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Jüdische Gemeinde Speyer e.V. mit unveränderter Adresse

Die Jüdische Gemeinde Speyer e.V. weist darauf hin, dass sie auch weiterhin unter ihrer bisherigen Adresse erreichbar ist. Mit dieser Mitteilung will die Jüdische Gemeinde Speyer e.V. Missverständnissen entgegenwirken, wonach auch der Sitz ihrer Geschäftstelle in die neue Speyerer Synagoge verlegt würde.

Dokumatation zur Synagogeneinweihung

Damit nichts vergessen wird: Dokumentation zur Synagogen-Einweihung vorgestellt

cr. Speyer. Mit der Vorstellung einer repräsentativen Dokumentation über die neue Speyerer Synagoge “Beith Schalom” auf dem Weidenberg fanden jetzt die Feierlichkeiten zur Indienststellung des Gotteshauses ihren würdigen Schlusspunkt. Das Buch, dessen erstes Exemplar heute der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz e.V., Daniel Nemirowsky, und die PR-Beauftragte der für den Bau verantwortlichen Firma, der Heberger Bau AG, Anja Koch, heute an Oberbürgermeister Hansjörg Eger überreichten, umfasst neben den am Tag der Einweihung gehaltenen Festreden viele weitere Informationen über die neue Synagoge und über die Geschichte des Judentums in Speyer überhaupt. “Es war uns wichtig, dass die am 09. November von so vielen Persönlichkeiten gesprochenen Worte bewahrt und nicht vergessen werden”, begründete Nemirowsky die Veröffentlichung des Bandes, für den die Firma Heberger die finanzielle Patenschaft übernommen hat.

In eindrucksvollen Bildern dokumentiert das Werk zudem den Ablauf des Baues, geht auf die damit verbundenen technischen Schwierigkeiten ein und schildert schließlich die Feierlichkeiten bis hin zur Überreichung der von Wolf Spitzer geschaffenen Skulptur einer Menorah durch die beiden christlichen Kirchen der Stadt.

In den Band aufgenommen wurde auch der von Dr. Werner Transier aus Anlass der Jüdischen Kulturwoche gehaltene Vortrag “Das ist das Tor zum Herrn ...”, der die wechselvolle Geschichte der jüdischen Synagogen und Bethäuser in Speyer beschreibt.

Auch Anja Koch ging noch einmal auf die besonderen Schwierigkeiten für die Bauleute ein, denen es aufgegeben war, auf dem rechteckigen Grundriss der ehemaligen Klosterkirche St. Quido den in Form einer Ellipse basierten und traditionsgemäß in Richtung Jerusalem ausgerichteten Synagogenbau zu errichten. “Diesen Auftrag auszuführen war für uns alle eine ganz besondere Herausforderung und eine überaus große Freude”, betonte Frau Koch, die sich bei allen an dem Bau beteiligten Unternehmen, aber auch bei der Bauherrschaft und den Nachbarn für die reibungslose Zusammenarbeit bedankte.

In dieses Lob stimmte auch Oberbürgermeister Hansjörg Eger mit ein, der bekannte, dass ihm - je näher der 9. November rückte - um so mehr “graue Haare gewachsen” seien. “Ich hättees nicht für möglich gehalten, dass das Bauwerk rechtzeitig fertig würde”, unterstrich Eger, “das große Engagement aller Handwerker aber hat am Ende alles zu einem guten Ende gebracht”.

Der neue Band, der in keinem Bücherregal Speyerer Freunde von Judentum und Stadtgeschichte fehlen darf und sich deshalb ganz besonders als kleines, aber kostbares “Mitbringsel” für einen Besuch “zwischen den Jahren” (und natürlich auch danach ...) eignet, ist ab sofort im Jüdischen Gemeindezentrum in der neuen Synagoge, im Museum SCHPIRA sowie in der Tourist-Information in der Maximilianstraße gegen eine Schutzgebühr von 5,00 Euro zu erhalten. Foto: Kienipress

28.12.2011


Zeichen der Verbundenheit in dem einen, gemeinsamen Gott

Speyerer Christen überreichen offiziell Menorah für die neue Synagoge

cr. Speyer. Der große Fest- und Versammlungssaal unter der neuen Synagoge war wieder einmal bis auf den letzten Platz besetzt, als die beiden christlichen Kirchen am Vorabend des jüdischen Lichterfestes Chanukka “ihren älteren Brüdern” - nunmehr auch offiziell - ihr Geschenk zur Eröffnung der neuen Speyerer Synagoge “Beith Schalom” überreichten: Eine eindrucksvolle Skulptur einer Menorah, des siebenarmigen Leuchters des Judentums, den der Speyerer Künstler Wolf Spitzer entworfen und sein Kollege, der Metall-Künstler Michael Fetzer ausgeführt hat.

24.000 Euro haben sich die beiden christlichen Kirchen ihr Geschenk zur Einweihung der Synagoge kosten lassen - je 7.000 Euro von der Protestantischen Landeskirche der Pfalz und dem Bistum Speyer, der Rest, 10.000 Euro kommt aus Spenden der katholischen und protestantischen Kirchengemeinden der Stadt. Die Stadt Speyer hat zudem die Kosten für die Herstellung des Sockels und die Montage des Kunstwerks darauf übernommen. Ein Gemeinschafts-Werk also im besten Sinne, das die Vertreter der beiden Kirchen jetzt in Anwesenheit des Oberbürgermeisters dem Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz, Israel Epstein - angesichts des unwirtlichen Wetters draußen in der symbolischen Form eines Fotos - im Inneren, im Festsaal überreichten.

Als Sprecher der katholischen Christen in der Stadt erinnerte Pfarrer Hubert Ehrmanntraut noch einmal an die reiche Geschichte des Judentums in Speyer und auch an die vielen Gemeinsamkeiten von Juden und Christen, ausgehend vom Jahr 1090, als Bischof Rüdiger Hutzmann die den Juden vom Kaiser gewährten Privilegien noch einmal ausweitete und bestätigte - was er sich allerdings gut bezahlen ließ, wie der Geistliche hinzufügte. Ehrmanntraut wies aber auch auf das stetige Auf und Ab der jüdischen Gemeinden in Speyer über die Jahrhunderte hin, wo es bereits 1096 in der Folge einer Pestepidemie zu einem ersten Pogrom kam, dem bis heute überall in der Welt in der jüdischen Liturgie gedacht werde. Er erinnerte an die glänzenden Zeiten, in denen die Städte Speyer, Worms und Mainz als Stätten der jüdischen Gelehrsamkeit als “das Jerusalem am Rhein” in die ganze jüdische Welt ausstrahlten, vergaß aber auch nicht den 9. November 1938, als in der so genannten “Reichspogromnacht” auch die Speyerer Synagoge in Flammen aufging. Von den 269 Juden, die damals in Speyer lebten, sei nach dem Kriege noch einer übrig geblieben - die anderen starben in den Konzentrationslagern der Nazis oder flohen aus ihrer Heimatstadt in sicherere Länder der Erde. Erst in den neunziger Jahren seien wieder Juden in Speyer zugezogen - ihnen als “unseren älteren Schwestern und Brüdern wollen wir diese Menorah als weithin sichtbares Zeichen unserer Verbundenheit in dem einen Gott” überbringen, schloss Ehrmanntraut.

Für die protestantischen Christen in Speyer dankte Dekan Friedhelm Jakob dem früheren Speyerer Oberbürgermeister Werner Schineller für seine Idee zu diesem “ganz besonderen Geschenk”. Sein Dank galt aber auch Israel Epstein dafür, dass er diesem Vorschlag so bereitwillig gefolgt sei. Schließlich bezog er in seinen Dank auch Diakon Michael Nowicki mit ein, der diesen Gedanken in den Speyerer Stadtkonvent aus Geistlichen beider Konfessionen getragen und umgesetzt habe. Für die Protestanten in der Stadt bedeute die neue Synagoge Herausforderung, Auftrag und Verpflichtung zugleich, betonte Dekan Jakob, das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte - gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse - nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. “Erinnerung ist der Beginn der Verarbeitung”, schloss er seine Ansprache, “Ehrfurcht vor dem einen, gemeinsamen Gott ist unsere Verpflichtung”. Sie verbinde Christen mit Juden und Muslimen.

