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Trauerfeier in Kandel - Landesregierung und Gottesdienst

Landesregierung wünscht den Angehörigen „Trost in dieser schweren Zeit“ und

Auszüge aus der Predigt im Trauergottesdienst für Mia in der St. Georgskirche Kandel Pfarrer Dr. Arne Dembek

 

Kandel. „Unsere Gedanken und unser tief empfundenes Mitgefühl sind mit den Eltern, der Familie und den Freunden des getöteten Mädchens. Die 15-Jährige wurde gewaltsam aus dem Leben gerissen. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, welche Wunden und welchen Schmerz der Tod der geliebten Tochter hinterlässt. Wir wünschen den Angehörigen Trost und Kraft in dieser schweren Zeit“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer anlässlich der Trauerfeier der getöteten Schülerin aus Kandel. Ihre Solidarität gelte auch dem Bürgermeister und den Flüchtlingshelfern vor Ort, die derzeit unglaublichen Anfeindungen ausgesetzt seien. Die Ministerpräsidentin konnte nicht persönlich an der Trauerfeier teilnehmen.

Für die Landesregierung waren der stellvertretende Ministerpräsident Dr. Volker Wissing, Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler sowie die Integrationsstaatssekretärin Dr. Christiane Rohleder anwesend „Wenn ein junger Mensch, der noch sein ganzes Leben vor sich hat, getötet  wird, lässt dies das gesamte Umfeld mit Schmerz, Trauer und Ratlosigkeit zurück. Die Menschen hier zeigen, wie sehr sie einander in schweren Zeiten beistehen“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Volker Wissing. Er betonte erneut, wenn ein Mensch inmitten von Menschen, am helllichten Tag getötet werde, könne man das nicht einfach hinnehmen. Es müssten Fragen gestellt und beantwortet  werden.

„Die Tat muss aufgeklärt und der Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Auch wenn der Verlust eines geliebten Menschen niemals wieder gut zu machen ist: Unser demokratischer Rechtsstaat steht dafür, dass dem Opfer und seinen Angehörigen Gerechtigkeit widerfahren wird“, sagten Wissing und Bätzing-Lichtenthäler.

Text: Pressestelle STK.RLP.

Predigt im Trauergottesdienst von Pfarrer Dr. Arne Dembek

Liebe Familie, liebe Trauergemeinde,

als ich am Donnerstag vor zwei Wochen langsam begriffen habe, was geschehen ist; als ich erfuhr, wer da getötet worden ist – da habe ich in meiner Schockstarre irgendwann angefangen, in alten Kisten zu kramen. Eine Übersprunghandlung nennt man das wohl.  

Ich wusste, irgendwo gibt es noch eine Kiste mit Sachen, die Mias Konfirmandenjahrgang auf unserer Freizeit im Frühjahr 2016 gemacht hat. Irgendwo, habe ich wohl gedacht, muss es doch etwas geben, dass an Mia erinnert, etwas, das sie geschrieben oder gebastelt hat, etwas, das Zeugnis geben kann, das noch da ist von ihr, wenn sie nicht mehr da ist...

Und tatsächlich, es gab diese Kiste noch. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden hatten auf der Freizeit mit Ton kleine Skulpturen geformt. „Versuche ein Symbol dafür zu finden, wer Gott für dich ist!" war die Aufgabe.

Manche hatten ihre kleinen Kunstwerke nach der Konfirmation mitgenommen, die meisten aber waren noch da. Auch Mias Figur.

In der Kiste lag ein kleiner Vogel, sorgfältig gearbeitet, die Flügel angelegt, den Kopf erhoben, so als ob er zu einem aufschaut. Daneben ein Zettel, auf dem stand: „Die weiße Taube – unterschrieben: M.V."

Mias Symbol für Gott war eine weiße Taube. Das alte Zeichen für den Frieden, für die Unschuld, für einen Gott, der mit der Kraft seines Geistes unser Leben begleitet.

Ich habe diese Taube am Donnerstagnachmittag an unseren Taufstein gelegt. An den Ort, an den die Menschen kamen, um Blumen zu bringen und Kerzen anzuzünden. An diesem Tag, an dem sich über unsere ganze Stadt ein Schatten gelegt hat, an dem viele nicht mehr ein und aus wussten, an dem sich die Menschen, oft mit erstickter Stimme, gefragt haben: „Warum?" „Warum bei uns?" „Warum Mia?"

Wir alle, die wir selbst Söhne und Töchter oder auch nur mit Kindern zu tun haben, wir haben uns in den vergangenen zwei Wochen immer wieder die Frage gestellt: „Was wäre, wenn es Dein Kind gewesen wäre..." Und sobald wir diesen Gedanken auch nur zulassen, verdrängen wir ihn schon wieder. Denn wir spüren, wenn wir nur noch einen Schritt weiterdenken, dann halten wir es nicht mehr aus.

Sie beide, liebe Eltern, müssen es aushalten, sie müssen diese Schritte weitergehen in das Dunkel, in die Leere, in den Schmerz. Jeden Morgen aufstehen, nur um sich erneut treffen zu lassen von dem dumpfen Schlag: Mia ist tot. Unser Kind ist nicht mehr bei uns.

