krieg Preußens mit Österreich und 1870 /71 den Deutsch-Französischen Krieg. Aber er plädierte stets als konservativer Politiker für eine Zusammenarbeit mit Großbritannien. Am Ende des Ersten Weltkriegs, den 09.11.1918, verübte er Selbstmord.

(13) Diese Angabe enthält die hebräische Inschrift auf seinem Grabstein.

(14) Vgl. die Speierer Zeitung vom 30.08.1926.

(15) Der Berliner Hugo Preuss war seit 1906 Professor für Öffentliches Recht an der dortigen Handelshochschule und Journalist. Nach 1918 wurde er Reichminister des Inneren, trieb Reformen zum Frauenwahlrecht voran und gilt als Schöpfer der Weimarer Verfassung. Aus Protest gegen die Bedingungen des Versailler Vertrags trat er 1919 vom Amt des Innenministers  zurück. Er war jüdischen Glaubens.

(16) Ebenda vom 29.11.1927.

(17) Freundliche Mitteilung von Gunther Katz in seinem Brief vom 05.07.2010 an den Verfasser.

(18) Vgl. Ute Michaela Holzmann in „Die Juden in Speyer im Dritten Reich“, Facharbeit in Geschichte, Seite 19.

(19) Das Lager wurde am 22. März 1933 errichtet, um politische Gegner des NS-Staates zu inhaftieren. Von 1936 an wurde es systematisch ausgebaut. In über 150 Außenlagern mussten Häftlinge Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Neben dem Lager befand sich der Garnisonbereich, in dem die SS-Führer und Wachtruppen ideologisch wie militärisch gedrillt wurden. Truppen der US-Armee befreiten die letzten Häftlinge am 29.04.1945. Das Lager ist jetzt KZ-Gedenkstätte, verfügt über eine jüdische Gebetsstätte, eine evangelische Versöhnungskirche und eine katholische Todesangst Christi-Kapelle. Ein Museum mit Fotos und Dokumenten ist alljährlich Ziel von einer Million Besuchern aus dem In- und Ausland.

(20) Nach Aussage der Zeitzeugin Eleonore Winkler bei einer Veranstaltung am 27.10.2010 im Historischen Ratssaal in Speyer.

(21) Die sogenannte „Bürckel-Aktion“ wurde im Sinne Adolf Hitlers vom Gauleiter der Westmark, Josef Bürckel, und Robert Wagner, dem Gauleiter von Baden, initiiert. Ihr fielen zum Opfer 7.500 Juden, Männer, Frauen und Kinder, rund tausend Menschen mehr als offiziell bekannt gegeben.

(22) Das Zitat stammt aus dem Brief des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, vom 29.10.1940 an den SA-Standartenführer Luther im Auswärtigen Amt.

(23) Das Lager lag 54 km südlich von Pau und war mit 325 Baracken das größte von rund 100 Internierungslagern in Frankreich. Im Frühjahr 1939 hatte es zur Aufnahme von Flüchtlingen nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs gedient. Es gehörte dann in den Zuständigkeitsbereich der Vichy-Regierung, die eng mit dem NS-Staat zusammenarbeitete. Die nächste Bahnstation war Oloron-Ste.-Marie, bis zum Lager waren es noch 17 km. Im Oktober 1940 kamen die südwestdeutschen Häftlinge mit der Bahn an, wurden auf Lastwagen ins Lager gefahren und in den leeren Baracken untergebracht. Da begann die Tragödie. Der Dichter Louis Aragon schrieb über dieses Lager: „Gurs ist ein seltsamer Laut, wie ein in der Kehle steckengebliebenes Stöhnen. Aber auch in diesem Ort der Barbarei wurde die Flagge der Menschlichkeit nicht eingezogen. Es gab Elsbeth Kasser, der „Engel von Gurs“. Diese 30jährige Krankenschwester aus der Schweiz mit blonden Haaren und blauen Augen leistete Großartiges, um den Internierten jede nur mögliche Hilfe zukommen zu lassen. Eine Überlebenshilfe boten auch Kulturveranstaltungen, die die Lagerinsassen in Eigenregie organisierten. Mittlerweile sind die Baracken verschwunden und ein Wald ist an ihrer Stelle gewachsen. Nur der Friedhof, nördlich des Lagers, zeugt noch vom Leiden der Häftlinge. Vgl. „Camp de Gurs 1940“ von Erhard Roy Wiehn (Hg.).

(24) Vgl. Brief der Anna Haber vom 17.01.1940 im Archiv des Autors.

22.09.2011


4. DR. MED. ADOLF DAVID

Theodor Davids Bruder Adolf (1) kam am 29.08.1830 in Speyer zur Welt als viertes von dreizehn Kindern der Eheleute Carl und dessen Ehefrau Franziska, geb. Gernsheim. Als 18-jähriger Student beteiligte er sich aktiv an der demokratischen Revolution von 1848/49 (2), die in den Menschen so viele Hoffnungen erweckt und enttäuscht hatte. Nun beseelt von dem Drang, den kranken Menschen zu helfen, widmete er sich in den folgenden Jahren dem Medizinstudium (3) trotz seiner schwachen Konstitution. An der Universität Würzburg, wo damals Rudolf Virkow lehrte, schloss er 1855 das Studium mit dem Rigorosum ab.

Danach vervollständigte er seine medizinischen Kenntnisse durch ein weiteres Studium in Paris, wo 1860 die „Alliance Israélite Universelle“, die erste weltweite jüdische Hilfsorganisation gegründet wurde als Antwort auf die Pogrome in Osteuropa und in anderen Ländern. Er praktizierte zuerst in Winnweiler, im Donnersbergkreis, und zog 1860 nach Speyer, wo er sich schließlich 1861 als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt niederließ.

Zuerst hatte er seine Praxis mit Wartezimmer und Äthergeruch in der Schustergasse 8, wo er auch wohnte, dann zog er in die Ludwigstraße 31. Diese Straße noch in Zentrumsnähe, die den Namen von König Ludwig I von Bayern wegen dessen Verdienste um den Dom erhielt, schmückten damals gutaussehende Häuser neben einstöckigen Behausungen, die später meist durch moderne Bauten ersetzt wurden.

Im Januar 1862 heiratete Dr. David Sophie, geb. Jakobson, eine 24-jährige Fabrikanten-Tochter aus Fulda. Am 08.12. des gleichen Jahres wurde ihnen eine Tochter geboren, Franziska, ihr einziges Kind, und der Vater gab ihr den Namen seiner Mutter.

Den Arztberuf übte Dr. David mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit und Würde aus im Zeichen des Äskulaps und in völliger Übereinstimmung mit dem Eid des Hippokrates. Nach Aussage der Zeitzeugin Liesel Jester (4) wurde er in Stadt und Land bald geschätzt und geliebt. Die Patienten schätzten seine Fähigkeit, die richtige Diagnose zu stellen, die Therapie durchzuführen sowie seine Verschwiegenheit und Dienstbereitschaft. Die ärmeren Leute liebten ihn, weil er sie aus Mitgefühl und Nächstenliebe auch umsonst behandelte und ab und zu mit kleinen Geschenken überraschte, wie die Zeitzeugin weiter berichtete.

Er gehörte mehreren Institutionen und Vereinen an. Er war Mitglied und später Ehrenmitglied des 1861 gegründeten „Turnvereins Speyer e.V.“ (5), dessen vaterländische Bestrebungen er nach Kräften unterstützte, Mitglied des nationalliberalen Vereins und wurde 1864 Gründungsmitglied der Speyerer Volksbank (6). Eine Nachricht, die sicherlich seine Zustimmung fand, war die, dass eine internationale Konferenz im August 1864 in Genf – auf Veranlassung von Henri Dunant – die Konvention über humane Behandlung verwundeter und kranker Kriegsgefangener unterzeichnete. Diese Konvention trug maßgeblich zur Humanisierung der Kriegführung bei.

Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Speyerer Volksbank am 15.10.1889 versammelten sich viele Bürger im festlich geschmückten Saale des Wittelsbacher Hofs. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Herr Stribinger, gab einen Rückblick auf die zweieinhalb Jahrzehnte Wirksamkeit des Kreditinstitutes, dankte den Gründern und überreichte dem Direktor Louis Levinger einen hohen, schön gearbeiteten Silberpokal. Dem Vorsitzenden schlossen sich weitere Redner an, dann war Dr. David an der Reihe. Auch er dankte den ersten Gründern der Volksbank, wünschte, dass das Vertrauen der Kunden zur Führungsspitze weiterhin wachse und brachte ein Hoch auf die Stadt Speyer aus, das stürmische Zustimmung fand (7).

Besondere Verdienste um Kranke und Verwundete erwarb sich der Mediziner im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Speyer lag vom Kriegsschauplatz nicht weit entfernt. Adolf eilte mit seinen Fachkollegen zu den Verwundeten in den Lazaretten, heilte oder linderte ihre Leiden. In Anerkennung dieser Verdienste verlieh ihm Kaiser Wilhelm I. die stählerne Kriegsgedenkmünze, die für Zivilisten bestimmt war (8). Adolf begrüßte die Gründung des deutschen Reiches, die politische Einheit des Landes und den einhergehenden Wohlstand, alles Ziele, nach denen er sich als junger Student mit vielen Gleichgesinnten gesehnt hatte.