Für die Jüdische Gemeinde Rheinpfalz dankte Geschäftsführer Daniel Nemirowsky den christlichen Gemeinden für ihr “großzügiges Geschenk”. Anliegen der jüdischen Gemeinde sei es, einen Austausch mit den anderen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu etablieren. “Beith Schalom”, das “Haus des Friedens” solle dazu ein Ort der Begegnung sein und jedermann offen stehen.

Der Schöpfer der Skulptur, Wolf Spitzer, bedankte sich schließlich für den Auftrag zu diesem Werk und trug aus seiner Reihe “Notizen zu jüdischen Denkmalen in Speyer” seine Gedanken zu der “Skulptur namens Menora” vor, die der SPEYER-KURIER mit freundlicher Genehmigung des Künstlers im Nachtrag in der von ihm gestalteten Form abdruckt.

Den bevorstehenden Festtagen entsprechend entzündete Kantor Guido Shamir sodann die erste Kerze des Chanukkah-Leuchters, nicht ohne zuvor die Bedeutung dieses Festes für die gläubigen Juden und die Ähnlichkeiten mit dem Brauchtum des christlichen Adventskranzes dargestellt zu haben. Dem Namen der Synagoge angemessen sangen die Anwesenden schließlich noch das bekannte jüdische Friedenslied “Hewenu schalom alechem” - “Wir wünschen Frieden für alle” - der Frauenchor der Gemeinde intonierte Lieder zu Chanukkah, darunter das “Hawa Narim” nach der bekannten Melodie des “Tochter Zion” von Georg Friedrich Händel. Foto: kienipress

21.12.2011


Übergabe der Menorah - Bilderalbum

Jüdische Feiertage - Einblicke in religiöse Traditionen und rituelles Brauchtum

Nach der Vorstellung von Rosch ha-Shanah, dem jüdischen Neujahrsfest am 28. September, setzt der SPEYER-KURIER heute seine Beiträge zu den jüdischen Hochfesten des Jahreskreises mit einem Beitrag über Chanukkah, das jüdische Lichterfest, fort. Damit will der SPEYER-KURIER nichtjüdischen Menschen Einblicke in die religiösen und rituellen Traditionen der jüdischen “Seinsgemeinschaft” vermitteln, die bei uns durch den Holocaust untergegangen waren und die sich bei uns erst langsam wieder beleben.

Heute:

Erinnerung und ausgelassenes Feiern: Chanukkah - das jüdische Lichterfest

von Gerhard Cantzler

Heute abend ist es wieder soweit: In allen jüdischen Haushalten wird bei Sonnenuntergang die erste Kerze am Chanukkah-Leuchter entzündet und damit dieses traditionelle, acht Tage dauernde Lichterfest der Juden, eröffnet. Abend für Abend wird dann unter traditionellen Segenssprüchen eine weitere Kerze angesteckt, bis der Leuchter in voller Pracht erstrahlt.

Der achtarmige Chanukka-Leuchter darf nur einmal im Jahr - zu diesem Fest - entzündet werden. Traditionell ist in der Mitte des Leuchters auch noch eine neunte Kerze, der Schamasch - das bedeutet “der Diener” - aufgesteckt, mit dem die anderen Kerzen des Leuchters angezündet werden.

Mit dem Chanukkah-Fest erinnern die Juden an die Wiedereinweihung des Tempels von Jerusalem nach dem sogenannten Makkabäeraufstand im Jahr 165 v. Chr., durch den die Schreckensherrschaft der griechischen Syrerdynastie der Seleukiden über die Juden beendet wurde. Nachdem dann der Tempel von den griechischen Götzenbildern befreit und gereinigt worden war, mußte er nach jüdischem Ritus neu konsekriert werden.

Chanukkah bedeutet deshalb soviel wie “Neueinweihung” und erinnert an das folgende Vorkommnis: Damals war im Tempel nur noch eine winzige Menge geweihtes Öl übrig, das gerade gereicht hätte, den Tempel einen Tag lang zu erleuchten. Das Herstellen von neuem Öl hätte jedoch mehrere Tage in Anspruch genommen - das ewige Licht im Tempel drohte also zu erlöschen. Da ereignete sich das Wunder: Das Licht brannte zur allgemeinen Verwunderung acht Tage weiter....

Auch wenn Chanukkah im jüdischen Verständnis nur ein “Halbfeiertag” ist, weil er nicht auf biblische Gebote zurückgeht, sondern nur auf ein historisches Ereignis, so wird er doch in den Familien und Gemeinden ausgelassen gefeiert. Für die Kinder gibt es Geschenke und der Tisch ist an diesen Tagen mit traditionellen Speisen reichlich gedeckt.

In diesem Jahr übrigens fallen das jüdische Chanukkah-Fest und das Christliche Weihnachtsfest wieder einmal zusammen. Dass dies nicht in jedem Jahr so ist, liegt in dem Umstand begründet, dass sich die jüdischen Festtage am jüdischen Kalender orientieren. Dieser ist ein Lunisolar-Kalender, das heißt, er richtet sich nach dem Lauf von Mond und Sonne. Chanukkah wird stets am Vorabend des 25. des Monats Kislew - in diesem Jahr am 21. Dezember - gefeiert - im 5772. Jahr jüdischer Zeitrechnung.

Der SPEYER-KURIER ruft deshalb heute - am Vorabend 25. Kislew 5772 - allen Mitbürgern jüdischen Glaubens für die nächsten acht Tage ein “Hag Hanukah sameah”, ein “Schönes Chanukkah-Fest” zu.

19.12.2011


Einigkeit oder nur ein Burgfrieden - “Beith Shalom” nicht für alle Juden offen?

Gedanken von Gerhard Cantzler

“Beith Schalom” - das “Haus des Friedens” - die neue Speyerer Synagoge hat unter überwältigender Anteilnahme der Speyerer Bevölkerung ihren so wichtigen Dienst in der Stadt aufgenommen - das Judentum ist im öffentlichen Bewusstsein der Stadt und ihrer Bürger wieder angekommen. Das wurde auch bei den die Einweihung begleitenden Jüdischen Kulturtagen deutlich. Keine Veranstaltung, die nicht überwältigende Besucherzahlen vermelden konnte - am “Tag der Offenen Tür” übertraf der Andrang auch die kühnsten Erwartungen. Und auch am letzten Abend der Reihe, als “Rosenthal und friends” aus Berlin zu Gast waren, da feierten Juden und Nichtjuden ausgelassen und fröhlich und vor allem gemeinsam die neue jüdische “Zeitrechnung” in der Stadt. Das ist gut so und muss alle Menschen guten Willens freuen!

 

Aber halt: Was man in diesen Tagen vermisste, waren die Angehörigen der gut 120 Mitglieder zählenden “Jüdischen Gemeinde Speyer e.V.”, für die doch einmal diese Synagoge eigentlich gebaut werden sollte. Zumindest war dies die feste Überzeugung des früheren Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, des unvergessenen Ignatz Bubis, die er dem Verfasser dieser Gedanken bei einem zufälligen Zusammentreffen auf einem Flug von Berlin nach Frankfurt/Main offenbarte. Er sah in dem Projekt einer Speyerer Synagoge vor allem den Ort, in dem die aus Osteuropa zugewanderten Juden in der Aera nach 1990 ihren Glauben leben, in dem sie aber vor allem auch ihren Glauben überhaupt erst einmal richtig kennen lernen und begreifen sollten, denn in der ehemaligen Sowjetunion war ihnen dies in der Öffentlichkeit verwehrt.

 

Bubis erster Ansprechpartner für die Speyerer Juden - so berichtete er damals - sei Schmuel Tepman gewesen, der 1996 gemeinsam mit Gleichgesinnten die “Jüdische Gemeinde Speyer e.V.” gründete und der als erster Vorsitzender dieser als “e.V.” konstituierten Gemeinde die Errichtung einer eigenen Synagoge als oberstes Ziel postulierte. Diese Absicht wollte Bubis und wollte der Zentralrat mit allen Kräften unterstützen.

 

Dass nun nicht einmal ein Vertreter dieser “Jüdischen Gemeinde Speyer e.V” zu der Einweihungsfeier eingeladen war, ja, dass - wie man hört - an diesem Tag sogar ihr langjähriger Rabbiner Mendel Gurewitsch, der vor zwei Jahren noch den Grundstein für die neue Synagoge gelegt hatte, aus dem Haus gewiesen wurde, ist - gelinde gesagt - irritierend.