Mia ist tot. Sie starb nicht an einer Krankheit, starb nicht durch einen Unfall, Mia starb, weil ein anderer Mensch – ein Mensch, dem sie einmal vertraut hatte – sie getötet hat.

...

„Du sollst nicht töten!" steht in der Bibel, wörtlich: „Du sollst nicht morden!" Dieses Gebot ist Gesetz in unserem Land. Dieses Gebot gilt für jeden, und wer dagegen verstößt, wer einem anderen Menschen sein Leben nimmt, ist schuldig. „Du sollst nicht töten!"

Ich kann jemanden, der einen anderen Menschen tötet, nicht entschuldigen damit, dass ich sage, er kommt aus einem anderen Land, er hat eine andere Kultur usw. Wer das sagt, hat nichts verstanden.

Ich kann aber auch nicht umgekehrt genau diese Gründe anführen, um ganze Gruppen von Menschen pauschal zu verurteilen nach dem Motto: „Alle, die da herkommen, sind Verbrecher!" Auch wer das sagt, macht es sich zu leicht. Ja, er macht es auch dem Täter zu leicht. Denn auch der kann sich hinter diesen Vorurteilen verstecken, kann seine eigene Schuld abschieben.

Die Bibel sagt: „Du sollst nicht töten! Und niemand kann dich von dieser Verantwortung freisprechen. Du sollst und du wirst deine gerechte Strafe bekommen!" Das soll – um Gottes und um der Menschen willen – auch für den Täter gelten.  

Die Frage nach dem „Warum?", die Frage, nach den Motiven des Täters, nach den Hintergründen der Tat, liebe Gemeinde, sie birgt ein großes Problem. Sie verstellt nämlich den Blick auf das Opfer: Alle sprechen über das „Warum?". Aber keiner spricht über Mia. An sie sollten wir denken heute, an sie sollten wir uns erinnern! Nicht, weil sie Opfer eines Verbrechens wurde, nicht weil ihr Bild auf der Titelseite war, nicht weil ihr Tod unsere heile Welt in Kandel aus den Angeln gehoben hat.

Nein, wir sollten uns an sie erinnern, weil sie ein wunderbarer Mensch war. Eine geliebte Tochter und Enkeltochter, eine tolle Nichte und Großnichte, eine gute Freundin und Mitschülerin.

...

Genau darum ist es wichtig, diese Erinnerungen an Mia zu bewahren. An einen Menschen, der so viel mehr war, als das Opfer eines Verbrechens. Ein Mensch, der in Ihren Herzen bei Ihnen ist, weil er Ihr Leben beschenkt, geprägt, bereichert hat, wie kaum ein zweiter! – Das ist ihr Geschenk an Sie, an die Eltern, an alle, die um sie trauern. Wenn der Schmerz übermächtig zu werden droht, halten Sie sich fest an dem, was Mia Ihnen gegeben hat!

Reicht das aus als Trost? Oder müsste ich als Pfarrer nicht noch mehr sagen an dieser Stelle. Worte des Glaubens, Worte über Gott, über die Hoffnung auf ein ewiges Leben?

Es gibt Situationen, liebe Gemeinde, in denen Worte, die vielleicht als Trost gemeint sind, doch nur wirken wie eine schnöde Vertröstung. Es gibt Augenblicke, in denen der Schmerz zu groß ist, Momente in denen die Frage nach dem „Warum?" so deutlich im Raum steht, dass sie wirklich nicht übersehen werden kann, Momente, in denen Worte nicht helfen können.

Warum Mia sterben musste, so früh, vor aller Zeit? – diese Frage stellen wir uns in all unserem Schmerz, unserer Wut und unserer Traurigkeit und wissen doch, dass wir keine Antwort erhalten. Auch nicht bei der Beerdigung. Auch nicht von einem Pfarrer. Die Frage bleibt offen.

Doch eines kann ich tun in diesem Moment: Ich kann diese Frage Gott selbst stellen. Ich kann ihn meine Wut, meine Ohnmacht, meinen Schmerz wissen lassen, ich kann klagen, ja, sogar anklagen. Gott hält das aus, wenn wir es nicht aushalten mit ihm. Er ist da und trägt unseren Schmerz.

Eine weiße Taube – das war Mias Symbol für Gott. Ein Vogel. Klein, schwach und verletzlich.

 Aber ist es nicht so: nur wer selbst verletzlich ist, kann meinen Schmerz erkennen. Nur wer selbst schwach ist, fühlt mit mir in meiner Ohnmacht. Nur wer sich klein machen kann, erreicht mich, wenn ich am Boden liege.

So ist Liebe, liebe Gemeinde, klein, schwach und verletzlich. Und doch stärker als alle Gewalt, als aller Hass, ja, stärker als der Tod ist die Liebe. Daran glauben wir. Darauf hoffen wir. Auch wenn es uns schwerfällt, auch wenn es unmöglich erscheint.

Davon spricht auch ein Vers aus dem Hohen Lied aus dem Alten Testament, den ich Ihnen gerne mit auf den Weg geben möchte. Hier drückt jemand mit Worten aus, was ich bei Ihnen, liebe Familie gesehen habe. Hier sagt jemand zu dem Menschen, den er liebt:

„Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken."

Amen.    

Text: EVANGELISCHE KIRCHE DER PFALZ (es gilt das gesprochene Wort)