Aber im Gefolge dieses Kriegs suchte 1872/73 eine in Deutschland bis damals beispiellose Cholera-Epidemie (9) auch Speyer heim. An dieser Magen- und Darmerkrankung mit Erbrechen, Durchfall und beträchtlicher Kräfteabnahme erkrankten 418 Speyerer Bürger, von denen ihr fast die Hälfte, 202, zum Opfer fielen. Dr. David kämpfte wieder mit seinen Kollegen und anderen freiwilligen Helfern (10) gegen diese Krankheit und konnte vielen helfen. Dafür wurde er vom bayerischen Staat mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet.

Dem Lockruf der Kommunalpolitik konnte auch er – wie schon sein Vater Carl und der ältere Bruder Theodor – nicht widerstehen. So engagierte er sich als Stadtrat von 1869 bis 1874, und vertrat dabei getreu seinem Freiheitsideal eine liberale Richtung. Doch manchmal wurde er von der Ausübung seiner Pflichten als Stadtrat aus Krankheitsgründen abgehalten (11).

Nicht zuletzt bewies Dr. David, dass er ein Herz für Kinder hatte. Um ihnen eine sorgfältige Erziehung zu gewährleisten, gründete er am 23.06.1874 auf Veranlassung einiger Väter den Fröbelverein (12). Innerhalb weniger Wochen gehörten dazu 209 männliche Mitglieder, die 24 000 Mark zusammenbrachten und damit den Kindergartenbau ermöglichten. Geleitet wurde er ganz nach den Erziehungsideen von Friedrich Fröbel (13) und war überkonfessionell ausgerichtet (14). Jüdische, evangelische und katholische Kinder wurden gemeinsam auf die Schule vorbereitet. Sie blickten stets ehrfürchtig auf das gütige Gesicht Adolfs, dieses hochgewachsenen Mannes mit den weißen Haaren, so die Zeitzeugin Elisabeth Schleicher-Landgraf (15). Wiederholt berichtete die „Speierer Zeitung“ über die beispielhafte Arbeit dieses privaten Kindergartens. Dort hatte auch der Fröbelverein seinen Sitz, den Dr. David persönlich bis zu seinem Lebensende leitete.

Am 03.11.1885 gab es im Hause David ein freudiges Ereignis: die Hochzeit seiner Tochter Franziska mit dem jüdischen Arzt, Dr. Siegmund Reis (16). Der Schwiegersohn war beinahe zwanzig Jahre lang auch Dr. Davids Berufskollege. Für ihn und seine Frau rückten nun Großelternfreuden in greifbare Nähe.

Am 16.08.1891 beging der „Turnverein Speyer 1861 e.V.“. das 30-jährige Jubiläum seines Bestehens. Aus diesem Anlass schenkte Dr. David als einer der Ehrenmitglieder dem Verein gemeinsam mit vier weiteren Vereinskollegen drei große, eingerahmte Bilder: sie stellten die bronzene „GERMANIA“ in der Gestalt einer gekrönten Frau dar, sowie die beiden Reliefs „Abschied“ und „Heimkehr“ der Krieger vom Niederwalddenkmal (17).

Seinen 70. Geburtstag am 29.08.1900 feierte Dr. David in Baden-Baden, wo er sich aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit schon seit 14 Tagen aufhielt. Die Presse (18) gratulierte ihm aus diesem Anlass, erinnerte die Leserin und den Leser an seine Verdienste in den Kriegsjahren 1870-71, während der Cholera-Epidemie 1873 sowie an sein Engagement für die Fröbelvereinssache. Sie wünschte dem Jubilar, dass ihm ein froher Lebensabend beschieden sei.

Wieder gestärkt setzte Dr. David sein gemeinnütziges Werk fort. Er zählte mit dem Anteil von 1000 Mark zu den Teilhabern der „Speierer Motorwagen-Gesellschaft m.b.H.“ - im Volksmund wurde m.b.H. umgedeutet: „manchmal bleiben se halte“. Diese Einrichtung hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihren fünf Omnibussen, die keine gummi-, sondern eisenbereifte Räder hatten, die Verkehrsverbindung in der Domstadt und mit den umliegenden Gemeinden übernommen. Motorleistung: 14 PS, Höchstgeschwindigkeit: 16 km.

Als Sohn eines Fabrikanten sowie Bruder und Verwandter von Geschäftsleuten mag auch Adolf David mit besonderer Aufmerksamkeit ein über tausend Seiten umfassendes Buch gelesen haben, das im Oktober 1901 im Samuel Fischer-Verlag in Berlin erschienen war. Es hatte zum Inhalt den Verfall einer Kaufmannsfamilie durch vier Generationen hindurch. Der Autor, selbst Abkömmling einer Lübecker Kaufmannsfamilie, hieß Thomas Mann, der Titel lautete: „Buddenbrooks“. Es wurde ein Klassiker und eine lehrreiche Lektüre.

Im Jahre 1904 ließ er eine außerordentliche Zuwendung dem „Verschönerungsverein“ – dem Vorläufer des jetzigen Verkehrsvereins Speyer (19) – zukommen, damit dieser seine wichtigen Aufgaben durchführen konnte.

In seinen letzten Monaten plagte ihn ein schmerzhaftes Leiden, dem er am 24.05.1904, einen Monat vor dem 30jährigen Bestehen des Fröbelvereins, in Heidelberg erlag. Die Todesanzeige in der „Speierer Zeitung“ füllte eine ganze Seite, die Trauer über seinen Verlust war allgemein. Im Heidelberger Krematorium wurde sein Leichnam eingeäschert und die Urne auf Wunsch des Verstorbenen in aller Stille auf dem Hauptweg des jüdischen Friedhofs in Speyer beigesetzt. (20). So konnte er im folgenden Monat als langjähriges Mitglied des „Turnvereins Speyer e.V.“ nicht mehr erleben, wie auf Betreiben dieses Vereins das „erhabene Monument“ zu Ehren des Turnvaters und „Demagogen“, Friedrich Ludwig Jahn, in der Bahnhofstraße eingeweiht wurde (21).

Zur Erinnerung an den Gründer und ersten Vorsitzenden des Fröbelvereins mit dem dazugehörigen Kindergarten erhielt ein künstlerisch gestaltetes Bildnis von Dr. David im Fröbelhaus den Ehrenplatz. Seine 66jährige Witwe Sophie blieb vorerst in der Ludwigstraße 31 wohnen.

Im April 1908 erfolgte in Neustadt a.d. Haardt, der Weinmetropole der Pfalz, die Gründung des Vereins für das israelitische Altersheim für die Pfalz e. V. und Sophie David (22) wurde im gleichen Jahr dessen Mitglied (23). Als aber ihre Tochter Franziska mit ihrem Mann, Dr. Siegmund Reis, 1913, nach Heidelberg übersiedelte, ging sie mit und verbrachte den letzten Rest ihres Lebens bei ihnen (24).

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(1)    Die Urfassung dieses Kurzporträts erschien in „Schicksale Speyerer Juden 1800 bis 1980“, Seite 67. Die vorliegende Fassung ist erheblich erweitert worden.

(2)   Vor der Revolution von 1848/49 hatten sich die Juden politisch nicht betätigt. Nach ihrem Scheitern zogen sie sich desillusioniert zurück oder wanderten wie zahlreiche Bürger nach USA aus, vor allem die, welche sich für den sozialen und religiösen Wandel eingesetzt hatten.

(3)   Jüdische Mediziner spielten seit dem Mittelalter als Vermittler persisch-arabischer Heilmethoden ebenso als Leibärzte von Königen, Päpsten und Fürsten eine herausragende Rolle. In Speyer wirkte 1348 der Meister Lemlin von Thann /Elsass als Arzt: Vgl. „Geschichte der Juden in Speyer“, 1981, S. 27. Ihre geschätzte Tätigkeit auf einem politisch neutralen Gebiet reichte bis in die Neuzeit hinein. Ein Viertel der Nobelpreisträger im Bereich der Medizin waren Juden.

(4)   Liesel Jester, die wohlgeachtete Wirtin des ehemaligen Gasthauses „Zum Weidenberg“ am St.-Guido-Stiftsplatz, ist in Speyer bestens bekannt. Das Gasthaus war eine gutbürgerliche Wirtschaft mit Bäcker- und Judenherberge und stets ausgebucht. Der Autor verdankt Liesl Jester mehrere Informationen über die Speyerer Juden der Vorkriegsgemeinde.

(5)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 27.05.1904.

(6)   Louis Levinger, ein geborener Schwabe jüdischen Glaubens, hatte im September 1864 gemeinsam mit dem Druckereibesitzer Ludwig Gilardone den „Vorschuss-Verein“ gegründet, dem bald 121 Mitglieder angehörten. Aus diesem Verein ging im Jahre 1873 die „Speyerer Volksbank“ hervor. Sie setzt heute noch ihre erfolgreiche Arbeit fort.

(7)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 17.10.1889.

(8)   Ebenda vom 26.07.1873.

(9)   Die Seuche konnte sich auch deshalb ungehindert ausbreiten, weil viele Einwohner, vor allem aus der Arbeiterklasse, in feuchten und schlecht beheizten Häusern wohnten.

(10)  Unter den Menschen, die den Cholerakranken zu Hilfe kamen, war ein 25-jähriger Mann aus Billigheim: Konrad Busch. Als Domkaplan scheute er sich nicht, die Schwerkranken zu besuchen. Tag und Nacht eilte er von einem Krankenzimmer zum anderen. Er selbst bettete Cholerakranke um, wenn nebenan einer gestorben war…Mit 58 Jahren wurde er 1905 Bischof von Speyer. Er leitete die Diözese nur kurze Zeit bis Anfang September 1910, als sein irdisches Leben erlosch. Vgl. Ferdinand Schlickel in „Der Pilger“ 6-36/2010.