 

Nachdem die Synagoge zu ganz überwiegendem Teil mit öffentlichen Geldern gebaut wurde - und jeder Euro für dieses Projekt, das sei ausdrücklich betont, ist gut und richtig eingesetzt! - sollte man sich jetzt doch Gedanken darüber machen, wie man künftig sicherstellen kann, dass alle jüdischen Menschen in der Stadt ihren Glauben nach ihren Überzeugungen und ihren Grundsätzen leben können.

 

Das sind wir dem Andenken des seligen Ignatz Bubis ebenso schuldig wie der Einheit des neu erblühenden Judentums in der Stadt.

 

Und noch eines: Dass es der “Jüdischen Gemeinde Speyer e.V.” nicht um “Streit um des Kaisers Bart” geht, mag die Tatsache belegen, dass sie im Umfeld der Einweihung der Synagoge auf Protest-Kundgebungen gegen die ihrer Meinung nach unwürdige Behandlung verzichtete - obwohl sie dazu aus den eigenen Reihen ebenso wie aus der Bevölkerung nachdrücklich ermutigt worden war.

Beith Schalom - Neue Synagoge jetzt auch bei den Speyerern angekommen

cr. Speyer. Die neue Speyerer Synagoge “Beith Shalom”- “Haus des Friedens” - sie ist jetzt auch bei den Menschen in der Stadt angekommen. Bei strahlendem Herbstwetter standen mehr als 6.000 Besucher geduldig an, stauten sich die Treppe vom St.-Guido-Stifts-Platz empor, um dann im Inneren der Synagoge dem Vortrag von Kantor Guido Shamir zu lauschen, der gemeinsam mit Daniel Nemirovsky die gespannten Besucher in den Ablauf der jüdischen Liturgie einzuführen bemüht war.

Als erstes wies Shamir darauf hin, dass es Männern im Judentum nicht erlaubt sei, die Synagoge barhäuptig zu betreten. Den Besuchern, die das vorher nicht wussten, überreichte er eine Kippa, um sich dann dem Zentrum des Synagogenraumes dem Schrein für die Thorarollen zuzuwenden. “Die Wahrheit ruht in der Erde - die Gerechtigkeit kommt vom Himmel”, zitierte er die in hebräischen Buchstaben abgefasste Inschrift auf dem Thoraschrein und erklärte danach die Inschrift auf der nach außen gewandten Seite des Schreins, auf der jeweils die ersten beiden Buchstaben der zehn Gebote vermerkt sind. “Die zehn Gebote, so wie sie auch die Christen kennen - und hoffentlich auch danach leben”, fügte der Kantor beziehungsreich hinzu.

Die Thora ist die Heilige Schrift der Juden, erklärte Shamir und höchst aufwendig gearbeitet. Gut ein Jahr veranschlagen Experten die Arbeitszeit, um mit dem Federkiel die auf Kalbsleder geschriebenen Texte aufzubringen. 52 Strophen zu je sieben Zeilen umfasst der Inhalt einer Thorarolle - je eine Strophe pro Woche und 1 Zeile pro Tag. Aufgeschrieben sind in dem Heiligen Buch die fünf Bücher Moses - der Pentateuch. Gelesen werden die Texte ausschließlich von ausgewählten Männern, die umschichtig diese Ehrenpflicht erfüllen. Die Thorarollen sind bekrönt von kostbaren Rimonim, silbernen Krönchen, die dazu beitragen, neben der religiösen Bedeutung auch den materiellen Wert einer Thorarolle zu bestimmen. Auf 20.000 bis 25.000 Euro schätzt Kantor Shamir den Wert der in der Speyerer Synagoge verwahrten Thorarolle.

Für die zumeist nichtjüdischen Besucher interessant und höchst wissenswert: Eine fehlerhafte Thora - sei es, dass sich bereits bei der Herstellung Fehler eingeschlichen haben, sei es, dass die Rolle aus Altergründen unbrauchbar wird - darf nicht einfach vernichtet werden. Wie alles, was den Namen Gottes trägt - auch Bücher und Schriften - müssen sie dann - aus Ehrfurcht vor dem Schöpfer - auf einem jüdischen Friedhof - neben der Synagoge der zweite heilige Ort einer jüdischen Gemeinde - begraben werden.

“Judentum hat viel mit Tradition zu tun”, erklärte Guido Shamir und wies darauf hin, dass - wie in anderen Religionsgemeinschaften auch - viele Juden nur zu besonderen Festen die Synagoge besuchen. “Sie kommen dann - zum Beispiel an Jom Kippur - aus Tradition, nicht aus tiefer Glaubensüberzeugung”.

143 Mitglieder umfasse die jüdische Gemeinschaft in Speyer derzeit, berichtete der Kantor auf Nachfragen aus dem Besucherkreis - für 87 gebe es der Synagoge Sitzplätze. Das heißt, dass an stark frequentierten Tagen auch einmal der eine oder andere Besucher mit einem Stehplatz vorlieb nehmen muss.

Nach dieser eindrucksstarken halben Stunde, die bei späteren Führungen auf fünfzehn Minuten verkürzt werden mußte, um möglichst viele Besucher an einer solchen Führung teilhaben zu lassen, konnten sich die Gäste bei kleinen Kostproben koscherer jüdischer Speisen noch in den weiteren Räumen des neuen Gemeindezentrums umsehen, das Daniel Nemirovsky und seine Mitstreiter auch zukünftig in die Mitte des Speyerer kulturellen Lebens gestellt sehen möchten.

Dass dies wohl auch die Intention der Speyerer trifft, konnten die Besucher nicht zuletzt daran erkennen, dass auch Schwestern des Speyerer Klosters St. Magdalena sich in die lange Warteschlange eingereiht hatten.

Ein großer Tag für Juden und Nichtjuden in Speyer war dieser “Tag der Offenen Tür” in der Synagoge “Beith Schalom” und sicher auch ein Schritt zum besseren gegenseitigen Verstehen und damit zu einem von gegenseitiger Achtung und Freundschaft bestimmten gedeihlichen Zusammenleben.Foto: jüs 

13.11.2011


Offene Synagoge - Bilderalbum

 

Beith Schalom - Heimkehr eines wesentlichen Teils Speyerer Glaubenslebens

Neue Synagoge auf dem Weidenberg in beeindruckender Zeremonie eingeweiht

von Gerhard Cantzler

Die jüdischen Gelehrten des Mittelalters - sie hätten sicher ihre Freude gehabt, hätten sie die festliche Einweihung der neuen Speyerer Synagoge “Beith Schalom” miterleben können. Neun Ansprachen, Grußadressen und Kurzreferate auf allerhöchstem Niveau ließen etwas von dem Geist spürbar werden, der zukünftig “Beith Schalom” erfüllen möge.

Das begann bereits mit der Begrüßung der schier endlosen Reihe hoher und höchster Gäste, die zu diesem festlichen Ereignis in die neue Synagoge gekommen waren - lesen Sie dazu auch die Gästeliste in Auszügen.

Israel Epstein, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, bedankte sich für die vielfältige Unterstützung, die der Gemeinde bei der Vorbereitung und der Bauausführung von so vielen Seiten zuteil geworden sei: Beim Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Speyer, die mit offenen Händen und weitem Herzen die Maßnahme finanziell gefördert hätten, den beiden christlichen Kirchen, die mit der von Wolf Spitzer geschaffenen Menorah, dem traditionellen siebenarmigen Leuchter des Judentums, ein Zeichen großer Verbundenheit mit der neuen jüdischen Gemeinde gesetzt hätten. Mit besonderer Dankbarkeit gedachte er des verstorbenen früheren Geschäftsführers der Jüdischen Kultusgemeinde, Manfred Erlich, den er - gemeinsam mit Altoberbürgermeister Werner Schineller - als einen der Hauptprotagonisten für den Bau dieses Gotteshauses hervorhob. Dem Vertreter der Unesco, Prof. Dr. Michael Turner, legte Epstein die Bitte ans Herz, die Aufnahme der SCHUM-Städte Speyer, Worms und Mainz - die jetzt jede über eine eigene Synagoge verfügten - in die Liste der Weltkulturerbestätten mit Ernsthaftigkeit zu bedenken. (Verwunderlich allerdings, dass Ministerpräsident Kurt Beck dann in seiner Rede trotz dieser “Vorlage” Epsteins von seinem Manuskript abwich und den Antrag an die Unesco unerwähnt liess).

Christian Wulff: Mazel tov für Speyerer Juden

Bundespräsident Christian Wulff zeigte sich in seinen Ausführungen dankbar dafür, dass Juden nach dem Schrecken des Holocaust wieder nach Deutschland zurückgekehrt seien und den Menschen in Deutschland die Hand zur Versöhnung gereicht hätten. “Niemand in Deutschland hatte und hat darauf bis heute einen Anspruch”, betonte Wulff und führte als Beispiel für diese Haltung die 90jährige Margot Friedländer an, die er just an diesem Tage in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz dafür habe auszeichnen dürfen, dass sie in unermüdlichen Diskussionen gerade mit jungen Menschen “bedrückende Rückschau und den ermutigenden Blick in die Zukunft” im Sinne der Aussöhnung von Deutschen und Juden immer wieder zusammenführe. Frau Friedländer, die ihre gesamte Familie in Auschwitz verlor und selbst den Krieg - von guten Freunden versteckt - in Berlin überlebte, stehe, so Wulff, für beides: Für die Erinnerung an das Grauen des Holocaust und für die Fähigkeit zur Vergebung und zur Versöhnung.

Der Bundespräsident erinnerte aber auch an den hohen Rang Speyers und seiner jüdischen Mitbürger für die deutsche Geschichte sowie an die jüdischen Beiträge zur gemeinsamen Kultur. “Hier steht nun diese junge Gemeinde mit vielen Mitgliedern aus Osteuropa, vor allem aus Russland”, führte Wulff aus, “ein Ort der Integration und des intensiven Austausches”, für die er den Juden in Speyer mit dem alten jüdischen Segensgruß “Mazel tov” Glück und Erfolg wünschte.

Jüdisches Leben wieder erfahrbar machen

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck gab in seiner Grußadresse seiner Hoffnung Ausdruck, dass jüdisches Leben in unserer Gesellschaft wieder stärker erfahrbar und erlebbar werde. “Wir wollen an die guten Zeiten anknüpfen”, rief Beck aus, “dürfen darüber aber nichts vergessen und nichts verdrängen. Dafür müssen wir uns gegen alles wenden, was den Ungeist vergangener Zeiten wieder in unsere Gesellschaft tragen könnte”. Beck kündigte an, dass das Landeskabinett schon in den nächsten Monaten einen neuen Staatsvertrag verbschieden werde, der die Zusammenarbeit mit den jüdischen Kultusgemeinden auf eine neue rechtliche Grundlage stellen werde.

Chance für interreligiösen Austausch zwischen vier Religionen lebhaft nutzen

Oberbürgermeister Hansjörg Eger wies in seinen Ausführungen auf die reiche Vergangenheit des Ortes hin, an dem jetzt die neue Synagoge entstanden ist. Im 11. Jahrhundert habe Bischof Rüdiger Hutzmann die Juden nördlich der Innenstadt in der Vorstadt Altspeyer angesiedelt “dort, wo sich jetzt der Adenauer-Park ausbreitet, in direkter Nachbarschaft also zu dem neuen jüdischen Gotteshaus”. Dass die Jüdische Kultusgemeinde unserer Tage ganz in die Nähe der ursprünglichen Ansiedlung jüdischer Mitbürger zurückkehre und zudem auch noch auf ein Areal, auf dem einst das ehemalige Konviktsstift St. Johannes und St. Guido seinen Platz gehabt habe, sei ebenfalls höchst bemerkenswert.

“Mit der neuen Synagoge kehrt die Jüdische Gemeinde sichtbar zurück nach Speyer”, stellte Eger fest,”ich sehe darin die große Chance, in der damals wie heute weltoffenen “freien Reichsstadt Speyer” den konstruktiven Dialog mit der Bürgerschaft, den beiden großen christlichen Konfessionen sowie der jüdischen und der muslimischen Bevölkerung zu entwickeln”. An die Speyerer appellierte Eger, dieses für eine Stadt in der Größe Speyers einmalige Angebot “lebhaft zu nutzen”.

Speyer - Bis heute Bezugspunkt für ashkenasisches Judentum

Als Repräsentant des Staates Israel und in Vertretung des israelischen Botschafters in Berlin war Generalkonsul Tibor Shalev-Schlosser zu der Weihefeier gekommen. Auch er erinnerte an die reiche Vergangenheit Speyers als einem jüdischen Gelehrtenzentrum, auf das sich das ashkenasische Judentum bis heute beziehe. Auch wenn an diesem Tag die Erinnerungen zu den Pogromen zurückgingen, die den Übergang von der Diskriminierung der Juden in Deutschland hin zu ihrer systematischen Verfolgung und schließlich ihrer Ausrottung markierten, so könne er doch feststellen, dass es sein Volk trotz der Vernichtung von gut einem Drittel aller Juden in der Welt geschafft habe, den Staat Israel aufzubauen. Deutschland habe die Verantwortung für die Vergangenheit übernommen, stellte Schlosser fest. Auch wenn die Grundlage dieser Beziehung auf der besonderen gemeinsamen Vergangenheit liege, so sei Deutschland heute doch zum wichtigsten europäischen Partner Israels geworden.

Was ihn aber gerade heute bedrücke, sei die Tatsache, dass in vielen Ländern der Welt heute wieder Antisemitismus und Intoleranz aufblühten. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die Vernichtungs-Phantasien des Iran und seines Staatspräsidenten Ahmadinedschad gegen den Staat Israel, dem es kraftvoll entgegenzutreten gelte. “Ein wesentliches Mittel dazu ist das gegenseitige Kennenlernen von Geschichte und Kultur”, betonte der Diplomat, der den besten Weg hierzu in dem Zusammenwirken mit Kindern und Jugendlichen sieht.

Synagoge zur Verewigung des Judentums

Zum Jugendaustausch als bestem Mittel der Verständigung bekannte sich auch Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner CER. Auch er ging auf die Jahrhunderte lange Tradition der jüdischen Gemeinden am Rhein ein, die bis heute als Geburtsstätte des ashkenasischen Judentums gelten. “Speyer und die Region sind in der Liturgie des Judentums bis heute verwurzelt”, betonte Rabbi Goldschmidt, der darauf hinwies, dass der jüdische Name “Shapiro”, bis heute weit verbreiteter jüdischer Familienname, nichts anderes bezeichne als die Herkunft aus Speyer. “In der Liturgie gedenken alle ashkenasischen Juden bis heute der Pogrome von 1096 in Speyer, Worms und Mainz in einem eigenen Klagelied. Die Erinnerung an zehn ermordete Juden in Speyer ist noch heute weiter verbreitet als das Klagelied über den Holocaust”. Von daher sei es wichtig gewesen, gerade in Speyer eine neue Synagoge zu bauen, denn sie stehe für die Verewigung des Judentums. Und er forderte die verstärkte Ausbildung von neuen Rabbinern in Deutschland, um so die aus Osteuropa zugewanderten Juden, die bis zu ihrer Übersiedlung nach Deutschland keine Kenntnisse über ihre Religion hatten, zu unterrichten. “Wenn wir das beherzigen”, so schloss der Rabbiner, “dann wird die Geschichte auch für die Juden in Speyer und in Deutschland ein weiteres Kapitel bereit halten”.

Christliche Kirchen wollen das Gemeinsame betonen - nicht das Trennende

Für die Katholischen Christen überbrachte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann Glückwünsche zu dem neuen Gotteshaus. Auch er erinnerte an die lange gemeinsame Geschichte von Christen und Juden in Speyer und daran, dass die neue Synagoge auf dem Boden einer ehemaligen katholischen Kirche entstanden sei. “Beith Shalom” - dieser Name sei ein Programm, so der Bischof, das die Christen aus ganzem Herzen unterstützen wollten.

Das unterstrich auch der Kirchenpräsident der Pfälzischen Landeskirche, Christian Schad. Er bekannte sich zu den unterschiedlichen Sichtweisen von Juden und Christen über die Messianität Jesu Christi. “Doch diese Trennung im Glauben hätte nie zu einem Antijudaismus führen dürfen”, betonte der Kirchenpräsident. “Bekennen wir doch als Kirche, dass Gott in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern auch Jude wurde”. Er erinnerte an ein Wort von Martin Buber, der immer das Gemeinsame von Christen und Juden hervorgehoben habe und nicht das Trennende. Für die neue Synagoge wünschte sich Schad, “dass wir miteinander gedenken, dass wir miteinander feiern, den Dialog intensivieren und die Versöhnungsarbeit weiterführen.