(11)   Vgl. die Speierer Zeitung vom 21.11.1874.

(12)   Ebenda vom 04.11.1889.

(13)  Friedrich Fröbel, ein Schüler von Pestalozzi und selbst Lehrer und Erzieher, gründete 1840 im „Haus über dem Keller“ in Bad Blankenburg / Thüringen eine „Anstalt zur Pflege des schaffenden Tätigkeitstriebes“, den ersten deutschen Kindergarten. In einer solchen Anstalt sollten Kinder sich spielend die Welt erschließen. Durch ihren Vorbildcharakter beeinflusste sie trotz Rückschlägen so sehr die Kindererziehung der Nachwelt, dass der Name „Kindergarten“ in andere Sprachen überging.

(14)  Der Kindergarten stand den Kindern von Juden, Protestanten und Katholiken offen, was damals gar nicht üblich war. Heute spricht man allgemein von Ökumenischer Bewegung oder von der Ökumene, d.h. vom gemeinsamen Handeln unter christlichen Konfessionen und monotheistischen Religionen. Im 19. Jahrhundert war dieser Begriff unbekannt, da die außerhalb der katholischen Kirche entstandene Ökumenische Bewegung offiziell auf die erste Weltkirchenkonferenz in Stockholm, 1925, zurückgeht. Doch die Juden praktizierten „Ökumene“ bereits damals. So sind auf diesem Gebiet noch größere Anstrengungen wünschenswert.

(15)  Vgl. „Unsere jüdischen Mitbürger in Speyer“ S. 120-131 in „Geschichte der Juden in Speyer“, 1981.

(16)  Vgl. Kurzporträt Nr.10.

(17)  Vgl. die Speierer Zeitung vom 29.08.1900. Dieses deutsche Nationaldenkmal liegt oberhalb des vielbesuchten Ortes Rüdesheim und wurde 1877-83 von Johannes Schilling erbaut. Es erinnert an die Neugründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871.

(18)  Ebenda vom 18.08.1891.

(19)  Der „Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in Speyer“ wurde offiziell am 21.07.1903 gegründet. Eine alte Tradition neu belebend, richtet er alljährlich, um nur die Haupttätigkeiten zu erwähnen, den Sommertags-Zug sowie seit 1910 das Brezelfest aus, gibt von 1961 an die Vierteljahreshefte in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung heraus und übernahm 1989 die Betreuung des Judenhofs. Im Sommer 2003 feierte der Verkehrsverein sein hundertjähriges Bestehen und 2010 das Hundertste Brezelfest. Am 09.11.2010, einem geschichtsträchtigen Tag, wurde der Judenhof durch das neu eingerichtete „Museum SchPIRA“ erweitert und die Attraktivität der Anlage dadurch erhöht.

(20)  Dr. Adolf David übte seinen Beruf in vorbildlicher Weise aus und darf als die Verkörperung des idealen Arztes bezeichnet werden. So wäre er ein geeigneter Kandidat, unter anderen – Vgl. Kurzporträt Nr. 11 - wenn in einem Neubaugebiet eine Straße nach ihm benannt würde.

(21)  Vgl. Wolfgang Kauer im Heft des Seniorenbüros der Stadt Speyer „Aktiv dabei“, 2/2010.

(22)  Vgl. Näheres dazu im Kurzporträt Nr. 10.

(23)  Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“., Speyer a. Rh. 1909.

(24)  Vgl. Porträt Nr. 10.

Bildquelle Stadtarchiv Speyer Inv. 9667 Foto Barth, Foto heute: sim

16.09.2011


3. THEODOR DAVID

Jakob Theodor David gehörte zu der Generation von Juden, die nach der durch die Französische Revolution gewonnenen Gleichberechtigung ihre Stellung in Staat und Gesellschaft auszubauen vermochten und auf eine bessere Zukunft vertrauten. Am 22.09.1826 in Speyer geboren, entstammte er einer hochangesehenen Familie. Seine Mutter Franziska, geb. Gernsheim, war gebürtig aus Worms, sein Vater Carl, ursprünglich Charles, aus Homburg / Saar (1). Er hatte das Bibelwort: „Seid fruchtbar, vermehrt euch…“ (2) wohl wörtlich genommen, denn er bekam sieben Söhne und sechs Töchter.

Carl hatte 1824 ein Ledergroßgeschäft in der Wormser-Straße 51 gegründet, in dem es überall nach Leder roch, und damit eine mittelalterliche Speyerer Tradition neu belebt (3). Diese Straße, die von der Maximilian-Straße in nördlicher Richtung ausgeht und zum Stadtzentrum dazugehört, erfreute sich eines lebhaften Handelns. Zudem leitete Carl von 1855 bis 1872 die Israelitische Kultusgemeinde und übernahm als Stadtrat (4) von 1863 bis 1869 auch politische Verantwortung (5). So genoss er in der Bürgerschaft hohes Ansehen.

In der Atmosphäre des Engagements für die Bürger- und Kultusgemeinde, die im Hause Davids herrschte, reifte Theodor heran. Wesensart und Lebensweg wurden stark von der Persönlichkeit des Vaters geprägt. Diesem Beispiel folgend, ergriff er den Kaufmannsberuf in der Lederbranche und unterstützte bald seinen Vater im Geschäft  – „Carl David Söhne“ Leder en gros“ - mit der Telefon-Nr.9. Das Stadthaus mit Polizeibüro und Feuermeldestelle hatte die Nummer 8!

Am 20.07.1853 heiratete Theodor die 31 Jahre alte Kaufmannstochter Rosa, geb. Fulda, aus Worms, und sie bezogen die Wohnung in der Bahnhofstraße 13 1/2a. Doch die Frau starb schon drei Jahre später am 25. Juli 1856. So schloss der Witwer eine zweite Ehe am 07.07.1858 mit der 19-jährigen Emilia, geb. Feis, einer Weingutsbesitzertochter aus Deidesheim, der Stätte berühmter Weinversteigerungen (6). Wie so oft im Leben schreiten Freud‘ und Leid gleich Geschwistern daher. Nur vier Tage nach der zweiten Eheschließung wurde seine Mutter Franziska, die sich nie geschont hatte, 56-jährig aus der Mitte der Großfamilie gerissen. Emilia brachte zwei Söhne zur Welt: Robert Samuel, am 10.04.1859, und Oskar, am 10.06.1861, die beide in Speyer aufwuchsen.

In seiner knappen Freizeit betätigte sich Theodor mit seinem um vier Jahre jüngeren Bruder Adolf (7) sportlich als Mitglied des 1861 gegründeten „Turnvereins Speyer e.V.“. Dieser vermittelte ihnen ein Gefühl von körperlicher und geistiger Freiheit und Gleichheit, womit sie die damals noch gültige Denkschablone widerlegten, Juden seien zu „körperlichen Leistungen untauglich“.

Fünf Jahre nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches, am 17.02.1876, starb Theodors Vater Carl und wurde mit allen Ehren auf dem Judengärtel am St. Klara-Kloster-Weg beigesetzt. Nun übernahm Theodor die Firma „C. D. S“ und führte sie mit Sachkenntnis und geschäftlichem Spürsinn weiter. Zweifellos kam Theodor auch die gesellschaftliche Stellung seiner Geschwister zugute: Die älteste Schwester, Karoline, heiratete 1851 Louis Levinger, den späteren Mitbegründer der Speyerer Volksbank und der Baumwollspinnerei. Die jüngste Schwester, Natalie, ging 1869 die Ehe mit dem Schuhfabrikgründer Bernhard Roos (8) ein, einem der größten Arbeitgeber Speyers.

Nach dem Sieg über Frankreich und der Krönung Wilhelm I. zum Kaiser erhielten die Juden durch Reichsgesetz vom April 1871 nicht die volle – der christliche Staat musste erhalten bleiben - aber eine weitgehende, staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Immerhin beginnen jetzt die sogenannten „Goldenen Jahre“ der Speyerer Kultusgemeinde. Sie dauerten nicht lange und ließen nichts von der tragischen Entwicklung späterer Jahrzehnte ahnen. Im Jahre 1884 wurde auch Theodor in das Stadtparlament gewählt - bei den Gemeinderatswahlen 1889 erhielt er 893 Stimmen (9) - und gehörte diesem Gremium bis zu seinem Lebensende 1898 an. Dass aus einer einzigen Familie drei Stadträte – Vater und die Söhne Theodor und Adolf – hervorgegangen sind, ist sicher nichts Alltägliches und zeigt das hohe soziokulturelle Niveau, das Familie David erreicht hatte und ihre außergewöhnlich gelungene Assimilation.

Viele Jahre war Theodor Vorsitzender des Handelsgremiums sowie Mitglied und Sekretär der pfälzischen Handels- und Gewerbekammer. An den vielen Beratungen dieser Körperschaften nahm er stets lebhaften und entscheidenden Anteil (10). Wie es in einer jüdischen Gemeinde noch immer Sitte ist, stiftete Theodor mit seiner Frau Emilie im Jahre 1883 einen Toraschrein-Vorhang aus blauem Samt mit vergoldeter Stickerei - 1,95 mal 1,65 Meter - für den Toraschrein der 1837 eingeweihten Synagoge in der Hellergasse. Es handelte sich um ein wertvolles Schmuckstück mit der Darstellung einer Krone, flankiert von zwei aufsteigenden Löwen, als Symbol für die Tora, die Königin Israels. Dieser Vorhang überstand den Synagogen-Brand beim Novemberpogrom von 1938 durch die Geistesgegenwart einiger Gemeindemitglieder, und gehört jetzt als Dauerleihgabe dem Historischen Museum der Pfalz.