Prof. Jacoby: Wahrheit und Gerechtigkeit für Juden wieder zurück

Das “vorletzte” Wort in dieser Feierstunde hatte Prof. Alfred Jacoby, der Architekt der neuen Synagoge, der die Inschrift auf dem Thora-Rollen-Schrein aus dem Hebräischen übersetzte: Die Wahrheit entsprießt dem Boden - Gerechtigkeit blickt vom Himmel, steht dort in großen Lettern geschrieben. Nach den dunklen Jahren des Nationalsozialismus gebe es heute für Juden in Deutschland wieder beides: Wahrheit und Gerechtigkeit, konstatierte Prof. Jacoby. Er stellte die neue Synagoge, deren liturgisch-architektonisches Programm er im Laufe der bevorstehenden Jüdischen Kulturtage noch eingehend erläutern wird, in einen Zusammenhang mit dem Kaiserdom und der benachbarten Friedenskirche St. Bernhard. Danach überreichte er den Schlüssel des Gotteshauses an den Vorsitzenden der Kultusgemeinde Rheinpfalz,

Und das “letzte” Wort hatte dann natürlich der Psalmist: Kantor Guido Shamir führte unter Psalmodieren die Thorarollen-Prozession an, die von einem Synagogalchor unter der Leitung von Alexander Serebryanik begleitet wurde, dem sich auch Gedächtniskirchenkantor Robert Sattelberger angeschlossen hatte.

Nach Gebeten und Lesungen aus dem Buch der Psalmen wurden die Thora-Rollen in dem Thoraschrank verbacht, um sie dort bis zum nächsten Schabbat zu verwahren.

Die Einweihungsfeier wurde musikalisch von David Serebryanik, Klavier und Philipp von Piechowski, Violine umrahmt. Piechowski hatte zur Erinnerung an den 9. November 1938 ein “Klagelied für Geige Solo” komponiert - eine zutiefst beeindruckende musikalische Meditation, die das Grauen jener Nacht noch einmal in den Teilnehmern an der Feierstunde Ahnung werden ließ.

Ein kleiner Empfang mit koscherem Wein und kleinen Häppchen gab den zahlreichen Gästen Gelegenheit, die Eindrücke dieser bewegenden Feier noch weiter zu verarbeiten. Foto: Kienipress und Voss-View / © Staatskanzlei

10.11.2011


Einweihung der neuen Synagoge in Speyer - Bilderalbum

Neue Synagoge in Speyer - Bilderalbum

   

Liste der Teilnehmer an dem Festakt zur Einweihung der Synagoge “Beith Schalom” (Auszug)

Christian Wulff, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Joachim Mertens MdL, Präsident des Landtages von Rheinland-Pfalz

Kurt Beck MdL, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz

Doris Ahnen MdL, Staatsministerin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz

Jochen Hartloff MdL Staatsminister für Justiz und Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz

Norbert Schindler MdB Mitglied des Deutschen Bundestages

Julia Klöckner MdL Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz, Vorsitzende der CDU-Fraktion

Friederike Ebli MdL Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz

Dr. Axel Wilke MdL Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz

Daniel Köbler MdL Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz, Vorsitzender der Fraktion die Grünen

Dr. Klaus P. Behnke Präsident des Landesrechnungshofes von Rheinland-Pfalz

Jens Beutel Oberbürgermeister von Mainz

Michael Kissel Oberbürgermeister von Worms

Hansjörg Eger Oberbürgermeister von Speyer

Tibor Shalev-Schlosser Generalkonsul von Israel

Prof. Dr. Michael Turner Unesco-Kommission Paris

Rabb. Pinkas Goldschmidt Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner CER

Dr. Karl-Heinz Wiesemann Bischof von Speyer

Christian Schad Präsident der Protestantischen Landeskirche der Pfalz

Iman Halil Gülalp Islamische Gemeinde Speyer

Peter Waldmann Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden In Rheinland-Pfalz

Prof. Dr. Bernhard Vogel Ministerpräsident a.D. von Rheinland-Pfalz u. Thüringen

Werner Schineller Oberbürgermeister a.D. von Speyer

Frau Alica Erlich

10.11.2011


Der 9. November - Schicksalstag der Deutschen oder Zufall der Geschichte?

von Gerhard Cantzler

Wohl kaum ein anderer Tag im Kreislauf des Jahres ist so mit historischen Ereignissen befrachtet wie jener ominöse “9. November” im Leben der Deutschen - im Guten wie im Bösen:

Am 9. November 1918 endete das deutsche Kaiserreich - Kaiser Wilhelm II. dankte ab und noch am gleichen Tag proklamierte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die deutsche Republik und machte so den Weg frei für die Weimarer Republik - eine Zeit unsäglicher politischer Irrungen begann, die letztlich den Nationalsozialisten die Okkupierung der Macht ermöglichten.

Am 9. November 1923 versuchte Adolf Hitler dann, die Weimarer Republik zu stürzen, indem er mit mehren tausend Gefolgsleuten durch München zog, um von dort aus den Sturm auf das Berliner Parlament anzutreten. Doch schon an der Feldherrnhalle endete dieser “dilettantische Versuch eines Umsturzes” - wie Historiker ihn später beschreiben - ein letztes Mal noch - denn

Am 9. November 1938 - Hitler war schon im fünften Jahr Reichskanzler und hatte seine von Willkür und Machtmissbrauch gekennzeichnete Herrschaft längst zementiert - da konnte er in der Reichspogromnacht seine von langer Hand geplanten brutalen Übergriffe auf die Juden in Deutschland erstmals ungetarnt und ungeschminkt in die Öffentlichkeit tragen - aus ihnen sollte dann die Vernichtung der Juden in Deutschland und in ganz Europa entspringen.

Der 9. November, ein Tag also, belastet mit den schlimmsten Verfehlungen und Gräueln, denen sich ein Volk in der Menschheitsgeschichte jemals zuvor schuldig gemacht hatte. Höchste Zeit, dass das Pendel der Gefühle rund um diesen “9. November” endlich ins Gute umschlug:

Am 9. November 1989 war es soweit: Mit friedlichen Mitteln - mit Gottesdiensten und mit Kerzen in den Händen - überwanden die Menschen in der DDR Mauer und Grenzanlagen in Deutschland, fegten ein anderes, ein “rotes” Willkür-System beiseite und bahnten so den Weg für die Wiedervereinigung des seit dem Ende des von uns Deutschen verursachten Zweiten Weltkrieges geteilten Volkes. Ein unbeschreibliches, ein vielleicht auch unverdientes Glück, das bis heute anhält...

Und jetzt,

Am 9. November 2011 ist mit der Einweihung der neuen Speyerer Synagoge ein neues Glück über die Deutschen und im besonderen über die Menschen in Speyer gekommen: Sie erhielten etwas zurück, was sie auf den Tag genau vor 73 Jahren verloren hatten - den Humanismus und die Toleranz gegenüber einer Religion, deren Anhänger Papst Johannes Paul II. als “die älteren Brüder der Christen” bezeichnete und deren neues Gotteshaus in Speyer Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede als “die Verheißung einer neuen und dauerhaften Präsenz jüdischen Lebens in Speyer und in ganz Deutschland” umschrieb.

Die Geschichte der Deutschen und ihrer “9. November” hat es augenfällig gezeigt: Immer, wenn die Ziele dieses Tages mit Gewalt verfolgt wurden, gerieten sie den Völkern der Welt zum Unglück - immer, wenn sie dagegen mit friedlichen Mitteln, mit Toleranz und Brüderlichkeit angegangen wurden, gereichten sie den Deutschen und ihren Nachbarn zum Glück. Möge uns und unseren Kindern deshalb die Zukunft nur noch zum Frieden und damit zum Glück bestimmte “9. November” bereithalten.

Das gewähre uns allen der eine Gott, der ebenso der Gott der Juden und der Christen - und - nicht zu vergessen - auch der Muslime ist.

Den jüdischen Mitbürgern in unserer Stadt und der neuen Synagoge “Beith-Schalom” deshalb ein herzliches “Mazel tov” - “Willkommen daheim”

10.11.2011


Jack Mayer - Zeitzeuge der frühen Nazizeit und Botschafter der Versöhnung

cr. Speyer. Er ist einer der letzten Überlebenden der Judenverfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus, die in der Reichspogromnacht heute vor 73 Jahren einen vorläufigen Höhepunkt finden sollte - und er ist der einzige, der die Kraft dazu fand, das sich selbst gegebene Versprechen, bei der Einweihung einer neuen Synagoge in seiner alten Heimatstadt dabei zu sein, heute einlösen konnte: Jack Mayer, 1930 als Hans-Joachim Mayer - zweiter Sohn von Alfred und Else Mayer in Speyer geboren und in dem elterlichen Haus in der Maximilianstraße 47 - heute Commerzbank - nur einen Steinwurf weit entfernt von der alten Synagoge, aufgewachsen.