Theodor erlebte am 25.06.1893 die Hochzeit seines älteren Sohnes Robert – inzwischen ein angesehener Kaufmann mit Wohnsitz in der Bahnhofstraße 13 1/2a - mit der um elf Jahre jüngeren Elisabeth Luise, geb. Hirsch, der Tochter eines Holzhandlung-Besitzers aus Edenkoben (11). Am 15.08. des folgenden Jahres erblickte deren Tochter Margarete Sophie, gen. Gred, in Speyer das Licht der Welt, und Theodor wurde Großvater.

Diese weltoffene Enkelin studierte in Frankfurt am Main Recht, Wirtschaft und Gesellschaftslehre, vermählte sich dort 1917 mit ihrem Professor, dem Juristen Berthold Freudenthal, (12) und emigrierte 1934 nach Palästina / Israel. In ihrem Buch: „Ich habe mein Land gefunden“ berichtete sie 1977 u.a. über ihre Großeltern väterlicherseits. Diese sprachen deutsch und nicht jiddisch, führten keinen koscheren Haushalt, das heißt, sie trennten nicht Fleischspeisen von Milchspeisen, und feierten statt Chanukka (13) Weihnachten, das heißt mit Baum und Geschenken zusammen mit dem Personal der Firma. Margarete ließ dem ersten Buch ein zweites, 1982, folgen: „Die Lilie des Scharon“, in dem sie berichtete, was ihr in dem Land, das sie gesucht hatte, begegnet ist (14).

Nach kurzer Krankheit verstarb Theodor am 21.05.1898 – wie Moses an einem Samstag - im Alter von 72 Jahren (15). Er wurde auf dem Hauptweg des neuen jüdischen Friedhofs an der Wormser Landstraße bestattet. Eine große Menschenmenge ließ es sich nicht nehmen, ihm das letzte Geleit zu geben, von prominenten Regierungs- und Stadtvertretern über den Bezirksrabbiner, Dr. Adolph Salvendi (16), den Vorsteher der Kultusgemeinde, Sigmund Herz (17), und vielen Glaubensgenossen bis hin zu zahlreichen Speyerer Bürgern. In der Grabrede pries der Rabbiner eindrucksvoll den Verstorbenen als

„einen Mann, der mit umfassenden Geistesgaben ausgestattet,

allezeit die Pfade der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe

gewandelt ist, der in seinen geschäftlichen und

verwandtschaftlichen Pflichten nicht aufgegangen,

sondern getragen von dem Vertrauen seiner Mitbürger

auch für alle Angelegenheiten des öffentlichen Lebens

jederzeit mit warmen Herzen eingetreten war“ (18).

Der Sohn Robert übernahm die Leitung der Firma. Sein Bruder Oskar war ebenfalls Kaufmann geworden und wohnte in der Bahnhofstrasse 16 b. Am 25.08.1902 starb Emilia, die Mutter der beiden Kaufleute, im 64. Lebensjahr und wurde bei ihrem Mann bestattet. Zum Andenken an ihre Eltern errichten die Söhne Robert und Oskar 1903 bei der Kultusgemeinde eine überaus reiche Stiftung.

Am 27.06.1904 verlegte Robert das Geschäft nach Frankfurt am Main, das er von seinen regelmäßigen Messebesuchen her gut kannte und wo seine verheiratete Tochter Margarete lebte. Das Speyerer Geschäft blieb als Zweigniederlassung erhalten. Robert starb in der Mainstadt nach schwerer Krankheit am 30.03.1932, zehn Monate vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, die er persönlich, wie viele nüchtern denkende Menschen, in tragischer Weise für ausgeschlossen gehalten hatte.

 

(1)   Das Mobiliar des Ehepaars Franziska und Carl zeigte den napoleonischen Schwan aus Dank für die vom Kaiser den Juden gewährte Emanzipation.

(2)   Vgl. Genesis, Kapitel 9, Vers 2.

(3)   Das bezeugen die Straßennamen Ledergässel und Lauergasse in der Speyerer Altstadt.

(4)    Der Stadtrat wurde damals nicht nach Parteilisten, sondern durch Persönlichkeitswahl gewählt. Das änderte sich erst am 23.06.1919 mit der Wahl des Oberbürgermeisters Karl Leiling.

(5)   Die Namen Carl und Theodor stammen von den Herzögen von Pfalz-Zweibrücken, für die ein Urahne der Familie David Hoflieferant gewesen sein soll. Ursprünglich leitet sich der Name Theodor von der griechischen Sprache ab und heißt „Gottesgeschenk“.

(6)   Um 1853/54 wohnten in Deidesheim, Landkreis Bad Dürkheim, noch etwa 50 Juden, die um die gleiche Zeit ihre Synagoge im neuromanischen Stil erbauten. Danach sank ihre Zahl kontinuierlich, so dass ihre letzten Mitglieder im Dezember 1936 das Gebäude an einen Privatmann verkauften. Dadurch entging es der Zerstörung am 09.11.1938. Seit Mai 2004 steht die gründlich renovierte Synagoge der Öffentlichkeit für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung.

(7)   Vgl. Kurzporträt Nr. 4

(8)   Vgl. Kurzporträt Nr. 8.

(9) Vgl. die Speierer Zeitung vom 30.11.1889.

(10) Ebenda vom 21.05.1898.

(11) Die Synagoge in Edenkoben wurde 1827 als Nachfolgebau von 1781 eingeweiht. Während der Reichspogromnacht am 09.11.1938 wurde sie gestürmt, verwüstet und abgerissen. Die Inneneinrichtung  wurde auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt. Keine Gedenktafel erinnert an ihre Zerstörung. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 63.

(12) Berthold Freundenthal wurde 1872 in Breslau geboren, wurde Jurist und Professor für Strafrecht an der Universität Frankfurt am Main. Aufgrund einer von ihm verfassten Denkschrift wurde 1908 das erste Jugendgericht in Deutschland geschaffen. Er gab auch den Anstoß zur Gründung des ersten Jugendgefängnisses in Deutschland, und zwar in Wittlich in der Eifel. Es war lange Zeit die einzige Anstalt dieser Art. Freudenthal starb am 13.02.1929 in Frankfurt am Main.

(13) Dieses achttägige jüdische Fest wird im November / Dezember gefeiert und erinnert an die Neuweihe des Tempels in Jerusalem im Jahre 164 v. Chr. Die Makkabäer hatten das Heiligtum in schweren Kämpfen aus der Gefahr der hellenistischen Überfremdung durch die Syrer gerettet. Im Gedenken an dieses Ereignis wird täglich ein Licht mehr am achtarmigen Chanukka-Leuchter entzündet. Er wird an Fenstern aufgestellt als Bekenntnis zum Judentum.

(14) Margarete Sallis-Freudenthal starb im Jahre 1985 in Tel Aviv. Den Hinweis auf ihre autobiographische Schrift: „Die Lilie des Scharon“ verdankt der Verfasser Wolfgang Kolb aus Speyer. Die Rheinpfalz, Ausgabe Speyer, brachte am 11.09.2009 einen Beitrag vom Autor über diese bemerkenswerte Frau heraus unter dem Titel: „Vom Kaiserreich zum Staat Israel – Der ungewöhnliche Weg der Jüdin Margarete Sallis- Freudenthal – in Speyer geboren, über Frankfurt und Freiburg in Tel Aviv gelandet.“

(15) Seinen Sterbefall meldete der Schuhfabrikant Bernhard Roos, was auf eine enge Zusammenarbeit, ja Freundschaft, der beiden Geschäftsleute schließen lässt. Vgl. Kurzporträt Nr.8.

(16) Vgl. die Speierer Zeitung vom 23.05.1898. Dr. Adolf Salvendi, geb. 1837, gest. 1913, war ungarischer Abstammung, aktiver Zionist und ein begabter Redner. Er gab Flugschriften mit Nachrichten über Palästina / Israel heraus und sammelte auch Geld für diesen Zweck. Als Rabbiner vertrat er eine streng orthodoxe Linie, die in den assimilierten Gemeinden seines Bezirkes vielfach auf Widerspruch stieß. Nach 42-jähriger Amtstätigkeit trat er Ende 1909 in den Ruhestand, den er bis zu seinem Lebensende in Karlsruhe verbrachte. Dort wurde er auch bestattet. Vgl. StA Speyer Best. H 3 Nr. 8159 Bl. 21-23.

(17) Der 1828 in Kuppenheim geborene Sigmund Herz, ein würdiger Bürger mit Zwicker und Zylinder, war der Nachfolger von Carl David als Vorsteher der Kultusgemeinde. Er leitete sie 41 Jahre (!) lang wie keiner seiner Vorgänger und keiner seiner Nachfolger. Im 91. Lebensjahr verstarb der Ururgroßvater am 09.07.1918 in Speyer. Die Todesanzeige der Kultusgemeinde schloss mit den Worten: „Sein Name wird mit der Geschichte unserer Gemeinde unauslöschlich verbunden bleiben“. Vgl. die Speierer Zeitung vom 10.07.1918.

(18) Ebenda vom 23.05.1898.

Bildquelle Stadtarchiv Speyer Inv. 6129, Foto heute: sim

12.09.2011


2. HENRIETTE MAYER

Über diese Bürgerin jüdischen Glaubens sind zwar wenige Einzelheiten bekannt, doch sie wurde durch ihr für die damalige Zeit langes Leben eine Zeitzeugin des 19. Jahrhunderts und damit ein lebendiges Geschichtsbuch. Sie erblickte am 08.11.1808 in Freisbach (1) das Licht der Welt: damals eine kaum 500 Einwohner zählende Landgemeinde, heute Teil der Verbandsgemeinde Lingenfeld. Es war das Jahr, in dem Napoleon, nachdem er die Herrschaft über Europa errungen hatte, anordnete, dass Juden allgemein gebräuchliche Namen annehmen sollten. Nachdrücklich trat er aus politischem Kalkül auch für den Militärdienst der Juden ein. Henriette blieb das einzige Kind von Abraham Mayer (2) und Veronika, geb. Hertz, beide geborene Bürger von Freisbach. Man nannte das Mädchen im Familienkreis kurz „Jette“.

Henriette war 24 Jahre alt, als auf dem Hambacher Schloss am Morgen des 27.05.1832 selbstbewusste Bürger, angeblich „Demagogen“, gegen die Tyrannenmacht der Fürsten protestierten. Es war die erste demokratische Massenversammlung in der deutschen Geschichte. Die deutsche schwarz-rot-goldene Fahne mit der Inschrift „Deutschlands Wiedergeburt“, die polnische weiß-rote Fahne und die schwarze Fahne mit dem Schriftzug „Die Weinbauren müssen trauren“ flatterten im Winde. Die Initiatoren des Festzuges, Philipp Siebenpfeiffer und Johann Wirth, hielten ihre Reden, neben anderen Patrioten, und sie taten es sicherlich auch in Henriettes Sinne, da jede jüdische Gemeinde ein selbständiges, freies Gemeinwesen ist.

Von Beruf wurde Henriette Mehlhändlerin, eine Tätigkeit, die den Menschen auf dem Land ein Auskommen ermöglichte. Zwei Jahre später, im September 1834, heiratete sie - im durch den Tabakanbau (3) bekannt gewordenen Harthausen – den gleichaltrigen Löb Leonhard Mayer aus Gommersheim (4), auch Mehlhändler von Beruf, nach dem Spruch: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Damals begann auch in Deutschland mit zeitlicher Verzögerung, aber mit stärkerem Druck nach dem Vorbild Großbritanniens die Industrielle Revolution.

In der Zeit vom 1835 bis 1848 brachte Henriette in Harthausen sieben Kinder zur Welt, von denen aber zwei im Kindesalter verstarben. Der damaligen Kindersterblichkeit entgingen Sara, geboren 1837, Moritz 1840, Rosalia 1841, Heinrich 1843 und Friederika 1848. Als diese jüngste Tochter die irdische Bühne betrat, war gerade die deutsche Revolution ausgebrochen, die viele Hoffnungen, auch unter jüdischen Bürgern, weckte, aber bald darauf mit der Stärkung der großen Staaten - vor allem Preußens - endete. Daraufhin sahen sich viele Patrioten gezwungen, in die Neue Welt zu emigrieren. Die älteste Tochter Sara vermählte sich am 16.03.1858 in Bad Bergzabern (5) mit dem Tabakhändler Gabriel Mayer.

Am 23.11.1860 übersiedelte Familie Leonhard Mayer nach Speyer - einer Stadt von über 11 000 Einwohnern - die fünf Tage später zum ersten Mal mit Gaslicht beleuchtet wurde, damals ein Fortschritt gegenüber den Petroleumlampen. Nur drei Jahre später, am 30.08.1863, verstarb Henriettes Mann Leonhard mit 55 Jahren und wurde auf dem Judengärtel beigesetzt. An seiner Bestattung nahmen zahlreiche Bürger teil, wie aus der Danksagungsanzeige hervorgeht. Nun übernahm Henriette die Führung des Geschäfts in der Wormser-Straße 6 und herrschte als Hausvorstand unangefochten.

Drei Jahre nach dem Verlust ihres Mannes, 1866, erlebte Henriette den Krieg Preußens gegen Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland, der zur Gründung des Norddeutschen Bundes unter Vorsitz des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismark (1815-1898) führte. Der Eindruck des preußischen Sieges bei Königgrätz in Tschechien war nicht nur in Südwestdeutschland gewaltig.

Auch im Privatleben der Familie Mayer gab es Veränderungen. Der Sohn Moritz heiratete am 12.09.1867 Emma Kuhn, die Tochter des Speyerer Herrenkleiderhändlers Esajas (6). Sein Bruder Heinrich zog im April 1870 nach Baden. Beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges am 19. Juli 1870 war Henriette 62 Jahre alt und erlebte diese kriegerische Auseinandersetzung mehr aus der Nähe. Zwölf Tage später besuchte Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, Sohn Wilhelms I., als Oberbefehlshaber der III. Armee, die an der Schlacht bei Sedan mitwirkte, den Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche in Speyer. Zum Glück blieb die Domstadt von den Kriegswirren und -Nöten weitgehend verschont.

Die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Kaiser am 18.01.1871 in Versailles entsprach dem Kalkül bismarckscher Politik. Der neue Kaiser war verantwortlich für die Niederschlagung der 1848er Revolution und ultrakonservativ. Seit der Errichtung des deutschen Nationalstaats unter preußischer Führung und unter Zustimmung der deutschen Fürsten war die deutsche Frage gelöst. Eine Folge der französischen Kriegsentschädigung in Höhe von fünf Milliarden Francs und der Reichsgründung war nicht die Verelendung der Massen nach Karl Marx, sondern ein ungeheurer Wirtschaftsboom – die sog. „Gründerjahre“- der eine ungesunde Spekulation hervorrief. Diese Entwicklung hatte der Schriftsteller Wilhelm Raabe (7) mit tiefer Sorge vorausgeahnt und davor gewarnt.

Im November 1872 verzeichnete die Familienchronik die Heirat der Tochter Friederike mit dem um vier Jahre älteren Kaufmann Isaak Simon aus Kaiserslautern. Im darauffolgenden Jahr überlebte Henriette die Cholera, eine als Folge des Krieges in Deutschland bis dahin beispiellose Epidemie, an der in Speyer von den damals 13 000 Einwohnern 418 Personen erkrankten, von denen fast die Hälfte, nämlich 202, daran starben (8).

Eine große Feier fand am 08.11.1888 – im Dreikaiserjahr - statt, als Henriette im Kreise ihrer Kinder, Enkel und Urenkel in geistiger Frische und in ungebrochener körperlicher Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag beging. Anlässlich dieses runden Geburtstags wurde höchstwahrscheinlich ein Gruppenfoto mit Henriette in der Mitte gemacht, das nicht mehr erhalten ist. Henriette blieb ihren kleinen und großen Kindern nie eine Antwort schuldig, wenn sie sie fragten, wie es früher einmal war. Dann fing sie an zu erzählen, als wären ihre Konstitution und ihr Gedächtnis unverwüstlich. Zum Vergleich dazu: Erst vier Monate vor ihrem Geburtstag war der bereits erwähnte Friedrich Wilhelm, jetzt Kaiser und König von Preußen - er hatte gegenüber seinen jüdischen Untertanen großen Respekt gezeigt – am 15.06.1888 im Alter von 57 Jahren an einer Kehlkopfkrebs-Erkrankung verstorben (9). Er hatte nur 99 Tage geherrscht und somit keine Chance gehabt, sich zu beweisen. Sein Sohn bestieg 29-jährig den Thron als Kaiser Wilhelm II., 1888-1918. Er hielt die Juden für die „Mörder Christi“ (10) wie sein Hofprediger Adolf Stoecker. Als dieser Politiker 1883 Speyer besuchte, lachte er darüber, dass die Synagoge an der „Stöckergasse“ – der heutigen Hellergasse – liege (11).

Zehn Jahre später feierte Henriette ihren 90. Geburtstag noch immer bei guter Gesundheit und im Mittelpunkt der Festgemeinde. Es war das Jahr, in dem die Brauerei in der Bahnhofstraße ihren Mitarbeitern ein Weihnachtsgeld von 15,-- bis 25,-- Mark zahlte und dazu jedem Arbeiter ein Fässchen Weihnachtsbier spendierte (12).

Bevor Henriettes Herz am 28.03.1907 aufhörte zu schlagen, war sie noch Zeitzeugin der Niederwerfung des Aufstands der Hereros im August 1904 beim Waterberg / Deutsch-Südwest-Afrika durch General L. von Trotha. Die Aufständischen kamen größtenteils mit ihrem Vieh in der Wüste um. Es wurde ihr ebenfalls vergönnt, zu erfahren, dass der Arzt Robert Koch, der 1883 den Cholera-Erreger entdeckt hatte, im Jahre 1905 den verdienten Nobelpreis für Medizin erhalten hatte.

Diese älteste Bürgerin Speyers verbrachte 47 Jahre in der Domstadt, die mittlerweile 20 000 Seelen zählte. Sie hatte insgesamt Aufstieg und Untergang Napoleons erlebt, die bürgerlich bestimmte Biedermeierzeit, die Unruhen der blutig niedergeschlagenen Revolution von 1848 und die Kriege Preußens, die zur Reichsgründung führten. Der Wirtschaftsaufschwung der 70er und 80er Jahre hatte zwar bescheidenen Wohlstand gebracht, aber das Kaiserreich, das die Emanzipation der Juden (13) als Erbe aus der napoleonischen Zeit übernommen hatte, war alles andere als ein demokratischer Staat. Reichstag und Parteien waren weit davon entfernt, tatsächlichen Einfluss auf die Politik zu haben.