Nur gut zwei Stunden vor der feierlichen Einweihung des neuen jüdischen Gotteshauses traf der inzwischen 80jährige Jack Mayer, gemeinsam mit seiner Ehefrau Irma, sichtlich bewegt, im Stadthaus mit Oberbürgermeister Hansjörg Eger zusammen.

Jack Mayer erinnert sich noch gut an seine Kindertage in Speyer, die zugleich zu den Anfangsjahren des Nazi-Terrors werden sollten: Oft genug “erwischte” sein Vater den kleinen Hans-Joachim, wie er - in Unkenntnis der wahren Zusammenhänge und der sich immer deutlicher abzeichnenden Ziele der Nazis - den an dem elterlichen Schuhgeschäft vorbei ziehenden Sturmtrupps von SA und SS - wie die meisten Speyerer Bürger - zujubeln wollte, was ihm sein jüdischer Vater natürlich eindringlich verbot.

Als dann am 9. November 1938 auch in Speyer die Synagoge brannte und die Scheiben der jüdischen Geschäfte in der Stadt zerbarsten, da war Jack Mayer bereits in die USA geflohen. Im Frühjahr 1938 folgte er nämlich gemeinsam mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Bernhard dem Vater, der schon zuvor Haus und Geschäft in der Speyerer Hauptstraße verkauft hatte, um aus dem Erlös die von einem Onkel in Ohio vorbereitete Übersiedelung der Familie “in die Staaten” finanzieren zu können.

Noch heute lebt Jack Mayer gemeinsam mit seiner Frau in den USA. Als Direktor einer Produktionsstätte des USA-weit vertretenen Textilkonzerns “Angelica”- einem international bekannten Hersteller von Berufskleidung - gelangte er in Lorain, Ohio, zu hohem Ansehen. So engagiert er sich bis zuletzt für das Holocaust-Museum in St. Petersburg in Florida, wo das Ehepaar inzwischen seinen Alterssitz genommen hat. Dort setzt er sich mit Vorträgen und Diskussionen mit Schülern und Studenten unermüdlich für die Versöhnung von Juden und Deutschen ein.

Und auch der Kontakt in seine Geburtsstadt Speyer ist nie wirklich abgerissen. “Speyer ist und bleibt meine Heimat”, bekennt Mayer, “das wird sich auch nie ändern”. Immer wieder - zuletzt im Jahr 2007 - war das Ehepaar Mayer hierher gereist, hatte sich auf die Spuren der über die gesamte Vorderpfalz verstreuten Vorfahren gesetzt - Mayers Mutter stammte aus Niederhochstadt, der Vater war in Schifferstadt geboren, von wo aus er nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg und Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz nach Speyer übersiedelte, um hier ein Schuhgeschäft zu eröffnen.

Bei dem Besuch im Jahr 2007 war es auch, als Oberbürgermeister Werner Schineller Jack Mayer zum ersten Mal das Modell einer neuen Synagoge auf dem Weidenberg vorstellte. Zusammen hätten sie damals davor gesessen und sich ausgemalt, wie dieses Haus erst aussehen werde, wenn es einmal fertig ist, erinnert sich Mayer. “Damals habe ich beschlossen, dabei zu sein, wenn diese neue Synagoge eingeweiht wird”, bekennt er.

Auch die drei Töchter des Ehepaares - eine davon selbst mit einem Rabbiner verheiratet - waren schon in der Domstadt zu Gast, “auf der Suche nach den Wurzeln der Familie”, wie Mayer selbst es einmal ausgedrückt hat.

Welche Erinnerungen verbindet Jack Mayer mit dem Speyer der Dreißiger Jahre? “Nur die allerbesten”, antwortet er, “ich hatte als Kind viele, viele Freunde hier, mit denen ich nach dem Krieg wieder Kontakt suchte. Aber die meisten sind inzwischen leider verstorben”. Mit einem dieser Freunde hat er allerdings bis heute Kontakt - mit Alfred Cahn, dem letzten Organisten an der Speyerer Synagoge vor 1938, der wie er selbst vor den Nazis in die Vereinigten Staaten emigrierte. Von ihm dürfe er herzliche Grüße und Segenswünsche übermitteln, freut sich der rüstige 80jährige, dem man sein Alter in keinem Moment anmerkt. “Auch er wäre gerne zur Synagogenweihe nach Speyer gekommen, aber mit über 90 Jahren lässt seine Gesundheit so weite Reisen halt nicht mehr zu”, bedauert Mayer.

Noch zehn Überlebende der Nazizeit habe die Stadtverwaltung zu diesem bedeutenden Tag eingeladen - leider habe sich nur Jack Mayer in der Lage gesehen, dieser Einladung zu folgen, berichtete der Sprecher der Stadtverwaltung, Dr. Matthias Nowack, der seitens der Stadt für die Vorbereitung der Festlichkeiten zuständig war. “Und beinahe hätten auch wir nicht zugesagt”, ergänzt Jack Mayer lachend, “denn als die Einladung bei uns eintraf, waren wir gerade zu einem längeren Besuch bei einer unserer Töchter. Als wir dann zurück kamen, fanden wir die Einladung aus Speyer und haben uns sofort entschlossen, nach Speyer zu fahren”.

Dem Tag der Synagogenweihe habe er allerdings schon mit großer Aufregung entgegen gesehen “denn wenn man sein ganzes Leben lang mit der Synagoge gelebt hat, dann ist die Weihe einer neuen in der Stadt, in der man als Kind die Gottesdienste miterlebt und wo man die Sonntagsschule besucht hat, schon etwas ganz besonderes. Dass ich das noch erleben darf, dafür bin ich heute ganz besonders dankbar”, ergänzte Mayer, ehe er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Irma und OB Hansjörg Eger aufmachte, um am Schweigemarsch zur Erinnerung an den 9. November 1938 vom Alten Marktplatz zum Gedenkstein in der Hellergasse teilzunehmen. Foto: Kienipress

10.11.2011


Gedenkfeier für ermordete Speyerer Juden

jüs Speyer. An die Reichsprogromnacht vom 9. November 1938  und an die ermordeten Speyerer Juden soll er gedenken, der Marsch vom Brunnen an der alten Münze zum Mahnmal in der  Heilergasse hinter dem heutigen Kaufhof. Dort stand bis vor 73 Jahren die alte Synagoge, an die heute ein Gedenkstein erinnert. Zahlreiche Bürger aus Speyer und Umgebung nahmen auch dieses Jahr wieder an dem Gedenkmarsch teil, den der DGB, die jüdische Kultusgemeinde und die Stadt traditionell am 9. November veranstalten.

Als besonderer Gast konnten die Veranstalter Jack Mayer und seine Frau aus Florida begrüßen, Mayer ging in seiner Jugend als Schüler in die alte Speyerer Synagoge, die damals ihren Standort an der Heydenreichstraße (heute: Kaufhof) hatte. Nach der Reichsprogromnacht  floh er 1938 mit seiner Familie ins Ausland und emigrierte in die USA. Für den heute 80-jährigen Jack Mayer war der Besuch in der Stadt seiner Jugend ein bewegendes Ereignis. Im Anschluss an die Gedenkfeier nahmen er und zahlreiche Honoratioren an der Einweihung der neuen Speyerer Synagoge "Beit Schalom" (Haus des Friedens) teil. Alle Fotos. jüs

10.11.2011


09. 11. 2011 Schweigemarsch zum Gedenkstein an der ehemaligen Synagoge

„Ein wunderbares Zeichen der Versöhnung und Hoffnung“

Heute, am 9. November 2011 wird in Speyer die neue Synagoge eröffnet

Speyer- Genau 73 Jahre nach der Zerstörung der früheren Speyerer Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 erhält die Domstadt am 09. November wieder ein repräsentatives jüdisches Gebetshaus. Die neue Synagoge, eine umgebaute ehemalige katholische Kirche, wird am Mittwoch in Anwesenheit von Bundespräsident Christian Wulf und dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck eröffnet. Auch Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche der Pfalz, Christian Schad, und der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, nehmen an der Feier teil. Als Zeichen der Verbundenheit schenken die protestantischen und katholischen Kirchengemeinden Speyers zusammen mit Bistum und Landeskirche der jüdischen Gemeinde eine Menora, einen siebenarmigen Leuchter, für die neue Synagoge.

Für Bischof Wiesemann ist die neue Synagoge „ein Grund zu großer Freude und ein wunderbares Zeichen der Versöhnung und Hoffnung“. Über Jahrhunderte hinweg sei die Geschichte der Stadt auch von einer jüdischen Gemeinde geprägt gewesen. Dass 1938 die damalige Synagoge von den Nazihorden dem Erdboden gleich gemacht und in der Folge mit dem Holocoust die jüdische Gemeinde ausgelöscht worden sei, bleibe „ein verbrecherischer Schandfleck in unserer Geschichte“. Papst Johannes Paul II. habe die Juden als „unsere älteren Brüder im Glauben“ bezeichnet. „Ein schöneres Symbol dafür kann es nicht geben, als dass eine ehemalige katholische Kirche nun zur Synagoge und damit zum neuen Zentrum des wieder aufblühenden jüdischen Lebens in Speyer wird“, so Bischof Wiesemann.

Geschichtsträchtiger Ort
Der Platz, auf dem das neue Gebetshaus steht, hat eine große historische Vergangenheit. Im Mittelalter befand sich an diesem Ort eines der vier großen geistlichen Stifte der Stadt Speyer; jahrhundertelang wurden hier Reliquien des heiligen Guido von Pomposa verehrt. Im vergangenen Jahrhundert erhielten Patres des Spiritanerordens im Konvikt St. Guido ihre Ausbildung für den missionarischen Einsatz in aller Welt. Deren 1935 eingeweihte Kirche St. Guido wurde 1991 geschlossen, als ausbleibender Ordensnachwuchs die Patres zur Aufgabe ihres Missionshauses zwang. Der Grundstein für die neue dreigeschossige Synagoge wurde genau vor drei Jahren, am 9. November 2008, und damit 70 Jahre nach der Zerstörung der alten gelegt. Der Frankfurter Architekt Alfred Jacoby, ein Spezialist für Synagogenbauten, integrierte die Sankt-Guido-Kirche von 1935 ebenso in das Baukonzept wie die Fundamente der mittelalterlichen Stiftskirche. Bischöfliches Ordenariat Speyer, Pressestelle

09.11.2011


9. November 2011 - Tag des Gedenkens und der Hoffnung auf eine gute Zukunft

Gedanken zum 73. Jahrestag der Zerstörung der Speyerer Synagoge

von Gerhard Cantzler

Der 9. November 1938 - er war, wie in diesem Jahr, ein Mittwoch, und die Temperaturen waren, wie in diesem Jahr, im Vergleich zum langjährigen Mittel, deutlich zu hoch - um fast vier Grad. Deutschland blickte bereits auf fünf Jahre Nationalsozialismus zurück, eine Zeit, in der der Druck auf den jüdischen Teil der Bevölkerung kontinuierlich zugenommen hatte. Wie überall im Lande, verspürten auch die Juden in Speyer eine zunehmende Unsicherheit. Das Judentum in der Stadt, dessen Geschichte bis in das 11. Jahrhundert zurückreichte und das im Mittelalter als “Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit” gemeinsam mit Mainz und Worms als SCHUM-Städte in die ganze, damals bekannte Welt ausstrahlte, hatte sich nach einem Jahrhunderte währenden Wechsel aus Erblühen, Pogromen, Vertreibung und Rückkehr im 19. Jahrhundert gerade wieder stabilisiert. Die Juden in Speyer waren angesehene Mitbürger und geschätzte Freunde, die entscheidend zur Wohlfahrt der Stadt beitrugen. Schon im Krieg 1870/71 und dann auch im Ersten Weltkrieg zogen patriotisch gesinnte Speyerer Juden wie alle Deutschen hinaus auf die Schlachtfelder und erbrachten einen hohen Blutzoll.

Um so schlimmer, als in der Folge des Ersten Weltkrieges, den sich daran anschließenden Wirren der Weimarer Republik und der Weltwirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren sich der längst überwunden geglaubte Antisemitismus wieder wie ein Krebsgeschwür in der deutschen Gesellschaft auszubreiten begann. Hitlers “Machtergreifung” am 30. Januar 1933 - eine Folge zahlloser Fehleinschätzungen der damals um die politische Macht ringenden Parteien - markierte dann den dramatischen Umschwung im Verhältnis der Deutschen zu ihren Mitbürgern jüdischen Glaubens. Gestern noch hochgeschätzte Nachbarn, stellten sich immer mehr Deutsche gegen die Juden - die Parolen und Boykotthetze der Nazis wie “Juden raus” oder “Deutsche kauft nicht bei Juden”, die auch in Speyer an die Schaufenster jüdischer Geschäfte geschmiert wurden, verfingen auch in unserer Stadt.

Hellsichtige jüdische Bürgerinnen und Bürger, die das aufziehende Unheil verspürten, verließen in immer größerer Zahl die Stadt, die ihnen oft über Generationen zur Heimat geworden war. Viele wichen zunächst in benachbarte Länder wie Frankreich, Belgien oder Holland aus in der Hoffnung, dass sich das von ihnen zunächst mit ungläubigem Staunen zur Kenntnis genommene Schreckensregime nicht werde halten können. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das Land von Goethe und Schiller, von Beethoven und Johann Sebastian Bach auf Dauer in einer Judenfeindlichkeit verharren würde. Sie sollten sich täuschen. Die Übergriffe auf Juden wurden immer massiver - immer mehr jüdische Menschen kamen auch körperlich zu Schaden. Die Speyerer Juden zerstreuten sich in alle Welt

Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 markierte dann den endgültigen Umschwung im Umgang mit den Juden: Der 9. November verlief wohl noch ruhig, trotz der gespannten Unruhe rechnete an diesem Tag wohl niemand mit dem unvorstellbaren Ausbruch an Gewalt, den die Nazis zentral von Berlin aus geplant hatten. Unter dem Vorwand, “deutsche Volksgenossen wollten ‘spontane’ Rache nehmen für die Erschießung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard von Rath, Sekretär an der Deutschen Botschaft in Paris”, setzten sie ein Vernichtungswerk von unglaublichem Ausmaß gegen jüdische Menschen und die jüdische Kultur in Deutschland in Gang. Angesichts der mit deutscher Gründlichkeit vorbereiteten und noch in der gleichen Nacht deutschlandweit ins Rollen gebrachten Gewaltwelle konnte sicher nicht von “spontanen Übergriffen auf Juden und ihren Besitz” die Rede sein. Vielmehr war die Planung für die später als “Reichspogromnacht” in die Geschichtsbücher eingegangene antisemitische Schreckensnacht schon lange vorher abgeschlossen - der Anschlag auf Ernst von Rath allenfalls eine willkommene Gelegenheit für das System, seine “Bluthunde” von der Kette zu lassen.

Durch entsprechende Fernschreiben aus Berlin angewiesen zerstörten auch in Speyer Sturmtrupps von SA und SS die Geschäfte jüdischer Mitbürger und plünderten sie. Auch die Speyerer Synagoge in der heutigen Heydenreichstraße/Ecke Hellergasse, an die heute ein Gedenkstein erinnert, wurde von den braunen Schergen gestürmt, geplündert und danach in Brand gesetzt. Die später gefundenen Befehle aus Berlin lauteten, dass die Feuerwehr nur zum Schutz der benachbarten Häuser tätig werden durfte.

Mehr als 1.300 jüdische Menschen verloren in dieser Nacht in Deutschland ihr Leben, über 1.400 Synagogen und Bethäuser - mehr als die Hälfte aller jüdischen Gotteshäuser - gingen in Flammen auf.

Noch 77 Menschen jüdischen Glaubens lebten nach dieser grauenvollen Nacht in Speyer - mit Ausnahme eines einzigen verloren sie später in den Vernichtungslagern der Nazi-Diktatur ihr Leben. Dieser letzte jüdische Mitbürger, Berthold Böttigheimer, 1904 in Speyer geboren, überlebte - von guten Freunden unter eigener Lebensgefahr verborgen - die Kriegsjahre in Speyer und verstarb erst 1980 als hoch geachteter Mitbürger in seiner bis zuletzt über alles geliebten Heimatstadt.