Die Presse (14) widmete Henriette einen Nachruf, in dem sie die Verstorbene als „würdige Matrone und verhältnismäßig noch rüstige Greisin“ beschrieb, die „wirklich viel erlebt hatte“. Die Todesanzeige der „Speierer Zeitung“ (15), in der nicht ihr Name, sondern der ihres Mannes erscheint, füllte eine halbe Seite, was damals, zumal für eine Frau aus einfachen Verhältnissen, sehr ungewöhnlich war. Ihre Grabstätte auf dem jüdischen Friedhof an der Wormser-Landstraße fällt durch eine große, wie mit einem Vorhang drapierte Urne (16) auf, oberhalb der ovalen Inschrift-Tafel.

(1) Die wenigen Freisbacher Juden verfügten 1831 nur über eine bescheidene Betstube in einem Privathaus. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 72.

(2) Der bei jüdischen Bürgern sehr verbreitete Nachname Mayer erklärt sich damit, dass er einen ähnlichen Klang aufweist wie der hebräische Name Meir, der „Leuchtender“ heißt. Deshalb wurde er gerne von Juden übernommen, als sie 1808 allgemein verständliche Namen übernehmen mussten. Auf dem jüdischen Friedhof in Speyer, Wormser Landstraße, wurden von 321 Personen 42 namens Mayer bestattet. Der Name Mayer reimt sich gut mit Speyer.

(3) Vgl. „Speyer von den Saliern bis heute, 1000 Jahre Stadtgeschichte“ von Ferdinand Schlickel, S. 92. Seit 400 Jahren wird in Deutschland Tabak angebaut. In der Pfalz geht dessen Anbau auf die Kontinentalsperre zurück, die Kaiser Napoleon Ende 1806 anordnete, um das europäische Festland wirtschaftlich gegen England abzuschließen. Da der Erlös aus der Ernte wetter- und marktbedingt schwankte, hatte die Pflanze den Spitznamen „Schikanenkraut“.

(4) Ein Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert in der Hauptstraße 58 diente den dortigen Juden als Synagoge. Die Decke war als Sternenhimmel ausgemalt in Anspielung auf das Wort Gottes an Abraham: „Sieh doch zum Himmel hinauf und zähle die Sterne, wenn du kannst“ aus Genesis Kapitel 15, Vers 5. 1932 senkte sich die Frauenempore, und die wenigen Gommersheimer Juden mussten ab 1933 die Synagoge in Geinsheim besuchen. So blieb ihre alte Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 verschont. Im Jahre 1966 wurde sie abgerissen und die Mikwe, das Ritualbad, zugeschüttet.

(5) Die Bergzaberner Gemeinde richtete in einem 1848 erworbenen Anwesen ihre Synagoge ein, die gegenüber der protestantischen Marktkirche stand. Am Vormittag des 10.09.1938 wurde sie von einem SA-Sturm verwüstet und abgerissen. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ vom Otmar Weber, S. 43-44.

(6) Vgl. Kurzporträt Nr. 1.

(7) In seinem am meisten gelesenen Werk: „Die Chronik der Sperlingsgasse“, einem Bilderbuch aus dem Milieu Alt-Berlins, aus dem Jahre 1857, stellte der Verfasser die Juden in ihrer Liebe zu Israel dem damals noch nicht geeinigten deutschen Volke als Muster hin. Auch in anderen Romanen stellte Raabe die Juden in einem günstigen Licht dar.

(8) Vgl. den Speierer Anzeiger vom 26.09.1873.

(9) Vgl. „Speyer von den Saliern bis heute…“, S. 106. Ein Messingschild in der Dreifaltigkeitskirche mit den Worten „Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen, 31.07.1870“ bezeichnet das Gestühl, wo er damals saß. Er war es, der den Antisemitismus, diese Verhöhnung von Humanität und Gerechtigkeit, „die Schmach des Jahrhunderts“ genannt hatte. Der Antisemitismus greift auf altertümliche Vorurteile gegen Juden zurück, die aus religiösen, wirtschaftlichen und politischen Motivationen herrühren. Der rassistische Antisemitismus erreichte seinen furchtbaren Höhepunkt in der Ideologie des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 mit der planmäßigen Vernichtung von ca. sechs Millionen Juden. Jedoch bedeutete der Sieg über Nazi-Deutschland nicht zugleich die Überwindung des Antisemitismus, wie die Leugnung des Holocaust, Schändungen von Synagogen und Friedhöfen durch rechtsextremistische Kreise belegen. Der aus dem Antijudaismus der christlichen Kirchen hervorgegangene Antisemitismus - angefangen bei tendenziösen Aussagen im Neuen Testament über die Hasstiraden der „Kirchenväter“ , der altchristlichen Kirchenschriftsteller, gegen die Juden bis hin zu den Beschlüssen vieler Konzilien - liegt weiterhin wie ein Fluch über Europa und darüber hinaus.

(10) In seinem Exil in den Niederlanden in Haus Doorn beschäftigte sich der abgedankte Kaiser Wilhelm II. außer mit Holzhacken im Garten mit der Lektüre der „Protokolle der Weisen von Zion“. Sie ist eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Paris im Auftrag der zaristischen Polizei erwiesenermaßen gefälschte Hetzschrift über angebliche Pläne zur Errichtung einer „Jüdischen Weltherrschaft“.

(11) Vgl. „Jüdisches Leben in der Pfalz“ von Bernhard Kukatzki, Sutton Verlag, 2006, S. 25.

(12) Ebenda S. 104.

(13) Anders als im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereitet heute der Begriff der jüdischen Assimilation im Sinne einer bürgerlichen Gleichstellung in der deutschen Gesellschaft, in der Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben, keine Probleme mehr. Schwierigkeiten machen Menschen, die die Integration grundsätzlich ablehnen und eine Parallelgesellschaft aufbauen wollen, die ein Fremdkörper ist und bleibt.

(14) Vgl. die Speierer Zeitung vom 30.03.1907.

(15) Ebenda vom 28.03.1907.

(16) Das Motiv der Urne als Gefäß zur Aufnahme des Leichenbrandes nach der Kremation des Toten stammt aus der späten Bronzezeit Europas. Der Vorhang erinnert an eine Theatervorstellung. Wenn dieser langsam niederrollt oder zugezogen wird, ist die Vorstellung, d.h. das irdische Leben, zu Ende. Foto heute: sim

02.09.2011


1. ESAJAS KUHN

Als der Korse Napoleon Bonaparte sich anschickte, das Gesicht Frankreichs und Europas zu verändern, wurde Esajas Kuhn, Alexander genannt, am 01.01.1800 in Niederhochstadt, heute Hochstadt (1) und Teil der Verbandsgemeinde Offenbach a. d. Queich, geboren. Seine Eltern waren Alexander und Esther, geb. Isaac. Esajas‘ Geburtstag zu Beginn eines neuen Jahrhunderts und eines neuen Jahres schien auf etwas Bedeutendes hinzuweisen. Früh erlernte er den Schneiderberuf, der von der Altsteinzeit bis zur Moderne zum ältesten Gewerbe der Menschheit gehört. Dieser Beschäftigung wurde auch in der Judenheit von alters her nachgegangen, da religiöse Juden keine Kleider tragen durften, deren Gewebe aus Wolle und Flachs bestand (2).

Im Zuge der allgemeinen Abwanderung von arbeitsuchenden Menschen vom Land in die Städte kam Esajas nach Speyer, wo seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine neue jüdische Gemeinde entstanden war, die an die mittelalterliche jüdische Stadttradition anknüpfen wollte. Am 24.11.1829 vermählte er sich in der Domstadt mit der um achteinhalb Jahre jüngeren Speyerin Henriette, geb. Dreyfus, einer Kleiderhändlerin, die ihn beruflich unterstützte. Im Verlauf von achtzehn Jahren bekam die Familie vier Jungen und fünf Mädchen: Alexander (3) im Jahre 1830, Charlotte, 1832, Josef, 1833, Karl, 1838, Franziska, 1840, Samuel, 1842, der aber im Alter von nur vier Monaten starb, Rosalia, 1844, Emma, 1846, und Mathilde Bertha, 1848.

Am Freitag, den 24.11.1837, nachmittags um 14 Uhr war Esajas mit seiner Familie Zeuge eines außergewöhnlichen, ja man kann ohne Übertreibung sagen historischen Ereignisses, das sich kein Jude entgehen lassen wollte: der Einweihung der nach Plänen von August von Voit im maurischen Baustil errichteten Synagoge (4) in der Hellergasse. Es waren 148 Jahre seit der Zerstörung der mittelalterlichen Synagoge vergangen und 733 seit deren Erbauung. Das Programm der Feier umfasste 18 Punkte mit Gesängen und Gebeten, und der Bezirksrabbiner Aron Merz (5) hielt die Festpredigt. Es wurde auch gebetet für Seine Majestät den König, Ihre Majestät die Königin, das Königliche Haus und die Königliche Regierung. Die Feier lieferte der Stadt und darüberhinaus Gesprächsstoff noch lange danach.

Maximilianstr.66 früher

Mittlerweile hatte sich Esajas vom Schneidermeister zum Kleiderhändler gemausert mit Wohnung auf der Maximilian-Straße 66. Er freute sich, als seine älteste Tochter Charlotte im Juni 1857 die Hochzeit mit dem Witwer Philipp Altschüler aus Grünstadt feierte. Er erlebte auch, am 05.05.1862, die Eheschließung seines ältesten Sohnes Alexander, der Zolleinnehmer geworden war, mit Julia Cassel aus Offenbach am Main. Dabei verbarg er nicht seine Genugtuung darüber, dass sich die beiden Söhne, Karl und Josef, stark in der Textilbranche engagierten und anscheinend mit einem größeren Plan liebäugelten.

Tatsächlich gelang es den beiden Söhnen durch gediegene Geschäftskenntnisse, Fleiß und Energie die von ihrem Vater aus bescheidenen Anfängen gelegte Grundlage so auszubauen, dass sie 1860 mit der Herstellung von Herrenkleidern in allen Stoffen „en gros et en detail“ beginnen konnten. Nach dem ältesten Adressbuch der Stadt Speyer für das Jahr 1868/69 war der Sitz der Firma in der Korngasse 21, in fast versteckter Lage.

Im Alter von 65 Jahren starb das Familienoberhaupt Esajas am 30.09.1865 im Kreise seiner Lieben und wurde auf dem kleinen, idyllisch gelegenen Friedhof am St.-Klara-Klosterweg bestattet, den die Speyerer „Judengärtel“ (6) und die Juden den „Guten Ort“ und, anscheinend paradoxerweise, auch „Bet ha-Chaim“, das heißt, „Haus des Lebens“ nennen. Jetzt fühlte sich die zweite Generation noch mehr aufeinander angewiesen und zu neuen Taten herausgefordert.

Die zweitjüngste Tochter Emma schloss die Ehe im September 1867 mit dem Kaufmann Moritz Mayer, dem ältesten Sohn der Henriette Mayer (7). Im September des folgenden Jahres heiratete Joseph, der einzige Sohn der Familie mit dem Namen des biblischen Patriarchen (8), Emilia Amanda, geb. Seligmann, aus Homburg / Saar. Im Juli des Jahres 1869 vermählte sich Franziska mit dem Speyerer Kleiderfabrikanten Jakob Gudenberg aus Höxter an der Weser. Karl schloss die Ehe mit Eleonore, geb. Dick, aus Augsburg im Juni des Jahres 1870. Im Mai 1872 heiratete Rosalia in Speyer den Kaufmann Josef Marx aus Grünstadt und als letzte der Geschwister schloss Mathilde Bertha, 1874, die Ehe mit dem gleichaltrigen Galanteriewarenhändler Moritz Horn aus Düsseldorf. Die Frischvermählten erfreuten sich aber eines viel zu kurzen Ehelebens: Mathilde Bertha starb in der Geburtsstadt des Dichters Heinrich Heine kaum zwölf Monate später, 27-jährig.

Immer deutlicher entwickelte sich Karl von seinem Sitz, Korngasse 20-21, Tel. 99, mittlerweile ein allgemein hochgeachteter Bürger, zum Motor des Unternehmens. Dahinter steckte die einleuchtende Devise: „Kleider machen Leute“ und „Herren brauchen Kleider“. Für den Warenabsatz sorgten Bekleidungsgeschäfte – etliche wurden von Bürgern jüdischen Glaubens wie Ferdinand Altschüler (9), und Hermann Hirsch (10) auf der Maximilian-Straße betrieben – so dass sich Karl auch dem weiteren Ausbau der Firma widmen konnte. Der Ruf ihrer Erzeugnisse war über die Grenzen des 1871 neu gegründeten Deutschen Reichs hinaus bekannt geworden, wie Bestellungen, die sogar aus dem fernen, zaristischen Russland kamen, belegen. Das technische Personal arbeitete mit großem Einsatz und zeigte ein loyales Verhalten, weil zwischen Firmenleitung und Angestellten jederzeit ein gutes Einvernehmen herrschte.

Nach dem Adressbuch der Stadt Speyer von 1894 hatte sein Bruder Josef inzwischen eine eigene Herrenkleiderfabrik errichtet, in der Wormser-Straße 24, am jetzigen Willy-Brand-Platz, Tel. 259, in bester Lage, wo er Stoffe für Herrengarderobe verkaufte und wo er auch wohnte. Außerdem wirkte er als Hauptagent der Frankfurter Versicherungsgesellschaft „Providentia“ (lat: Vorsehung) für die Pfalz und Generalagent für Reisende und Auswanderer nach Amerika. Überdies vertrieb er amerikanische Nähmaschinen.

Außerhalb der Firma setzte er sich ehrenamtlich ein. So machte er im Oktober 1874 dem jungen Fröbelverein als Geschenk die Obligation im Nennwert von 30 Mark, was die Presse (11) zur Anmerkung veranlasste, diese großzügige finanzielle Unterstützung möge doch viele Nachahmer finden, und die Ideen von Friedrich Fröbel (12) in der Stadt noch bekannter machen. Josef war auch Aufsichtsratsmitglied der Speyerer Gewerbebank in der Ludwigstraße. Ein Schicksalsschlag traf ihn am 26.03.1878. Er musste seinen Sohn Isaias Alfred beerdigen, der im zarten Alter von erst neun Jahren gestorben war und auf dem „Judengärtel“ beigesetzt wurde. Zum Trost und Garant für eine bessere Zukunft blieb ihm der sechsjährige Sohn Eugen Ludwig.

Nachdem Esajas Ehefrau Henriette neun Kinder geboren, erzogen und ihre weitere Entwicklung liebevoll begleitet hatte, schloss sie am 09.05.1882, fast an ihrem 73. Geburtstag, die Augen für immer. Sie wurde wie ihr Mann auf dem „Judengärtel“ bestattet. Ihre Tochter Rosalia starb am 16.05.1898 im Alter von 54 Jahren und wurde auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Wormser Landstraße beigesetzt, der ein Teil der städtischen Grabanlage ist.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im Kaiserreich, das jetzt als Welt- und Seemacht galt, mit Feuerwerk, Sekt und Tanz begrüßt. Viele Menschen wünschten, dass der unaufhaltsame technische Fortschritt und der Wohlstand allen Bevölkerungsgruppen unterschiedslos zugute kommen mögen. Aber wie immer stand auch die bange Frage im Raum: Können all unsere Wünsche Wirklichkeit werden? Zunächst schienen sie tatsächlich in Erfüllung zu gehen.

Laut Gewerbeanmelderegister vom 04.04.1905 ging die Herrenkleiderfabrik von Josef Kuhn auf seinen Sohn Eugen Ludwig über. Karls Sohn Richard hatte im Dezember 1896 in Koblenz die von dort stammende Flora, geb. Löb, geheiratet. 1898 hatte sich sein Bruder Robert in Bad Dürkheim mit Marie Luise, geb. Wolf, vermählt. Bereits seit einiger Zeit hatten die beiden Brüder die Leitung der Herrenkleiderfabrik in der Korngasse übernommen. Ihr Vater feierte am 20.07.1908 in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag im Kreise seiner Familie, seiner zahlreichen Freunde und Bekannten, die „dem allgemein hochgeachteten Bürger“ von Herzen gratulierten, wie die Presse mitteilte (13).

Im Jahre 1909 spendete Familie Esajas Kuhn und Söhne dem Israelitischen Altersheim für die Pfalz e.V. einen namhaften Betrag (14). Dieser Verein hatte die Aufgabe übernommen, ein Seniorenheim für Pfälzer Juden zu errichten, weil ihre Zahl aufgrund der verstärkten Auswanderung jüngerer Jahrgänge stetig zunahm. Ein Jahr später, am 31.12.1910, konnte Familie Kuhn auf ein bemerkenswertes Ereignis zurückblicken: das 50-jährige Bestehen der Kleiderfabrik. Das goldene Jubiläum wurde gebührend mit der Belegschaft und in der Familie gemeinsam gefeiert (15). Ein knappes Jahr danach, am 03.11.1911, starb die fünffache Mutter Franziska Gudenberg, geb. Kuhn, im nahezu vollendeten 71. Lebensjahr und wurde auf dem Hauptweg des jüdischen Friedhofs bestattet.

Der Schein trügt, es ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Als das pechschwarze Jahr in der Chronik der Familie und der „Herrenkleiderfabrik Karl Kuhn Söhne“ muss das Jahr 1913 bezeichnet werden. Es begann mit dem Tode von Josefs Frau Emilia Amanda, die am 21.01. im Alter von 65 Jahren verstarb. Auf der Todesanzeige stand zu lesen, wie üblich beim Sterbefall eines jüdischen Mitbürgers: „Von Beileidsbesuchen und Blumenspenden bitten wir gütigst abzusehen“, da Juden auf die Gräberstätten keine Blumen legen, die ohnehin viel zu schnell verwelken. Am 10.03. erlitt die Familie Karl Kuhn den unersetzlichen Verlust ihres Oberhauptes Karl. Er verstarb nach kurzer Krankheit, umgeben von seiner Frau Eleonore, der Tochter Amalia Mathilde und den Söhnen Richard und Robert. Das war nicht nur für die Angehörigen und Freunde, sondern ebenso für die Stadt ein herber Verlust. Im Nachruf der „Speierer Zeitung“ (16) heißt es dazu:

 „Infolge seiner trefflichen Charakter- und Herzenseigenschaften genoss der Verlebte allseitige Sympathien,  so dass ihm ein ehrenvolles Gedenken gesichert…“ war.