Für Berthold Böttigheimer wäre es sicher eine große Freude gewesen, wenn er den Bau und die Einweihung einer neuen Synagoge in seiner Heimatstadt - 73 Jahre nach der ruchlosen Zerstörung der alten - hätte erleben dürfen, denn sie ist ein Zeichen dafür, dass aus dem von Böttigheimer über Jahrzehnte treu gehüteten Zweig der Hoffnung auf eine neue jüdische Gemeinde in Speyer wieder ein starker Baum wachsen wird.

 

 

Zum Gedenken an die Opfer dieser Jahre und als Zeichen der Hoffnung lesen und beten Sie bitte im folgenden den Kaddisch, das Tages- und Totengebet der Juden:

Aus dem Gebetsbuch:
Kaddisch - Die Heiligung - haKadisch

Erhoben und geheiligt, sein großer Name, in der Welt die er erneuern wird.
Uleachaja Metaja, uleasaka jatehon leChajej Alma,
Er belebt die Toten, und führt sie empor zu ewigem Leben,
ulemiwnej Karta di-Jeruschelejm
Er erbaut die Stadt Jiruschalajim
uleschachelala Hejcheleh beGawah,
und errichtet seinen Tempel auf ihren Hoehen,
ulemaeeakar Palchana nucheratah min-Areaa,
Er tilgt die Goetzendienerei von der Erde
welaatawa Palchana di-Schmaja leAtra,
und bringt den Dienst des Himmels wieder an seine Stelle,
wejamlich Kudescha berich hu beMalchuteh Wikareh
und regieren wird der Heilige, gelobt sei er, in seinem Reiche und in seiner Herrlichkeit,
beChajejchon uweJomejchon
in eurem Leben und in euren Tagen
ubeChajej dechal-Bejt Jiserael
und im Leben des ganzen Hauses Israel
baAgala uwiSeman kariw,
schnell und in naher Zeit,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amejn.

Jehe Schemeh raba mewarach, leAlam uleAlmej Almaja!
Sein großer Name sei gelobt, in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!

Jitbarach wejischtabach
Es sei gelobt und verherrlicht

wejitromam wejitnasej
und erhoben und gefeiert
wejithadar wejitealeh
und hocherhoben und erhoeht
wejitehalal Schemeh deKudescha berich hu,
und gepriesen der Name des Heiligen, gelobt sei er,
leajla min-kal-Birchata weSchirata,
hoch hinaus über jede Lobpreisung und jedes Lied,
Tuschbechata weNechaemata
jede Verherrlichung und jedes Trostwort,
daamiran beAlma,
welche jemals in der Welt gesprochen,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amejn.

Jehi Schem Adonaj Meworach meAtah wead Olam!

Es sei der Name des EWIGEN gelobt, von nun an bis in Ewigkeit!

Jehe Schelama raba min-Schemaja,

Es sei Fülle des Friedens vom Himmel herab,
weChajim,
und Leben,
alejnu weal-kal-Jiserael,
über uns und über ganz Israel,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amejn.

Aeseri me’im Adonaj, Oseh Schamajim waArez.
Meine Hilfe kommt vom EWIGEN, dem Schoepfer des Himmels und der Erde.

Oseh Schalom biMeromaw,
hu jaaeseh Schalom alejnu weal-kal-Jiserael,

Der Frieden schafft in seinen Hoehen,
er schaffe Frieden unter uns und ueber ganz Israel,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amejn.

06.11.2011


“Schana tova !” - Jüdische Gemeinde Speyer feiert Neujahrsfest

von Gerhard Cantzler

Mit einem herzlichen “Schana tova u’metuka” - einem “guten und süßen (Neuen) Jahr”, dem traditionellen Neujahrswunsch der Juden in aller Welt grüßt der SPEYER-KURIER die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserer Stadt und wünscht ihnen allen ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr, das Jahr 5772 nach jüdischer Zeitrechnung.

Auch in diesem Jahr werden sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Speyer schon am Vorabend des über 48 Stunden währenden Neujahrsfestes im Betsaal ihrer Gemeinde zusammenfinden, um mit traditionellen Gebeten und Lesungen aus der Thora nach jahrtausende altem Ritus Rückschau zu halten auf das vergangene Jahr und um Segen für das neue zu erbitten. Als Höhepunkt dieses Gottesdienstes wird der Schofar geblasen, ein aus einem Widderhorn geschaffenes Blasinstrument, bei dessen Klang sich die Juden an den Tag der Erschaffung der Welt durch Gott erinnern - aber auch an ihre eigenen Vorfahren und an “alle Gerechten”.

Das Neujahrsfest Rosch ha-Schana ist aber auch ein Grund zu ausgiebigem Feiern - in der Gemeinde ebenso wie im Kreise der Familie. Dort wird insbesondere auch Süßes gereicht - Honigkuchen, in Honig getauchte Früchte wie Apfelscheiben und Granatäpfel. Aus diesem Brauch erklärt sich wohl auch der Wunsch für ein “gutes und süßes Jahr”.

Wie eng im übrigen jüdische und christliche Sitten miteinander verwoben sind, zeigt sich gerade auch an diesen Tagen - führen Sprachforscher doch den im deutschsprachigen Raum bis heute beliebten Neujahrswunsch für “einen guten Rutsch” keineswegs auf das Rutschen durch die um diese Jahreszeit ja auch mögliche Eis- oder Schneeglätte zurück, sondern auf das Wort für das jüdische Neujahrsfest, auf “Rosch ha-Schana”.

Deshalb noch einmal: Schana tova! Foto: Oxana Korovai

28.09.2011


Der SPEYER-KURIER ruft der neuen, der wiedererstandenen jüdischen Gemeinde ein herzliches SHALOM zu

Nach den Gräueln des Nationalsozialismus und der Ermordung von sieben Millionen Juden in ganz Europa schien der Glaube an ein Wiedererstehen eines jüdischen Gemeindelebens in Speyer aussichtslos. Vielleicht war es der Optimismus von Berthold Böttigheimer, der seiner Vaterstadt auch über den Holocaust hinaus die Treue hielt, der den Hoffnungsfunken an ein solches “Wunder” am Glimmen hielt. Er konnte es nicht mehr erleben, dass sich 1996 nach dem Zuzug zahlreicher Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wieder eine jüdische Gemeinde in Speyer konstituierte.

Und noch mehr gefreut hätte es ihn sicher, wenn er hätte miterleben können, wie am 8. November 2009 in den Mauern der ehemals katholischen Kirche St. Quido auf dem Weidenberg der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt wurde.

Auf den Tag genau 73 Jahre nach der Zerstörung der letzten jüdischen Synagoge wird das neue Gotteshaus am 8. November 2011 feierlich seiner Bestimmung übergeben werden.

Es wird dann als ein Ort des jüdischen Glaubens zugleich ein Zeugnis dafür sein, dass auch Terror und Unrecht es auf Dauer nicht vermögen, die Menschen von ihrem Schöpfer zu entzweien.

Der SPEYER-KURIER nimmt dieses Ereignis zum Anlass, dem jüdischen Leben in Speyer ab sofort eine eigene Rubrik zu widmen und mit Beiträgen über Vergangenheit und Gegenwart des Judentums in unserer Stadt die Zusammengehörigkeit der jüdischen Gemeinde mit ihren Mitbürgern in der neuen Heimatstadt zu dokumentieren.

Der SPEYER-KURIER ruft der neuen, der wiedererstandenen jüdischen Gemeinde zu Speyer ein ebenso aufrichtiges wie herzliches SHALOM zu - möge die Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden in unserer Stadt eine lange, lange Zukunft haben. cr

16.08.2011


Niki-Schüler reinigen Mahnmal für die ermorderten Speyerer Juden am Kaufhof

Niki-Schüler setzen Zeichen mit ungewöhnlicher Aktion

Am Freitag nachmittag trafen sich 21 Schüler und Schülerinnen des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums und reinigten das Speyerer Mahnmal für die ermordeten jüdischen Bürger. Das Monument an der Ecke Hellergasse/Karlsgasse, ein großer Gedenkstein mit Baldachin, erinnert an Deportation und Ermordung von 82 Speyerer Juden. Für die Gruppe Jugendlicher des diesjährigen Austauschs mit der israelischen Partnerstadt Yavne ist diese Arbeit jedoch mehr als Pflege der Erinnerung an das Verbrechen aus der Zeit der Nazi-Diktatur.

 

17.09.2011