Vertraten die beiden Brüder Richard und Robert unterschiedliche Meinungen über die Weiterführung der Fabrik? Schreckten sie vor zu hohen Risiken zurück oder war die Konkurrenz der Herrenkleiderfabrikanten Moritz Dreyfuss (17) und Wilhelm Schiff (18) mittlerweile zu stark geworden? Oder ahnten sie bereits die Gefahr eines heraufziehenden Weltkrieges, wie Schriftsteller und Künstler sowie manche junge Damen, die sich schon im März 1912 für den Kriegsfall als Krankenpflegerinnen ausbilden lassen wollten? (19)

Wie dem auch sei, das Anwesen „Karl Kuhn Söhne, Richard und Robert“ in der Korngasse 21 wurde am 30.09.1913 durch den Geschäftsagent B. Schlamp für die Summe von 31 000 Mark ersteigert (20). So war das Ende der Herrenkleiderfabrik nach nur 53 Jahren für immer besiegelt, die mit dem Pionier Esajas so hoffnungsvoll begonnen und auch Glanzzeiten erlebt hatte. Das Jahr klang am 17.11.1913 versöhnlich aus, als Josef seinen 80. Geburtstag feierte und allen Kassandrarufen zum Trotz auf das Weiterbestehen seiner Fabrik in der Wormser-Straße hoffte.

Als der Erste Weltkrieg am 01.08.1914 ausbrach, sich unter unvorstellbaren Menschen- und Materialverlusten bis 1918 hinzog und beklagenswerte Folgen für das Deutsche Reich brachte, fühlten sich die Brüder Richard und Robert in ihrer gefällten Entscheidung bestätigt. Sie blieben jedoch als Geschäftsleute der Textilbranche treu. Ihre Schwester Amalia Mathilde hatte im April 1894 in Speyer den Weingutbesitzer Karl Ludwig Wolff aus Bad Dürkheim geheiratet. Siebzehn Jahre später war sie Witwe geworden und starb 44-jährig, im Mai 1916, in Speyer.

Unaufhaltsam vergingen weitere Jahre. Am 16.03.1921 starb Karls Frau Eleonore im 76. Lebensjahr, als die nationalsozialistische SturmAbteilung zur Terrorisierung politischer Gegner erstmalig auftrat. Im folgenden Jahr, am 13.01.1922, verschied Josef im Alter von 88 Jahren als ältestes Familienmitglied. Beide wurden auf dem jüdischen Friedhof in Speyer bestattet. Seine Schwester Emma schloss die Augen für immer bei ihrer verheirateten Tochter Eugenie Mathilde am 23.12.1925, im 80. Lebensjahr, in Friedberg / Hessen (21). Wann ihre Geschwister Alexander und Charlotte starben, konnte trotz intensiver Recherche nicht ermittelt werden.

Eugen Ludwig betrieb die Herrenkleiderfabrik in der Wormser-Straße weiter. Am 25.11.1919 hatte er die um elf Jahre jüngere Lucia, geb. Seligmann, aus Homburg / Saar in Speyer geheiratet. Sie wohnten in Heidelberg, wo, am 24.05.1920, ihr Sohn Werner geboren wurde. Eugen Ludwig verstarb am 02.04.1928 im Alter von 56 Jahren im Weinort Gundelsheim = Treuchtlingen / Schwaben.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es für deutsche Juden so gut wie keine Rettung mehr. Zwar gelang es Eugen Ludwigs Sohn Werner, am 01.04.1939, in die Schweiz zu emigrieren, aber er starb dort bereits 1943. Seine Mutter Lucia wurde am 22.10.1940 von der Neckarstadt Heidelberg nach Gurs, dem größten Internierungslager im Westen, deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem Osten verschleppt, wo sie umkam (22). Über das weitere Schicksal von Richard Kuhn und dessen Familie liegen keine Informationen vor. Sein Bruder Robert überlebte den Holocaust und verstarb, am 21.12.1954, in Heidelberg.

Die beiden Gebäude in der Korngasse 21 und in der Wormser-Straße 24 stehen noch heute da als wäre in Speyer sonst nichts geschehen. Sie sind jedoch stumme Zeugen der Vergangenheit für Bürger, die sich für ihre Baugeschichte und frühere Verwendung interessieren.

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(1) In Hochstadt hatten sich bereits seit Ende des 17. Jahrhunderts Juden niedergelassen. Die Erbauungszeit der Hochstadter Synagoge ist unbekannt. Sie war ein Fachwerkbau mit einer Kellermikwe. Am 09.11.1938 wurde sie zerstört und kurz danach abgerissen. Der jüdische Friedhof ist erhalten geblieben. Vgl. „Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute“ von Otmar Weber, S. 89.

(2) Vgl. Buch Levitikus, Kapitel 19, Vers 19. Dieses Verbot richtete sich gegen die Magie, die gerne seltsame Mischungen benutzte.

(3) Manche Juden gaben ihren Söhnen gerne den Namen Alexander, weil aus der Geschichte bekannt ist, dass Alexander der Große seine jüdischen Untertanen schätzte und ihnen besonders wohlgesonnen war.

(4) Einem Mitglied der Kultusgemeinde bedeutet die Einweihung der Synagoge, dass die Gemeinde ein Haus erhält, wo sie sich zum Studium der Tora und ihrer Kommentare, zum Gebet auf deutsch und hebräisch sowie zum Gedankenaustausch versammeln kann. Sie ist ihr Mittelpunkt und Bollwerk, wo sich jeder Glaubensgenosse richtig zuhause und am wohlsten fühlt. Sie ist die Säule der Gemeinde neben dem Ritualbad und dem Friedhof. Daraus geht hervor, dass die Synagoge – ähnliches gilt für die Moschee - keine „Kirche“ im herkömmlichen Sinne ist.

(5) Aron Merz stammte aus Merzbach im Untermainkreis und entfaltete seine Tätigkeit als Bezirksrabbiner des Rabbinatsbezirks Frankenthal von 1828 bis 1864. Er folgte der konservativen Richtung, war aber Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Nur zwei- bis dreimal im Jahr, meist im März, Juni und September, konnte er einen Schabbat-Gottesdienst in Speyer halten. Er verstarb am 31.03.1864 in Bad Dürkheim und wurde auf dem Friedhof in Wachenheim bestattet. Vgl. Katrin Hopstock in „Die Juden von Speyer“, S. 152-154.

(6) An sein Grabmal wurden keine Blumen gelegt, da diese der jüdischen Tradition widersprechen. Juden stellen Steinchen hin als Zeichen des Gedenkens. Die Sitte geht auf die Zeit zurück, als die Israeliten, nachdem sie mit Moses aus Ägypten ausgezogen waren, vierzig Jahre durch die Wüste wanderten. Die Grabstätten ihrer Toten beschwerten sie mit Steinen, damit ihre Ruhe nicht durch Hyänen und Schakale gestört würde. - Vom israelitischen Friedhof, dem sogenannten „Judengärtel“, ist nur die kleine Trauerhalle aus roten Sandsteinquadern erhalten geblieben als stummer Zeuge der wechselvollen Geschichte der Speyerer Juden.

(7) Vgl. Kurzporträt Nr. 2.

(8) Vgl. Buch Genesis, Kapitel 37, Verse 39-47.Thomas Mann verfasste in dem Jahrzehnt 1933-1943 den „Josephs-Roman“ in vier Teilen: I. Die Geschichten Jakobs, II. Der junge Joseph, III. Joseph in Ägypten und IV. Joseph der Ernährer.

(9) Ferdinand Altschüler, 1840 in Speyer geboren, übernahm das Modewarengeschäft seines Vaters Isaak, das später sein Enkel Julius bis in die NS-Zeit hinein weiterführte. Julius wanderte rechtzeitig nach England aus, kehrte nach dem Krieg zurück und starb als einziger Jude der Vorkriegsgemeinde in seiner Heimatstadt im Jahre 1954.

(10) Vgl. Kurzporträt Nr. 12.

(11) Vgl. den Speierer Anzeiger vom 17.10.1874.

(12) Vgl. Kurzporträt Nr. 10.

(13) Vgl. die Speierer Zeitung vom 20.07.1908.

(14) Vgl. „Erster Rechenschaftsbericht des Israelitischen-Kreis-Asyl-Vereins für die Pfalz e.V.“, Speyer am Rhein, 1909.

(15) Vgl. die Speierer Zeitung vom 31.12.1910.

(16) Ebenda vom 10.03.1913.

(17) Vgl. Kurzporträt Nr.11.

(18) Wilhelm Schiff, 1875 in Gladenbach, Kreis Biedenkopf, geboren, betrieb mit seinem jüngeren Bruder Jakob eine Kleiderfabrik in der Unteren Langgasse 5a. Er wohnte mit seiner Frau Mathilde und Tochter Ilse in der Mühlturm-Straße 7.

(19) Vgl. „St. Vincentius-Krankenhaus Speyer“ von Karl Heinz Debus unter Mitarbeit von Doris Debus, S. 74.

(20) Vgl. die Speierer Zeitung vom 01.10.1913.

(21) Ob Emmas Tochter das jüdische Ritualbad in Friedberg kannte? Die aus dem 13. Jahrhundert stammende und in gotischem Stil erbaute Anlage ist besonders sehenswürdig. Es geht über fünf steile Treppen aus insgesamt 72 Steinstufen in 25 Meter Tiefe hinunter. Die Erbauer, christliche Steinmetze, haben es dem Boden aus hartem Basaltstein in schwerster Arbeit abgerungen.

(22) Vgl. die freundliche Mitteilung des Stadtarchivs Heidelberg vom 03.12.2010 an den Verfasser.

Bildquelle Stadtarchiv Speyer Inv. 2852, Foto heute: sim

17.08.2011